Freitag, 24. Juni 2016

# 56 - Wie lernt man die Frau fürs Leben kennen?

Wer nicht wagt, gewinnt auch nicht

 

30 Dates in 30 Tagen ist das Erstlingswerk des österreichischen Autors Jürgen Koller. Meine erste Assoziation zum Film mit dem Titel "50 erste Dates" war falsch, denn der Autor hat sich im November 2013 nicht 30 Mal mit derselben Frau, sondern den ganzen Monat hindurch täglich mit immer anderen Frauen getroffen.

Dating-Marathon vom Feinsten

 

Jürgen Koller ist Single. Die Frau, mit der er lange liiert war und von der er glaubte, sie wollte ebenso gern mit ihm alt werden wie er mit ihr, hat ihn verlassen. So traurig das ist, so normal ist es auch. Man kann mit solchen Lebenskrisen unterschiedlich umgehen: Manche Menschen schließen sich ein, tun sich unendlich leid und glauben, nach diesem Verlust könnte es nicht mehr schlimmer kommen. Andere bereuen ihre Fehler und wollen eine neue Chance, und die Dritten sind einfach nur wütend. Koller hat sich für einen anderen Weg entschieden. Er ist 30 Jahre alt und hat den Wunsch, sein Leben mit einer Partnerin zu teilen. Seine Vorstellungen sind die, die auch unzählige andere Menschen für ihr Leben haben: eine Frau, ein Kind, ein Heim. Ein Ort, zu dem man nach der Arbeit nach Hause kommt und sich mit dem Menschen, den man liebt, austauschen und mit ihm gemeinsame Zeit verbringen kann. Das sind Dinge, die ihm als Single-Mann verwehrt sind. Doch Koller weiß sich zu helfen: Er kommt auf die Idee, sich an 30 aufeinanderfolgenden Tagen mit 30 verschiedenen Frauen an 30 verschiedenen Orten zu treffen. Sollte da nicht die Richtige dabei sein?

Nichts geht über eine gute Planung

 

Der 10. Mai 2013 ist der Tag, an dem Jürgen Koller genug davon hat, ständig verliebte Paare um sich herum zu sehen. An diesem Tag fällt die Entscheidung zu seinem privaten Partnerprojekt. Kurz darauf beginnen die Vorbereitungen, die eine Reihe von Fragen aufwerfen: Welche Locations sind so interessant, dass sich Frauen für ein Treffen mit ihm interessieren könnten, obwohl er selbst sich als "Mr. Durchschnitt" bezeichnet, dessen Foto nicht unbedingt dazu taugt, dass ihm die Frauen zu Füßen liegen würden? Wie macht man die Projekt-Website und die Aktion bekannt? Dürfen die Damen vorab wissen, wie der einsame Koller aussieht? Woraufhin sich fast schon zwangsläufig die nächste Frage stellt: Darf Koller  vor dem Treffen wissen, wie seine Dating-Partnerinnen aussehen?

Jürgen Koller bereitet alles generalstabsmäßig vor. Da er als Selbstständiger in der New Media Branche arbeitet, ist die Erstellung der Website (http://www.30dates.at/) kein Problem. Er schafft es auch, die Presse für sein Vorhaben zu interessieren; bei der Anfrage eines Fernsehsenders zieht er seine Zustimmung zurück, als man versucht, die bereits getroffenen Absprachen zu umgehen.
Am 22. Oktober 2013 sind alle Dates vergeben. Bis dahin hatten sich 115 Frauen auf Kollers Website angemeldet. Die Unterschiedlichkeit der Unternehmungen hat ihre Wirkung nicht verfehlt: Das Repertoire reicht vom Restaurantbesuch über eine Whisky-Verkostung bis zu Poetry-Slam, Sport, Bildung und Musik. Im Rückblick hatte die eine oder andere Idee ihre Tücken: Koller ist z. B. aufgefallen, dass sich zwei fremde Menschen, die sich mit einer bestimmten Absicht miteinander verabreden, ziemlich gehemmt verhalten, wenn sie sich bei ihrem ersten Treffen in Badekleidung gegenüberstehen.

Wie war es für "sie"?

 

Der Autor interessiert sich dafür, wie den Damen, mit denen er sehr unterschiedliche Dates hatte, die Treffen mit ihm gefallen haben, und er lässt jede von ihnen zu Wort kommen. In einem Fall schweigt die Dame, was wohl auch eine Art von Auskunft ist. Alle anderen äußern sich positiv. Bemerkenswert war dabei Date 6, ein Afterwork-Cocktail mit Roswitha: Jürgen Koller empfindet die junge Volksschullehrerin als wandelnde Wortkaskade, deren verästelten Ausführungen er immer weniger folgen kann, le länger das Treffen dauert. Er sehnt nach einer Weile das Ende des Abends herbei und bedankt sich im Geiste bei der Österreichischen Bundesbahn, die ausnahmsweise dafür sorgt, dass Roswitha pünktlich in den Zug einsteigen kann, der sie nach Hause bringt. Doch Roswitha sind Jürgens Befindlichkeiten völlig entgangen: Sie bedankt sich überschwänglich für das sehr schöne Date und hofft auf ein weiteres Treffen, "da wir auf der gleichen Wellenlänge sind". So ist das mit der Eigen- und Fremdwahrnehmumg.

Eine locker-leichte Sommerlektüre

 

Wer ein unterhaltsames Buch für laue Sommerabende oder den Urlaub sucht, liegt mit 30 Dates in 30 Tagen genau richtig. Jürgen Koller hat einen  lockeren Schreibstil und nimmt sich immer wieder auf die Schippe. Er selbst sagt über sein Buch, dass es kein literarisches Meisterwerk sei; aber wer braucht Meisterwerke, wenn es darum geht, die Seele baumeln zu lassen?
Sollte Herr Koller diese Zeilen lesen: Date Nr. 14 war ein No-Go und hat mich zwischenzeitlich an der Ernsthaftigkeit des Projekts zweifeln lassen.

30 Dates in 30 Tagen wurde mir von Indie Publishing über Blogg dein Buch zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke. Es kostet als Taschenbuch 14,30 € und in der epub- oder Kindle-Edition 6,99 €.





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