Sonntag, 17. September 2017

Deutscher Buchpreis 2017 - die Shortlist

Diese sechs Bücher sind eine Runde weiter


Die Jury hat eine Entscheidung getroffen und die 20 Titel umfassende Longlist auf nun sechs eingedampft. Geschafft haben es 
  • Romeo oder Julia von Gerhard Falkner,
  • Das Floß der Medusa von Franzobel,
  • Schlafende Sonne von Thomas Lehr,
  • Die Hauptstadt von Robert Menasse,
  • Die Kieferninseln von Marion Poschmann und
  • Außer sich von Sasha Marianna Salzmann.

Damit sind immerhin drei meiner sieben Favoriten in der letzten Runde. Am 9. Oktober wird bekannt gegeben, wer das Rennen gemacht hat und sich über das Preisgeld und sehr wahrscheinlich auch über angekurbelte Buchverkäufe freuen darf. Mein Tipp, der durch nichts außer mein Bauchgefühl begründet ist: Franzobel kann 25.000 Euro auf den Kopf hauen oder etwas anderes damit machen. Warten wir's ab.


Freitag, 15. September 2017

# 117 - Mord in Namibia

Die deutsche Kolonialherrschaft wirkt bis heute nach

 

Die Journalistinnen Almut Hielscher und Uta König haben die Handlung ihres Krimis Mord am Waterberg nach Namibia gelegt, das in der Zeit des deutschen Kolonialismus ab 1884 den Namen Kolonie Deutsch-Südwestafrika trug. Schon auf Seite 11 wird schlagwortartig erläutert, wie die deutsche mit der namibischen Geschichte verwoben ist: Während der 40er Jahre des 19. Jahrhunderts errichteten die ersten deutschen Missionare Stationen und begannen, den Ureinwohnern das nahezubringen, was sie für den rechten Glauben hielten. Den Grundstein für die spätere Kolonialisierung legte der deutsche Kaufmann Adolf Lüderitz, der sich mit Verträgen, in denen die Einheimischen übers Ohr gehauen wurden, 580.000 Quadratmeter Land an der Westküste kaufte. 1884 wurde das Gebiet zum sog. Schutzgebiet, danach zur deutschen Kolonie. Diamantfunde weckten dann Begehrlichkeiten im fernen Deutschland, es kamen immer mehr deutsche Einwanderer. Je größer ihre Zahl wurde, umso größer wurde der Widerstand der Einheimischen, sodass Reichskanzler Bismarck immer mehr Soldaten schickte, um die Einheimischen in Schach zu halten. Die hatten allerdings mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts genug von Ausbeutung, Unterdrückung und Landnahme durch die Deutschen: Nacheinander erhoben sich zwischen 1904 und 1908 mehrere Stämme, die von den deutschen Truppen niedergemetzelt wurden. Als entscheidendes Ereignis gilt die Schlacht am Waterberg, bei der 80 % der Hereros ihr Leben verloren; nicht zuletzt, weil sie unter dem Kommando von Generalleutnant Lothar von Trotha in der Omaheke-Wüste eingekesselt wurden und dort verdursteten.


Ist so viel Geschichte wirklich nötig?

 

Bei diesem Buch eindeutig ja. Ohne ein Mindestmaß an Kenntnissen über die deutsche Kolonialherrschaft kann man die im Buch beschriebenen Befindlichkeiten und Verhaltensweisen der Namibier nicht nachvollziehen. Das Erbe dieser Zeit wirkt bis heute nach: Die größten Farmen mit den ergiebigsten Böden gehören immer noch den Nachfahren der deutschen Siedler, deutsche Farmnamen sind nichts Ungewöhnliches. 
In dieses Land fliegt im August 2004 die Buchhändlerin Katrin Sattler. Nicht, um dort Urlaub zu machen und Landschaft und Tierwelt zu bestaunen, sondern um ihre tote Schwester Anna nach Hause zu holen. Wenige Tage zuvor wurde Anna in ihrem Haus in Okakarara erschlagen gefunden. Sie war dort vier Jahre für den Deutschen Entwicklungsdienst in einem Kulturverein tätig gewesen und hatte gegenüber ihrer Schwester immer von ihrer Arbeit sowie Land und Leuten geschwärmt. Katrin hatte sich nie überwinden können, Anna dort zu besuchen, und so hatte sich ihr Kontakt im Wesentlichen auf Telefongespräche beschränkt. Ihr Plan ist, nur so viel Zeit in Namibia zu verbringen, wie nötig ist, um die Überführung der Schwester zu regeln und den Sarg ins heimische Stuttgart zu begleiten. Aber es soll anders kommen.

Wer hat Anna getötet?

 

Von Annas Chef Arnold erfährt Katrin, dass sich der Mörder bereits in Untersuchungshaft befindet. Das wird von der örtlichen Polizei bestätigt: Anhand von angeblich eindeutigen Indizien wurde ein Siebzehnjähriger als Täter für den Raubmord identifiziert, der jedoch vehement abstreitet, etwas mit dem Verbrechen zu tun zu haben. Aber als Katrin in Annas Haus ist, bemerkt sie, dass alles, was einen nennenswerten Wert hatte, noch da ist. Sie hat an der Raubmord-Theorie erste Zweifel. Die sollen sich auch weiter verdichten, als ihr immer mehr Ungereimtheiten auffallen: Sie ist sich sicher, dass Arnold, der erheblich zur Verhaftung des jungen Mannes beigetragen hat, selbst keine weiße Weste hat. Da sich dieser auch ihr gegenüber merkwürdig verhält, beginnt Katrin, eigene Nachforschungen anzustellen. Sie findet heraus, dass der verhaftete Tatverdächtige für den Tatzeitraum ein Alibi hat: Er hat über mehrere Stunden hinweg in Arnolds Garten gearbeitet. Außerdem findet sie im Haus des Vereinschefs zwei Aktenordner und eine Kladde, die kurz zuvor aus Annas Haus gestohlen worden waren. Als Katrin ihre Beobachtungen der Polizei schildert, werden die Vorgänge verharmlost und sie wird nicht ernst genommen. Doch als sie nach einem nächtlichen Drohanruf Anzeige erstattet, wird man auch dort hellhörig. Ein Besuch auf der Farm, die einst von ihrer Großtante und deren Mann bewirtschaftet wurde und heute einer einheimischen Familie gehört, irritiert sie: Die Feindseligkeit, die ihr von der Mutter und einem der Söhne entgegenschlägt, kann sie sich nicht erklären. Auch ihre Schwester hatte die Familie besucht, um mehr über die längst verstorbene Großtante zu erfahren. Katrin beschließt, erst dann die Heimreise anzutreten, wenn zweifelsfrei feststeht, wer Anna getötet hat. Es gibt mehrere Menschen, denen das nicht gefällt. Doch sie findet Unterstützung in Annas Freundin Agnes und Chief John Kambanda, die auch für Katrins Schwester gute Freunde waren.


Wie war's?

