Freitag, 18. Mai 2018

# 149 - Strafverteidiger schreibt über menschliche Abgründe

Was haben ein Bäcker, ein Richter und ein Mathematiker miteinander zu tun?

 

Ferdinand von Schirach ist Strafverteidiger, aber er ist weniger wegen seines Berufs, als vielmehr wegen seiner zahlreichen Bücher bekannt geworden. In Carl Thorberg versammeln sich drei kurze Erzählungen, die davon berichten, wann und unter welchen Umständen ein Mensch zum Mörder werden oder komplett die Seite wechseln kann. Diese Rezension wird kurz, denn das Buch ist es mit seinen 63 Seiten auch.

Enttäuschungen und ein Seitenwechsel 

 

Die drei Protagonisten in von Schirachs Kurzgeschichten sind auf den ersten Blick unauffällige Mitmenschen, die ihr Leben ohne größere Höhen und Tiefen leben. Doch der Berliner Bäcker hat eine dunkle Vergangenheit, die ihn wieder einholen wird. Eine dunkle Vergangenheit hat der unter scheinbar wohlhabenden Umständen aufgewachsene Carl Thorberg zwar nicht, aber ein Erlebnis aus seiner Kindheit hat sich tief in seine Seele eingegraben und wartet nur darauf, daraus wieder hervorzubrechen. Das geschieht auch, und zwar ausgerechnet zu Weihnachten. Und dann ist da noch der Amtsrichter Seybold, der jahrzehntelang pflichtbewusst und unspektakulär seine Arbeit macht, bevor er in den zunächst ebenfalls unspektakulären Ruhestand geht. Doch dann beobachtet er zufällig, wie sich zwei Jugendliche mit einem Draht an einem in einer Garage abgestellten Auto zu schaffen machen. Er sperrt sie kurzerhand ein und ruft die Polizei. Dieses Ereignis soll sein ganzes Leben umkrempeln.

Lesen?

 

Ja. Ferdinand von Schirach erzählt die drei Geschichten in einer schnörkellosen und klaren Sprache und hält jeweils überraschende Finale bereit. Ein kleines Buch über menschliche Untiefen.
Carl Tohrberg kostet als Klappenbroschur 8 Euro und als epub- oder Kindle-Edition 6,99 Euro. Das Buch wurde mir vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke.   

Freitag, 11. Mai 2018

# 148 - Wo bleibt der Mensch in der digitalen Zukunft?

Dienen uns die Maschinen oder ordnen wir uns ihnen unter?

 

Früher war Alexandra Borchardt Chefin vom Dienst bei der Süddeutschen Zeitung, heute forscht sie als Director of Strategic Development am Reuters Institute for the Study of Journalism an der University of Oxford. In ihrem neuesten Buch Mensch 4.0 - Frei bleiben in einer digitalen Welt geht sie der Frage nach, welches Leben der einzelne Mensch und die Gesellschaft angesichts der fortschreitenden Digitalisierung wahrscheinlich zu erwarten haben. 

Immer im Fokus: Chancen und Risiken

 

Alexandra Borchardt nimmt sich bei ihrer Betrachtung praktisch alle Lebensbereiche des modernen Menschen vor. Die Bandbreite ihres Buchs reicht von Künstlicher Intelligenz über das Verschmelzen der analogen Realität mit der Cyber-Reality, der Manipulationen bei Wahlen, der bedrohten Privatsphäre bis zu Sex mit Robotern. Sie erläutert, inwieweit unser Leben durch Algorithmen gesteuert wird und welche Konsequenzen ein Fortschreiten dieser Entwicklung haben kann. Ist es noch möglich, in einer immer stärker überwachten und gesteuerten Welt Mensch zu sein? Emotional, ideenreich, oft spontan und von Zufällen geleitet? Geht die Aussicht der wachsenden Digitalisierung nicht auch damit einher, dass wir im täglichen Leben einen Gutteil unserer Kreativität abgeben? Algorithmen sind hierbei nicht nur keine Hilfe, sondern sogar eine Bremse: Das, was in sie hinein programmiert worden ist, sind rückwärtsgewandte Erkenntnisse, die die Zwecke, für die sie geschrieben wurden - z. B. Personalauswahl, Reise- oder Buchvorschläge etc. - nur in eine bestimmte Richtung bringen. Von den Versprechungen, die die Pioniere des Internetzeitalters damals gegeben haben, sind nicht nur die positiven Effekte wie die Vereinfachung des Lebens, sondern auch die unerwünschten Nebeneffekte wie z. B. die Datensammelwut der Großkonzerne wie Amazon oder Facebook, die Konzentration auf einige wenige Big Player und deren Marktmacht sowie das langsame Erodieren der Demokratie übrig geblieben. Über allen Überlegungen steht die Frage: Sind wir wirklich noch frei oder längst ein Bestandteil eines riesigen Manipulationsmechanismus'?

Lesen?

