Sonntag, 23. April 2017

Welttag des Buches 2017

Meine Hitparade der Bücherkiste

 

Heute ist der Welttag des Buches. Anlässlich dessen zeige ich euch einige Bücher, die ich in der Bücherkiste vorgestellt habe und die für mich so etwas wie ein Superlativ in ihrer jeweiligen Gruppe sind. Los geht's!


Das lustigste Buch: Maklerfotos aus der Hölle  















DER Pageturner (da fiel die Wahl schwer): Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert



  
 Der schönste Bildband: Mallorca clásica
















Das kreativste KochbuchPeckham's Kochbuch - Lieblingssuppen
 












Das merk-würdigste Buch:  Das Mädchen aus der Volkskommune

















Das anrührendste Buch: Paula 













Das unglaubwürdigste Buch: Boat People











 
Die größten Lese-Enttäuschungen (diesen "Ehrenplatz" teilen sich zwei Bücher): 
Mörderhotel





und
Aussortiert und abkassiert 













Viel Spaß beim Stöbern!

Samstag, 22. April 2017

# 96 - Praktische Lebenshilfe? Wie Ökonomen die Welt sehen

Gesammeltes aus fast allen Lebensbereichen

 

Der Autor und Journalist Stephen J. Dubner und der US-Ökonom Steven D. Levitt haben mit ihrem Buch Wann Sie eine Bank überfallen sollten den dritten Band ihrer Reihe herausgebracht, in der sich reichlich gesammelte Erkenntnisse oder Überlegungen zu Problemen, die die Welt oder doch wenigstens die beiden Herren bewegen, finden. Nicht nur die Titelfrage wird in etwa beantwortet, auch andere alltagstaugliche Antworten auf Fragen, die man vorher gar nicht hatte, werden angesprochen. Eine Auswahl: Wie beseitigt man den Flugstau über New York? Würde eine höhere Bezahlung bessere Politiker anlocken? Wie viel würde Pepsi dafür zahlen, an Coca Colas Geheimrezept zu kommen?

Das was vom Blog übrigblieb

 

Die beiden Autoren sind offenbar auch privat befreundet, nur so lässt sich der lockere Ton deuten, den sie anschlagen, wenn sie über den jeweils anderen schreiben. Doch beim Lesen des Buches wird man den Eindruck nicht los, dass Dubner und Levitt der große Erfolg ihrer beiden vorangegangenen Titel Freakonomics (2007) und SuperFreakonomics (2010) zu der Erkenntnis gebracht hat: Da geht noch was. Auch finanziell. So liest sich zumindest Wann Sie eine Bank überfallen sollten: Die US-Ausgabe erschien 2015, die mir vorliegende deutsche 2017. Die Texte, die jeweils maximal fünf Buchseiten lang sind, stammen alle vom gemeinsam betriebenen Blog Freakonomics, dessen Posts auch mehrere Jahre über die New York Times liefen. Die ältesten von ihnen reichen allerdings bis ins Jahr 2005 zurück, sofern sich das anhand der Datierung überhaupt nachvollziehen lässt. Das, was 2005 die USA oder auch die Welt interessiert hat, lädt heute zum Überblättern der Seiten ein. Dazu passt die Redewendung "Nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern": Dieses Gefühl hinterlässt der eine oder andere Beitrag. Von der Relevanz der Überlegungen ergibt sich eine Kluft zwischen den Erwartungen, die beim Buchkäufer geweckt werden, und dem, was das Buch tatsächlich hergibt: Die Auswahl der Blogbeiträge wirkt eher wie der "Rest vom Schützenfest", aber nicht wie fundierte Überlegungen zu relevanten Wirtschaftsthemen. Da wird beispielsweise darüber nachgedacht, warum es nicht üblich ist, einer Stewardess im Flugzeug ein Trinkgeld zu geben, obwohl das bei der Bedienung im Restaurant als selbstverständlich angesehen wird. Diese Frage wird nicht etwa mit einer fundierten  Begründung beantwortet, sondern es wird mit Mutmaßungen im Nebel gestochert. Am Ende des Textes angekommen ist der Leser so schlau wie zuvor.
Geht es dann tatsächlich um ökonomische Themen, wird an diese immer wieder mit einer Sichtweise herangegangen, die nahelegt, dass den Autoren der Blick über den eigenen Tellerrand und damit die Verknüpfung mit anderen wissenschaftlichen Disziplinen nicht so leicht fällt. Vermutlich würden z. B. Mediziner und Soziologen angesichts des Vorschlags, den Levitt dem früheren britischen Premierminister David Cameron kurz vor dessen Wahl gemacht hat, die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Er hatte sich überlegt, wie man das britische Gesundheitswesen von Grund auf reformieren könnte: Jeder Brite sollte zum 1. Januar eines Jahres 1.000 £ bekommen, die grundsätzlich frei verwendet werden können, aber für Gesundheitskosten gedacht sind. Ergänzend dazu schlug er ein gestaffeltes Zuzahlungssystem vor, wonach sich die Zuzahlung durch den Staat prozentual bei größeren Gesamtaufwendungen erhöht. Alles, was über 8.000 £ pro Jahr hinausginge, übernähme die staatliche Gesundheitsfürsorge komplett. Nur bei schweren Erkrankungen käme der Staat vollständig für die Kosten auf. Verursacht jemand bis zu 8.000 £ Gesundheitskosten, müsste er die Hälfte davon aus der eigenen Tasche bezahlen. Angesichts dessen, dass von den rd. 65 Millionen Einwohnern mittlerweile 13,5 Millionen als arm gelten, mag man sich nicht ausmalen, was es hieße, wenn diese Bevölkerungsgruppe im schlechten Fall umgerechnet 400 Euro Gesundheitskosten pro Monat aufbringen müsste.