 

Mord am Waterberg hat einen starken historischen Bezug. Die Bundesrepublik Deutschland hat sich zwar 2004 zu den Gräueltaten während ihrer Kolonialherrschaft bekannt, wies aber Entschädigungsforderungen zugunsten von mehr Entwicklungshilfe zurück. Anfang 2017 reichten Vertreter der Herero und der Nama vor einem New Yorker Schiedsgericht eine Sammelklage ein. Die namibischen Verhandlungsführer haben durch ein Gutachten Reparationen in Höhe von 30 Milliarden Euro ermitteln lassen. Vieles, was zum Verständnis der Vorbehalte der Namibier gegenüber Deutschen nötig ist, wurde im Buch angesprochen. Das Thema dürfte heute vielen Deutschen nicht mehr präsent sein; so erklärt sich auch die Naivität, mit der sich Katrin oft in Namibia bewegt.
Die Idee, einen fast vergessenen Teil der deutschen Geschichte mit der Handlung eines Krimis zu verknüpfen, ist sehr interessant. Aber so genau die Beschreibung des historischen Hintergrunds und der heutigen Lebensverhältnisse ist, so flach ist die Zeichnung der einzelnen Charaktere: Sie bleiben eindimensional, weil wie in einer Reportage zwar ihr Handeln geschildert wird, aber oft unklar bleibt, was sie dazu bewogen hat. Warum beispielsweise aus dem Geplänkel zwischen Katrin und einem deutschen Biologen in der Bar einer Pension dann offenbar eine ernsthafte Liebebeziehung wird, ist kaum nachvollziehbar. Es ist diese Flachheit der Figuren, die dazu führt, dass dem Buch die wirkliche Spannung fehlt und es schwerfällt, sich in eine der Personen hineinzuversetzen.

Mord am Waterberg ist bei Pro Talk Crime erschienen und kostet als Taschenbuch 11,90 €. Das Buch wurde mir von der Agentur KongKing zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke.
 

Sonntag, 10. September 2017

Die Hotlist aus den unabhängigen Verlagen

Den kleinen Verlagen eine Chance geben

 

Rund um die beiden Buchmessen in Leipzig und Frankfurt werden gerne Literaturpreise vergeben. Angesichts der vom 11. bis zum 15. Oktober 2017 stattfindenden Frankfurter Buchmesse wird der Deutsche Buchpreis im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen, über den ich hier auch bereits geschrieben habe. Aber wer diesen Blog ein bisschen kennt, weiß, dass ich versuche, auch "die Kleinen" nach vorn zu bringen: sowohl die Self Publisher, die ihre Bücher ohne die Unterstützung eines Verlags auf den Markt bringen, als auch die unabhängigen Verlage. Aber was hat es mit diesen unabhängigen Verlagen auf sich? Ist nicht jeder Verlag unabhängig?

Das macht unabhängige Verlage aus

 

Zu den Unabhängigen zählen diejenigen Verlage, die sich nicht unter dem Dach eines Großverlags wie z. B. Random House (dazu gehören u. a. Blanvalet, Siedler oder Heine) oder dem Wissenschaftsverlag Elsevier befinden. Auf diesem Blog finden sich z. B. die Krimis Brant  und Libreville aus dem Polar Verlag, Die 7 größten Irrtümer über Frauen, die denken und Die heiklen Passagen der wundersamen Herren Wilde & Hamsun aus dem Verlag Matthes & Seitz oder Mallorca clásica aus dem Heel Verlag.
Die Qualität der Bücher steht denen aus den Großverlagen in nichts nach, ich würde sogar behaupten, dass in den unabhängigen Verlagen sorgfältiger gearbeitet und sehr oft mehr Wert auf Qualität gelegt wird. Diesen Anspruch stellte auch der A1 Verlag an sich, der in der Bücherkiste mit dem Roman Herr der Krähen des "ewigen" Anwärters auf den Literatur-Nobelpreis, Ngũgĩ wa Thiong’o, vertreten ist. 1990 gegründet, landete er mit dem 1998 erschienen Buch Die weiße Massai einen Publikumserfolg, der Geld in die Kasse spülte. Der hohe Anspruch, den die drei Gründer an ihr Programm stellten, lässt sich nun aus wirtschaftlichen Gründen nicht mehr halten: Der Verlag befindet sich aktuell in der Liquidation.

Der Weg zur Hotlist 2017

 

Seit 2009 wird der "Preis der Hotlist" vom Verein der Hotlist ausgeschrieben. In diesem Jahr wurden von den unabhängigen Verlagen 184 Titel zur Prämiierung eingereicht, die zwölf Kategorien zugeordnet sind. Die Jury setzt sich zusammen aus einer schweizer Buchhändlerin, einem Autor, zwei Literaturwissenschaftlern sowie einem Redakteur bei ZDF-Kultur. Die 30 Bücher, die zur Wahl gestanden haben, wurden von dieser Jury ausgesucht. Anschließend konnte jeder Internetnutzer unter der Adresse www.hotlist-online.com an der Wahl teilnehmen. Die drei Titel, die mit den meisten Stimmen aus dieser Wahl hervorgehen, zogen in die Hotlist ein, weitere sieben Vorschläge steuerte die Jury bei. Welches der letzten zehn Bücher den Preis der Hotlist in Höhe von 5.000 Euro bekommt, entscheidet ebenfalls das Expertengremium. Auch Buchhändlerinnen und Buchhändler haben ein Wort mitzureden: Sie stimmen ab, welcher der Hotlist-Titel den Melusine-Huss-Preis erhält, der dem entsprechenden Verlag einen 4.000-Euro-Druckgutschein der Druckerei Christian Theiss GmbH sichert. Die Preisverleihung findet in diesem Jahr am 14. Oktober im Literaturhaus Frankfurt statt.

Das ist die Hotlist 2017

 

Der Verlag Assoziation A schlug erfolgreich den Titel Über Grenzen von Lutz Taufer vor. Der Autor schildert in seiner Autobiographie sein Leben im politisch linken Spektrum, angefangen vom Sozialistischen Patientenkollektiv über die RAF bis zur heutigen 
Mitgliedschaft im Weltfriedensrat. 


 

Aus dem bilgerverlag kommt Notre-Dame-de-la-Merci von Quentin Mouron. Ein tragischer Roman um drei Menschen, der in einem kanadischen Dorf spielt, das dem Buch seinen Titel gab.



 


In der Edition Korrespondenzen ist Das Einsame Begräbnis des Autorenduos Maarten Inghels und F. Starik veröffentlicht worden. Hier geht es um sehr persönliche Gedichte, die im Rahmen eines Projekts in den Niederlanden und in Flandern für Verstorbene, die vereinsamt gelebt haben, geschrieben und bei ihrer Bestattung vorgetragen werden.


 

Der lichtung verlag hat den Roman Schwimmerbecken von Ulrike Anna Bleier herausgegeben. Es geht um Luises Zwillingsbruder, der fünf Jahre verschwunden war und nach seinem überraschenden Auftauchen nur noch Indonesisch spricht. Luise geht der Sache auf den Grund.


 


Der Verlag Matthes & Seitz Berlin hat den Titel Strategien der Wirtsfindung zum Wettbewerb eingereicht. Brigitta Falkner entwirft auf 200 ganzseitigen Bild- und Texttafeln eine fröhliche Parasitologie, die zwischen Fiktion und Fakten pendelt. 