 

Alexandra Borchardt bietet ihren Lesern einen guten Überblick über die Problematik, die die Digitalisierung grundsätzlich mit sich bringt. Es wird jedoch schnell klar, dass sie vor allem befürchtet, dass diese technische Entwicklung bei allen Vorzügen, die sie hat, sich überwiegend zu unserem Nachteil auswirken wird. Das Aussterben ganzer Berufsgruppen von gering qualifizierten Beschäftigten bis zu Akademikern, das von Regierungen betriebene Durchleuchten der eigenen Bevölkerung, Hackerangriffe mit enormem Schadenspotenzial und die Fokussierung auf möglichst hohe Einnahmen für einige wenige Unternehmen haben beinahe dystopischen Charakter. Vieles von dem, was in Mensch 4.0 - Frei bleiben in einer digitalen Welt beschrieben wird, ist längst bekannt und wird schon eine ganze Weile diskutiert. Um die Abkehr vom persönlichen Kontakt zu belegen, greift Borchardt mitunter zu Beispielen, die nur schwer nachvollziehbar sind. So zitiert sie beispielsweise die MIT-Psychologin Sherry Tukle, die beklagte, dass immer weniger Studenten in ihre Sprechstunde kommen und ihr lieber perfekt formulierte E-Mails schicken. So könnten sich die Studenten immer seltener als Mensch präsentieren und eine Beziehung zu ihrem Gegenüber aufbauen. Dass die Studenten kein Interesse an langen Wartezeiten auf dem Uni-Flur haben könnten oder ihnen Turkle schlicht nicht sympathisch ist, kam in den Überlegungen nicht vor.
Manche von Borchardts Tipps, die sie teilweise von anderen Fachleuten übernimmt, lesen sich wie aus einem Erziehungsratgeber für Eltern: Smartphonefreie Zonen oder Situationen sollen dazu beitragen, die menschliche Empathie zu trainieren. Dass das Smartphone nicht vor dem real existierenden Menschen, der einem direkt gegenüber sitzt, den Vorrang haben sollte, sollte ein Gebot der Höflichkeit sein, aber muss nicht mehrere Buchseiten füllen. Andere Aussagen sind hingegen berechtigt und wichtig: Die Digitalisierung hat so starke Auswirkungen auf unser Wirtschaftssystem und den Sozialstaat, dass das Verhältnis zwischen Mensch, Kapital und Maschine neu definiert werden muss.
Ich bin unentschlossen, wie ich dieses Buch für mich bewerten soll. Mich hat der Strom an Zitaten gestört, weil Borchardts eigene Ansichten oft so nur unklar dargestellt wurden. In vielen Fällen schien sie sich außerdem trotz des Abwägens von Für und Wider nicht festlegen zu wollen, welche Haltung sie selbst zu dem einen oder anderen Sachverhalt hat. Ich hätte mir häufiger eine klarere Positionierung gewünscht.
Gerade im letzten Kapitel hat sie sich jedoch damit beschäftigt, was wir selbst tun können, um einer ungünstigen Entwicklung der digitalen Welt vorzubeugen.

Mensch 4.0 - Frei bleiben in einer digitalen Welt ist im Gütersloher Verlagshaus erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 20 Euro sowie als epub- oder Kindle-Edition 15,99 Euro. Ich bedanke mich bei der Agentur Literaturtest, die mir das Buch zur Verfügung stellte.

Wer sich für die Digitalisierung und ihre Folgen interessiert, dem kann ich das Buch Die informierte Gesellschaft und ihre Feinde empfehlen. 

Freitag, 4. Mai 2018

# 147 - Jetzt wird's lokal: 2 Bücher eines Autors

In Sachsen wird gemordet und geliebt

 

Auf der Leipziger Buchmesse habe ich den Autor Rainer Böhme kennengelernt, der mir zwei seiner Bücher empfohlen hat. Ich hatte schon in meinem Messebericht angekündigt, sie vorzustellen, und heute ist es soweit.
Eines der beiden Bücher ist Rainer Böhme besonders wichtig, weil ihm das Thema am Herzen liegt: Der Buchtitel Die Türken kommen weckt zuerst die Befürchtung eines bewaffneten Überfalls der Heerscharen eines osmanischen Sultans, aber der Roman spielt im Hier und Jetzt, und anstelle eines Heeres geht es um nur drei Türken. Die in Berlin lebende türkische Familie Güzel gewinnt bei einem Fernsehquiz einen zweiwöchigen Urlaub in der Sächsischen Schweiz. Die Mutter und ihre zwei erwachsenen Kinder Sevim und Tunc machen auf dem Weg zur Pension eine Pause in einem Burger-Restaurant in Pirna, wo Tunc versehentlich mit einer Spielerin eines Handballvereins zusammenstößt und sich die Getränke über seine Hose und die der jungen Frau ergießen. Ein kurzes, heftiges Kennenlernen, das beiden die Laune verdirbt. 