Lesen?

 

Wann Sie eine Bank überfallen sollten ist kein "Muss" im Bücherschrank. Vieles hat den Charakter eines launigen Geplauders, und durch die lange Dauer zwischen der Veröffentlichung einiger Beiträge auf dem Blog und dem Erscheinen des Buches hat sich die eine oder andere Erkenntnis von selbst erledigt.

Wann Sie eine Bank überfallen sollten ist im Penguin Verlag erschienen und kostet als Taschenbuch 10 € sowie als Kindle- oder epub-Edition 8,99 €. Das Buch wurde mir vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke.

Samstag, 15. April 2017

# 95 - Veganes Kochen? Kein Problem


Veganes Kochen auch für Anfänger



Miriam Warnke hat mit ihrem Kochbuch The Vegan Sister – Lieblingsrezepte ihr Debut abgeliefert. Für alle, die bislang nur darum nicht Veganer werden wollten, weil sie die Lebensmittel für zu teuer oder das vegane Kochen für zu aufwendig und kompliziert hielten, gibt die Autorin Entwarnung: Die Rezepte sind leicht nachzukochen und die Zutaten in größeren „normalen“ oder Bio-Supermärkten erhältlich.

Übersichtliche Gestaltung, praktische Aufmachung

 

In ihrem Vorwort erklärt Miriam Warnke, wie sie dazu kam, vegan zu leben. Sie hatte zuvor eine Wandlung von einer Fleischesserin zur Vegetarierin durchgemacht; die Botschaft, sich nun ganz ohne tierische Lebensmittel ernähren zu wollen, löste in ihrer Familie nicht gerade Begeisterungsstürme aus. Aber sie hat ihren Vorsatz durchgehalten und nun sogar die besten Gerichte aus ihrer Kreativküche in diesem Buch veröffentlicht.
The Vegan Sister – Lieblingsrezepte ist in sechs Kapitel aufgeteilt, die von Frühstück bis Süßkram reichen. Unter diesen Rubriken versammeln sich mehr als 40 Rezepte, die alle für zwei Personen berechnet sind. Für keines der Rezepte muss man ein Kochprofi sein, es genügen Anfängerqualitäten, weil die Abläufe klar beschrieben sind. Anhand der jedem Rezept beigefügten Fotos lässt sich erkennen, wie das, was man sich vorgenommen hat, nach der Zubereitung aussehen wird. Zu vielen Rezepten gibt es separat abgesetzt hilfreiche Hinweise.
The Vegan Sister – Lieblingsrezepte ist in zwei Ausgaben erschienen: als Hardcover und mit Ringbindung. Mir hat ein Exemplar mit Ringbindung vorgelegen, was ich sehr praktisch finde: Man kann das Buch an der gewünschten Stelle aufschlagen, ohne dass die Seiten während des Kochens zuklappen.

