Freitag, 28. Oktober 2016

# 73 - Deutsch-türkische Hochzeitsplanung witzig verpackt

Eigentlich ganz einfach: eine Frau, ein Mann, eine Hochzeit

 

Heiraten kann ganz einfach sein: Man macht einen Termin im Standesamt, erscheint pünktlich zur Trauung, jeder sagt ein Mal "Ja" und unterschreibt, fertig ist die Ehe. Kaum jemand mag es so puritanisch, aber was da passiert, als der Deutsche Daniel seine türkische Verlobte Aylin im Roman Der Boss heiraten will, wächst dem Bräutigam rasch über den Kopf. Moritz Netenjakob reiht auf lustige Weise ein Klischee an das andere und unterhält mit zahlreichen Überspitzungen.

Fortsetzung einer ungewöhnlichen Liebesgeschichte

 

Im vorangegangenen Roman Macho Man hatte sich Daniel in Aylin verliebt, nun haben die beiden beschlossen, zu heiraten. Der Boss beginnt 6 Wochen, 2 Tage, 1 Stunde und 20 Minuten vor der Hochzeit. Das Brautpaar plant seine Hochzeitsreise, und eines wird schnell klar: Ab sofort ist Daniel der Boss in ihrer Beziehung. Zumindest offiziell. Das geben ihm sowohl Kenan, ein Mitglied des weitverzweigten Familienclans, dem auch Aylin angehört und der Besitzer des Reisebüros, als auch die junge Braut zu verstehen. Doch wie ist man der Boss? Daniel ist ein Vorzeige-Warmduscher und Schattenparker und hat vom Macho-Sein keinen blassen Schimmer.

Typisch deutsche Weihnachten mit Plastikmüll am Baum

 

Mit jedem Kapitel rückt der Hochzeitstermin näher, in gleichem Maße nimmt das Chaos zu: Selbstverständlich sollen sich die künftigen Schwiegereltern vor der Trauung kennenlernen. Aylins Eltern sind dann auch sehr erfreut, von Daniels Eltern zur familiären Weihnachtsfeier eingeladen zu werden. Endlich werden sie erfahren, wie Deutsche die Geburt von Gottes Sohn feiern. Doch es geht im Elternhaus des jungen Mannes alles andere als durchschnittlich oder konventionell zu: Die Eltern sehen sich als Teil des Bildungsbürgertums und Alt-68er, lehnen Weihnachten aus atheistischen Gründen eigentlich ab, feiern es aber offiziell der Oma zuliebe. Oma Berta ist 92, geistig verwirrt und wähnt sich noch im 3. Reich. Ihre Nachfragen nach dem Wohl des Führers sorgen immer wieder für Irritationen. Mit dem künstlerischen Anspruch an die Gestaltung des Festes können weder sie noch Daniel etwas anfangen: Der Baumschmuck besteht immer aus einer alternativen Dekoration, dieses Mal aus leeren Joghurtbechern, um den Künstler Ilya Kabakov zu würdigen. Selbstredend werden keine klassischen Weihnachtslieder gesungen, sondern alljährlich die Schallplatte "Wann ist denn endlich Frieden?" von Wolf Biermann abgespielt. Die Runde wird durch das Künstlerpaar Ingeborg und Dmitri vervollständigt, für die das Attribut "schrullig" weit untertrieben ist. Aylins konservative Eltern erleben am Heiligen Abend spätestens dann einen Kulturschock erster Güte, als Daniels Mutter damit beginnt, ganz ungezwungen von ihren Affären und Sexualpraktiken zu berichten.

Der Hochzeitscountdown läuft

 

Der Roman wäre schnell zu Ende, wenn das verliebte Paar jetzt einfach so heiraten würde. Es stellen sich ihnen so einige Hürden in den Weg, die vor allem in der kulturellen Tradition von Aylins Familie liegen. Da gibt es Rücksichtnahmen, Lügen und extreme Emotionalität, die von der jungen Türkin als völlig normal, von Daniel jedoch irgendwann nur noch als Zumutung empfunden werden. Aylin hingegen ist von der Distanziertheit zwischen ihrem Verlobten und dessen Eltern irritiert und möchte ihre künftigen Schwiegereltern auch in die gemeinsamen Freizeitaktivitäten einbeziehen. Die Hochzeit steht auf der Kippe, die Beziehung auf Messers Schneide.