 


Guy Delisle hat die Geschichte des ehemaligen "Ärzte ohne Grenzen"-Mitarbeiters Christoph André als Graphic Novel aufgezeichnet. Im bei Reprodukt herausgegebenen Titel Geisel schildert er, wie er 1997 im Nordkaukasus von tschetschenischen Separatisten entführt und 111 Tage in Geiselhaft gehalten wird. 


 

Halb Taube halb Pfau von Maren Kames ist ein Leseerlebnis der besonderen Art. Zitat der Inhaltsbeschreibung: " HALB TAUBE HALB PFAU kennt keine Genregrenzen. Die Textspiegelungen oszillieren zwischen Prosa, Lyrik und Drama." Für dieses beim Secession Verlag für Literatur erschienene Buch erhielt die Autorin den Düsseldorfer PoesieDebütPreis. 


 

Goldgefasste Finsternis ist das erste Buch des Österreichers Arno Tauriinen, das bei Topalian & Milani erschienen ist. Der Teufel ersinnt darin die Stadt "W", und die ganze Welt wird in ein Theaterstück transformiert.


 



Der Verlag Wallstein hat den Roman Als ob sie träumend gingen veröffentlicht. Anna Baar lässt ihre Hauptfigur die Ereignisse eines bestimmten Tages auf Band sprechen. Doch erst, als der Mann im Sterben liegt, wird ihm klar, was an diesem Tag wirklich geschah. Ein Buch um eine verpasste Liebe und menschliche Abgründe. 


 

Im Wieser Verlag ist Miroslav Krležas Roman Die Fahnen erschienen. Das Buch ist so etwas wie eine Chronik der Schicksale der serbischen, kroatischen und ungarischen Intelligenz im 20. Jahrhundert. Zum Lesen braucht man einen ziemlich langen Atem: Die deutsche Übersetzung ist 2.300 Seiten lang. 

Alle zehn nominierten Titel auf einen Blick einschließlich Leseproben gibt es hier.

Freitag, 8. September 2017

# 116 - Lasst uns reden

Ein Vater im Gespräch mit seinen erwachsenen Kindern 

 

Der Kulturwissenschaftler und Kulturmanager Martin Roth hat sich mit seinen 20 bzw. 28 Jahre alten Töchtern Clara und Mascha sowie seinem 27 Jahre alten Sohn Roman zusammengesetzt und geredet: über die Welt, Europa, Deutschland und die Familie. In diese Kapitel ist das aus dieser Diskussion entstandene Buch Widerrede! aufgeteilt, das am 28. August 2017, gut drei Wochen nach Roths Tod, erschienen ist.


Was gibt es da zu reden?

 

Eine Menge. Es geht darum, herauszufinden, wo man in diesen Zeiten, in denen nicht nur eine Krise die andere abzulösen scheint, sondern sich mehrere Unruheherde parallel abspielen, selbst steht. Es geht auch um den Mut, sich deutlich zu positionieren, anstatt sich mit bestenfalls lauwarmen Meinungsäußerungen aus der Affäre zu ziehen. Es geht darum, dem (Rechts-)Populismus etwas entgegenzusetzen und sich politisch einzubringen.
In seinem Vorwort hat Martin Roth deutlich formuliert, was ihn umtreibt: Er sah sich als Europäer, der damit, dass Großmäuler wie Nigel Farage und Boris Johnson nicht nur ihr Land gespalten, sondern es in den Brexit getrieben haben, um kurz nach der Wahl einen Rückzieher zu machen und ihre markigen Slogans zu relativieren, nicht zurecht kam. Vieles von dem, was die Briten dazu bewogen hatte, für einen Austritt aus der EU zu stimmen, erwies sich als glatte Lüge. Eine große Zahl derer, die sich an der Abstimmung nicht beteiligt hatten, weil sie sich nicht vorstellen konnten, dass es eine Mehrheit für den Austritt geben würde, hat das später bereut.
Roth sah in mehreren europäischen Staaten, dass belegbare Fakten und Ansichten von Experten nichts mehr zählen, sondern Halbwahrheiten oder gar Lügen den politischen Ton immer mehr bestimmen. Das, was nach dem 2. Weltkrieg an Freiheit, Solidarität und Toleranz aufgebaut worden ist, wollte er nicht durch Nationalisten zerstört sehen. Roth hatte die Sorge, dass sich das, was sich während der 1920er und 1930er Jahre in Deutschland abgespielt hat, wiederholen könnte: Auch damals wurde zu vielen Dingen, die von den meisten Menschen nicht gutgeheißen wurden, geschwiegen, frei nach dem Motto "So schlimm wird es schon nicht werden". 
Er wünschte sich eine offene und freie Kommunikation, ein freies Leben ohne Grenzen und ein hochwertiges Bildungssystem. Und ein weiteres Phänomen behagte ihm nicht: Er sah immer mehr Menschen, die für ihre wie auch immer gearteten Probleme Europa oder ganz pauschal dem Staat die Schuld geben.

Die Diskussionen


An dieser Stelle sollen die Diskussionsverläufe nicht vorweggenommen werden, daher nur so viel: Die grundsätzliche Haltung der vier Roths zu Freiheit, Demokratie, Europa und der Notwendigkeit des politischen Handelns ist sehr ähnlich. Die Art, damit umzugehen, ist aber unterschiedlich. Kein Wunder: Die Sozialisation Roths hat mit der seiner Kinder praktisch keine Gemeinsamkeiten. Er selbst kam aus einfachen Verhältnissen, seine Kinder wurden geboren, als sich ihr Vater beruflich und höchstwahrscheinlich auch wirtschaftlich längst etabliert hatte. Die soziale Herkunft gehört jedoch zu den prägendsten Dingen im Leben eines Menschen; sie ist etwas, was sich kaum abschütteln lässt.
Widerrede! ist ein Buch, das aufrütteln soll und seinen Lesern vermitteln will: Wir leben in einer kritischen Zeit. Um unsere Probleme in den Griff zu kriegen, genügt es nicht, vom heimischen Sofa aus auf "die Politik" oder "die Politiker" zu schimpfen, sondern wir sind aufgefordert, selbst etwas zu tun. Im Gegensatz zu seinen Kindern legte Martin Roth die Messlatte hierfür nicht sehr hoch an: Er fand soziales Engagement völlig ausreichend, während seine Kinder das in der Wirkung als zu gering einstuften.

Lesen?

 

Widerrede! gibt zahlreiche Denkanstöße und zeigt seinen Lesern die Sicht eines Weltbürgers auf die heutige politische Landschaft in Deutschland und Europa. Zitat: "Mir war es wichtig, etwas über Generationen hinweg zu debattieren und zu publizieren". Das ist ihm gelungen.

Widerrede! ist erschienen bei Verlag und Buchhandlung der Evangelischen Gesellschaft Stuttgart GmbH und kostet 9,95 Euro. 
Ich bedanke mich bei der Agentur Literaturtest, die mir das Buch zur Verfügung gestellt hat. 
  