The Vegan Sister – Lieblingsrezepte ist bei epubli erschienen und kostet als Hardcover-Ausgabe 20 Euro sowie mit einer Ringbindung 14,99 Euro.

Mittwoch, 12. April 2017

Pulitzer Preis 2017 für Panama Papers

Ehre, wem Ehre gebührt

 

Im August 2016 hatte ich hier das Buch Panama Papers der beiden für die Süddeutsche Zeitung arbeitenden Journalisten Bastian Obermayer und Frederik Obermaier vorgestellt, das nur wenige Tage nach der Veröffentlichung dieses bislang größten Daten-Leaks vorgestellt wurde. Die Reporter hatten einen nicht abreißenden Informationsstrom von einem bis heute unbekannten Whistleblower erhalten, den sie mit den ihnen zur Verfügung stehenden Möglichkeiten nicht bewältigen konnten. Deshalb baten sie um die Hilfe des International Consortium for Investigative Journalists (ICIJ) in Washington D. C., von wo aus 100 Journalisten aus der ganzen Welt für die Mitarbeit an der Datensichtung und -aufbereitung gewonnen werden konnten.

Nun hat das ICIJ stellvertretend für alle an den Recherchen beteiligten Journalisten den Pulitzer Preis 2017 erhalten. Die Redakteure und Autoren Obermayer und Obermaier kamen hierfür nicht in Betracht, weil sich der Preis nur an US-Journalisten und Medien richtet. 

Quelle: www.pulitzer.org
Da die Reaktionen aus der Politik bislang überwiegend eher an eine Mischung aus hektischer Betriebsamkeit und Nebelkerzen erinnern, bleibt die Hoffnung, dass die Aufmerksamkeit durch den Pulitzer Preis das Problem der massiven Steuerhinterziehung wieder nach vorn bringt, damit die skrupellose Bereicherung von einem Prozent der Menschheit auf Kosten der übrigen 99 % zumindest eingedämmt wird.

Was es genau mit den Panama Papers, Whistleblowern und anderen Enthüllungen dieser Art auf sich hat, steht hier.

Sonntag, 9. April 2017

# 94 - Zu viel Gier kann tödlich enden


Viel Geld verdirbt den Charakter


Lauter Leichen - so heißt der Debütroman der Hamburgerin Zara Philips. Ein sehr treffender Titel für einen Krimi, bei dem die Zahl der Toten irgendwann größer ist als die der (noch) Lebenden. Die Autorin fackelt nicht lange und wirft ihre Leser schon auf der ersten Seite an einen Tatort: Die Malerin Elenor Gint findet in der Villa ihrer Mutter Martha in Hamburg-Rissen zwei Männer: Der eine ist Elenors gerade-mal-nicht-Freund Peter, der nun im Begriff ist, nach einem Schusswechsel sein Leben auszuhauchen; das Leben des anderen Mannes, mutmaßlich ein Osteuropäer, war schon einige Minuten vor Peters zu Ende, nachdem Elenor auf ihn geschossen hatte. Ihn entsorgt Elenor mithilfe einer Sackkarre im Seerosenteich der Nachbarn. Das ist der Einstieg für einen Roman, dessen Handlung 2015 ihren Höhepunkt findet, aber bereits 1882 in der Nähe von Lübeck mit der Geburt eines Jungen beginnt, der es später weit bringen wird und nach seinem Tod ein riesiges Vermögen vererbt. Wenn es um viel Geld geht, finden sich immer Menschen, die ein Stück vom Kuchen abhaben wollen. Egal, um welchen Preis.