Der Boss ist ein durchgehend witziges Buch und jongliert mit den Vorstellungen und Klischees, die "man" vom Deutsch- oder Türkischsein hat. Moritz Netenjakob weiß, wovon er schreibt: Er ist mit der deutsch-türkischen Schauspielerin und Regisseurin Hülya Doğan-Netenjakob verheiratet, die auch zusammen mit ihrem Mann als Kabarettistin auftritt. Sie hat sowohl Macho Man als auch Der Boss dramaturgisch betreut, sodass ich davon ausgehe, dass in der teils skurrilen Handlung sehr viel Wahrheit steckt.

Der Boss kostet als Taschenbuch, Kindle- oder epub-Version 9,99 Euro und als DAISY-Hörbuch 12,95 Euro. 

Freitag, 21. Oktober 2016

# 72 - Altsein - ein Ruhekissen oder der blanke Horror?

Wir wollen alt werden, aber es nicht sein 

 

Wie ist das in Deutschland, wenn man alt ist oder die anderen der Meinung sind, dass man es sei? Dieser Frage widmet sich der Wirtschaftsjournalist Michael Opoczynski in seinem neuesten Buch Aussortiert und abkassiert - Altwerden in Deutschland.

Was macht ein Sachbuch aus?


Aussortiert und abkassiert - Altwerden in Deutschland ist im Februar 2016 erschienen, sodass ich davon ausgegangen war, über Aktuelles rund um das Thema Altwerden informiert zu werden. Ich erwartete von diesem Buch tatsächlich Neues. Michael Opoczynski war zu dem Zeitpunkt, als er dieses Buch schrieb, erst seit kurzem Rentner. Vermutlich hat ihn dieser Statuswechsel zu den präsentierten Einsichten gebracht.


Es gibt eine ganze Reihe von Fakten in diesem Buch, die nicht neu, aber deswegen nicht weniger wahr sind. Opoczynski schreibt beispielsweise über die Ungleichbehandlung der Alten bei der Vergabe von öffentlichen Ämtern: Für das Amt des Bundespräsidenten gilt eine Mindest- aber keine Höchstgrenze hinsichtlich seines Alters, ein damit verglichen schnöder Bürgermeister darf zum Zeitpunkt seiner Wahl z.B. in Hessen maximal 67 Jahre alt sein. Für andere Bundesländer gelten ggf. andere Altersgrenzen. Eine juristisch akzeptierte Ungleichbehandlung, keine Frage. Dasselbe gilt für den spätesten Zeitpunkt der Pensionierung von Beamten: Sobald das Höchstalter erreicht ist, ist es vorbei mit der Berufstätigkeit. Auch wenn die Betroffenen gern noch weiterarbeiten würden. Vereinzelt werden Ausnahmen gemacht, sie sind jedoch so selten, dass man sie mit der Lupe suchen muss.


Aber auch schon vor dem regulären Eintritt in den Ruhestand kann es schwierig werden: Wer mit 45 oder 50 Jahren arbeitslos wird, hat ein Problem. Entgegen aller offiziellen Statistiken mutmaßen Arbeitgeber oft noch bevor sie den Bewerber gesehen haben, dass sie sich mit ihm wegen einer erhöhten Anfälligkeit gegen Krankheiten oder dessen „altersgemäßer“ Unflexibilität sowieso nur Ärger einhandeln. Das haben viele Arbeitsuchende schon erlebt, und ein Umdenken seitens der Arbeitgeber ist erst seit dem vielbesungenen Fachkräftemangel hier und da erkennbar. Spätestens hier offenbart sich ein Problem, dass sich durch das Buch zieht: Je nach Sachverhalt wird die Grenze, ab der Menschen lt. Opoczynski als alt gelten, nach oben oder unten verschoben. Eine demoskopische Unschärfe, die auch die Darstellung unscharf werden lässt.

Auch das von Opoczynski angesprochene Rentenproblem - immer mehr Bezieher stehen zu wenigen Beitragszahlern gegenüber - ist jedem bekannt, der nicht erst vor Kurzem nach Deutschland eingewandert oder in den letzten Jahren jedem Nachrichtenmedium konsequent ausgewichen ist. 
Opoczynski spricht auch völlig zu Recht den Pflegenotstand an, hinter dem das Prinzip steht, dass die Pflege kommerzialisiert abläuft und Gewinn für die Betreiber von Pflegeheimen und -diensten bringen soll.

Aber es geht mir ja darum, etwas Neues zu erfahren und als Tatsachen dargestellte Sachverhalte auch durch Tatsachen belegt vorzufinden. 

Die Verlängerung der Lebensarbeitszeit - ist sie die Lösung der demografischen Probleme?