Freitag, 1. September 2017

# 115 - Angst ist ein starker Antrieb

Ein Toter, eine Frau auf der Flucht - alles klar, oder?

 

Casey Cox ist 25, arbeitet in einer Versicherungsagentur und wird von allen, die sie kennen, als offen, ehrlich und herzensgut beschrieben. Kurz: Sie ist ein Mensch, den sich jeder zum Freund wünscht. Doch dann ist da dieser eine Tag: Sie ist im Haus ihres besten Freundes Brant, sieht ihn in Unmengen von Blut tot auf der Treppe liegen, geht um ihn herum, kniet sich neben ihn - und flieht. Casey hinterlässt so viele Spuren, dass sich die Polizei von Shreveport/Luoisiana sicher ist: Die junge Frau hat den Journalisten Brant Pace ermordet. Nur wenn ich fliehe der erfolgreichen US-Bestseller-Autorin Terri Blackstock beschreibt die Odyssee einer jungen Frau, die um ihr Leben füchtet.

Nur weg, egal wohin 

 

Casey setzt sich in den nächsten Greyhound-Bus. Die Fahrt geht zuerst in Richtung El Paso. Dort kennt sie niemand, keiner käme also auf die Idee, sie dort zu suchen. Sie vernichtet ihr Handy, zahlt alle Beträge in bar, benutzt mehrere Buslinien, ändert ihre Frisur und loggt sich ausschließlich von öffentlich zugänglichen Computern ins Internet ein. Sie tut alles, um ihre Spuren zu verwischen. Sie benimmt sich auf den ersten Blick wie eine Täterin. Tatsächlich erfährt Casey aus dem Internet, dass nach ihr als Brants mutmaßlicher Mörderin gefahndet wird. An dieser Stelle beginnt man sich als Leser zu fragen, warum sie sich nicht einfach einen Anwalt nimmt und ihre Unschuld beweist. Aber so einfach ist es nicht. Über ein Prepaid-Handy nimmt sie Kontakt zu ihrer Schwester auf und erfährt, dass nicht nur die Poliziei, sondern auch ein gewisser Dylan Roberts nach ihr sucht. Er arbeitet im Auftrag von Brants Eltern, die den Tod ihres Sohnes so schnell wie möglich aufgeklärt sehen möchten. Dylan war mehrere Jahre bei der Army und wurde in Afghanistan und im Irak eingesetzt. Brants Eltern kennen ihn noch aus der Zeit, als er und ihr Sohn als kleine Jungen zusammen spielten. Zuletzt arbeitete Dylan bei der Militärpolizei. Er scheint wie geschaffen dafür zu sein, den Auftrag der Paces zu erfüllen. Doch niemand außer seiner Psychologin weiß von seiner posttraumatischen Belastungsstörung, die er sich während seiner Einsätze zugezogen hat. Er hat massive Schlafstörungen und immer wieder Flashbacks, die letztendlich auch zu seiner Entlassung aus der Army geführt haben. Wird er es schaffen, die Chance zu nutzen und diesen Job zu erledigen?

Wer sind die Guten und wer die Bösen?

 

Das ist die klassische Frage in jedem Buch, wenn ein Mensch ermordet wird. Aber das zunächst Offensichtliche - Casey ist Brants Mörderin - tritt im Verlauf der Handlung immer mehr zurück hinter dem, was 13 Jahre zuvor geschehen ist: Caseys Vater Alex, selbst ein Polizist, wurde von seiner Tochter erhängt im Haus der Familie gefunden. Die damaligen Ermittler schlossen aus der Auffindesituation sofort auf Selbstmord. Die Zweifel der Familie wurden ignoriert, aber Casey hat seitdem den letzten Anblick ihres Vaters immer vor Augen: Sein Leichnam baumelt von der Zimmerdecke, und er hat Wunden an den Armen und Blut an den Fingern. Sieht so jemand aus, der sich erhängt hat?
Dylan ist Casey auf der Spur und hat sich durch Gespräche und das, was er im Intrenet über sie erfahren hat, ein Bild von ihr gemacht. Seine Erfahrung sagt ihm, dass sie nicht der Typ Mensch ist, der seinen besten Freund gezielt und kaltblütig tötet. Seine Nachforschungen bringen Erkenntnisse zutage, die so ungeheuerlich sind, dass er selbst zunächst an ihrem Wahrheitsgehalt zweifelt. Aber dann findet er zufällig die Leiche einer Angestellten der Polizeiverwaltung: Sie wurde in ihrem eigenen Haus erschossen, kurz nachdem sie sich mit Dylan verabredet hatte, um ihm zu erzählen, was ihr damals beim Tod von Alex Casey merkwürdig vorgekommen war.

Wie war's? 

 

Nur wenn ich fliehe ist ein spannender Roman, dem allerdings ein klares Finale fehlt. Ob es sich um eine dramaturgische Absicht der Autorin oder ein gewolltes Open End handelt - man weiß es nicht. Klar ist aber: Sollte Terri Blackstock eine Fortsetzung veröffentlichen, wird sie auf diesem Blog vorgestellt. 

Nur wenn ich fliehe ist im Brunnen Verlag erschienen und kostet als Taschenbuch 15 € sowie als epub- oder Kindle-Edition 12,99 €.

  



Dienstag, 29. August 2017

# 114 - Der Weltuntergang ist nah

Wenn alles, was wir kennen, nicht mehr zählt

 

Heiligabend in Salla, einer Gemeinde im finnischen Teil Lapplands, in der Nähe der Grenze zu Russland: Der 14jährige Toni und sein Vater sehen am späten Abend, wie ein  strahlend helles Licht für wenige Sekunden die Nacht zum Tag macht. Mangels anderer Erklärungen einigen sie sich im Familienkreis darauf, dass es eine ungewöhnlich große Sternschnuppe oder ein sehr großer Meteor gewesen sein müsse, den sie am Himmel gesehen haben. Am nächsten Tag stößt der junge Finne zufällig auf eine Fichte, die völlig vom Schnee befreit ist und ihm im leuchtenden Orange entgegenstrahlt. An dem Baum ist kein grüner Fleck mehr. Die benachbarten Fichten zeigen bereits orange Farbtupfer. Toni, der im Wald aufgewachsen ist und dessen Familie seit Generationen von der Forstwirtschaft lebt, ist sofort klar, dass es sich hier um eine Krankheit handeln muss. Mit diesem Ausgangsszenario beginnt der Roman Chlorophyll des Autors M. J. Herberth.

Was steckt hinter der Pflanzenkrankheit?