Cleverer Ermittler trifft auf Schwarze Witwen


Kriminalhauptkommissar Hiob Watkowski vom LKA Hamburg nimmt sich dieses Mordfalls an. Da Martha Gint zum Tatzeitpunkt in Florida war, scheidet sie als Verdächtige aus. Damit richtet sich die Aufmerksamkeit des Polizisten ganz auf Elenor. Doch die ganze Sache ist komplizierter, als sie zunächst erscheint: Bei der Durchsuchung von Marthas Villa finden die Beamten in der Tiefkühltruhe im Keller einen weiteren Toten. Die Obduktion ergibt, dass es sich dabei um Marthas vor Jahren verschwundenen Liebhaber Helmut handelt. Doch Martha hat buchstäblich noch mehr Leichen im Keller: In einem verschraubbaren Weinfass findet sich eine junge tote Frau - durch den Alkohol wurde sie ziemlich gut konserviert, wobei ihr Körper allerdings eine geleeartige Konsistenz angenommen hat. Doch damit sind es noch nicht genug Gemeuchelte: Auf dem Grundstück der Villa befinden sich in einem privaten Luftschutzbunker noch mehr Menschen, die bereits vor Jahrzehnten unfreiwillig ihr Leben lassen mussten. Doch von ihnen weiß nur Marthas Mutter Frieda. Einer von ihnen ist so problematisch, dass Frieda sämtliche Enkelkinder dazu anstiftet, ihr in einer Nacht-und-Nebel-Aktion bei dessen Beseitigung zu helfen.

Wer stört, wird aus dem Weg geräumt


Hauptkommissar Watkowski gehört zu den fähigsten Ermittlern des LKA Hamburg, aber das ist nicht der einzige Grund, warum er sich so sehr für diesen Fall interessiert: 1997 hatte bereits sein Adoptivvater, der seinerzeit als berühmt-berüchtigt geltende Ermittler Josef Watkowski, Untersuchungen gegen eine Person angestrengt, die auch jetzt wieder im Fokus der Polizeiarbeit steht. Damals wie heute vermutet Hiob Watkowski hinter dem plötzlichen Tod seines Vaters keinen Unfall, sondern einen Mord. Jetzt soll sich ihm die Möglichkeit bieten, quasi mehrere Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: die Aufklärung des Todes seines Vaters und der weiteren Menschen, die irgendwie mit den Mordfällen in Martha Gints Haus zusammenhängen. Im selben Jahr wie sein Vater kam auch Marthas Mann ums Leben – er wurde damals erschossen in der Villa aufgefunden, sein Mörder wurde nicht gefunden. Doch so intelligent Hiob auch vorgeht, die Verwandtschaft von Elenor und Martha und ihr unfreiwilliger Kontakt zur serbischen Mafia geben dem Geschehen ständig neue Wendungen. Im Zuge der Ermittlungen wird das Grundprinzip, nachdem insbesondere zwei Hamburger Familien handeln, deutlich: Wer stört, wird entsorgt. Je  geräuschloser, desto besser.

Wie war’s?


Lauter Leichen geht von einem interessanten Plot aus: Zwei Tote im Haus einer gutsituierten Frau, von denen einer der Ex-Freund der Tochter ist, die zufällig auf die beiden Männer trifft, als sie während des Urlaubs ihrer Mutter dort nach dem Rechten sehen will. Doch schon in dieser ersten Szene gibt es Zweifel, ob Elenor nur für den Tod des einen Mannes verantwortlich ist. Im weiteren Verlauf der Handlung wird unklar, ob das Buch eher spannend oder doch lieber amüsant werden sollte. Das Karussell der Verwicklungen dreht sich immer schneller, die ganze nähere Verwandtschaft nimmt es mit der kriminellen serbischen Bande rund um deren Boss Novakov auf. Der hält sich zu Hause ein Lama namens Frühstück, das ihm Elenors Neffen und ihre Nichte entführen, um von ihm bestimmte Informationen zu erpressen. Navakovs Vater befindet sich da schon eine Weile in der Gefangenschaft von Friedas Nachbarin Else, die ihn mit einem Würgehalsband aus dem Sexshop ausstaffiert hat – was dem alten Mann zu gefallen scheint.
Der Roman hält etliche auch für die Protagonisten überraschende Erkenntnisse bereit, die bis hin zum Entdecken von neuen Verwandtschafts- und damit auch Erbbeziehungen führen. Die Lösung des komplizierten Falles ist in weiten Teilen zwar der Kombinationsgabe Watkowskis zu verdanken, die Handlung wird allerdings so oft von Zufällen bestimmt, dass dem Buch insgesamt eine Menge Glaubwürdigkeit verloren geht. Dass der plötzlich ums Leben gekommene Josef Watkowski, der in der Mordangelegenheit um Marthas Mann ermittelte, auf dem Weg zu einer der Hauptpersonen des Romans, der ihn mit der Ankündigung eines Geständnisses auf eine einsame Straße gelockt hatte, dort in eine Falle lief, kann man sich noch gut vorstellen. Dass er jedoch im Kofferraum seines Autos sämtliche Fallakten hatte, aus denen von seinen Mördern die sie belastenden Seiten entfernt wurden und die Ermittlungen danach zu Fall kamen, ist schwer zu glauben. Josef Watkowski wird mehrmals als kriminalistische Berühmtheit geschildert und hat sogar noch 18 Jahre nach seinem gewaltsamen Tod eine Fangemeinde. Solch ein grober Schnitzer passt nicht zu einem Vollprofi.
Auch die Verwandtschaft rund um Elenor Gint wirkt dauerhaft exzentrisch und überdreht, schafft es aber, Navakovs beste Männer zu übertölpeln. Die serbische Mafia agiert tatsächlich auf dem Gebiet des Drogen- und Waffenhandels und ist hochkriminell, wird aber sicher nicht von einem Haufen Idioten angeführt.
Lauter Leichen ist trotz dieser Kritik eine flott geschriebene Unterhaltungslektüre, zu der am besten die Kategorie des Cosy-Krimis passt: Es gibt zwar reichlich Tote, aber das Entsetzen bleibt beim Lesen aus.

