Freitag, 29. Dezember 2017

# 130 - Was gibt's Neues?

Dinge aus einer anderen Perspektive sehen

 

Das Lesebuch Denkanstöße 2018 von Isabella Nelte habe ich buchstäblich im Vorbeigehen gekauft, als ich in "meinem" Buchladen andere bereits bestellte Bücher abgeholt habe. Mich hat interessiert, was die Literaturwissenschaftlerin Nelte für wichtig halten würde und wessen Texte sie ausgewählt hat.

Was war? Was ist? Was kommt?

 

Das Buch ist zwar nicht nach diesen drei Fragen unterteilt, aber grundsätzlich ist das seine Struktur. Der Hamburger Professor Markus Friedrich macht sich um die historische Rolle der Jesuiten und ihre innere Zerrissenheit Gedanken, und Lothar Gall beschäftigt sich mit der Rolle des kurhannoverschen Reformers und Staatsmanns Karl August Fürst von Hardenberg. Was jetzt "trocken" erscheint, ist es nicht: In beiden Texten wird anschaulich erläutert, welche Schwierigkeiten jeweils vor dem Hintergrund der damaligen Umstände und Gepflogenheiten bewältigt werden mussten und wie dies gelang - oder auch nicht.
Im Abschnitt Gesellschaft und Psychologie beschreibt der Philosoph und Schriftsteller Michael Schmidt-Salomon, was zum zivilisierten Streiten gehört. Sehr interessant ist hier seine Unterscheidung von Toleranz und Akzeptanz und die Überlegung, wo die Toleranz (die Fähigkeit, eine Last zu erdulden) ihre Grenzen hat oder haben sollte. Das ist ein Thema, bei dem es aktuell in vielen Diskussionen heiß hergeht.

Wie sollte der Mensch sterben? Und was macht die Vergangenheit mit uns?

 

Mit einem heiklen Thema beschäftigt sich der Anästhesist Matthias Thöns, der als Palliativmediziner tätig ist. Er prangert den Umgang mit Menschen in ihrer allerletzten Lebensphase an: Viele Todkranke werden mit quälenden Methoden der Hightech-Medizin am Leben gehalten, anderen werden komplizierte und schmerzhafte Eingriffe zugemutet - all das, weil eine Patientenverfügung, die den Willen eines Menschen dokumentiert, fehlt und Krankenhäuser ihre Technik auslasten wollen.

Die Publizistin Andrea Senfft beschäftigt sich mit der Frage, warum selbst Erlebtes aus der Zeit des Dritten Reichs als Tabu gilt und was das Schweigen der Mitläufer (oder Täter) bei den Angehörigen bis hin zu den Enkeln bewirkt. 

In einem weiteren Text des Publizisten Helge Hesse geht es um die Freundschaft zwischen dem Ökonomen John Maynard Keynes und dem Philosophen Ludwig Wittgenstein; in ihren Begegnungen befassten sie sich immer wieder mit den großen Fragen des Lebens. Die beiden Wissenschaftler gingen mit der Frage nach dem Sinn ihres Lebens allerdings sehr unterschiedlich um.

Aber auch die Leser, die sich für die Zukunft und technische Entwicklungen interessieren, kommen nicht zu kurz: Prof. Metin Tolan, der an der Technischen Universität Dortmund Experimentelle Physik lehrt, setzt sich mit der Technik der STAR TREK-Filme auseinander und überprüft, ob das, was dort gezeigt wird, im 23. oder 24. Jahrhundert Wirklichkeit werden kann oder sogar schon geworden ist. Da geht es um das künstliche Herz von Captain Jean-Luc Picard, den VISOR des Chefingenieurs Lieutenant Commander Georgi La Forge oder die Frage, warum Spocks Adern so blau erscheinen wie bei einem Menschen, obwohl er kein rotes, sondern grünes Blut hat.

Wie war's?

 

Denkanstöße 2018 gibt unterschiedliche Einblicke in sehr verschiedene Gebiete und überzeugt nicht zuletzt durch die Kompetenz der Autoren. Wer sich mit ungewöhnlichen Themen beschäftigen möchte, dem wird dieses Buch gefallen.

Denkanstöße 2018 ist beim Piper Verlag als Taschenbuch erschienen und kostet 9,-- Euro.  

Freitag, 22. Dezember 2017

# 129 - Der Alptraum von Pauschaltouristen lauert in Kirgisistan

Wellblech, Pferde und ganz viel Landschaft

 

In dem Buch Ohne Plan durch Kirgisistan des Journalisten Markus Huth vereint sich so einiges: sowohl der größte anzunehmende Unfall für Fans von durchorganisierten Pauschalreisen als auch die Erfüllung aller Träume für abenteuerlustige Backpacker. Huth gehört ganz klar zur zweiten Kategorie, als er in einer Lebenskrise auf das Angebot seines österreichischen Freundes Franz eingeht, einen Monat lang auf eigene Faust zusammen Kirgisistan zu erkunden. Er erhofft sich auch, nach der Reise zu wissen, wie es mit seinem Leben, das in einer Sackgasse angekommen zu sein scheint, weitergehen soll. 
Kirgisistan ist von drei weiteren -stan-Staaten (Kasachstan, Usbekistan, Tadschikistan) und China eingekreist, von denen man immer mal wieder Meldungen in den Nachrichten hört. Meistens solche, die etwas mit Waffen oder Aufständen zu tun haben. 
Die Reisevorbereitung beschränkt sich auf die Buchung der Flugtickets nach Bischkek und das Packen des Nötigsten. Das war's. Kein Smartphone, kein Tablet. Das Auswärtige Amt warnt nicht nur davor, in Kirgisistan im Dunkeln zu Fuß unterwegs zu sein, sondern weist auch auf die Aktivitäten von terroristischen islamischen Gruppen hin. Aber die beiden kann das nicht beirren, und sie treten ihre Reise an.

Touristische Sehenswürdigkeiten? Reichlich, aber anders

 

Die Hauptstadt Bischkek wird im Reiseführer als frei von Sehenswürdigkeiten beschrieben, aber der Ala-Too-Platz mit seinen sozialistischen Monumentalbauten und Statuen des Volkshelden Manas sowie des kirgisischen Schriftstellers Tschingis Aitmatow zieht die Menschen an. Die beiden Reisenden sind auf der Suche nach dem wahren Kirgisistan, aber hier finden sie nicht das, was sie erhofft haben. 
Mit den unterschiedlichsten Fortbewegungsmitteln setzen sie in den folgenden Wochen ihre Reise fort: In einem engen Minivan kommen sie den Mitfahrern sehr nah und erfahren, dass der traditionelle Brautraub immer noch üblich ist. Junge, hübsche Frauen im heiratsfähigen Alter werden entführt, zu einer vorbereiteten Hochzeitsfeier gebracht und sind schneller unter der Haube, als sie ihren Namen sagen können. Huth steigt zum ersten Mal in seinem Leben auf ein Pferd, das er wegen dessen unaussprechlichen kirgisischen Namens Alf nennt, und wandert mehr, als er es gewohnt ist, um auch die letzten landschaftlichen Highlights kennenzulernen. 