 

Opoczynski wirft der Politik vor, mit der Wahrheit zugunsten der Wählerstimmen hinterm Berg zu halten: Der spätere Rentenbeginn sei notwendig, um den Generationenvertrag am Leben zu erhalten und auch in Zukunft die staatliche Rente zu sichern. Doch er hält den Gewerkschaften vor, ihren Mitgliedern eingeredet zu haben, dagegen sein zu müssen. Dabei hat der frühe Ruhestand nach Ansicht des Autors in Deutschland Tradition: Er führt beispielhaft mit der Deutschen Bundespost und der Deutschen Bundesbahn die ehemaligen Sondervermögen des Bundes an, die - so schreibt er - seit den 1970-er Jahren die frühe Verrentung nutzen, um konfliktfrei die Belegschaft zu verjüngen. Opoczynski berichtet, ehemalige Telekom-Mitarbeiter zu kennen, die mit knapp über 40 in Rente gegangen sind. Das stimmt, das hat es tatsächlich gegeben. Allerdings nicht als normale und übliche Vorgänge, sondern im Rahmen der Zerschlagung der Sondervermögen seit 1989. Die damalige Bundesregierung hatte es vorgezogen, auf die jährlichen rd. 1,3 bis rd. 1,6 Milliarden DM (rd. 665 Mio. bis rd.  818 Mio. Euro) zugunsten eines einmaligen Erlöses, der den Bundeshaushalt aufhübschen sollte, zu verzichten. Die erste Amtshandlung der neuen Chefs war dann auch, über deutliche Personalreduzierungen nachzudenken. Im Zuge dieser "Verschlankung" war die frühzeitige Verrentung der Angestellten oder die Pensionierung der Beamten ein willkommenes Mittel, geräuschlos Mitarbeiter en gros loszuwerden. Der Steuerzahler hatte dann diese vorgezogenen Ruhegelder zu zahlen. Kurzum: Das Verrenten oder Pensionieren von sehr jungem Personal ist im Zuge der Privatisierung passiert, war aber nicht gewohnte Übung und taugt daher nicht als Beispiel für eine angeblich seit Jahrzehnten betriebene Praxis.

Alte werden "zwangsverrentet" und sind Opfer von Abzockern

 

Schon in der Einleitung beklagt Opoczynski, in Rente geschickt und nicht darum gebeten worden zu sein. Dabei ist zuvor ein Antrag nötig. Ohne Antrag keine Rente. Die Deutsche Rentenversicherung informiert allerdings ausdrücklich über die Möglichkeit, dass sich die Rentenhöhe durch jedes Jahr Berufstätigkeit nach dem Erreichen der Regelaltersgrenze verbessert - wohlgemerkt in einer normalen Berufstätigkeit. Wer nach dem Erreichen der Regelaltersgrenze in den Ruhestand geht, darf beliebig viel nebenher verdienen, ohne dass eine Kürzung der Rente drohen würde - im Gegensatz zu Menschen, die sich früher aus dem Erwerbsleben verabschiedet haben, weil sie z. B. gesundheitlich angeschlagen sind. Ihr Zuverdienst darf nur monatlich 450 Euro betragen, solange sie ein vorgezogenes Altersgeld erhalten. Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass ein Wirtschaftsjournalist so etwas nicht weiß.


Wenn man Opoczynski glauben darf, sind Alte die Lieblingsopfer von Abzockern aller Art. Er führt hier u. a. den zunehmenden Erfolg von Teleshopping-Kanälen an, die von der Leichtgläubigkeit und fehlenden Mobilität der Senioren profitierten. Statistiken weisen allerdings aus, dass weniger als 1/3 der Teleshopping-Kunden älter als 60 Jahre ist; der Durchschnittskunde dieser Vertriebsform ist 53 Jahre alt und weiblich.
Im Reigen der Alten-Abzocker dürfen auch Finanzhaie und Kaffeefahrten  nicht fehlen. Die Lehman Brothers-Pleite von 2008 wird hier als Beleg dafür angeführt, dass es die Branche schwerpunktmäßig auf die Rentner abgesehen hat. Es stimmt, dass sie eine große Gruppe der Geschädigten bildeten; Familien, die sich eine finanzielle Zukunft aufbauen wollten, waren von der Insolvenz allerdings in gleichem Maß betroffen.
Das Durchschnittsalter  der Teilnehmer von Kaffeefahrten liegt bei 65 Jahren. Schon in meiner Kindheit, die ein paar Jahrzehnte zurückliegt, hatten diese Veranstaltungen einen schlechten Ruf: Jedem, der mitfuhr, war klar, dass es irgendwann an einem entlegenen Ort eine Verkaufsveranstaltung geben würde, bei der Dinge zu überhöhten Preisen verhökert werden würden, die kein Mensch braucht. Muss das tatsächlich Raum finden in einem Buch, das seine Leser sachlich informieren will?