Marsianer? Romulaner? Nein, nur Türken in Sachsen

 

Die Wirte der Pension in der Nähe von Bad Schandau hatten mit deutschen Gästen gerechnet, aber dass sie nun für zwei Wochen eine türkische Familie beherbergen würden, löst - gelinde gesagt - Irritationen aus. Vor allem dem Sohn der Eheleute sind die türkischen Urlauber ein Dorn im Auge: Mit seiner politischen Gesinnung am äußersten rechten Rand sind für ihn alle Nicht-Deutschen Untermenschen. Doch in der Pension läuft Tunc die Handballspielerin aus dem Burger-Restaurant wieder über den Weg: Sie ist die Tochter der Pensionseigentümer. Obwohl Hanna und Tunc sich zunächst gegen ihre Gefühle, die sie füreinander empfinden, wehren, werden sie ein Paar. Das ruft Hannas Bruder auf den Plan, der gemeinsam mit seinen Freunden aktiv wird. Die Lage wird für Tunc gefährlich.
Die Türken kommen ist mit 84 Seiten eine relativ kurze Geschichte, in der Rainer Böhme den Hass und die Vorurteile beschreibt, die der türkischen Familie in einem sächsischen Dorf entgegenschlagen. Beim Lesen fühlte ich mich an die BRD der 1970er Jahre erinnert, als das "Anderssein" noch deutlich schwieriger war als heute. Ich habe mich gefragt, ob türkische Urlauber in der sächsischen Provinz heute tatsächlich noch so viel Aufsehen erregen, wie es Rainer Böhme beschreibt. Ein Buch, das dem einen oder anderen den Spiegel vorhält.

Mysteriöser Mord in Südsachsen


Das zweite Buch ist aus einem ganz anderen Genre: Rainer Böhme, der früher Kripochef in Berlin-Marzahn war, hat mit Mord in Zittau einen Krimi geschrieben, in den sicher so manche Erfahrung aus seinem damaligen Berufsleben eingeflossen ist. Im sächsischen Zittau wird das Model Alexa Faber tot in im Auto aufgefunden, den Mund voller Geldscheine. Die Tatumstände lassen den Schluss zu, dass ihr Ex-Mann Steffen der Täter ist. Steffen wird verhaftet, beteuert aber seine Unschuld und bittet die befreundete Anwältin Liane Hempel um ihre Hilfe. Ihr steht der frühere Berliner Kriminalbeamte Jürgen Grahl zur Seite, der als Privatdetektiv arbeitet, um seinem Leben als Rentner und Witwer zu entfliehen. Dieses Duo stellt erfolgreich eigene Recherchen an, was den Zittauer Kriminalbeamten nicht immer gefällt. Doch letztlich sind es ihre Beharrlichkeit und Grahls teils leichtsinnige Risikofreude, die dem Fall zum Durchbruch verhelfen und klären, wer Alexa Faber getötet hat und warum.
Beinahe parallel zu diesem Mordfall wird Alexas Tochter Frederike vermisst. Dieser Umstand wird zwar immer wieder in die Handlung eingestreut, die Polizei scheint sich aber nicht vor Eifer zu überschlagen, die Minderjährige wiederzufinden. Das ist irritierend, da bei vermissten Kindern und Jugendlichen üblicherweise alle polizeilichen Register gezogen werden, um die Verschwundenen zu finden.
Der Krimi ist flüssig geschrieben, das Lesevergnügen wird allerdings etwas durch Fehler getrübt, die durch ein aufmerksames Korrektorat und Lektorat hätten vermieden werden können.

Die Türken kommen ist im Selbstverlag erschienen und kann per Mail über den Autor bezogen werden (boehme.sebnitz@t-online.de). 

Mord in Zittau ist im Dresdner Verlag herausgegeben worden und als Taschenbuch für 12,80 Euro erhältlich.

 

Freitag, 27. April 2018

# 146 - Halali - Wenn ein Jagdausflug im Desaster endet

Ein Jagdopfer zuviel

 

John Moon ist das, was man gemeinhin als "arme Sau" bezeichnet: Seine Frau hat ihn vor Kurzem verlassen und den gemeinsamen kleinen Sohn mitgenommen; die Farm, die sein Vater bewirtschaftet hatte, musste dieser verkaufen, weil er völlig pleite war, und John schafft es einfach nicht, einen Job länger durchzuhalten. Er wohnt in einem Trailer-Haus auf dem letzten Stück Land, das von der früheren Farm noch übrig geblieben ist. Damit überhaupt noch Geld reinkommt und der Kühlschrank nicht leer bleibt, geht er wildern. Auch an diesem frühen Sonntagmorgen macht er sich bewaffnet mit seiner Kaliber-12-Flinte noch vor Sonnenaufgang auf den Weg ins Naturschutzgebiet. Ein einziger Schuss von Matthew F. Jones beginnt trotz der bedrückenden Lebenssituation der Hauptfigur mit einer ruhigen Szene, die vom weiteren dramatischen Verlauf des Krimis noch nichts ahnen lässt.