Was ist das Beste an Kirgisistan?

 

Für Markus Huth ist die Sache klar: Die raue Landschaft mit ihren klaren Seen und den schneebedeckten Bergen des Tian-Shan-Gebirges hat es ihm angetan. Er ist vom riesigen Bergsee Yssyköl ebenso beeindruckt wie von der Umgebung des Kurorts Altyn-Araschan. Die Städte, die er mit seinem Freund kennenlernt, versprühen eher postkommunistischen Charme: Löchrige Straßen und Zäune und Dächer aus Wellblech machen einen ziemlich desolaten Eindruck. Doch sie machen fast immer gute Erfahrungen mit den Menschen: Sie finden in jedem Ort eine Unterkunft - auch mal in einer plüschigen Porno-Villa - und Einheimische, die ihnen weiterhelfen. Huth und seinem Freund kommt zugute, dass sie beide sehr gut Russisch sprechen; mit Englisch kommt man in Kirgisistan keine zehn Meter weit. Am Schluss ihrer Reise machen Huth und sein Begleiter einen Abstecher in das Dorf Rot-Front, das von Deutschen gegründet wurde. Dieses merkwürdige Erlebnis werden sie sicher nicht vergessen.

Wie war's?

 

Ohne Plan durch Kirgisistan hat mir sehr gut gefallen. Markus Huth erzählt seine Erlebnisse in einem sehr unterhaltenden Tonfall und vermittelt seinen Lesern nebenbei allerhand Wissenswertes über dieses Land, das viele von uns nicht auf Anhieb auf der Landkarte finden würden. Man reist im Geiste mit und ist gespannt, was den beiden Freunden auf der nächsten Seite passiert. In der Mitte befinden sich 27 Farbfotos, die das Gelesene anschaulich machen.
Wenn es etwas an diesem Buch zu kritisieren gibt, dann den Umstand, dass Huth einzelne geschichtliche Hinweise mehrfach gibt. Aber das fällt angesichts des ansonsten sehr positiven Leseeindrucks nicht ins Gewicht.
Ohne Plan durch Kigisistan ist im Penguin Verlag erschienen und kostet broschiert 13,-- Euro sowie als epub- oder Kindle-Version 9,99 Euro.  
Das Buch wurde mir vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke.

Freitag, 15. Dezember 2017

# 128 - Wenn das Leben kopflos endet

Heile Welt in Berlin-Charlottenburg

 

Valentina und Georg leben mit ihren kleinen Kindern Mia und Lennard harmonisch in einer Villa und müssen sich weder um ihre eigene Zukunft noch die ihrer Kinder Sorgen machen. Auch der Morgen, an dem die Handlung des Thrillers Brandstifter von Martin Krist beginnt, ist einer von der Sorte, über die man sagen könnte "besser geht's nicht". Georg ist ein erfolgreicher Unternehmer und steht auch diesmal im Gegensatz zu seiner Frau früh auf, um am heimischen Schreibtisch Unterlagen zu bearbeiten. Als Valentina nach einer halben Stunde nach ihm sieht, findet sie ihren Mann tot im Arbeitszimmer vor: enthaupet, den Kopf auf der Schreibtischplatte abgelegt, die Zunge daneben auf einem Papierstapel.

Kein Stein bleibt auf dem anderen

 

Es ist schnell klar, dass Valentina und ihre Kinder ebenfalls in Gefahr sind, doch ihr und allen, die Georg gekannt haben, ist schleierhaft, welchen Grund es gegeben haben könnte, ein angesehenes Mitglied der Berliner Gesellschaft, das augenscheinlich keine Feinde hatte, auf so grausame Weise hinzurichten. Auch Valentina gerät in den Fokus der polizeilichen Ermittlungen und wird noch dazu mit dem Verrat eines ihr nahestehenden Menschen belastet.

Das Buch erzählt parallel auch die Geschichte von Luka, der mit seiner Uni-Liebe Nati verheiratet ist und mit ihr zwei Kinder hat. Luka ist der Typ Mensch, dem man ständig raten möchte, seinen Verstand einzuschalten und sich nicht ständig von Impulsen leiten zu lassen. Er schlittert auf der Suche nach einem Job in kriminelle Machenschaften, aus denen er nur herauskommt, wenn er im Auftrag größerer Krimineller weitere Straftaten begeht. Zumindest glaubt er das. Er sieht in der zufälligen Begegnung mit einem früheren Kommilitonen einen Silberstreif am Horizont, der es ihm und seiner Familie ermöglichen soll, ein sorgenfreies Leben zu führen. Aber es kommt alles ganz anders, als er es sich vorgestellt hat: für ihn, Nati und die Kinder und auch für den ehemaligen Studienfreund. Nach und nach wird immer klarer, dass es eine Verbindung zwischen seinem Schicksal und dem von Valentina und Georg gibt.
Mittendrin ist der Privatermittler David Gross, der mit der Suche nach einem Augsburger Wissenschaftler beauftragt wird, der in Berlin am Rande einer Tagung spurlos verschwunden ist. Auch dieser Fall wird immer mysteriöser und am Ende steht die Erkenntnis, dass irgendwie alles mit allem zusammenhängt. Die Figur des David Gross wird als sehr zerrissen dargestellt. Der Ermittler hat mit Ereignissen aus der Vergangenheit zu kämpfen, aufgrund derer seine Frau entführt und bislang nicht gefunden wurde. Was es damit genau auf sich hat und warum Gross' Sohn im Rollstuhl sitzt, erschließt sich wohl erst, wenn man den Thriller Drecksspiel gelesen hat, der 2013 erschienen ist.

Lesen?

 

Ja! Brandstifter ist ein spannend gemachter und gut geschriebener Krimi, der seine Leser durchgehend bei der Stange hält. Hinter dem Pseudonym Martin Krist steckt der erfolgreiche Buchautor und frühere Journalist Marcel Feige, dessen Schreiberfahrung aus verschiedenen Genres sich in diesem Buch niederschlägt.

Brandstifter ist als Taschenbuch bei epubli erschienen und kostet 11,99 Euro. Es wurde mir von Indie Publishing zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke. 

Freitag, 8. Dezember 2017

# 127 - Fake News und Lügenpresse - Was ist dran?

Was sind unsere Medien noch wert?

 

Der Professor für Journalistik und Medienmanagement Stefan Russ-Mohl macht sich in seinem Buch Die informierte Gesellschaft und ihre Feinde über die Entwicklung Gedanken, die Zeitungen, Fernsehsender und das Internet in den letzten Jahren durchgemacht haben. 

Wie wichtig ist die Wahrheit?

