Sonntag, 20. November 2016

# 76 - Adenauer und die Killer - die Bundesrepublik in den Zeiten des Aufbruchs

Der Tod lauert zwischen den dunklen Baumwipfeln 

  

1952: Konrad Adenauer ist der erste deutsche Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland. Der Staat Israel ist fünf Jahre alt, aber es fehlt dort an allen Ecken und Enden an Lebensmitteln, Wohnhäusern, Schulen,... 
Adenauer hat sich zum Ziel gesetzt, eine Aussöhnung mit den Juden herbeizuführen. Im selben Jahr wird zwischen der Bundesrepublik, dem Staat Israel und der Jewish Claims Conference das Luxemburger Abkommen abgeschlossen, das sowohl die Zahlung von Geld, Waren und Dienstleistungen im Wert von 3,5 Milliarden DM als auch die Rückerstattung des Vermögens von zwangsenteigneten Juden vorsieht.
Sowohl in der Bundesrepublik als auch in Israel gibt es erheblichen Widerstand gegen die Wiedergutmachungspläne des Kanzlers: Die Deutschen wollen lieber verdrängen und vergessen, viele Juden wollen kein Geld von einem Volk, das Millionen von ihnen ermordet hat. Doch der damalige israelische Premierminister Ben Gurion befürwortet die Zahlungen. Das Geld wird dringend gebraucht, um Israel aufzubauen und den allgegenwärtigen Mangel an allem Lebensnotwendigen zu beenden. Vor diesem politischen Hintergrund spielt der Roman Bühlerhöhe von Brigitte Glaser.

Agenten, Morddrohungen und tatsächliche Morde

 

Konrad Adenauer fährt jedes Jahr im Sommer gemeinsam mit seiner Tochter Libeth zur Frischzellentherapie in den Schwarzwald. Dort wohnt er im Nobelhotel Bühlerhöhe, in dem vor dem Krieg auch zahlreiche Juden ihre Ferien verbracht haben. Die Gefahr, einem Anschlag zum Opfer zu fallen, ist dem Kanzler bewusst. Deshalb wird er von einem Stab von Sicherheitsleuten begleitet, an dessen Spitze General von Droste steht. Doch der geht davon aus, dass nur die Kommunisten Adenauer ins Visier genommen haben. Das gewohnte Feindbild lässt sich eben nicht so leicht ablegen.
Doch der israelische Geheimdienst Mossad weiß, dass es während Adenauers Urlaub im Schwarzwald einen Anschlag auf ihn geben soll und schickt Rosa Silbermann in das Luxushotel, um das Attentat zu verhindern. Rosa ist eine Agentin wider Willen, und dies ist ihr erster Auftrag. Sie lebt glücklich mit ihrem 3-jährigen Sohn Ben in einem Kibbuz in Israel, nachdem sie in den 1930-er Jahren zusammen mit ihrer älteren Schwester aus Deutschland vor den Nationalsozialisten geflüchtet ist. Die beiden Frauen sind die einzigen Familienmitglieder, die den Holocaust überlebt haben. Rosa kennt den Schwarzwald sehr gut, weil sie als Kind ganz in der Nähe des Hotels Bühlerhöhe oft ihre Sommerferien verbracht hat. Diese Ortskenntnis gibt für den Mossad den Ausschlag, diesen Geheimauftrag an sie zu vergeben.

Das Grandhotel wird von der strengen Hausdame Sophie Reisacher am Laufen gehalten. Sie hat immer den Überblick und trifft bei den Hotelgästen jederzeit den richtigen Ton. Doch in ihrem Inneren rumort es: Die Witwe eines deutschen NS-Offiziers, die sich durch die Heirat erhofft hatte, im sozialen Ansehen zu steigen und die Welt zu sehen, war von ihrem Mann schon bald enttäuscht. Nachdem er aus dem Krieg nicht zurückgekehrt war, musste sie 1945 ihre elsässische Heimat verlassen. Seitdem hatte sie Beziehungen zu Männern, von denen sie sich die Ehe und gleichzeitig das Sprungbrett in die bessere Gesellschaft erhoffte. Aber bislang wurde sie immer enttäuscht, was sie zu einer unzufriedenen und misstrauischen Frau gemacht hat. Sophie hält viel auf ihre Menschenkenntnis und steht Rosa, die in der Bühlerhöhe als Rosa Goldberg absteigt, vom ersten Moment an skeptisch gegenüber. 

Allein, ratlos, von Feinden umzingelt?

 

Rosa hat von Anfang an große Zweifel, ob es ihr gelingt, den Auftrag auszuführen. Doch ihr Kontaktmann beim Mossad kann sie beruhigen: Am Bahnhof von Baden-Baden wird sie auf Ari, einen erfahrenen und weltgewandten Agenten treffen. Als Ehepaar würden sie unauffälliger sein, und Ari würde mit seiner Ankunft im Schwarzwald das Heft in die Hand nehmen. Doch Ari taucht zunächst nicht auf, sodass Rosa auf sich allein gestellt ist. Gegen immer mehr Menschen, die sich zur selben Zeit in der Bühlerhöhe aufhalten, regt sich ihr Misstrauen, sie ist ununterbrochen auf der Hut. Rosa wird zusätzlich durch die Fülle der Erinnerungen, die sie in Israel verdrängen konnte, immer wieder überwältigt. 
Tatsächlich findet sie schon bald einen Marokkaner, der erschossen im Wald liegt und einen engen Kontakt zu einzelnen Gästen der Bühlerhöhe hatte. Kurz darauf stürzt die Limousine des Kanzlers an einer engen Kurve in die Tiefe. Die Situation droht sie zu überfordern.

Bühlerhöhe ist ein spannender Roman, in dem historische Fakten und Fiktion miteinander verwoben werden. Je mehr er sich dem Höhepunkt zuneigt, umso mehr wird er zu einem Polit-Thriller, den man nicht mehr aus der Hand legen mag. Brigitte Glaser ist selbst im Schwarzwald aufgewachsen, ihre Ortskenntnis verleiht dem Buch viel Authentizität. Das Hotel Bühlerhöhle hat sie allerdings nur anhand von Schwarz-Weiß-Fotos beschrieben; betreten hat sie es erst nach der Veröffentlichung des Romans. Es wird heute wieder als Nobelhotel unter dem Namen Schlosshotel Bühlerhöhe geführt.



Vielen Dank!

Das Buch Bühlerhöhe wurde mir als Rezensionsexemplar vom Inhaber der Hemminger Buchhandlung, Herrn Stefan Koß, zur Verfügung gestellt, wofür ich mich ganz herzlich bedanke. Herr Koß bietet ein breites Spektrum unterschiedlichster Bücher an und besorgt nicht im Laden vorhandene Exemplare innerhalb eines Werktages.  Die Kontaktdaten und Öffnungszeiten gibt es hier: Hemminger Buchhandlung

 

Bühlerhöhe kostet als gebundene Ausgabe (mit Lesebändchen) 20 Euro, als Audio-CD 17,99 Euro, als Kindle- oder epub-Edition 16,99 Euro sowie als Hörbuch-Download 16,95 Euro.

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