Ein Schuss, der alles ändert 

 

John verfolgt einen Zehnender, doch obwohl er ein guter Schütze ist, ist sein erster Schuss nicht tödlich. Das verletzte und verängstigte Tier kann fliehen und läuft in die Richtung eines ehemaligen Steinbruchs, wo John es aus den Augen verliert. Doch da knackt es neben ihm und er erkennt, wie sich etwas Braun-Weißes hinter einem dichten Busch bewegt. John zielt und trifft offenbar sofort. In diesem Moment prescht der Hirsch hinter ihm auf ihn zu, und John kann ihn nur noch mit einem Schlag seines Gewehrkolbens abwehren. Es gelingt ihm, das Tier zu töten, aber er kommt erst jetzt zum Nachdenken: Auf wen, wenn nicht auf den Hirsch, hat er gerade geschossen? Er umrundet den Busch und findet die Leiche einer jungen Frau - mit einer Schusswunde in der Brust. Von einer Sekunde auf die andere ist Moon zum Mörder geworden. 

Ein Gewissenkonflikt: nehmen oder gehen?

 

Nicht nur Johns Leben gerät in diesem Moment vollends aus den Fugen, sein Verstand tut es auch. Er wird von Schuldgefühlen überwältigt und versucht anhand der Dinge, die das Mädchen bei sich hatte, herauszufinden, wer sie war. Doch er findet weder Hinweise auf ihren Namen noch auf ihren Wohnort. Aber einem Brief, den er bei der jungen Frau findet und der an eine Freudin adressiert ist, entnimmt er, dass sie offenbar mit ihrem Freund unterwegs ist. John begreift, dass dieser Freund nicht weit weg sein kann und womöglich bald wieder auftauchen wird. Er beschließt, die Tote in eine Höhle zu schleppen. Doch er entdeckt Hinweise darauf, dass sich jemand dort zu schaffen gemacht hat. Da es in der Höhle zu dunkel ist, um etwas zu erkennen, beschließt er, in dem Unterstand, den früher die Arbeiter des Steinbruchs benutzt haben, nach etwas Brennbarem zu suchen und findet eine prall mit Geldscheinen gefüllte Metallkassette. Für einen Moment zögert John, ob er das Geld behalten sollte und entscheidet sich dann dafür: Mit dieser großen Summe könnte er vielleicht seine Frau dazu bringen, zu ihm zurückzukehren. John weiß, dass er das tote Mädchen so verschwinden lassen muss, dass es niemand findet. Aber seine Schuldgefühle lassen es nicht zu, die Leiche zu vergraben. Die Entscheidungen für das Geld und gegen eine "Beerdigung" sind es, die die weitere Handlung ins Rollen bringen und John sich wie ein Blatt im Wind fühlen lassen.

Wie war's?

 

Ein einziger Schuss ist ein sehr spannender Krimi, in dem die Polizei nur eine Randerscheinung ist. Hier geht es nicht ums "Whodunit?" und Ermittlungsarbeit. Der Leser weiß, wer die Guten und die Bösen sind, wobei John Moon irgendwo dazwischen anzusiedeln ist. Matthew F. Jones beschreibt sehr authentisch, wie die Entwicklung eine Eigendynamik annimmt und sich die Bedrohung durch die, die das (gestohlene) Geld zu Recht bei John vermuten, immer mehr zuspitzt. Schließlich wird auch eine Unbeteiligte mit hineingezogen und John muss seine letzten Kräfte aufbieten, um sie und sich zu retten. Spannend bis zur letzten Seite.

Ein einziger Schuss ist im Polar Verlag erschienen und kostet als Klappenbroschur 14,90 Euro sowie als epub- oder Kindle-Ausgabe 9,99 Euro.  

Freitag, 20. April 2018

# 145 - Auf einer Hallig hat man seine Ruhe...

Ja, seine ewige Ruhe!

 

Mord auf der Hallig ist der neueste Nordseekrimi
von Ulrike Busch, in dem, wie es sich für einen "ordentlichen" Krimi gehört, Menschen aus niederen Beweggründen anderen Menschen nach ihrem Leben trachten. Kurz: Sie morden. Diesmal wird die Idylle der Hallig Langeneß getrübt und treibt die Polizei für ihre Ermittlungen auf die Warften.

Déjà-vu für Kriminalhauptkommissar Kuno Knudsen

 