 

Die öffentlich-rechtlichen als auch die privaten Medien fühlen sich der Wahrheit verpflichtet. Alle weisen weit von sich, absichtlich Falschmeldungen in die Welt zu setzen. Die Absicht, die Leser, Zuschauer und Internetnutzer immer möglichst gut zu informieren, spricht Russ-Mohl ihnen auch nicht ab. Aber er wirft ihnen vor, auf der Jagd nach der neuesten Nachricht und mit dem Wunsch, immer ein kleines bisschen schneller zu sein als die Konkurrenz, ein Stück des Wahrheitsanspruchs über Bord geworfen zu haben. Etwas, was schnell gemeldet werden soll, kann nicht mehr gründlich überprüft werden. Erschwerend kommt hinzu, dass sich Nachrichten - wahre und falsche - durch die zunehmende Digitalisierung deutlich schneller verbreiten als noch vor ein paar Jahren.
Aber der Autor zeigt auch, dass sich die Mediennutzer gern auch mal an die eigene Nase fassen dürfen, ehe sie stetig "Lügenpresse" skandieren. Die sozialen Medien im Internet laden dazu ein, Meldungen ungeprüft mit einem "Like" zu bewerten und binnen Sekunden weiter zu verbreiten. Sehr oft gilt: Es wird für wahr gehalten, was bereits viele andere Nutzer für wahr halten, auch wenn es das nicht ist. Russ-Mohl zitiert hier die für die Neue Zürcher Zeitung schreibende Journalistin Sieglinde Geisel, die für dieses Verhalten den Begriff der "Schwarmdummheit" verwendet. 
Aber der Journalismus krankt noch an etwas anderem: Die "Geiz-ist-geil"-Mentalität hat auch dazu geführt, dass die Nutzer erwarten, aktuelle und selbstverständlich wahre Nachrichten zum Nulltarif zu erhalten. Dass hinter jeder belastbaren Meldung eine Recherche steckt, die mitunter sehr aufwendig sein kann, und Menschen dafür bezahlt werden und davon leben wollen, scheint die Konsumenten nicht zu interessieren. Tatsächlich glauben viele daran, dass gute Nachrichten umsonst zu haben sind. Russ-Mohl zeigt auf, dass dies ein Irrtum ist: De facto ist keine Meldung gratis. Aber der primäre Einfluss auf die Nachrichten geht immer weniger von den Verlagen oder Sendern selbst aus, sondern verlagert sich in eine Richtung, die uns nicht gefallen kann, wenn uns Wahrheit und der Erhalt der Demokratie auch in Zukunft wichtig sind.

Wir haben es in der Hand

 

Russ-Mohl vertieft sich auf sehr anschauliche Weise darin, seinen Lesern die Mechanismen der aktuellen Medienlandschaft und den Einfluss ihrer Nutzer auf sie nahezubringen. Er beruft sich auf etliche Studien, die kürzlich oder vor einigen Jahren zu diesem Thema erstellt wurden, sodass jede seiner Aussagen einen Beleg hat. Kaum ein Sachbuch, das ich in der letzten Zeit gelesen habe, wartet mit so vielen Fakten auf, sodass es den Rahmen dieses Textes sprengen würde, näher auf sie einzugehen. Aber mir ist unter all dem, was Russ-Mohl erläutert, ein Abschnitt besonders aufgefallen. Darin geht es um die massive Datensammlung, die nicht nur Internetkonzerne, sondern auch Geheimdienste ebenso wie einfache Behörden betreiben. Gepaart mit der großen Bereitschaft der Internetnutzer, ihre persönlichen Daten frei nach dem Motto "Ich habe ja nichts zu verbergen" einfach herzugeben und kombiniert mit der wachsenden Terrorangst warnt Russ-Mohl vor der Gefahr eines Überwachungsstaats, in dem nichts Persönliches mehr persönlich bleibt.

Die informierte Gesellschaft und ihre Feinde ist ein sehr empfehlenswertes Buch für alle, die wissen wollen, wie es um unsere Presse- und Meinungsfreiheit bestellt ist und welche Auswirkungen die Veränderung der Medienlandschaft auf unsere Gesellschaft hat.

Die informierte Gesellschaft und ihre Feinde ist im Herbert von Halem Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 23,-- Euro.  
Das Buch wurde mir von der Agentur Literaturtest zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke.

Zu der Frage, inwieweit es Bestrebungen gibt, zugunsten des Kampfes gegen den Extremismus die Rechte der Bürger auszuhöhlen, habe ich mich in einem weiteren Blogtext beschäftigt. 

Montag, 4. Dezember 2017

# 126 - Jesus - Ein Baby wird juristisch durchleuchtet

Geht beim Christkind alles mit "rechten Dingen" zu?



Auch an der Bücherkiste geht das sich nähernde Weihnachtsfest nicht spurlos vorüber. Da liegt es nahe, sich die Weihnachtsgeschichte einmal aus rechtlicher Sicht näher anzusehen. Das haben die beiden Juristen Jens-Peter Gieschen und Klaus Meier in ihrem Buch Der Fall »Christkind« getan - und zwar schon 1993.



Rechtswissenschaft trifft auf Theologie




Die Autoren beklagen zu Recht, dass sich zwar schon etliche Juristen an der Verurteilung und Kreuzigung von Gottes Sohn abgearbeitet haben, sich aber bislang niemand um die rechtliche Würdigung der Umstände seiner Zeugung und Geburt gekümmert hat. Diesem Missstand helfen sie in ihrem Buch endlich ab und halten sich selbstverständlich immer streng an rechtswissenschaftliche Grundsätze. Gieschen und Meier widmen sich beispielsweise der Frage, inwieweit Jesus' Vorfahren inzestuöse Beziehungen im Sinne des § 173 Strafgesetzbuch (StGB) eingegangen sein könnten. Ein Gedanke, den man nicht so einfach vom Tisch wischen sollte: In Matthäus Kapitel 1, Vers 1 bis 17 ist von nur fünf Frauen, aber immerhin vierzig Männern die Rede, wobei Letztere immer in Vater-Sohn-Verhältnissen genannt werden. Die Geschichte ist zwar schon wirklich, wirklich alt, aber mal ganz ehrlich: Das macht schon nachdenklich.

Auch die Frage, wie es zu Marias Schwangerschaft kommen konnte, obwohl sie doch ausdrücklich als Jungfrau bezeichnet wird, beschäftigt die beiden Autoren. Diese immer wieder von der Kirche diskutierte Frage ruft auch Gieschen und Meier auf den Plan: Mit einem kurzen Exkurs in die Biogenetik denken sie über die Möglichkeit der Luftbestäubung nach (man denke an Parallelen zur Bestäubung von Windblütlern) und verfolgen die "Zwei-Zentimeter-Theorie". Um niemandem zu nahe zu treten, will ich hier lieber nicht ausführen, worum es sich dabei genau handelt. Klar, dass hier die strafrechtliche Würdigung nicht fehlen darf. Die Autoren lassen nichts aus, bis sie bei der Beschneidung und Namensgebung angekommen sind. Damit sich die Leser zufrieden zurücklehnen und das Fest von Jesu Geburt feiern können, schließt die juristische Betrachtung mit dem nun rechtlich einwandfreien Beginn der Evangelien nach Lukas und Matthäus.