Als letztes Beispiel dafür, dass es mit der Datenlage nicht so genau genommen wird, soll das Kapitel über die Postbank dienen. Sie wird von Opoczynski als Erfinderin des Gewinn-Sparens bezeichnet, einer Sparvariante, die sich für diejenigen Kunden lohnt, die bei der monatlichen Lotterie einen Treffer landen - und natürlich für die Bank. Doch schon 1950 hat die Wiesbadener Volksbank das erste Gewinnsparen veranstaltet. Millionen von Glücksspiel-Losen werden jedes Jahr verkauft. Allein die Volks- und Raiffeisenbank Baden-Württemberg verwaltet mehr als eine Million von ihnen. Statistiken über das Alter der Käufer werden allerdings nicht geführt.

Mein Eindruck?

 

Ich gebe zu, dass ich mir von Aussortiert und abkassiert - Altwerden in Deutschland mehr erhofft hatte: mehr Neues, mehr belastbare Aussagen, weniger Kritik "aus dem Bauch heraus". Viele Themen sind längst bekannt und werden seit Jahren diskutiert und durch die eine oder andere Gesetzesanpassung verändert. Andere Dinge, die hier von Opoczynski angesprochen werden, sind gar keine spezifischen Alten-, sondern vielmehr Behinderten-Probleme, die die körperlich, geistig und/oder psychisch beeinträchtigten alten Menschen mit einschließen. Die Probleme bezüglich der Pflege, die Vereinsamung von nicht mehr mobilen Menschen in den eigenen vier Wänden, die unpraktisch designten technischen Geräte oder Lebensmittelverpackungen - sie sind kein Thema für fitte Senioren, sondern für Menschen mit Beeinträchtigungen. 
Aussortiert und abkassiert - Altwerden in Deutschland wirkt auf mich, als hätte sich Michael Opoczynski seinen Rentner-Frust von der Seele geschrieben. Zu neuen Erkenntnissen hat mir das Buch leider nicht verholfen.

Aussortiert und abkassiert - Altwerden in Deutschland wurde mir vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke. Es ist im Gütersloher Verlagshaus erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 19,99 € sowie als Kindle- oder epub-Edition 15,99 €.

Freitag, 14. Oktober 2016

# 71 - Nobelpreis und Reichtum sind keine Garanten für Erfolg


Zwei große Schriftsteller auf der Suche nach dem Erfolg


Mit seinem Roman Die heiklen Passagen der wundersamen Herren Wilde & Hamsun spürt Matthias Engels den Leben der beiden weltberühmten Schriftsteller Oscar Wilde und Knut Hamsun nach. Das Buch ist eine Mischung aus Tatsachen und Fiktion und führt seine Leser zurück zum Ende des 19. Jahrhunderts.

Liegt das Heil in Amerika?


Oscar Wilde und Knut Hamsun haben fast gleichzeitig beschlossen, ihr Glück in Amerika zu suchen und dort mit dem Schreiben erfolgreich zu sein. Aber unterschiedlicher konnte ihr Start nicht sein: Hamsun stammte aus einer bitterarmen norwegischen Familie mit sieben Kindern und war bereits mit 16 Jahren von zu Hause ausgerissen. Mit 23 Jahren schiffte er sich in Bremerhaven für die Überfahrt nach New York ein. Mehrere Jahre zuvor war einer seiner älteren Brüder nach Amerika ausgewandert und hatte nur Gutes über das Land berichtet. Offensichtlich ging es ihm und seiner Familie dort gut, sodass Hamsun vorhatte, sich zuerst an ihn zu wenden. Doch als er ihn tatsächlich aufgespürt hatte, zerplatzten seine Träume wie eine Seifenblase: Sein Bruder lebte in ähnlich ärmlichen Verhältnissen, wie er es in Norwegen getan hatte und war darüber zum Trinker geworden. Knut Hamsun musste sich also auf eigene Faust durchschlagen und nahm einen Hilfsjob nach dem anderen an.