 

Das Orange, das Toni am ersten Weihnachtstag gesehen hat, breitet sich dermaßen schnell aus, dass auch der Versuch, die Krankheit mit dem Einsatz von Harvestern und dem Verbrennen der abgestorbenen Bäume zu stoppen, scheitert. Obwohl die Maschinen in der Lage sind, täglich bis zu 400 Bäume zu fällen, fallen der rätselhaften Epidemie immer mehr Bäume zum Opfer. Binnen weniger Tage hat sie sich auch auf die russischen Wälder ausgedehnt; die Russen versuchen, dem Fortschreiten mit großen Brandrodungen Herr zu werden, aber auch diese Maßnahmen haben keinen Erfolg, und sowohl die Finnen als auch die Russen müssen mitansehen, wie ihre Wälder zugrunde gehen. Doch es bleibt nicht bei diesem einen Phänomen: Tiere, die sich in der Nähe der erkrankten Bäume aufhalten, werden tot aufgefunden. Im Schnee sind keine Spuren zu sehen, die auf ein Raubtier oder einen Jäger hindeuten würden, aber die Kadaver weisen eine merkwürdige Form auf: Sie fallen so in sich zusammen, als hätten sie sich von innen selbst verdaut. Und noch etwas fällt an ihnen auf: Trotz der klirrenden Kälte und des Schneefalls bleibt auf ihnen keine einzige Flocke liegen. Eine Untersuchung ergibt, dass sie ebenso wie die toten Bäume Wärme an ihre Umgebung abgeben.
Am 29. Dezember macht die promovierte Physikerin und Expertin für Satellitennavigation Mia Schindler 2.800 Kilometer von Salla entfernt eine Entdeckung: Als sie in Darmstadt im Kontrollraum des Europäischen Raumflugkontrollzentrums (ESOC) einen Forschungsauftrag erledigt, sieht sie zufällig Satellitenbilder, die den finnischen Teil Lapplands zeigen. Ihre Aufmerksamkeit gilt zunächst der dunklen Rauchsäule, die in der Nähe von Salla aufsteigt, doch bei näherem Hinsehen fallen ihr gleich zwei Anomalien auf: Der finnische Wald leuchtet mitten im klirrend kalten Winter in einem strahlenden Orange und ist dort schneefrei, und der benachbarte See ist zumindest teilweise eisfrei. Mia kann sich darauf keinen Reim machen und beobachtet die Gegend auch in den nächsten Tagen. So sieht sie, wie die Fläche, die die verfärbten Bäume einnehmen, stetig größer wird und auch das Eis auf dem See immer weiter auftaut. Am selben Tag macht Toni im fernen Lappland eine grausige Entdeckung: Sein Hund apportiert nicht wie üblich den kleinen Spielball, sondern das Auge eines Menschen. Es gehört Igor, der sich am Abend zuvor betrunken an einen Baum gelehnt hat und dort erfroren ist. Auffällig ist jedoch, dass der Tote vollständig von weißen Pilzhyphen überwuchert ist, die sowohl in als auch auf ihm sind. Sie waren es, die ihm eines seiner Augen aus dem Schädel gedrückt haben.

Ein nie da gewesenes Phänomen gibt Rätsel auf

 

In Finnland entwickeln Wissenschaftler erste Theorien, was hinter der Erkrankung stecken könnte. Die erhöhte Temperatur in den Bäumen deutet auf einen verstärkten Stoffwechsel hin. Es hat den Anschein, dass die Bäume wegen des fehlenden Chlorophylls keine Fotosynthese mehr betreiben und ihre letzten Reserven verarbeiten, bis ihr sicherer Tod eintritt. In dieses Schema passt auch der Tod des mit Pilzhyphen überwucherten Mannes: Der Schluss liegt nahe, dass sich der Baum, an dem er lehnte, über den Pilz von der Leiche ernährte.Doch neben den erkrankten Bäumen heizt auch der teilweise aufgetaute See bei Salla die Spekulationen weiter an: In seiner Umgebung treten Störungen auf, die den Funkverkehr komplett lahmlegen. Im Laufe der nächsten Monate wird das zunächst auf Finnland beschränkte Problem zu einem globalen: Internationale Forscherteams versuchen, den Anomalien auf den Grund zu gehen und zu ergründen, was das Sterben der Bäume ausgelöst haben könnte. Ihnen sitzt die Zeit im Nacken: Nach und nach breitet sich die Orangefärbung auf alle bekannten Pflanzenarten aus und macht sogar vor Meeresalgen nicht mehr halt. Auch die Erwärmung des Seewassers bei Salla hat einen Grund: In dem Gewässer befindet sich ein bislang unbekannter Organismus, der in seiner Form an eine Schüssel erinnert und sich ständig ausbreitet. Er ernährt sich von allem Lebenden, was in seine Nähe kommt, was auch einen Taucher einschließt. Gebilde dieser Art finden sich in immer mehr Binnengewässern und später auch auf dem offenen Meer. Dort werden sie zur Bedrohung aller Lebewesen, die sich in oder auf den Ozeanen bewegen. Doch es bleibt lange unklar, welchen Zweck diese Organismen haben und welches Ziel sie verfolgen. Klar ist nur: Die Pflanzenepidemie löst eine weltweite Hungersnot aus, der Milliarden Menschen zum Opfer fallen. In ihrer Not schrecken viele der immer weniger werdenden Erdbewohner auch nicht vor den abscheulichsten Taten zurück, um ein kleines bisschen länger auf dem unwirtlichen Planeten zu überleben.

Lesen?

 

Chlorophyll bietet auf mehr als 660 Seiten spannende Lektüre mit einem wissenschaftlichen Hintergrund. Der Auslöser der globalen Katastrophe, auf den hier nicht eingegangen werden soll, ist durchaus im Rahmen des Möglichen. Auch die Erklärung für das, was sich da im Laufe von 15 Monaten abspielt, ist plausibel und gut nachvollziehbar - glücklicherweise auch ohne ein naturwissenschaftliches Studium. Der Leser erfährt quasi nebenbei eine Menge über die chemischen, physikalischen und biologischen Grundlagen unseres Lebens und mindestens genauso viel über Astrophysik. Herberth lässt auch die menschlichen Abgründe nicht aus, die sich angesichts der extremen Notsituation auftun wie Vulkankrater. Es ist keine Überraschung, dass für die oberen 100.000 der Welt - einschließlich der fähigsten Wissenschaftler - eine Überlebensstrategie entwickelt wird. Wem Der Schwarm von Frank Schätzing nicht apokalyptisch genug war, kommt bei diesem Roman voll auf seine Kosten.

Chlorophyll ist bei epubli erschienen und wurde mir von Indie Publishing zur Verfügung gestellt. Es kostet als Taschenbuch 19,99 Euro und als epub- oder Kindle-Edition 3,99 Euro.

Samstag, 26. August 2017

Off-Topic: Teilnahme am Mikrofiction-Wettbewerb

Das Thema: Kaffee

 

Ausnahmsweise geht es hier nicht um ein Buch, das ich euch vorstellen möchte, sondern um einen Schreibwettbewerb. Auf Sweek.com läuft noch bis morgen ein Mikrofiction-Wettbewerb: Alle Teilnehmer schreiben eine Geschichte, die maximal 200 Wörter hat und in der es mehr oder weniger um Kaffee geht. Das Wort #MikroKaffee muss darin irgendwo auftauchen. 

Es gewinnt die Geschichte, die die meisten Likes hat. Das Problem: Gezählt wird nur noch bis zum 27. August um 23:59 Uhr! Darum wäre es toll, wenn ihr mich unterstützen und meiner Mini-Story ein Like geben würdet! Danke im Voraus.
Und hier geht es zu meiner Mikrofiction (Klick). 