Ein brandaktuelles Thema - auch nach über 2000 Jahren

 

Der Fall »Christkind« ist im Eichborn Verlag erschienen, was klar macht, mit wie viel "Ernsthaftigkeit" Gieschen & Meier sich dieses wichtigen juristisch-theologischen Themas angenommen haben. Das Buch bedient nicht die sonst häufige feierliche Getragenheit anderer Titel, in denen es um die Weihnachtsgeschichte geht. Das mehrseitige Literaturverzeichnis belegt, dass die Autoren trotz des literarischen Augenzwinkerns immer seriöse Quellen herangezogen haben.
Der Fall »Christkind« kann nur noch antiquarisch erworben werden.

Montag, 27. November 2017

Es geht weiter mit dem Polar Verlag

Ende September habe ich in diesem Blog geschrieben "Polar Verlag meldet Insolvenz an". Alle Anzeichen deuteten darauf hin, dass dem unabhängigen Verlag mit seinem ambitionierten Programm das nahe Ende drohen würde. Umso mehr freue ich mich, dass das Ruder herumgerissen werden konnte:

Wie das Börsenblatt berichtet, hat sich im letzten Moment ein Geldgeber aus dem süddeutschen Raum gemeldet, der den Verlag vollständig übernehmen wird. Sein Name soll noch nicht öffentlich gemacht werden, aber es ist geklärt, dass der bisherige Eigentümer Wolfgang Franßen als Herausgeber und Programmleiter dem Verlag erhalten bleiben wird. Der Finanzier will die bekannte Linie, die er sehr schätzt, beibehalten. In Zukunft sollen pro Jahr vier Titel von internationalen und ebenso viele von deutschsprachigen Autoren erscheinen.
Zur Leipziger Buchmesse 2018 will der Polar Verlag mit zwei neuen Titeln vertreten sein. Außerdem wird über einen "Deutschen Polar Preis" nachgedacht. 

Ich wünsche dem Polar Verlag viel Erfolg und seinen Lesern zahlreiche weitere spannende Krimis.

Dienstag, 21. November 2017

# 125 - Hannovers historisches Gruseln

"Warte, warte nur ein Weilchen,..."

 

Ich habe mal wieder in den Tiefen meiner Bücherregale gekramt und dabei ist mir dieses Buch in die Hände gefallen: Haarmann - Die Geschichte eines Werwolfs aus dem Jahr 1989, recherchiert und beobachtet von Theodor Lessing.
Fast jeder, der in oder um Hannover zu Hause ist, kennt den Refrain eines Liedes, dessen Anfang in der Überschrift steht, und viele wissen auch, wie es weitergeht: "...bald kommt Haarmann auch zu dir, mit dem kleinen Hackebeilchen, macht er Hackefleisch aus dir." Fast jede Gegend hat "so Einen": einen Serienmörder, der auch noch lange nach seinem Tod bei den Menschen, die von seinen Taten wissen, ein Schaudern hervorruft. In Brandenburg war es Willi Kimmritz, in München Johann Eichhorn, in Frankfurt Arthur Gatter und in Hannover Friedrich „Fritz“ Heinrich Karl Haarmann. In einem Schauprozess vor dem Schwurgericht Hannover wurden seine Taten 1924 verhandelt. Der jüdische Philosoph, Psychologe und damalige Hochschulprofessor Theodor Lessing hat so lange dem Prozess beigewohnt und ihn protokolliert, bis man ihn wegen seiner öffentlich geäußerten Kritik an dem Verfahren ausschloss.

Ein einziges staatliches Versagen

 

Lessing beobachtete das Geschehen im Gericht damals sehr genau und hatte etliche Dinge an den Ermittlungen und dem Strafverfahren gegen den Serienmörder Haarmann auszusetzen. Zwischen 1918 und 1924 hatte Haarmann mindestens 24 Jungen und junge Männer auf grausame Weise umgebracht, die Toten zerteilt und ihr Fleisch an Marktbeschicker verkauft. Sehr wahrscheinlich hat es noch mehr Opfer gegeben, aber nur diese konnten ihm zweifelsfrei zugeordnet werden. Haarmann konnte fast unbehelligt agieren, weil die Polizei nicht auf ihn aufmerksam wurde: Als ihr Spitzel betrachtete sie ihn fast als einen der ihren. Erschwerend kam hinzu, dass die Kriminalpolizei in Hannover damals deutlich unterbesetzt und personell gar nicht in der Lage war, bei jeder Vermisstenmeldung aktiv zu werden. Der Großteil der gefundenen Spuren stammte deshalb auch von den Angehörigen der Vermissten, die sich selbst auf die Suche gemacht hatten, oder von Privatdetektiven.
Haarmanns "Jagdrevier" war der Hauptbahnhof, zu dem er quasi als Mitarbeiter der Polizei Tag und Nacht ungehindert Zugang hatte und nicht wie die Reisenden eine Fahrkarte benötigte. Er hat sich seine Kenntnisse der Polizeistrukturen zunutze gemacht und hatte Zugang zu verschiedenen Informationskanälen. 

Ach, wer braucht schon unabhängige Gutachter...

 

Lessing machte sich bei Gericht als Prozessbeobachter nachhaltig unbeliebt, als er den Finger in die Wunden legte und erläuterte, welche Gutachter maßgeblich zum Verfahrensverlauf beigetragen haben. Darunter fand sich ein Gerichtsmedizinalrat, der Haarmann Jahre zuvor für geistig gesund erklärt hatte; ein weiterer Gerichtsmedizinalrat, der das bei Haarmann gefundene Menschenfleisch nach kurzer Untersuchung als Schweinefleisch klassifizierte; nicht zuletzt ein Geheimer Medizinalrat, der sich zunächst alle früheren Gutachten ansah, bevor er sich ein eigenes Urteil bildete.  
Lessing kritisierte auch den Umstand, dass Haarmanns Geständnisse erst durch den Druck der Polizei während der Vernehmungen zustande gekommen waren. Er legte im Gegensatz zum Gericht auch Wert darauf, sich Haarmanns Lebensweg näher anzusehen.
Letzlich lag dem Gericht nur daran, den Prozess schnell voranzutreiben und die Nachlässigkeiten bei den Ermittlungen zu vertuschen. Doch Lessings stärkster Vorwurf an das Gericht betrifft dessen Urteil gegen Haarmanns früheren Freund Hans Grans, das er als Justizmord bezeichnet.