Da hatte es Oscar Wilde wesentlich leichter. Er kam aus einer wohlhabenden Familie, hatte zunächst ein Internat und später Universitäten in Dublin und Oxford besucht und war durch den Umstand, dass seine Eltern neben ihren Brotberufen auch Bücher schrieben, ständig von Künstlern umgeben. Wilde ließ sich in London nieder und startete 1882 - im selben Jahr wie Knut Hamsun - seine Reise nach New York. Zu diesem Zeitpunkt eilte ihm bereits der Ruf voraus, ein erfolgreicher Schriftsteller mit extravagantem Auftreten zu sein. Auch wenn in Amerika schon vor seiner Ankunft bekannt war, dass seine Vortragsreise nicht der Literatur, sondern der englischen Renaissance gewidmet sein würde, füllte er die für die damalige Zeit größten Hallen mit 1.500 Menschen. Die Art seines Vortrags faszinierte auch diejenigen Zuhörer, die von dem Gesagten fast nichts verstanden. Er war ganz anders als die typischen Amerikaner und übte eine hohe Anziehungskraft aus. Doch Wilde hat sich in Amerika nicht wirklich wohl gefühlt: Es war ihm zu laut und hektisch. Es störte ihn, dass sich die Menschen ständig in Eile befanden. Ein wirklicher Lichtblick war für ihn allerdings die Begegnung mit dem Dichter Walt Whitman: Seine Werke hatten ihn seit seiner Kindheit begleitet, und Wilde bewunderte den greisen, kranken und armen Künstler sehr.

Wie gewonnen, so zerronnen


Sowohl Knut Hamsun als auch Oscar Wilde wurden erfolgreiche und berühmte Schriftsteller. Hamsun erhielt sogar 1920 den Literaturnobelpreis. Doch ihm wurde seine Nähe zum deutschen Nationalsozialismus zum Verhängnis, die ihn in seiner Heimat so unbeliebt machte, dass seine Bücher sogar verbrannt wurden. In einem Gerichtsprozess sollte nach dem Ende des 2. Weltkriegs seine Sympathie für die deutschen Besatzer untersucht werden. Aufgrund seines mittlerweile hohen Alters verzichtete man zwar auf Hamsuns Inhaftierung, verhängte allerdings gegen ihn eine so hohe Strafzahlung, dass die Familie wirtschaftlich ruiniert war.

Auch Oscar Wilde schaffte es nicht, seinen Ruhm zu nutzen. Er hatte zwar geheiratet und war Vater von zwei Söhnen geworden, lebte aber seine Homosexualität relativ unbefangen aus, obwohl ihm klar war, dass dieses Verhalten zu einer gesellschaftlichen Ächtung führen konnte. Als er eine Liebschaft mit dem Sohn eines schottischen Adligen begann, provozierte der verärgerte Vater eine Beleidigungsklage Wildes, in deren Verlauf der Schriftsteller gezwungen wurde, sein Privatleben offen zu legen. Der soziale und wirtschaftliche Niedergang des einst so beliebten Autors war so rasant wie ein fallender Stein. Auch er starb verarmt.

Ein Roman, dem viel Recherchearbeit vorausgegangen ist


Matthias Engels hat sich weitestgehend an die historischen Fakten gehalten und nur dort Handlungen mit selbst Erdachtem ausgefüllt, wo es dem Fortgang des Romans diente. Die heiklen Passagen der wundersamen Herren Wilde & Hamsun liest sich durchgehend flüssig und interessant, mir hat sich aber bis zum Schluss nicht erschlossen, warum der Autor gerade diese beiden Schriftsteller einander gegenübergestellt hat. Die beiden Herren sind sich während ihrer Aufenthalte in Amerika offensichtlich nie begegnet und scheinen auch beruflich keinen Kontakt miteinander gehabt zu haben. Engels reichert seinen Roman durch einige Exkurse wie zum Beispiel ein Interview mit Thomas Edison an und vermittelt seinen Lesern so einen tieferen Einblick in die damalige Zeit.
Für alle, die sich nicht nur für Bücher, sondern auch für ihre Verfasser interessieren, ist deises Buch zu empfehlen.


Die heiklen Passagen der wundersamen Herren Wilde & Hamsun ist bei STORIES & FRIENDS Verlag e. K. erschienen und kostet eins gebundene Ausgabe 19,90 Euro und als Kindle- oder epub-Edition 9,99 Euro.

Samstag, 8. Oktober 2016

August und September - Das gab es in der Bücherkiste

Diesmal zwei Monate im Überblick

 

Es war so nicht geplant, aber Anfang September habe ich es nicht geschafft, den gewohnten Monatsrückblick für den August zusammenzustellen. Deshalb werde ich euch zeigen, über welche Bücher ich in den letzten beiden Monaten geschrieben habe.