Mittwoch, 23. August 2017

Mal neugierig einen Blick in die Longlist geworfen

Frankfurter Buchmesse: Alle Jahre wieder gibt's den Deutschen Buchpreis

 

In dieser Woche habe ich mal wieder "meinen" Buchhändler besucht, der seinen Laden erfreulicherweise nur wenige Hundert Meter von mir entfernt hat. Beim Bezahlen fiel mir dann das in die Hände, was ihr hier seht: Der Reader zum diesjährigen Deutschen Buchpreis mit Leseproben aller Bücher, die diesmal nominiert sind, lag auf dem Tresen. Der musste einfach mit. Den Reader gibt es übrigens kostenlos bei ausgewählten Buchhandlungen. Wenn ihr zum Lesen keine Lust habt, euer Buchhändler keine Reader vorrätig hat oder ihr eher der hörende als der lesende Typ seid, ist auch das kein Problem: Alle Leseproben können auch gehört werden.
Bevor die Preisverleihung in die Zielgerade geht, möchte ich euch meinen Eindruck schildern, den ich nach dem Lesen der sehr unterschiedlichen "Häppchen" gewonnen habe. 


Ohne ein paar Zahlen geht nichts

 

200 Titel waren vorgeschlagen worden, 20 von ihnen haben es in die engere Wahl, die Longlist, geschafft. Unter den Autoren sind 13 Männer und sieben Frauen; vermutlich hat es einfach nicht genügend Autorinnen gegeben, die gut genug schreiben können, um den erhöhten Anforderungen zu genügen und näherungsweise eine Parität herzustellen. Genug der Ironie.
Der Deutsche Buchpreis wird keineswegs nur an deutsche Schriftstellerinnen und Schriftsteller verliehen, sondern die Autoren kommen aus deutschsprachigen Ländern, also neben Deutschland auch aus Österreich und der Schweiz. Von Verlagen aus diesen Ländern kamen Vorschläge für 174 Bücher, die übrigen 26 steuerte die Jury bei. 


Meine Favoriten

 

Ich gebe zu: Fünf Seiten aus jedem Buch, die einen ersten Eindruck vermitteln sollen, sind nicht besonders viel. Geht das überhaupt? Lassen sich solche Textschnipsel in "Hopp" oder "Top" einteilen? Ich hätte es vorher nicht geglaubt ("Man muss dem Autor doch eine Chance geben, dass sich die Handlung entwickeln kann" usw.), aber ich habe tatsächlich ein paar Favoriten, die ich euch gern vorstellen möchte. Die Auswahl ist - wie kann es anders sein - an Subjektivität kaum zu überbieten. Ich habe mich dabei nur an die jeweils fünf Seiten gehalten und keine Klappentexte gelesen.
  • Romeo und Julia von Gerhard Falkner: Der Schriftsteller Kurt Prinzhorn reist zu einem Autorentreffen nach Innsbruck und bemerkt, dass jemand in sein Hotelzimmer eingedrungen ist. Nur ein Schlüsselbund fehlt. Was dazu gekommen ist, sind fremde lange, schwarze Haare, die in der Badewanne kleben. Im Textausschnitt wird Prinzhorn von einem Polizisten zu den Begleitumständen befragt, und es reiht sich eine Absurdität an die andere. Mehr als diese beiden Männer können Menschen kaum aneinander vorbei reden. Das Buch erscheint im September 2017 im Berlin Verlag.
  • Das Floß der Medusa von Franzobel: Das Buch erzählt auf der Grundlage einer wahren Begebenheit von einem Schiffsunglück im Jahr 1816, in dessen Folge fast 150 Menschen vor der afrikanischen Küste auf einem Floß treiben. Als sie gerettet werden, sind nur noch 15 von ihnen übrig. Ihr Zustand ist erbärmlich: Sie sind bis auf die Knochen abgemagert, überwiegend apathisch und ein paar sind schlicht wahnsinnig geworden. Augenscheinlich hat sie nur der Umstand, dass sie ihre Mitreisenden nach und nach verspeist haben, vor dem sicheren Tod gerettet. Aber warum sind so viele Menschen dem Kannibalismus zum Opfer gefallen? Der Roman ist im Paul Zsolnay Verlag erschienen.
  • Schau mich an, wenn ich mit dir rede! von Monika Helfer: Der Textausschnitt beginnt mit einer Szene in der U-Bahn. Die erzählende Beobachterin schildert, wie eine Mutter ihre zehn- oder elfjährige Tochter versucht, nach der neuen Freundin ihres Ex-Manns auszufragen. Das verschüchterte Kind hat keine Chance, dem selbstmitleidigen Gegreine der Mutter und deren Vorwürfen etwas entgegenzusetzen. Viele Mitfahrende sind ebenfalls unfreiwillige Zeugen des Wortwechsels, doch es ergreift niemand Partei für das überforderte Kind. Der Textausschnitt ist so authentisch geschrieben, als säße man direkt neben den beiden. Die Frau hat sich augenscheinlich bereits aufgegeben, weil ihr Leben nicht so verlaufen ist, wie sie es sich erträumt hat. Der Roman ist im Jung und Jung Verlag erschienen.
  • Schreckliche Gewalten von Jakob Nolte: Die Zwillinge Edvard und Iselin werden 1953 geboren und wachsen die ersten 20 Jahre ihres Lebens in einem Elternhaus auf, in dem Gefühlsäußerungen nicht vorkommen oder unterdrückt werden. Der Vater, ein Arzt, konnte zwei seiner Söhne nicht retten: Sie starben trotz seiner Bemühungen an Tuberkulose. Aber es wird nicht darüber gesprochen, die Trauer findet hinter geschlossenen Türen statt. Doch dann scheint die Atmosphäre überzukochen: Die Mutter tötet den Vater 1973 offenbar im Affekt, und ihre beiden Kinder erleben sie im Krankenbett des Gefängniskrankenhauses in einer Gemütsverfassung, die zwischen Reue, Verwirrung und Wahnsinn schwankt. Das Buch ist im Verlag Matthes & Seitz Berlin erschienen.
  • Außer sich von Sasha Marianna Salzmann: Der in Deutschland lebende Ich-Erzähler fährt mit seinem Vater und seiner Schwester zu den Großeltern nach Moskau. Die Drei sind mit Geschenken aus West-Produktion beladen und freuen sich darauf, in Moskau auch die alten Freunde wiederzusehen. Aber der Erzähler und die einstigen Freunde sind einander fremd geworden und beschimpfen ihn, der ihnen sogar Geschenke verspricht, als Judensau und Schwuchtel. Das, was in der alten Heimat einmal vertraut war, fühlt sich jetzt fremd an. Das Buch erscheint im September 2017 im Suhrkamp Verlag.
  • Peter Holtz von Ingo Schulze: Peter Holtz wächst in der DDR in einem Kinderheim auf und ist von der Idee des Kommunismus' überzeugt. Diese Überzeugung überträgt er wie selbstverständlich in seinen Alltag. Im Sommer 1974 sitzt der fast zwölfjährige Peter in einem Ausflugslokal und wird aufgefordert, die Rechnung von 4,50 Mark zu bezahlen. Doch er sieht das ganz anders: Die Gesellschaft hat die Pflicht, jederzeit und überall für ihre Kinder zu sorgen. Die Rechnung muss also entweder durch jemand anders oder gar nicht beglichen werden. Er erntet kein Verständnis, und bei dem Versuch, "seine" Kellnerin zu finden, drückt ihm ihr Kollege das Gästebuch in die Hand, in dem sich Beschwerden der Gäste finden. Peter schreibt seine sozialistische Botschaft hinein und stellt sich vor, wie sie in der Gaststätte Diskussionen auslöst und zur Läuterung beiträgt. Der Roman erscheint im September 2017 im S. Fischer Verlag.
  • Katie von Christine Wunnicke: Es geht im London des Jahres 1870 um die Frage, ob es sich beim Spiritismus um eine ernstzunehmende Wissenschaft oder einfach nur Hokuspokus handelt. Der britische Physiker, Chemiker, Wissenschaftsjournalist und Parapsychologe William Crookes will der Sache mithilfe des 200 Jahre alten Mediums Katie auf den Grund gehen. In der hier präsentierten Szene besucht der Forscher den Physiker Michael Faraday (bekannt durch den faradayschen Käfig), der sich zu diesem Zeitpunkt geistig mehr im Jenseits als in der Gegenwart befindet. Er möchte von dem erfahrenen Kollegen einen Rat, doch Faraday erkennt ihn nicht. Ein sehr eindringlicher Monolog, der den Leser in die Atmosphäre des 19. Jahrhunderts zurückversetzt. Wie es zu diesem Gespräch kommen konnte, obwohl Faraday bereits seit drei Jahren tot war, weiß ich nicht. Dazu muss ich das ganze Buch lesen, das im Berenberg Verlag erschienen ist. 