Haarmann - Die Geschichte eines Werwolfs ist in der Sammlung Luchterhand herausgegeben worden und enthält neben Lessings Prozessbeobachtungen auch kurze Schilderungen anderer Mordfälle, die von Serientätern verübt wurden, sowie einige historische Fotos. Es ist ein sehr interessanter Blick in eine Zeit, von der man beim Lesen meinen könnte, dass sie nicht rd. 90 Jahre, sondern schon viel länger zurückliegt. Lessings Aufzeichnungen sind derzeit z. B. beim Verlag Projekt Gutenberg-De erhältlich. Die mir vorliegende Ausgabe gibt es nur noch antiquarisch.

Über Theodor Lessing

Theodor Lessing hat aus seinen Ansichten keinen Hehl gemacht und zog nach dem Haarmann-Prozess auch mit seinen kritischen Gedanken über eine mögliche Präsidentschaft Hindenburgs den Unmut der konservativen Kreise auf sich. Dieser Unmut steigerte sich auf Betreiben der Nationalsozialisten zu Hass, sodass Lessing im März 1933 nach Prag floh. Er ließ sich mit seiner Frau in Marienbad nieder, wo er im August 1933 erschossen wurde, nachdem in tschechoslowakischen Zeitungen ein von Reichspropagandaminister Goebbels ausgesetztes Kopfgeld von 80.000 Reichsmark ausgeschrieben worden war. 

Freitag, 10. November 2017

# 124 - Glückwunsch zum 150.!

Bekannt wie ein bunter Hund

 

Heute wird der Reclam-Verlag 150 Jahre alt. Ich kenne niemanden, der nicht schon einmal eines der kleinen Büchlein in der Hand gehalten hat. Spätestens während der Schulzeit wird irgendwann ein Reclam-Klassiker gelesen. Anlässlich dieses Jubiläums habe ich in meinen Bücherschränken nachgesehen, welche Reclam-Hefte sich dort noch finden. Ein paar waren schon vor Jahren so zerlesen, dass ich mich von ihnen getrennt habe. Aber diese hier möchte ich euch gern zeigen:




Der Barbier von Sevilla von Rossini (oben links) stammt von einem Flohmarkt, wurde vom Verlag Philipp Reclam jun. Leipzig herausgebracht und ist in Sütterlin gedruckt. Das Heft muss zwischen 1912 und 1917 erschienen sein: In der Verlagshistorie stammen die ersten Hefte in diesem Design aus dem Jahr 1912, die erste Preiserhöhung von 20 auf 25 Pfennig wurde 1917 eingeführt. Auf diesem Exemplar war noch der alte Preis aufgedruckt. Gute Qualität schien damals keine allzu hohe Priorität gehabt zu haben, denn der Schnitt rundherum sieht aus, als hätte man einen Praktikanten mit der Nagelschere drangesetzt. 

Oben rechts ist Der Heilige von Conrad Ferdinand Meyer, verlegt 1985 vom Verlag Philipp Reclam jun. Stuttgart. Ernst Reclam hatte 1950 Stuttgart zum neuen Stammsitz seines Verlags gemacht, nachdem die Arbeit in der sowjetischen Besatzungszone immer schwieriger geworden war. Dieses hier war ein "Muss-Buch": Ich musste es in der Schule lesen. Die Handlung stark gerafft: Hans der Armbruster ist ehemaliger Soldat unter Heinrich II. und erzählt einem Chorherrn von der eigenartigen Beziehung zwischen Thomas Becket und dem König. Sie wird sehr problematisch, als Becket von Heinrich II. zum Erzbischof von Canterbury ernannt wird und sich zum ausschließlichen Wohl der Kirche gegen diesen wendet. Wie so oft im Mittelalter geht die Sache nicht ohne Blutvergießen aus. Ich kann mich noch gut erinnern, dass ich Meyers Sprache, wie sie gegen Ende des 19. Jahrhunderts üblich war, anstrengend fand und dieses Büchlein außer bei jedem Umzug oder beim sporadischen Abstauben nicht mehr angesehen habe. Bis heute.

Es geht weiter mit Deutsche Volkslieder aus dem Jahr 1990. Es enthält 168 Liedtexte einschließlich der Noten und ist in mehrere Kapitel aufgeteilt wie z. B. "Viva la Musica" oder "Heimat und wandern". Was mich dazu bewogen hat, dieses kleine Liederbuch zu kaufen, kann ich heute nicht mehr nachvollziehen. Aber es hat seinen festen Platz im Regal. Vielleicht habe ich noch eine Zukunft als Heimatlied-Sängerin vor mir. Man weiß es nicht.

Unten rechts ist Deutsche Unsinnspoesie in der überarbeiteten Ausgabe von 1995. Hier weiß ich sehr genau, warum ich es habe: Ich mag abstruse Texte, und dieser Band enthält reichlich davon. Schüttelreime ("Ins Teppichhaus die Käufer laufen, sie wollen alle Läufer kaufen"), Palindrome ("Eine Hure bei Liebe ruhe nie") oder Texte z. B. von Ernst Jandl, Henning Venske, Heinz Erhardt, Eugen Roth, Kurt Schwitters oder Friederike Mayröcker. Quatsch auf fast 380 Reclam-Seiten. Daumen hoch!

Die Inflation macht auch vor der literarischen Bildung nicht halt

 

Eine kleine Randnotiz: Bis 1991 konnte man den Preis für einen Reclam-Band an den Heftrücken erkennen. Die Zahl der kleinen schwarzen Quadrate oder Punkte sagte aus, mit welchem Multiplikator gerechnet werden musste. Früher war das durchaus üblich, ich habe dieses System auch auf meinen alten dtv-Taschenbüchern gesehen.
1985 betrug der Basiswert für einen Preis-Punkt noch 2,40 DM, demnach habe ich damals für Der Heilige 4,80 DM bezahlt. Als Deutsche Volkslieder herauskam, stand jeder Punkt bereits für 2,90 DM, das Buch kostete bei vier Punkten also 11,60 DM. 18 DM (ab 2002 9,10 Euro) wurden für Deutsche Unsinnspoesie fällig, das war es mir aber wert.

Alles Gute und auf die nächsten 150 Jahre des Reclam-Verlags!