Lauter Leichen ist bei epubli erschienen und kostet als Taschenbuch 14,99 € sowie als Epub- oder Kindle-Ausgabe 2,99 €.

Sonntag, 2. April 2017

# 93 - Geister der Vergangenheit


Ein Lehrstück über die Kunst der Manipulation

 
Der vom Leben frustrierte College-Professor Samuel Anderson erhält 2011 einen Anruf einer Anwaltskanzlei. Seine Mutter ist in Schwierigkeiten und benötigt dringend seine Hilfe, um nicht für viele Jahre ins Gefängnis gehen zu müssen. Faye hat den ehemaligen Gouverneur Sheldon Packer attackiert, der für die Republikaner als US-Präsident kandidieren will. Der zuständige Richter hat für diesen Fall seinen Ruhestand verschoben und will Faye so hart wie möglich bestrafen. Samuel soll nun einen Brief schreiben, in dem er beteuert, welch ein großartiger Mensch seine Mutter sei. Nur so könne das Urteil gegen Faye eventuell milder ausfallen. Was für die meisten Söhne und Töchter kein Problem ist, empfindet Samuel allerdings als Zumutung. So beginnt das Romandebut Geister des US-Autors Nathan Hill, das im weiteren Verlauf etliche Überraschungen bereithält.

Eine Handvoll Kieselsteine für ein Attentat?