Das war der August

 

Was geht in diesem schwedischen Großraumbüro vor? Wird Björn tatsächlich von seinen Kollegen gemobbt oder ist er psychisch so am Ende, dass er sich die Existenz des Zimmers, das außer ihm niemand zu sehen scheint, nur einbildet? Jonas Karlsson lässt seinen Lesern in Das Zimmer hier genug Spielraum, sich selbst ein Urteil zu bilden. 












 
Am 24. Juni 2016 wurde das Buch im Literarischen Quartett vorgestellt (ab 13:15). Mich hat es nicht wirklich überzeugen können, deshalb nur:


(von 5)

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Am 12. August war es wieder Zeit für ein Self-Publishing-Buch: Christiane Kördel hat mit Seezeichen 13 ihre Heimat Konstanz zum Schauplatz eines Krimis gemacht. Ines Fox, die Inhaberin der Webdesign-Firma Foxinet, tritt dabei als unfreiwillige Ermittlerin auf, die auf charmante Weise in so manche Szene hineinstolpert, wobei es auch schon mal gefährlich für sie wird.
Die Autorin erzählt auf ihrer Homepage einiges über sich und ihre erste Buchveröffentlichung. Für die gut gemachte Unterhaltung:


 

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Mit dem Buch Wie Sie den Schwedenkrimi des Jahrhunderts schreiben von Henrik Lange habe ich einen Titel vorgestellt, der die gängigen Klischees dieses Literaturgenres auf witzige Weise aufs Korn nimmt. Lange ist von Haus aus Cartoonist und kombiniert in seinem "Leitfaden" humorvolle Zeichnungen mit passenden Kommentaren.  
Der Mutterverlag Randomhouse hat eine Leseprobe veröffentlicht.

Ein prima Buch für Leute mit Humor, das sich auch zum Verschenken eignet. Darum:


 


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Am letzten Freitag im August ging es um einen Roman, der quasi aus einem Guss geschrieben ist: Die Hundert Brüder von Donald Antrim hat keine Kapitel und einen Mangel an Absätzen. 99 von 100 Brüdern treffen sich auf dem Landsitz des verstorbenen Vaters, um gemeinsam dessen Urne zu suchen und die Beisetzung zu organisieren. Doch das Treffen in dem maroden Gemäuer versinkt im Chaos. Die Bibliothek wird angesichts der Aneinanderreihung von Katastrophen zu einem Trümmerfeld, und es ist erstaunlich, dass von den Anwesenden niemand ums Leben kommt.

Hier gibt es ein Interview mit dem Autor, das er 2015 dem New York State Writers Institute gegeben hat (engl.).


1/2


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Der September

 

Dieser Büchermonat hat mit einem der schönsten Bildbände begonnen, den ich kenne: Die Fotos des Wahl-Mallorquiners Josep Planas I Montanya für das Buch Mallorca clásica lassen das "alte" Mallorca wieder auferstehen: Fotos von menschenleeren Stränden, den allerersten Hotels, die den Pauschaltourismus einläuteten und Palma de Mallorca in den 1960-er Jahren sind eine Zeitreise, die allen Fans der Insel gefallen dürfte.
















 Ein kurzer Film (engl./span.) gibt einen Einblick in das Leben des Fotografen.


Ganz klar, wie viele Daumen es für dieses Buch gibt:



 

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Mit Paula hatte ich bereits vor einiger Zeit ein Buch von Isabel Allende vorgestellt, am 17. September war es Im Bann der Masken. Dieses Jugendbuch ist der letzte Band einer Trilogie und bereits 2004 erschienen. Die Reisejournalistin Kate Cold, ihren Enkel Alex sowie die Brasilianerin Nadia führt ihr Abenteuer in den Dschungel von Äquatorialafrika, wo sie zunächst nur nach zwei verschwundenen Missionaren suchen wollen. Doch die Situation ist viel schlimmer als gedacht. 



Hier gibt es einen Auszug der Hörbuchfassung.



Das Buch gehört meiner Ansicht nach nicht zu den stärksten Titeln von Allende:



1/2

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Der amerikanische Autor Bret Easton Ellis veröffentlichte 1994 den Roman Die Informanten in der Originalfassung. Er schildert darin das Leben der jungen Reichen in Los Angeles während der 1980-er Jahre. Gefühlskälte, Abgestumpftheit und Brutalität sind die wesentlichen Eigenschaften dieser Menschen, die für eine Unterbrechung ihrer Langeweile nicht nur ihr eigenes Leben riskieren, sondern auch das ihrer Mitmenschen gleichgültig aufs Spiel setzen.
Der Originaltext von The Informers ist als Audio-Version verfügbar und dauert 464 Minuten.