Den Textproben aus den Büchern der bekanntesten nominierten Autoren Sven Regener (Wiener Straße) und Feridun Zaimoglu (Evangelio - Ein Luther-Roman) konnte ich nichts abgewinnen: Bei Regener war es ein Dialog, den ich als nichtssagend und langweilig empfunden habe; Zaimoglu hat mich mit dem eigens für seinen Roman kreierten Sprachstil, der sich an das Frühneuhochdeutsch Luthers anlehnt, nicht überzeugen können.
 

Wie geht es weiter?

 

Am 12. September wird die Shortlist bekannt gegeben, auf der sich nur noch sechs Titel befinden werden. Am 9. Oktober werden wir erfahren, wer den Deutschen Buchpreis 2017 gewonnen hat und sich über ein Preisgeld von 25.000 Euro freuen darf. Aber auch die fünf Autorinnen und Autoren, die den Endspurt nicht für sich entscheiden können, gehen nicht mit leeren Händen nach Hause: Immerhin 5.000 Euro stehen für jede/n bereit.

Samstag, 19. August 2017

# 113 - Es geht ums Geld

Den Durchblick haben - mit diesem Buch klappt's

 

Manche Menschen werfen es sinnbildlich zum Fenster raus, andere hüten es wie ihren Augapfel und die Dritten haben ein entspanntes, problemloses Verhältnis zu ihm: Die Rede ist vom Geld. In seinem Buch Verstehen Sie Geld? beginnt der Finanzmarktanalyst Davut Çöl mit seiner Erklärung, was es mit dem, wonach so viele streben, auf sich hat. Er schaut zurück in die Zeit, als die Menschheit noch kein Geld kannte, sondern nur Waren gegeneinander tauschte. Ab 500 v. Chr. tauchten die ersten Gold- und Silbermünzen auf, doch auch sie mussten noch weiter verbessert werden, denn Betrüger gibt es nicht nur heute, sondern sie hat es schon immer gegeben. Aber dieser Rückblick nimmt nur einen kleinen Teil seines Buches ein. Çöl kommt zügig in der Gegenwart mit ihren Geldströmen und Finanzmarktmechanismen an.


Wachstum über alles?

 

Ohne Geld geht heute rein gar nichts: Wir können keine Miete zahlen, uns keine Lebensmittel kaufen, uns nicht einkleiden und nichts leisten, was über unsere Grundbedürfnisse hinausgeht. Und was passiert, wenn wir am Ende des Monats ein paar Euros übrig haben? Früher war alles klar: "Spare in der Zeit, dann hast du in der Not" haben noch viele von uns im Ohr. Soll heißen: Halt dein Geld zusammen, kauf nur, was du dir leisten kannst und mach nach Möglichkeit keine Schulden. Wenn man sich umsieht, kann man sich jedoch leicht so fühlen, als gehörte man damit zu den ewig Gestrigen: Konsum ist angesagt, und die unschlagbar niedrigen Sollzinsen lassen bei vielen Menschen die Bereitschaft, einen Kredit für Konsumgüter aufzunehmen, steigen. Wem kommt das zugute? Zuerst den produzierenden Unternehmen, keine Frage, aber eben nicht nur ihnen. Doch was passiert, wenn viele oder wenige Güter nachgefragt werden? Und warum greift der Staat wirtschaftlich schlingernden Konzernen immer wieder unter die Arme? Wie groß ist die Verbundenheit von Staat und Wirtschaft? Und was hat es eigentlich mit der sogenannten Rettung der ökonomisch schwachen EU-Mitgliedsländer wie z. B. Griechenland durch die Europäische Zentralbank (EZB) auf sich? Wie kann es sein, dass da immer wieder neue "Rettungspakete" geschnürt werden, aber sogar Bürger, die das Ganze nur am Rande mitbekommen, ahnen, dass das alles mit dem, was man sich im Allgemeinen unter einer Rettung vorstellt, herzlich wenig zu tun hat?

Die Deutschen - ein total konservatives Anlegervolk

 

Die Deutschen sind in puncto Geldanlagen so flexibel wie Eisenbahnschienen. So oder so ähnlich klingt der sich stetig wiederholende Vorwurf aus der Finanzwirtschaft - also aus der Ecke, wo die sitzen, die sich in Gelddingen angeblich viel besser auskennen als der durchschnittliche Normalbürger. Aktien werden als die Anlageform der Stunde propagiert, das Sparbuch mit seinen insbesondere aktuell mikroskopisch kleinen Zinsen ist nur etwas für Leute, die sich vom Totgesagten nicht trennen mögen. Çöl erläutert in klaren und leicht verständlichen Sätzen, was hinter diesen Aussagen steckt und dass man von den Verbrauchern ihr Bestes will - ihr Geld. Er erklärt auch, warum Regierungen und Unternehmen die Zahlen zum Wirtschaftswachstum so wichtig sind und weshalb es aus ihrer Sicht hier nur eine Richtung geben darf: aufwärts. Der Autor erläutert jedoch auch, was gegen die Rettung von Firmen mithilfe von Steuerngeldern spricht, warum die Zinspolitik der EZB zutiefst ungerecht ist, was man gegen die Anfeuerung des Wirtschaftswachstums haben kann oder wieso das Heil für den Einzelnen nicht unbedingt in Aktien liegt. Und: Er spricht sich deutlich und mit gut nachvollziehbaren Argumenten gegen die Abschaffung des Bargelds aus und plädiert an seine Leser, sich beim Konsum auf seine Selbstverantwortung zu besinnen.