Die 61-jährige Faye hat bei einem öffentlichen Auftritt des Ex-Gouverneurs Packer in einem Chicagoer Park diesen unvermittelt mit Kieselsteinen beworfen. Das bringt der bislang unbekannten Seniorin eine Weile die Schlagzeilen in den Nachrichten, die Endlosschleife eines Videos auf allen Nachrichtenkanälen, auf dem der Vorfall zu sehen ist, sowie eine Strafanzeige ein, die eine ganze Latte von Vergehen beinhaltet, die sie damit begangen haben soll. Das Fernsehen nennt sie nicht mit ihrem Namen, sondern kreiert den griffigen Titel „The Packer-Attacker“. Die augenscheinlich nicht geplante Aktion sorgt auch dafür, dass nicht nur über sie, sondern auch über den Kandidaten Packer in allen Medien rauf und runter berichtet wird. Faye wird zur „Alt-68erin“ stilisiert und in die Nähe von Al-Qaida gerückt.
Samuel ist nach dem Telefonat mit Fayes Anwalt wie vor den Kopf geschlagen: Bis dato hatte er keine Ahnung von der Attacke, weil er seine Freizeit mit einem online-Rollenspiel verbringt, das ihn wirkungsvoll vom richtigen Leben abschneidet. Was noch schwerer wiegt: Vor 21 Jahren, als er selbst 11 Jahre alt war, hatte seine Mutter ihn und seinen Vater verlassen; ohne ein Wort und ohne sich jemals wieder bei ihnen zu melden. Samuel hatte bis zu diesem Anruf keine Ahnung gehabt, ob seine Mutter überhaupt noch am Leben war und wo sie sich die ganzen Jahre aufgehalten hatte. Und für diese Frau, die er nicht mehr kannte, sollte er sich jetzt einsetzen und behaupten, sie sei ein guter Mensch? Er sollte lügen?
Samuels erster Reflex ist es dann auch, sich zu weigern. Doch wie so oft im Leben, hängen Entscheidungen von mehreren Faktoren ab. In Samuels Fall ist es Guy Periwinkle, ein smarter Typ, der sein Geld mit allem verdient, wo es etwas zu holen gibt. Periwinkle erinnert Samuel sehr nachdrücklich daran, dass dieser ihm schon seit vielen Jahren einen fertigen Roman schuldet, für den er ihm einen satten Vorschuss gezahlt hatte und droht ihm nun damit, ihn zu verklagen. Doch hier ergibt sich für Samuel ein Ausweg, seinem finanziellen Ruin zu entrinnen und endlich seinen Traum, ein erfolgreicher Beststeller-Autor zu werden, zu verwirklichen: Er verspricht Periwinkle, nicht diesen lange geplanten Roman, sondern ein Buch über seine Mutter zu schreiben, eine Art verspätete Abrechnung. Dem Geschäftsmann gefällt die Idee: Der enttäuschte Sohn enthüllt der Öffentlichkeit, was „The Packer-Attacker“ wirklich für ein Mensch ist.

Eine Reise durch die amerikanische und die eigene Familiengeschichte


Der eher unfreiwillige Kontakt zu seiner Mutter löst in Samuel nicht das aus, was er erwartet hatte: Bei ihrer ersten Begegnung mit Faye ist ihm die Frau, die seine Mutter ist, so fremd, wie es fast jede andere Frau wäre. Entgegen seiner Hoffnungen gibt sie allerdings nichts über sich preis: keine Erklärung über ihr Verschwinden und nichts über ihr Leben seit damals.  Aber der Druck, Informationen über sie und ihr Leben zu sammeln, zwingt Samuel, sich auf sie einzulassen. Er beginnt mit der Unterstützung eines anderen Gamers Informationen zu sammeln. Sein Vater ist ihm keine große Hilfe, sein Großvater, Fayes Vater, lebt dement in einem Altenheim. Aber Samuel weiß, dass der alte Mann einst aus Norwegen in die USA eingewandert war. Außerdem gibt ein altes Foto, auf dem Faye als junge Frau inmitten von Studenten zu sehen ist, wertvolle Hinweise. Samuel erfährt, dass seine Mutter 1968 ein Studium in Chicago begonnen hatte – als Mädchen vom Lande und ohne die Zustimmung ihrer Eltern ist sie in die Unruhen, die sich damals an der Ermordung von Martin Luther King entzündet hatten und sich dann gegen den Vietnamkrieg und die Nominierung Nixons zum demokratischen Präsidentschaftskandidaten richteten, wie zufällig hineingestoßen worden. Im Laufe der Handlung wird klar, warum sie wegen eines eigentlich nichtigen Vergehens so unnachgiebig verfolgt wird.
Nathan Hill macht sowohl für Faye als auch für Samuel deutlich, dass ihr Lebensweg an den ausschlaggebenden Gabelungen von Fehlentscheidungen geprägt war. Doch die beiden gingen unterschiedlich damit um: Faye hat es vorgezogen, Menschen zu verlassen oder aus Situationen auszusteigen wie aus einem Bus. Das gilt nicht nur für ihren Sohn und ihren Mann, sondern auch für ihr Studium oder das Zusammenleben mit einem anderen Mann, für den sie die eigene Familie aufgegeben hatte. Samuel hingegen richtet das, was er für seine eigenen Entscheidungen hält, an den Wünschen anderer aus oder schlägt einen Weg deshalb ein, weil es angeblich keine anderen Alternativen gibt. Mit seinen Nachforschungen nach dem Leben seiner Mutter fügt er dem bislang unvollständigen Bild von seiner Familie und ihrer Geschichte die fehlenden Mosaiksteine hinzu.
Der Roman bewegt sich nicht nur mühelos zwischen dem Zeitpunkt, zu dem der Großvater Norwegen verlassen hatte, den unruhigen 1960-er Jahren und der Gegenwart hin und her, sondern greift gesellschaftliche und politische Themen auf, die zum Teil bis heute aktuell sind. Dabei reicht die Spannweite von Pädophilie über Hochbegabung bis zur Occupy-Wall-Street-Bewegung und der Beeinflussung der Wähler durch die Massenmedien. Am Ende des Romans ergibt sich ein vielschichtiges Familienbild vor dem jeweiligen historischen Hintergrund und die Erkenntnis, dass Samuels Leben im Wesentlichen eine Folge von Manipulationen war – was allerdings ebenso auf den zum Terrorakt hochgestuften Angriff seiner Mutter auf Packer zutrifft.