 

Freitag, 3. November 2017

# 123 - Tolle Fotos von (fast) vergessenen Orten

Eine Spurensuche

 

"Urban Exploration" - der Trend, den immer mehr Menschen für sich entdecken, schlägt sich in dem Fotoband Lost Places - Deutschlands verlassene Orte von Mark Vogler und Thor Larsson Lundberg nieder. Die Szene, die aus den sog. "Urbexern" besteht, ist ständig auf der Suche nach Objekten, die irgendwann einmal normal genutzt, aber dann aus den verschiedensten Gründen aufgegeben wurden und um die sich niemand mehr kümmert. An ihnen nagt nicht nur der normale Zahn der Zeit, sondern diese Immobilien werden zum Ziel von Vandalen: Es wird beschmiert und zerschlagen, was nicht niet- und nagelfest ist, und in manchen Fällen auch Feuer gelegt. Gebäude, die lange nicht bewohnt werden, scheinen auf manche Menschen eine besondere Anziehungskraft auszuüben, die in ihnen einen Impuls auslöst, sie zu beschädigen oder sogar zu zerstören. So lösen sich nicht nur materielle, sondern auch ideelle Werte für immer und unwiederbringlich in Trümmer auf, es gehen Geschichts- und Kulturgüter verloren.
Um beides wenigstens als Fotografien zu bewahren, machen sich die Urbexer auf die Suche nach Lost Places. In vielen Fällen gibt es die Gebäude gar nicht mehr, wenn die Bilder veröffentlicht werden: Investoren, die andere Pläne haben, als sich um den Erhalt von Altbauten zu kümmern, rücken ihnen mit der Abrissbirne zu Leibe. 
Der Titel Lost Places - Deutschlands verlassene Orte ist allerdings irreführend: Die Fotos stammen von Immobilien, die sich entweder in Sachsen oder Thüringen befinden. Die hohe Bildqualität, die gelungenen Perspektiven und die ausführlichen Erläuterungen zu jedem dieser "verlorenen Orte" machen das aber auf jeden Fall wett.

Ein Beispiel: die Villa Kolbe

 

Die Fabrikantenvilla wurde 1890/1891 in Radebeul im Stil der Neorenaissance gebaut und gehörte damals zu den architektonisch wertvollsten Gebäuden in Europa. Dem Bauherrn war nichts zu teuer: Neben den Bleiglasfenstern und den aufwendig verzierten Holzvertäfelungen verfügte das Haus über eine Warmwasserheizung, eine vollständige Elektrifizierung sowie einen Lastenfahrstuhl, der von der Waschküche bis zum Trockenboden reichte. Nach dem Tod des ersten Eigentümers ging die Villa nacheinander in den Besitz mehrerer Privatleute über und wurde nach der deutschen Wiedervereinigung bis 1994 von einer Behindertenwerkstatt des Vereins Lebenshilfe genutzt. Seit Februar 1995 ist das Gebäude verwaist und es wird bis heute um seine künftige Nutzung gerangelt.

Villa Kolbe, Radebeul




Treppenhaus mit Holzvertäfelungen


 

Die Autoren stellen in diesem Buch noch elf weitere "Lost Places" vor, wobei die Bandbreite vom ehemaligen NVA-Erholungsheim bis zum Spezialheim für schwer erziehbare Kinder reicht. Alle Fotos regen die Phantasie an und verfügen über einen morbiden Charme. Doch beim Betrachten wünscht man sich, dass diejenigen, die sich in den leeren Häusern "ausgetobt" haben, sich an das Motto der Urbexer halten würden:

Nimm nichts mit - außer deinen Bildern.
Lass nichts da - außer deinen Fußspuren.

Lost Places - Deutschlands vergessene Orte ist bei PLAZA, einem Imprint des Heel-Verlags, erschienen und kostet 24,99 Euro.
Ich bedanke mich beim Heel-Verlag, der mir das Buch zur Verfügung gestellt und mir die Erlaubnis zur Veröffentlichung der gezeigten Fotos gegeben hat.
  

Freitag, 27. Oktober 2017

# 122 - Selbst erlebt: Sieben Monate in chinesischer Haft

Wie aus einer Dummheit ein Drama wird

 

2014: Hamza Özyol ist gelernter Schlosser und bekommt von einer Facebook-Bekanntschaft das Angebot, in China beim Bau eines U-Bahn-Tunnels mitzuhelfen. Er ist gerade arbeitslos, daher kommt die lukrative Offerte wie gerufen. Seine Familie einschließlich seiner Freundin ist gegen diesen Schritt, aber Özyol lässt sich von seinem Vorhaben nicht abbringen. Er fliegt im August von Deutschland nach Hongkong und will zunächst ausprobieren, ob er mit den harten Arbeitsbedingungen umgehen kann. In seinem Buch China - 210 Tage hinter Gittern schreibt er über seine Erfahrungen als ausländischer Häftling in einem chinesischen Gefängnis.

Ein kurzer Moment, der alles verändert

 

Özyol wohnt wie einige andere ausländische Kollegen in einem Hotel in der Nähe der Baustelle. Die Tage bestehen in den ersten beiden Wochen im Wesentlichen aus arbeiten und schlafen, und er vermisst freie Zeit und Abwechslung. Doch dann ergibt sich eines Abends eine Gelegenheit, die Bars der Stadt zu erkunden. Özyol ist allein unterwegs und besucht mehrere von ihnen. Sein stetiger Alkoholkonsum sorgt bei ihm für gute Stimmung, und er genießt seine Freiheit. Der Umstand, dass ihn sein Arbeitgeber jederzeit anrufen und zur Baustelle beordern könnte, bremst ihn nicht in seinem Trinkverhalten. In einer Bar fallen ihm drei Handys auf, die unbeachtet auf einem Bistrotisch liegen. Özyol kann keinen Eigentümer ausmachen und versteckt die Geräte in seiner Hosentasche. Doch nach einer Weile bringen ihn seine Gewissensbisse dazu, noch in derselben Nacht in das Lokal zurückzukehren und die Handys wieder dort abzulegen, wo er sie an sich genommen hat. Aber vor Ort warten bereits die Sicherheitsleute auf ihn, die schon die Polizei gerufen haben: Er ist auf den Kamerabildern, die in der Bar aufgenommen wurden, eindeutig als Dieb zu erkennen. Von diesem Moment an ändert sich sein Leben von Grund auf. Özyol wird ins Gefängnis gebracht, wo er monatelang auf seinen Prozess wartet. Sein Arbeitgeber kümmert sich nicht um ihn, die deutsche Botschaft setzt sich nur wenig für ihn ein. 
Das Leben in den Zellen ist so, wie es bereits in Presseberichten immer wieder beschrieben wurde: Mehrere Dutzend Häftlinge sind in einem zu engen Raum untergebracht, Ernährung und Hygiene sind auf einem schlechten Niveau, und die Knasthierarchie ist enorm gewöhnungsbedürftig. Özyol beschreibt, wie er unter Ausgrenzungen gelitten und seine Familie vermisst hat, erzählt aber auch von Zusammenhalt und so etwas wie Freundschaft zwischen ihm und einigen wenigen anderen Gefangenen. Er lernt während der sieben Monate dauernden Haft mehrere Zellen im selben Gefängnis kennen und erlebt, dass es in jeder eigene "Gesetze" gibt. Für kleine Verfehlungen werden den Insassen von den Gefängniswärtern teils drakonische Strafen auferlegt. Davon, dass Folterungen stattgefunden haben, schreibt Özyol allerdings nichts.

Wie war's?