Etliche Szenen sind so brutal und schonungslos, dass ich über einen Abbruch nachgedacht hatte. Zu mehr kann ich mich deshalb nicht aufraffen:


 

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Hannover - ein deutsches Machtzentrum war das letzte Buch, das ich im September vorgestellt habe. Lutz Hachmeister versucht zu ergründen, inwieweit die Fäden, die das hannöversche Netzwerk ausmachen, auch in die Bundespolitik vordringen und wer sich überhaupt als Teil einer Art "Hannover-Connection" bezeichnen darf. Der Titel soll ein Sachbuch sein, deshalb habe ich ein Mindestmaß an Sachlichkeit erwartet. Leider vergeblich. Dass durch zu viel Detailverliebtheit an den falschen Stellen, einige sachliche Fehler sowie das Fehlen einiger Persönlichkeiten, die die Geschicke der Landeshauptstadt bestimmt haben oder noch bestimmen, einige Abstriche gemacht werden müssen, spielt da fast schon keine Rolle mehr. Wegen der guten Lesbarkeit sind aber

angemessen.


Über die ARD-Mediatek lässt sich der ebenfalls von Hachmeister stammende Film Der Hannover-Komplex für einen begrenzten Zeitraum abrufen.



Das war die Rückschau auf die letzten beiden Monate. Ich wünsche euch viel Spaß damit und hoffe, dass ihr auch im Oktober verfolgt, was hier passiert.





Freitag, 7. Oktober 2016

# 70 - Hoffnung, Tod und Verzweiflung - das Leben eines Mädchens in der Sowjetunion

Starker Roman mit einem Blick auf die untergehende UdSSR

 

Die Reise geht heute in die untergehende UdSSR. Die Autorin Anna Galkina beschreibt in ihrem Roman Das kalte Licht der fernen Sterne das Leben in einer Kleinstadt in der Nähe von Moskau in den 1980-er Jahren. Sie tut dies mit einer ungewöhnlichen Klarheit, die perfekt zur Atmosphäre ihres Buches passt.

Was ist Heimat?




Anna Galkina beschreibt das Leben des jungen Mädchens Nastja auf eine Weise, die nahelegt, dass sie sich selbst meint. Die Autorin ist vor 20 Jahren aus ihrer Geburtsstadt Moskau nach Deutschland gekommen und lässt ihre Protagonistin in der Ich-Form erzählen. Die ersten Seiten sind der Beschreibung von Nastjas direktem Umfeld gewidmet. Es sind Erinnerungen, denn nach 20 Jahren in der Ferne kehrt sie an den Ort ihrer Kindheit zurück. Vieles erkennt sie wieder: die alte Brotfabrik, den verwitterten Zaun, der das Elternhaus von der Straße abgrenzte, die Eisenbahnlinie. Aber schon bald nach ihrer Ankunft spürt sie, dass sie nicht mehr dazugehört: In der Kirche wird ihr nach einer kurzen Musterung eine Opferkerze für das Zehnfache des üblichen Preises verkauft. 
Doch mit dem Blick zum Altar kehrt die Vergangenheit so deutlich zurück, als sei die junge Frau nie weg gewesen. Sie beschreibt das kleine Städtchen, weiß sogar noch die Preise für einzelne Lebensmittel und sieht das alte brüchige Holzhaus, in dem sie aufgewachsen ist, genau vor sich.



Das Leben in der Sowjetunion




Jeder Jahreszeit ordnet Anna Galkina deren einprägsamste Merkmale zu. Der Winter steht für Kälte und Schnee, für den Schlitten, mit dem gerodelt und alles transportiert wird, für gefrorene Wäsche an der Leine, für ein eiskaltes Haus und einen langsam wachsenden Kotturm im Plumpsklo, der bei Bedarf von der Großmutter mit dem Spaten zerteilt wird.

Der Frühling steht für Musik in der Natur, Tauwasser auf den Straßen und das Anzapfen von Birken zur Gewinnung von Birkensaft. Im Frühling werden die Zäune neu gestrichen und die Straße gefegt, damit alles für die Parade am 1. Mai frisch hergerichtet aussieht.