Mord auf der Hallig ist der vierte Fall der Reihe "Ein Fall für die Kripo Wattenmeer". Der erste, Der Pfauenfedernmord, wurde hier bereits vorgestellt. Kuno Knudsen und sein Kollege Arne Zander von der Kripo Wattenmeer haben ein paar Tage Urlaub und wollen sich auf der Hallig Langeneß einfach nur erholen. Doch dann wird nach einer Nacht, während der eine heftige Sturmflut getobt hat, die Naturschützerin Beeke Klock tot in einer Bucht gefunden, kurz danach auch ihr Fahrrad. Knudsen und Zander beginnen mit ihren Ermittlungen, die sich auch wegen der norddeutschen Zurückhaltung der Halligbewohner ziemlich schwierig gestalten. Die Kriminalbeamten erfahren von einer Informationsveranstaltung, die am Vorabend im Forschungsinstitut "Nordfriesische Halligen" stattgefunden hatte, dessen Gründerin eben jene Frau Klock ist, die nun leblos im Sand von Langeneß liegt. Es drehte sich um ein aufwendiges Warftenzukunftsprogramm, das von der verantwortlichen Mitarbeiterin des Landesamts für Küstenschutz, Britta Tjaden, vorgestellt worden war. Britta stammt selbst von Langeneß, sodass man hätte meinen können, dass sie bei ihren früheren Nachbarn auf offene Ohren gestoßen war. Doch das Gegenteil war der Fall: Dem Grundanliegen, die Warften zu erhöhen und die Häuser darauf auch für die nächsten Jahrzehnte hochwassersicher zu machen, stimmten die Bewohner grundsätzlich zu. Aber der Teufel lag auch hier im Detail: Das Land Schleswig-Holstein wollte lediglich die Erhöhungen bezahlen, für die Abriss- und Wiederaufbaukosten ihrer Häuser sollten die Halligbewohner selbst aufkommen. Als ob diese Zumutung nicht schon reichen würde, wurden den Einheimischen die Entwürfe der Architektin Babsi Manhardt, wie ihre neuen Häuser aussehen sollten, vorgestellt: Keine mit Reet gedeckten roten Backsteinhäuser, wie sie für die Nordseeküste typisch sind, sondern Flachdachgebäude mit großen Glasfenstern. Die Volksseele im Saal brodelte so laut wie das Meer um die Hallig.

Das Leben auf Langeneß kann ungesund sein...

 

Etwa zeitgleich mit dem Fund der Leiche von Beeke Klock wird das spurlose Verschwinden von Britta Tjaden bekannt. Erste Mutmaßungen machen die Runde: Ist sie für Beekes Tod verantwortlich, weil sich die Naturschützerin vehement gegen Brittas Projekt ausgesprochen hatte? Aber wie hätte Britta Langeneß dann verlassen sollen? Klar ist nur: Sie ist kurz nach dem Ende der Informationsveranstaltung noch per Fahrrad auf der Hallig unterwegs gewesen, um Fotos von deren Zustand vor der Sturmflut zu machen. Ihre Schwester Tilda hatte ihr wegen des immer stärkeren Windes davon abgeraten, aber Beeke hatte das Risiko auf sich genommen. 
Tilda meldet ihre Schwester jedoch erst am Morgen nach dem Unwetter als vermisst, ihre persönliche Betroffenheit hält sich in Grenzen. Auch Brittas Ehemann Paul, der telefonisch von der Polizei über das Verschwinden seiner Frau informiert wird, ist eher mäßig besorgt. Doch das Rätselraten dauert nur kurz: Im Deichvorland von Pellworm wird eine Frauenleiche angespült. Nach kurzer Zeit steht fest, dass es sich um die Vermisste handelt. Hat ihr Ehemann, der sich als spielsüchtiger und hoch verschuldeter, aber leider erfolgloser Unternehmensberater entpuppt, etwas mit ihrem Tod zu tun? Und was macht dieser Tourist Mario Meier eigentlich wirklich auf der Hallig? Sucht er tatsächlich nach seltenen Pflanzen und Tieren oder treibt ihn etwas anderes nach Langeneß? 
Die Liste der Verdächtigen wird immer länger, aber nach und nach kommen immer mehr Sachverhalte ans Licht, die Zweifel an Britta Tjadens Integrität aufkommen lassen: Hat die Landesbedienstete tatsächlich Bestechungsgelder von einem wohlhabenden Halligbewohner entgegengenommen, wie es Babsi Manhardt gesehen haben will? Oder war alles doch ganz anders?
Kuno Knudsen und Arne Zander haben alle Hände voll zu tun, die beiden Todesfälle aufzuklären. Doch Knudsen ist noch nicht fertig mit Langeneß: Vor sieben Jahren schaffte er es nicht, die Gründe für das Verschwinden einer jungen Dänin zu ermitteln. Wird es ihm jetzt gelingen?

Wie war's?

 

Mit Mord auf der Hallig gelingt es Ulrike Busch, ihren Lesern nicht nur einen spannenden Krimi zu präsentieren, sondern sie auf authentische Weise an die Nordsee zu entführen und ihnen das Leben und Wesen der Halligbewohner nahezubringen. Das Buch ist sehr unterhaltsam geschrieben und lässt sich flott lesen. Die Autorin nimmt auf ein aktuelles Thema Bezug, mit dem sich die Halligbewohner und die zuständigen Behörden beschäftigen: Das Ansteigen der Meeresspiegel und die Häufung von schweren Sturmfluten zwingt zum Handeln, Aufwarftungen haben bereits stattgefunden und weitere werden folgen. Auf der Seite Biospäre Die Halligen gibt es weitere Informationen hierzu.