 

Hamza Özyols authentische Schilderung seiner Gefangenschaft gibt einen Einblick, wie schnell man in China im Gefängnis landen kann. Lange Wartezeiten, bis es zum ersten Gerichtstermin kommt, sind nicht nur für Ausländer wie ihn, sondern für alle Angeklagten üblich. Auch über die schlimmen Haftbedingungen wurde in den Medien immer wieder berichtet. Özyols Verhalten ist heute auch für ihn selbst kaum nachvollziehbar. 
So interessant die Erlebnisse des Autors sind, so sinnvoll wäre es gewesen, einen Lektor mit der Überarbeitung des Buches zu beauftragen. Der Text hätte dann nicht nur stilistisch deutlich gewinnen können, sondern es wären auch einige Ungereimtheiten aufgefallen.

China - 210 Tage hinter Gittern ist bei Books on Demand (BoD) erschienen und kostet 9,99 Euro. Das Buch wurde mir von Indie Publishing, einem Angebot der Fachzeitschrift buchreport, zur Verfügung gestellt.

Mittwoch, 18. Oktober 2017

Die Frankfurter Buchmesse 2017 - eine Nachlese

Meine persönliche Premiere

 

In diesem Jahr habe ich zusammen mit einer Freundin zum ersten Mal die Frankfurter Buchmesse besucht. Unsere Vorbereitung war überschaubar: Die Buchmesse-App war aufs Smartphone heruntergeladen, und unser Vertrauen auf die Fähigkeiten von Google Maps war vorerst durch nichts zu erschüttern. Wir sind in puncto Messen keine unbeschriebenen Blätter: Wir wohnen in bzw. bei Hannover, und dort finden einige Messen statt, die als die jeweils weltgrößten ihrer Branche gelten - das beginnt mit der CeBIT, geht mit der Industriemesse weiter und hört bei der Exposition Mondiale de la Machine Outil (EMO; weltgrößte Werkzeugmaschinen-Messe) und der Agritechnika (weltgrößte Landtechnik-Messe) noch nicht auf. Doch im Gegensatz zum Messegelände in Hannover befindet sich das Frankfurter Areal mitten in der Stadt - Google Maps stieß hier und da an seine Grenzen, um es diplomatisch auszudrücken. Doch irgendwann waren auch wir "drin" in den unendlichen Weiten der internationalen Bücherwelt. Die Vielfalt der Themen, die Kreativität bei der Ausstattung und das oft ungewöhnliche Design der Bücher - im Schneckentempo sind wir von Stand zu Stand gegangen. Zahllose Titel hätten es verdient, mit nach Hause genommen zu werden. Aber ich habe zunächst erst einmal eine "Hitliste" aller Bücher zusammengestellt, die mir nach dem ersten (meistens längerem) Reinlesen am besten gefallen haben. Wie in meiner Bücherkiste üblich geht die Auswahl quer durch mehrere Genres. Die Fotos haben eine grandiose Qualität, weil ich die Cover an Ort und Stelle mit meinem Smartphone aufgenommen habe. Zum Glück ist dies hier ein Bücher- und kein Design- oder Modeblog. ;-)


Meine Favoriten auf der Buchmesse

 















Und was war noch?

 

Da dies unsere Premiere war, hatten wir vorab nicht geplant, gezielt einzelne Veranstaltungen zu besuchen. Im Vorbeigehen haben wir einen Teil einer Veranstaltung in der Self Publishing-Area gesehen, etwas von einem Vortrag auf dem Stand der Wochenzeitschrift DER SPIEGEL gehört und die Ausstellung zum Deutschen Cartoonpreis 2017 auf der Agora angeschaut. Die Sieger kann man sich auf der offiziellen Website des Cartoonpreises ansehen.
Eines steht fest: Diese Buchmesse war ganz sicher nicht meine letzte!  




Freitag, 13. Oktober 2017

Die HOTLIST-Preisverleihung hat stattgefunden

Der beste unabhängige Verlag ausgezeichnet

 

Heute fand die Verleihung des mit 5.000 Euro dotierten Preises der Hotlist 2017 statt. Er wurde an den Verlag Matthes & Seitz Berlin für das Buch Strategien der Wirtsfindung der Autorin Brigitta Falkner vergeben. 



Auch die Buchhändlerinnen und -händler haben ihre Entscheidung gefällt und wählten für den Melusine-Huss-Preis den Verlag Assoziation A mit dem Buch Über Grenzen  von Lutz Tauber aus. Damit ist ein Gutschein der österreichischen Druckerei Theiss im Wert von 4.000 Euro verbunden.

Einen ausführlichen Artikel über die beiden Bücher, die Preise und das Auswahlverfahren gibt es hier



(C) Verein der HOTLIST

# 121 - Vietnam als geteiltes Land erleben

Eine Zeitreise ins Vietnam der 1960er und 1970er Jahre

 

Anna Mudry wurde 1969 und 1973 von der in Ost-Berlin ansässigen Berliner Zeitung nach Nord-Vietnam geschickt. Ihre Reisen fielen in Phasen, in denen der Krieg in Vietnam gerade eine Pause machte: während der Pariser Gespräche, die (erfolglose) Waffenstillstandsverhandlungen zwischen den USA und Nord-Vietnam zum Inhalt hatten, und nach der Unterzeichnung des Waffenstillstandsabkommens, das zum 28. Januar 1973 wirksam wurde. 1975 veröffentlichte sie ihr Buch Bis zum befreiten Süden, das Buch Vietnam - Gesichter und Schicksale ist dessen überarbeitete Neuauflage, die 2017 herausgegeben wurde.

Wiederaufbau unter widrigsten Bedingungen

 

Anna Mudry startete ihre Vietnam-Reisen beide Male in Hanoi. Sie wurden von Mitarbeitern einer dortigen Zeitung organisiert, was nicht nur die Route, sondern auch die Begegnung mit Einheimischen umfasste. Mudry sah Städte, die im Laufe des Vietnam-Krieges von US-Truppen dem Erdboden gleich gemacht wurden, und traf auf Menschen, die unermüdlich daran arbeiten, dass die Ernährung sichergestellt wird, alle ein Dach über dem Kopf haben sowie die Verkehrswege und die Schulen neu gebaut werden. Sie berichtet von Menschen, die während des Krieges ein unterirdisches Wohn-, Versorgungs- und Tunnelsystem gegraben hatten und von Kindern, die viele Monate kein Sonnenlicht gesehen hatten, weil der Aufenthalt im Freien wegen der ständigen Bombardements zu gefährlich war. In dieser krisengeschüttelten Gesellschaft hat der Einzelne seine eigenen Bedürfnisse zurückgestellt, um seine Arbeitskraft der Gemeinschaft zur Verfügung zu stellen. So sahen sich Ehepartner oft monatelang nicht, und Kinder wurden von ihren Großeltern aufgezogen, weil ihre Eltern im Krieg kämpften oder für den Straßenbau eingeplant waren. Immer ging die Gemeinschaft dem Einzelnen und seinen Angehörigen vor.
Anna Mudry betont in ihrem Vorwort, dass sie sich nicht als Kriegsberichterstatterin gesehen hat. Es war ihr Ziel, mit den Menschen in Kontakt zu kommen und von ihnen zu erfahren, wie sie die Auswirkungen der massiven Angriffe der US-Streitkräfte, die auch den Einsatz von chemischen Kampfstoffen wie Napalm oder Entlaubungsmitteln umfassten, erlebt und überstanden hatten. Die Autorin weist ausrücklich darauf hin, dass sie eine subjektive Berichterstattung hier für die beste Methode hält, um sich der Wahrheit so weit wie möglich zu nähern. Das Ergebnis sind Schilderungen über erschütternde Lebensbedingungen der vietnamensischen Bevölkerung, die alles daran setzt, ihr zerstörtes Land wieder aufzubauen.