Lesen?


Unbedingt! Nathan Hill hat in Geister eine verkorkste Mutter-Sohn-Beziehung aufgearbeitet, mehrere unglückliche Liebesgeschichten einschließlich der damit – wie gewohnt – jeweils falschen Entscheidungen von Samuel bzw. seiner Mutter beschrieben und sich der politischen und gesellschaftlichen Entwicklung der USA gewidmet. Der Roman ist dabei so locker geschrieben, dass er sich trotz seiner rd. 860 Seiten gut dazu eignet, an einem Stück gelesen zu werden.

Geister wurde mir als Rezensionsexemplar vom Inhaber der Hemminger Buchhandlung, Herrn Stefan Koß, zur Verfügung gestellt, wofür ich mich ganz herzlich bedanke. Herr Koß bietet ein breites Spektrum unterschiedlichster Bücher an und besorgt nicht im Laden vorhandene Exemplare innerhalb eines Werktages.
Die Kontaktdaten und Öffnungszeiten gibt es hier: HemmingerBuchhandlung

Das Buch ist bei Piper erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 25,-- Euro sowie als epub- oder Kindle-Edition 19,99 Euro.

Freitag, 24. März 2017

# 92 - Straftaten, die die Menschen bewegten

Von Mördern, Dieben und Betrügern – ein Anwalt erzählt


Steffen Ufer hat ein langes Berufsleben als Strafrechtsanwalt hinter sich. 1966 begann er als Referendar in der Kanzlei des in den 1960-er bis 1990-er Jahren sehr bekannten Strafverteidigers Rolf Bossi, dessen Name in den Medien häufig in Zusammenhang mit prominenten Mandanten auftauchte. Dem steht Ufer in nichts nach: Auch er wird gern als „Star-Anwalt“ bezeichnet, was er aber nicht gern hört. 2016 hat der Jurist zusammen mit dem Journalisten und Buchautor Göran Schattauer Nicht schuldig herausgebracht. Mit der Schilderung von 19 Fällen erläutert Ufer, was er vom deutschen Rechtsstaat hält und was für ihn das Wesen eines fairen Prozesses ist.

50 Berufsjahre und jede Menge Schicksale


Ufer erzählt nicht nur von seinen sehr bekannten Mandanten wie Konstantin Wecker, Ottfried Fischer oder Uli Hoeneß. Er schildert auch Fälle, in denen im Ausland lebende Deutsche von ihm betreut wurden oder er Menschen vertreten hat, deren Namen es nicht in die Zeitungen geschafft hatten, deren Schicksale aber nicht weniger tragisch waren. Als bitterste Niederlage bezeichnet Ufer den Fall zweier deutscher Brüder, die nach einem dilettantischen Versuch, eine Bankfiliale in einer Kleinstadt in Arizona zu überfallen, zunächst von lustlosen und inkompetenten Pflichtverteidigern betreut wurden, die rein gar nichts für sie taten. Die amerikanischen Behörden ließen auch das 1967 unterzeichnete Wiener Abkommen außer Acht, wonach sie in diesem Fall das deutsche Konsulat hätten verständigen müssen, das dann fachkundige Anwälte beauftragt und bezahlt hätte. Ufer und seine amerikanische Kollegin wurden jedoch erst auf den Fall aufmerksam, als es für ein wirkungsvolles Eingreifen im Grunde schon zu spät war. Den US-Justizbehörden war ihr Hinweis auf die Verletzung der Wiener Konvention gleichgültig, sie reagierten nicht auf die schriftliche Eingabe der beiden Juristen. Die deutsche Politik hat sich hier auch nicht mit Ruhm bekleckert: Die damalige Bundesjustizministerin konnte sich wegen dieses eklatanten Rechtsverstoßes nicht dazu aufraffen, den Internationalen Gerichtshof in Den Haag anzurufen. Wahrscheinlich fürchtete sie diplomatische Verwerfungen. Der amtierende Bundesaußenminister zögerte ebenfalls und sprach seine US-Amtskollegin zu spät an. Auch der Gnadenappell des Bundeskanzlers an den US-Präsidenten wirkte nicht mehr: Nach 17 Jahren Haft wurden die beiden Brüder hingerichtet.