Der Sommer ist nicht nur Hitze und Staub, sondern eine noch unangenehmere Situation auf dem Plumpsklo. Mit „Das Klohäuschen lebt“ hat die Autorin die Lage auf dem stillen Örtchen treffend zusammengefasst. Doch der Sommer steht auch für so starke Regenfälle, dass das Regenwasser durch das Dach rinnt und in unzähligen Schüsseln aufgefangen werden muss.

Am 1. September beginnt die Schule wieder und läutet den Herbst ein. Dauerregen weicht die Straßen auf und macht sie zu kleinen Seen.



Anna Galkina beschreibt diese Umgebung sachlich und völlig emotionslos. In dieser Darstellung wird weder etwas beschönigt noch kritisiert.



Träume, Hoffnungen und Enttäuschungen




Nastja wächst in einer Umgebung auf, die aus unserer Sicht brutal und unbarmherzig ist. Im Alter von fünf Jahren kommt sie in den Kindergarten. Doch dort geht es eher weniger liebevoll zu, und die unbeschwerte Kindheit ist mit dem ersten Tag in dieser Einrichtung zu Ende. Der Musikunterricht besteht aus dem Absingen von kommunistischen Liedern, in denen der Partei für praktisch alles gedankt wird, was das Leben ausmacht. Inklusive des Sonnenscheins. Wenn ein Kind den Mittagsschlaf stört, dann wird ihm die Unterhose ausgezogen, sodass es spätestens am Ende der Mittagsstunde zum Gespött der übrigen Kinder wird. Doch das überzeugende Argument für Nastja Mutter, ihre Tochter in den Kindergarten zu geben, ist die Verpflegung: Zu Hause hat das Geld oft nicht für Lebensmittel gereicht. Da spielen andere Dinge, wie beispielsweise das von der Erzieherin unterstützte Ritual des Zusammenschlagens eines Kindes durch die anderen Kinder, wenn dieses Kind Schwierigkeiten macht, nur eine kleine Rolle.

Die Schule folgt denselben pädagogischen Prinzipien wie der Kindergarten: Drohungen, Häme und Gewalt durch die Lehrerinnen sind an der Tagesordnung. Doch dann durchbricht plötzlich ein Gerücht die Eintönigkeit: Thomas Anders, die eine Hälfte des Duos „Modern Talking“, kommt für seine Show nach Moskau. Schon bald stellt sich heraus, dass praktisch alle Karten an die Nachkommen der Kriegsveteranen vergeben worden sind. Nur durch die Bestechung eines Soldaten schaffen es Nastja und ihre Freundinnen, das Konzert mitzuerleben.



Nastja Leben nimmt mehrere Wendungen. Ihre Mutter lernt über eine Partnervermittlung ihren späteren Mann Robert aus Riga kennen, und Nastja verliebt sich in einen russischen Soldaten. Doch beide Beziehungen verlaufen problematisch, sodass sich sowohl Mutter als auch Tochter entscheiden müssen, wo und wie sie ihr Leben fortführen.



Ein unspektakulärer Umbruch




Anna Galkina hat mit Das kalte Licht der fernen Sterne einen Roman vorgelegt, der seine Leser trotz seiner Nüchternheit in seinen Bann zieht. Auch die ekelhaftesten und brutalsten Szenen werden niemals wertend beschrieben. Da werden Menschen geschlagen, gefoltert und sogar auf eine besonders üble Weise ermordet; da werden junge Mädchen auf der Suche nach der Unterbrechung der Trostlosigkeit zu Prostituierten; da wird über Vergewaltigungen geschrieben, als seien sie eine Zwangsläufigkeit im Leben von jungen Frauen. Aber es ist ein bisschen wie der heimliche Blick durch ein Schlüsselloch: Man möchte eigentlich gar nicht mehr länger hinsehen, bringt es aber nicht über sich, den Kopf wegzudrehen. Zu groß ist die Faszination, und zu groß ist auch die Neugier, wie es den einzelnen Figuren weiter ergeht.



Das kalte Licht der fernen Sterne lässt seine Leser in die Sowjetunion vor 30 Jahren eintauchen und ermöglicht einen Eindruck davon, wie ganz einfache Bürger diese Zeit erlebt haben. Durch ihre schnörkellose Sprache schafft Anna Galkina eine authentische Atmosphäre, die ihre Leser bis zur letzten Seite nicht mehr loslässt.

Das kalte Licht der fernen Sterne wurde mir von Indie-Publishing zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke. Es ist in der Frankfurter Verlagsanstalt GmbH erschienen und kostet als gebundenes Buch 19,90 Euro sowie als epub- oder Kindle-Edition 14,99 Euro.

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