Wie war's? 

 

Vietnam - Gesichter und Schicksale gibt einen tiefen Einblick, wie es der Bevölkerung insbesondere Nord-Vietnams, das offiziell den Namen Demokratische Republik Vietnam (DRV) trug, im Verlauf des 20 Jahre dauernden Vietnamkriegs ergangen ist. In dieser Zeit haben zwischen zwei und fünf Millionen Menschen ihr Leben verloren, die genaue Zahl kennt niemand. Anna Mudry beschäftigt sich sowohl mit Einzelschicksalen als auch mit den Lebensumständen, denen die Bevölkerung unterworfen war und die wegen ihrer Tragik und Verzweiflung oft sprachlos machen. Sie versucht jedoch auch, ihren Lesern einen Teil der vietnamesichen Geschichte näherzubringen. Es ist eine Geschichte, die von Kolonialismus, Verrat und Gewalt geprägt ist und sich ohne eine nähere Beschäftigung mit ihr nur schwer erschließt. Wer sich mit ihr bislang noch nicht auseinandergesetzt hat, sollte vor dem Lesen des Buches einen Blick auf die Zeittafel werfen, die Anna Mudry nach dem letzten Kapitel angefügt hat.
Sowohl an der Wortwahl als auch dem Schwerpunkt ist zu erkennen, dass die Autorin als DDR-Journalistin nach Vietnam aufgebrochen ist; die DDR hatte sich damals vorbehaltlos an die Seite der DRV gestellt, was sich auch in manchen Formulierungen Mudrys widerspiegelt. Doch trotz dieser ideologisch besetzten Position ist Vietnam - Gesichter und Schicksale ein Buch, das vor allem für die Generation, die nach dem Ende des Vietnamkriegs aufgewachsen ist, interessant ist. Anna Mudry hat ihrem Buch mehr als 40 Fotos beigefügt, die das Gelesene anschaulich machen.

Vietnam - Gesichter und Schicksale ist im Pirmoni-Verlag in der Reihe menschen unterwegs als Taschenbuch erschienen und kostet 14,90 Euro. Das Buch wurde mir von der Agentur Literaturtest zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke.

Dienstag, 10. Oktober 2017

Deutscher Buchpreis 2017 - The winner is...?

Der österreichische Blick auf Brüssel hat die Nase vorn

 

Seit gestern steht es fest: Der diesjährige Preisträger des Deutschen Buchpreises heißt Robert Menasse, der mit seinem Roman Die Hauptstadt die aus Literaturkritikern und Buchhändlern bestehende Jury überzeugt hat. Die Handlung ist nicht in Wien, der Hauptstadt von Menasses Heimatland Österreich, sondern in Brüssel angesiedelt. Es geht um die EU: Sie steht kurz vor ihrem 60. Jubiläum, das natürlich angemessen begangen werden soll. Die Veranstaltung soll dazu dienen, die Europäische Union in ein günstiges Licht zu rücken, und Fenia Xenopoulou, eine ranghohe zypriotische EU-Beamtin der Generaldirektion Kultur der Europäischen Kommission, ist auf der Suche nach guten Ideen. Das ist ein Anlass, die Ellenbogen auszufahren und sich zu profilieren. Eine sehr ungewöhnliche und gewöhnungsbedürftige Idee wird letztlich ausgewählt: David de Vriend, der die letzte Lebensphase in einem Brüsseler Seniorenheim verbringt, soll dem Kampagnenmotto, dass die europäische Einheit eine Lehre aus der Geschichte ist, ein Gesicht geben. Er ist als Junge von einem Zug gesprungen, der ihn und seine Eltern in ein Konzentrationslager bringen sollte. Fenia Xenopoulou will nun den Festakt in Auschwitz abhalten - mit de Vriend, der sein ganzes Leben damit beschäftigt war, das Erlebte von damals zu vergessen. Ein Mordfall, in dem aus politischen Gründen nicht ermittelt werden soll, spielt in Die Hauptstadt ebenso eine Rolle wie ein Wirtschaftswissenschaftler, dem seine Utopie, in Auschwitz eine neue europäische Hauptstadt zu errichten, schon bald gefährlich wird. 

Geteilte Meinung über Preisvergabe 

 

Die Entscheidung der Jury hat nicht nur Zustimmung hervorgerufen. Es wurden einige Stimmen von Literaturexperten laut, die Die Hauptstadt nicht für das beste Buch des Jahres halten. Sie merken an, dass sich seit der ersten Vergabe des Preises 2005 Tendenzen beobachten lassen, die zumindest nachdenklich machen. Es wird da beispielsweise kritisiert, dass unter den Büchern der Shortlist der Suhrkamp-Verlag mit drei Titeln sehr oft vertreten war. 
Auch eine andere Auffälligkeit wird thematisiert: Alle Buchpreise sind seit der ersten Vergabe 2005 an Autoren gegangen, deren Bücher im Herbst, also kurz vor der Frankfurter Buchmesse, erschienen sind. Kann es wirklich sein, dass im Frühling nie Titel herausgebracht werden, die preiswürdig sein könnten? Die Jury hat denn auch hervorgehoben, dass es allein um die Literatur gehe und sonst nichts.
Dass es in Die Hauptstadt um die Darstellung einer korrupten und intriganten EU-Bürokratie geht, vewundert umso mehr, wenn man Menasses vor fünf Jahren erschienenen Essay Der Europäische Landbote zur Hand nimmt, in dem der Autor von seinen Eindrücken und Erfahrungen anlässlich seiner Reise nach Brüssel erzählt, die durchweg positiv ausfallen. Sein Fazit: Es ist nicht die EU selbst, deren Regularien und Vorgaben Probleme machen, sondern es sind die Mitgliedsstaaten, die mit ihrem eigennützigen Leuchtturmdenken die Idee des gemeinsamen Europas hintertreiben. Die Botschaft des jetzt ausgezeichneten Romans ist eine andere. Warum?

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