Lesen?

 

Davut Çöl bietet in Verstehen Sie Geld? einen sehr informativen Rundumblick: Nach der Lektüre seines Buches ist klar, wozu Geld dient, welche Marktmechanismen und Geldkreisläufe für unsere Wirtschaft eine Rolle spielen, wie Konsumenten gelenkt werden und wie der Autor die künftige Entwicklung des Geldmarkts einschätzt. Das alles in auch für Laien gut verständlicher Sprache und mit Erklärungen, die das zunächst kompliziert Erscheinende mit einfachen Beispielen aus dem Alltag verständlich werden lassen. Das Buch eignet sich also nicht nur für am Thema Wirtschaft Interessierte, sondern auch für alle, die den Wirtschaftsteil der Zeitung bislang immer rasch zur Seite gelegt haben.

Verstehen Sie Geld? ist bei tredition erschienen und kostet als Paperback-Ausgabe 19,90 €, als Hardcover 27,90 € sowie als E-Book 14,90 €.

Freitag, 11. August 2017

# 112 - Ein irrer Killer terrorisiert London

Die Taktik: Feuer mit Feuer bekämpfen

 

Detectiv Sergeant Brant ist das genaue Gegenteil dessen, was sich der Bürger unter einem Polizisten vorstellt: Er säuft bis zum Umfallen, ist kinderleicht korrumpierbar und ganz sicher nicht der Typ Mensch, den man sich als Schwiegersohn wünscht. Der Krimi Brant des irischen Schriftstellers Ken Bruen ist nach den Titeln Füchsin und Kaliber der dritte Band der in London spielenden Romanreihe um den Polizeibeamten Tom Brant.

Polizeiarbeit eines unsympathischen Ermittlers

 

Brant muss sich wieder einem ungewöhnlichen Fall widmen: Ein Unbekannter ruft Chefreporter Dunphy des Käseblattes  Tabloid an, um ihm mitzuteilen, dass er vorhat, Polizisten zu ermorden. Er bräuchte jetzt nur noch einen Tipp, wie viele es insgesamt werden sollten. Dunphy wittert seine berufliche Chance und denkt nicht im Traum daran, die Polizei zu informieren. Was noch niemand weiß: Bei diesem Typen handelt es sich um einen kokainsüchtigen Verrückten, der auch zu Wodka oder Red Bull greift, wenn gerade kein Koks zur Hand ist. So geistig unterbelichtet Barry Weiss auch ist, er meint seine Drohung todernst. Er giert nach Aufmerksamkeit und will unbedingt in die Zeitung oder noch besser: ins Fernsehen. Und dann summiert sich Barrys Bullenhass auf: Durch den Hinweis eines örtlichen Streifenpolizisten wird die Steuerfahndung auf seinen Marktstand an der Waterloo Station aufmerksam, was ihn sein Geschäft kostet. Dann verliert er nach der Anzeige eines Verkehrspolizisten wegen Trunkenheit am Steuer seinen Führerschein, und als ob das noch nicht reichen würde, taucht eine schwarze (!) Polizistin bei Barry auf, weil die Nachbarn sich über ihn wegen Lärmbelästigung beschwert haben, und liest ihm die Leviten. Zum Schluss dann quasi das Sahnehäubchen der polizeilichen Verfolgung: Als Barry gerade aus der Kneipe kommt, erleichtert er sich an der Mauer einer Kirche. Die Folge: Verhaftung wegen öffentlichen Ärgernisses. Das Maß ist voll. Barry will sieben Polizisten töten. Der achte soll erst ganz zum Schluss an die Reihe kommen: Brant. Der hatte Barry vor ein paar Jahren in einer Billardhalle mit einem Queue niedergeschlagen, als er ein paar Pakistani aufmischen wollte. Mit einem Fußtritt hatte Brant Barry vor die Tür befördert und vorher daran gedacht, dem Krawallmacher eine Billardkugel zwischen die Kiefer zu schieben. Für Brant muss es etwas ganz Besonderes, etwas Spektakuläres sein.

Wenn man erstmal dabei ist, geht es ganz leicht

 

Die erste Polizistin erschießt Barry buchstäblich im Vorbeigehen auf der Straße. Niemand hält ihn auf. Kurz darauf erschießt er einen Streifenpolizisten, noch ehe der sein Fahrzeug verlassen kann. Auch diese Aktion kommt so unvermittelt, dass Barry unbehelligt in den nächsten Bus steigen kann. Doch Brant, der die Polizistenmorde aufklären soll, arbeitet nicht mit klassischen Mitteln. Er nutzt sein Spitzelnetzwerk und bekommt schon bald einen ersten, aber noch vagen Hinweis auf Barry Weiss.
Barry macht derweil Inventur und merkt, dass ihm die Munition ausgegangen ist. Doch es geht doch nichts über einen guten, schweren Hammer. Der wird dann auch gleich für den nächsten Mord an einem pensionierten Streifenpolizisten eingesetzt: Barry erschlägt den Alten brutal in seiner Wohnung, die er dann in Brand setzt, um die Spuren zu verwischen. Bei diesem Überfall erbeutet er zufällig etwas Wertvolles: das Adressbuch des Toten, in dem sich eine ganze Reihe von Privatanschriften Londoner Polizisten befindet - auch die von Tom Brant. Er ahnt noch nicht, dass man ihm auf der Spur ist, auch wenn die Ermittlungen eher in Trippelschritten vorangehen. Barrys durch Drogen und Alkohol vernebeltes Hirn und sein übersteigertes Ego verhindern eine klare Sicht auf die Realität. Das Schicksal, das auf ihn wartet, ist mindestens so gnadenlos wie er selbst.

Wie war's?

 

Brant gehört in die Kategorie der Crime Noir, die sich durch eine düstere Grundstimmung und ein unklares Ende auszeichnet. Die Personen - allesamt Menschen, die ein ganzes Stück von dem entfernt sind, was man als "normal" ansehen würde - sind charakterlich klar gezeichnet, im Laufe der Handlung wird nichts beschönigt. Den Ekel bei besonders blutigen Szenen gibt's obendrauf. Trotz der finsteren Grundstimmung sind da jedoch immer wieder hoffnungsvolle Momente, die wie ein dünner Lichtstrahl die Düsternis zerteilen: Ein sehr gegensätzliches Paar findet sich, einem frisch verwitweten Polizisten wird beigestanden, indem man mit ihm nicht nur zur armseligen Beisetzung seiner verstorbenen Frau geht, sondern mit ihm gleich danach zu einem Saufgelage aufbricht.
Dieser Krimi gehört in eine Kategorie, über die man sagen könnte "Muss man mögen". Dass Brant Geschmackssache ist, trifft in besonderem Maße zu. Das Buch ist es auf jeden Fall wert, sich diesem Genre einmal zu nähern.

Brant ist im Polar Verlag erschienen und wurde mir von bloggdeinbuch zur Verfügung gestellt. Der Titel kostet als Klappenbroschur 16 € und als epub- oder Kindle-Edition 10,99 €.

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