Mord auf der Hallig wurde über Books on Demand Norderstedt herausgegeben und kostet als Taschenbuch 9,99 Euro sowie als epub- oder Kindle-Edition 3,99 Euro. 

Freitag, 13. April 2018

# 144 - Doppelagent ohne Heimat

"Ich will zeigen, wie der Westen den Krieg erzählt"

 

Dieses Zitat stammt von Viet Thanh Nguyen, der mit seinem Roman Der Sympatisant einen neuen Blick auf das Geschehen im Vietnamkrieg geschaffen hat. Der Autor stammt aus Vietnam und floh 1975 im Alter von vier Jahren kurz vor dem Fall Saigons mit seinen Eltern in die USA. Sein Buch ist der Versuch, den Vietnamkrieg aus einer nicht-amerikanischen Perspektive zu beschreiben. Das ist sowohl in der Literatur als auch beim Film eine große Ausnahme. Viet Thanh Nguyen erhielt dafür 2016 den Pulitzerpreis und den Edgar Allan Poe Award.


Wohin gehöre ich?

 

Der namenlose Erzähler in diesem Roman ist als Hauptmann die rechte Hand eines südvietnamesischen Generals und kann mit ihm und dessen Frau in letzter Minute aus Saigon in die USA fliehen, bevor der Vietcong die Hauptstadt einnimmt. Dem General ist nicht klar, dass sein Adjutant ein kommunistischer Spion des Vietcong ist, der seine verschlüsselten Aufzeichnungen regelmäßig an eine Kontaktperson in Europa schickt. Der Erzähler hält sich auch in den USA immer in der Nähe des Generals auf und empfindet sein Leben in Kalifornien als zwiespältig: "Die Mehrheit der Amerikaner begegnete uns mit gemischten Gefühlen, wenn nicht sogar mit unverhohlener Abneigung, da wir die personifizierte Erinnerung an ihre schmerzhafte Niederlage waren." So erklärt sich auch, dass sich die Mehrheit der Exil-Vietnamesen auf einem niedrigen sozialen Niveau einrichten muss: Der früher geachtete General eröffnet einen Schnapsladen, andere Landsleute gehen putzen oder arbeiten als Tankwart. 

Das ganze Leben des Mannes ist geprägt von Zerrissenheit. Er ist als Sohn einer Vietnamesin und eines französischen Missionars in Südvietnam geboren worden, was zur ersten Ausgrenzung in seinem Leben führte: Er sah nun mal nicht aus wie ein richtiger Vietnamese. Da er als junger Mann in den USA studiert hatte, wurde ihm bei seiner Rückkehr in die Heimat von den Kommunisten Misstrauen entgegengebracht: War er nicht viel zu westlich, um einer der ihren zu sein? 
Der ehemalige Hauptmann hat in seiner Zeit in Kalifornien das Glück, als früherer Student einen Aushilfsjob an seiner ehemaligen Universität am Institut für Orientalistik zu bekommen. Während dieser Zeit wird er auch Berater für einen Film, der sich mit dem Vietnamkrieg beschäftigt. Sein Ziel ist es, die Situation auch aus der Sicht des vietnamesischen Volks zu erklären und ein Stück weit von der amerikanisch geprägten Sichtweise abzurücken. Er widmet sich dieser Aufgabe mit vollem Einsatz, muss dann aber feststellen, dass seine berechtigten Einwände nicht berücksichtigt wurden und sein Name trotz seines intensiven Mitarbeit nicht den Sprung in den Abspann schaffte, wo sogar ein Hund aufgeführt wurde. Die Parallelen zu Francis Ford Coppola und dem bekannten Film "Apocalypse Now" sind da nicht zu übersehen.
Später dann, als der Erzähler nach Südvietnam zurückkehrt, begleitet er eine revanchistische Gruppe dabei, über Laos in das Vereinte Vietnam einzudringen, wo sie dem Widerstand gegen das neue Regime Nahrung geben soll. Dieser Auftrag ist ein gefährliches Himmelfahrtskommando, das die Gruppe zum Teil in den Tod führt. Die Überlebenden werden in ein entlegenes Lager des Vietcong gebracht, wo der Erzähler gefoltert wird, obwohl er die Aktion an den Vietcong verraten hat. Man erwartet von ihm, dass er seine wahre Gesinnung bekennt und ein Geständnis aufschreibt, dass er vom Westen infiziert worden sei. Er weigert sich jedoch, Klischees zu formulieren und wird nach einem Jahr Einzelhaft fast zu Tode gefoltert.

Wie war's?