Was macht das Recht aus?


Nicht nur im Fall der beiden Brüder, sondern auch bei allen anderen Schilderungen von Gerichtsverfahren wird Steffen Ufers Rechtsverständnis deutlich: Es soll bei einer Strafverfolgung nicht darum gehen, „im Namen des Volkes“ Rache an den Tätern auszuüben. Ein fairer Prozess soll vielmehr die gesamten Umstände, die zu einer Tat führten, in den Blick nehmen. In den Anfangszeiten der bundesdeutschen Rechtsprechung war dieser Gedanke, sich auch den psychischen Ursachen einer Straftat zu nähern, nicht üblich. Die juristische Wende läutete der Fall des Kindermörders Jürgen Bartsch ein, der 1962 im Alter von 15 Jahren einen Jungen getötet hatte. Bis 1966 ermordete er drei weitere auf grausame Weise. Das zuständige Landgericht verurteilte Bartsch zu lebenslanger Haft und der Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte. Doch der Bundesgerichtshof verwies das Urteil nach der von Bossi und Ufer eingelegten Revision an das Landgericht Wuppertal zurück und rügte, es sei zu wenig auf die Täterpersönlichkeit eingegangen worden. Das führte zum heutigen § 20 des Strafgesetzbuches, der Tätern, die wegen einer krankhaften seelischen Störung, einer tiefen Bewusstseinsstörung oder einer „schweren anderen seelischen Abartigkeit“ ihr Unrecht nicht einsehen können, Schuldunfähigkeit zuspricht. Seit damals wird bei allen Strafprozessen auch das bisherige Leben der Angeklagten beleuchtet. Bartsch wurde im abschließenden Verfahren zu zehn Jahren Jugendstrafe und der Unterbringung in die Psychiatrie verurteilt. Er blieb dort bis zu seinem Lebensende.
Steffen Ufer hat sich als Strafverteidiger immer wieder Vorwürfe gefallen lassen müssen, wenn er Mandanten verteidigte, die sich zum Teil grausame Verbrechen hatten zuschulden kommen lassen. Das „Wie kann man nur?“ stand immer wieder im Raum. Doch er sieht seine Aufgabe als Anwalt darin, seine Mandanten so gut wie möglich zu vertreten und darauf zu achten, dass die geltenden Gesetze angewendet werden. Ein Anwalt hat nicht über seinen Mandanten zu richten und seine Taten zu verurteilen, dazu gibt es Richter und Staatsanwälte.

Interessantes Buch mit vielen Einblicken


Nicht schuldig ist ein plakativer Buchtitel, der längst nicht auf alle von Steffen Ufer geschilderten Verfahren passt. Neben der sehr gut verständlichen rechtlichen Erläuterung der einzelnen Fälle bietet das Buch einen Eindruck von der Entwicklung der bundesdeutschen Rechtsprechung bei Strafprozessen seit den 1960-er Jahren. Der Umstand, dass es sich nicht um Krimi-Fiktion, sondern um wahre Fälle handelt, macht Nicht schuldig zu einem spannenden Titel.

Nicht schuldig ist im Wilhelm Heyne Verlag erschienen und kostet gebunden 19,99 € sowie als epub- oder Kindle-Ausgabe 15,99 €. Ich bedanke mich beim Bloggerportal, das mir ein Exemplar zur Verfügung gestellt hat.

Google+ Badge