 

Der Sympathisant schafft es, das Geschehen rund um den Vietnamkrieg mit all seinen Gräueltaten auf amerikanischer und vietnamesischer Seite neu aufzurollen. Viet Thanh Nguyen schildert, wie sein Erzähler zwar unter seinem Doppelleben leidet, sich aber auch nicht klar für eine Lebenswelt entscheiden kann. Interessant sind dabei die Parallelen zu einem vietnamesischen Doppelagenten, der in der Zeit des Vietnamkriegs in den USA als Reporter für die Nachrichtenagentur Reuter und die TIME arbeitete und nach Feierabend Berichte nach Hanoi schickte: Pham Xuan An hatte Kontakte, die bis in die höchsten Kreise des südvietnamesischen Militärs sowie der US-Armee und dem CIA reichten, ohne dass jemand von seiner geheimen Arbeit für die Befreiungsarmee wusste. Er starb 2006.
Der Sympathisant ist ein sehr vielschichtiger und anspruchsvoller Roman, der viele Themen aufgreift und auch da, wo es ans "Eingemachte" geht, kein Blatt vor den Mund nimmt. 

Der Sympathisant ist im Blessing Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 24,99 Euro sowie als epub- oder Kindle-Edition 19,99 Euro. Das Buch wurde mir vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke. 

Wer noch mehr über das Thema lesen möchte, dem empfehle ich dieses Buch: Vietnam - Gesichter und Schicksale von Anna Mudry. Die DDR-Journalistin ist zwischen den Vietnamkriegen in das Land gereist und schildert ihre Eindrücke.

 

Freitag, 6. April 2018

# 143 - Heile Welt im Kinderzimmer?

Das schlimmste Unglück, das sich Eltern vorstellen können




Dann schlaf auch du von der französisch-marokkanischen Schriftstellerin Leïla Slimani ist überwiegend in der Rue d'Hauteville im 10. Arondissement von Paris angesiedelt. Das Ehepaar Paul und Myriam Massé lebt dort mit seiner kleinen Tochter Mila und dem Sohn Adam, der noch ein Baby ist. Das Buch beginnt mit dem Schlimmsten: Während die Eltern bei der Arbeit sind, werden die Kinder Adam und Mila von ihrem Kindermädchen Louise so schwer mit einem Sushi-Messer attackiert, dass Adam noch in der Wohnung und seine Schwester im Krankenhaus stirbt. Das Kindermädchen versucht, sich in der Badewanne durch das Aufschneiden der Pulsadern umzubringen, wird aber lebend ins Krankenhaus gebracht, wo sie ins Koma fällt.

Wie bekommt man sein Leben mit Kindern in den Griff?


Die Probleme beginnen für Myriam nach der Geburt von Adam: Alles ist mit zwei Kindern mühsamer, die junge Mutter vermisst Ruhe und Freizeit sowie anregende Gespräche, die sich mal nicht immer nur um den Nachwuchs drehen, und trauert nach ihrem entbehrungsreichen Jurastudium den verpassten Jobchancen hinterher. Ihr Mann ist ein aufstrebender Musikproduzent, hat reichlich Abwechslung, aber für Myriams Befindlichkeiten nur begrenzt Verständnis.  Als sie sich immer mehr sozial isoliert und ihr ihre Unzufriedenheit auch durch äußerliche Nachlässigkeit anzusehen ist, trifft sie zufällig ihren ehemaligen Kommilitonen Pascal auf der Straße. Diese Begegnung lässt sie die Kluft zwischen ihrem jetzigen und dem Leben, das sie ohne ihre Kinder hätte führen können, noch deutlicher spüren. Ihre Verzweiflung ist so groß, dass sie zusammen mit ihrem Mann nach einer Möglichkeit sucht, die Kinder tagsüber zuverlässig betreuen zu lassen. Der Zeitpunkt für eine Unterbringung in einer Krippe ist ungünstig, deshalb entscheiden sie sich, nach einem Kindermädchen zu suchen. 
Doch Myriam fühlt auch den Zwiespalt, den ihre Entscheidung mit sich bringt: Sie hat ihre Kinder von ihrem ersten Atemzug an ununterbrochen um sich gehabt, sie allein fühlt zuverlässig, wie es ihnen geht. Die junge Mutter ist davon überzeugt, dass niemand so gut auf Mila und Adam aufpassen kann wie sie.

Paul und Myriam bitten mehrere Bewerberinnen zu einem Vortsellungsgespräch. Auch Louise ist eingeladen, die sofort einen sehr guten Eindruck hinterlässt: Mila ist ihr gegenüber völlig unbefangen, und Louise wirkt selbstsicher und in sich ruhend. Sie kann mit Referenzen aufwarten: Ihre früheren Arbeitgeber loben sie in den höchsten Tönen. Louise bekommt die Stelle.

Man kann in niemanden hineinsehen


Slimani baut die Handlung so geschickt auf, dass die Spannung nie verloren geht, obwohl der grausige Höhepunkt von Beginn an bekannt ist. Sie schildert das trostlose Leben von Louise, die einige Jahre zuvor Witwe geworden ist. Ihr Mann war primitiv und grob; die Ehe als freudlos zu bezeichnen, wäre noch geschmeichelt. Ihre heute erwachsene Tochter hat als Jugendliche gegen ihre Eltern und das triste Zuhause rebelliert und ist als Teenager plötzlich verschwunden. Louise hat ihr Verschwinden nie bei der Polizei gemeldet, ihr Kind nie gesucht und nur über die nachbarschaftliche Gerüchteküche erfahren, in welcher Gegend Frankreichs  sich ihre Tochter aufhält. Nach dem Tod ihres Mannes erbt sie dessen Schulden und muss aus dem bescheidenen Eigenheim in eine verrottete Mietwohnung in einem schlechten Pariser Viertel ziehen. Ihre Sozialkontakte beschränken sich seit ihrer Einstellung bei der Familie Massé auf sie und eine andere Nanny, die sie durch die regelmäßigen Besuche des nahen Spielplatzes kennt.

Bei den zunächst seltenen Begegnungen bemerkt Myriam, dass sich Louise nicht immer so benimmt, wie man es von einer Erwachsenen erwarten würde. Indianerspiele spielt sie mit ihren beiden Schützlingen mit einer so großen Ernsthaftigkeit und Intensität, die sonst nur für Kinder typisch ist. Für die Eltern bleibet noch unbemerkt, dass ihr Kindermädchen mit Adam und Mila auch eigentlich harmlose Spiele in für die Kinder beängstigende Szenarien verwandelt, bei denen die beiden regelmäßig in Tränen ausbrechen und völlig verzweifelt sind. Hier ahnt der Leser, dass mit Louise irgendetwas nicht stimmen kann.
Das, was Paul und Myriam an Louise schätzen, ist ihre unbedingte Zuverlässigkeit und grenzenlose Flexibilität: Es ist für sie kein Problem, mehrnals pro Woche auch am späten Abend auf die Kinder aufzupassen, wenn ihre Arbeitgeber mal etwas allein unternehmen wollen. Sie begleitet die Familie sogar in den Urlaub nach Griechenland. Louise sickert nach und nach förmlich in die Familie ein und macht sich unentbehrlich. Je mehr dieser Prozess voranschreitet, desto mehr versucht sie jedoch auch, die Eltern zu beeinflussen. Es ist ihr da bereits gelungen, die beden Kinder zu manipulieren. Doch je deutlicher ihre Bemühungen in dieser Richtung sind, umso stärker versucht sich insbesondere Myriam gegen sie abzugrenzen. Sie spürt ihr eigenes Unbehagen ihrer Angestellten gegenüber und möchte mit ihr so wenig wie möglich in einem Raum sein. Andererseits ist sie sich aber deutlich bewusst, dass sie und Paul Louise brauchen, wenn sie weiterhin beide in ihren Berufen erfolgreich sein wollen. Ein ums andere Mal schieben Paul und Myriam ihre Bedenken beiseite. Auch dann, als es zwischen Paul und Louise nach einem Vorfall um Mila zu einer handfesten Auseinandersetzung kommt und sich die Eltern mehr und mehr über Louises Art ärgern. Durch einen Zufall efahren Paul und Myriam, dass ihr Kindermädchen wegen Forderungen der Finanzbehörde in ernsten finanziellen Schwierigkeiten steckt und fordern sie auf, diese zu regeln. Dass Louise so sehr in der Klemme steckt, dass sie nicht mal mehr ihre marode Unterkunft bezahlen kann, ahnen sie nicht. Auch nicht, dass ein Arzt eines nahen Krankenhauses ihr einmal eine "delirierende Melancholie" diagnostiziert hatte. Immer, wenn Myriam sich über einzelne Reaktionen oder Varhaltensesien Louises wundert, schiebt sie ihr ungutes Gefühl beiseite und macht sich selbst Vorwürfe, dass sie sich der Nanny gegenüber nicht sensibel genaug verhält. Der Umstand, dass sich die Massés und ihre Angestellte in zwei sehr unterschiedlichen sozialen Schichten befinden, wird im Laufe der Handlung allen Beteiligten mit einer immer bedrückenderen Klarheit bewusst. Doch dass die Nanny ihre Pflichten der Familie gegenüber grob vernachlässigt und immer stärker von ihrem psychisch desolaten Zustand in einem Klammergriff gehalten wird, ahnen weder Paul noch Myriam. Louise verändert sich von einem den Kindern zugewandten Menschen zu einem Monster. 

Wie war's?

 

Dann schlaf auch du schafft das Kunststück, dass man das Buch bis zum Schluss nicht zur Seite legen mag, obwohl das schreckliche Finale bekannt ist. Bis zur letzten Seite wollen etliche Fragen, die sich dem Leser zwangsläufig stellen, beantwortet werden: Wann überwinden die Eltern endlich ihre Zweifel? Wie konnte es so weit kommen, dass Louise sich an den hilf- und arglosen Kindern vergreift, die ihr vertrauen? Für diesen Roman wurde Leïla Slimani mit dem höchsten Literaturpreis Frankreichs, dem Prix Goncourt, ausgezeichnet. Ich finde, verdient.

Dann schlaf auch du ist im Luchterhand Verlag erschienen und kostet als gebundenes Buch 20 Euro, als epub- oder Kindle-Edition 15,99 Euro, als Hörbuch 12,99 Euro und als Audio-CD 12,62 Euro.