Dienstag, 28. Juni 2016

Das ging schnell!

Auch Dating-Buch von Jürgen Koller im Katalog

 

Erst vor wenigen Tagen, am 24. Juni, habe ich euch hier das Buch 30 Dates in 30 Tagen des östereichischen Autors Jürgen Koller vorgestellt. Seit heute ist die Rezension nun in den Katalog von Indie-Publishing aufgenommen worden - so wie zuvor die Rezensionen für Invocabit von Pierre Maurice (Link zu Indie-Publishing), Till Türmer und die Angst vor dem Tod von Andreas Klaene (Text bei Indie-Publishing) und Es regnet Geld für ein Weltkonto - Die Tausendstel-Frage von Joachim Ackva (hier bei Indie-Publishing).

Ich freue mich sehr, dass meine Rezensionen damit auch einem Leserkreis außerhalb dieses Blogs zugänglich werden.

Kleiner Exkurs zum Self-Publishing


Self- oder Indipendent-Publishing wird von den Publikumsverlagen immer noch als das Schmuddelkind der Buchbranche angesehen: Man geht dort davon aus, dass nur Autoren, die bei den "richtigen" Verlagen vor der Tür bleiben, sich an diesen Strohhalm klammern, um noch mit ihrem Werk irgendwie den Fuß in die Tür zu bekommen. Auch der stationäre Buchhandel weiß nicht so recht, was er von dieser Entwicklung halten soll und entscheidet sich bislang mit einer überwältigenden Mehrheit dafür, die Selfpublisher zu ignorieren. 
Damit wird sehr vielen von ihnen Unrecht getan: Von den vier hier gezeigten Büchern hat es keines verdient, so geschmäht zu werden. Außer diesen habe ich noch mehrere weitere SP-Bücher rezensiert. Da waren Vor dem Erben kommt das Sterben von Ulrike Blatter, Der Pfauenfedernmord von Ulrike Busch, La Vita Seconda von Charlotte Zeiler (erscheint jetzt im Drachenmond-Verlag) und Vom Yin und Yang der digitalen Revolution von Jens Thaele als Beispiele für gute und sehr lesenswerte Bücher. 
Als Beispiel, wie ein Buch nicht sein sollte, darf Boat People von Roland Künzel gelten: Nur wer auch daran glaubt, dass Frösche durch den zarten Kuss eines Tenagers zu Prinzen werden können, findet Gefallen an dieser zusammengerührten Handlung.
Ein SP-Buch, das mir für eine Rezension zur Verfügung gestellt wurde, war tatsächlich so miserabel und primitiv, dass ich es abgelehnt habe, darüber zu schreiben. Dieser Auffassung hat sich das Print-on-Demand-Portal angeschlossen und das Buch aus dem Programm genommen.

Ein anderer Vorwurf, der den SP-Autoren gern gemacht wird ist der, dass sie sich nicht genug um die Rechtschreibung und Zeichensetzung kümmern, was den Lesefluss erschwert. Nach allem, was ich aus diesem Bereich gelesen habe, habe ich den Eindruck, dass das nur bedingt richtig ist: Fast alle der von mir rezensierten SP-Bücher waren hier nicht schlechter als Titel aus großen Publikumsverlagen. Dort wird offenbar mittlerweile am Lektorat gespart, was z. B. dazu führt, dass sich im neuesten Roman des weltweit erfolgreichen Schriftstellers John Irving, Straße der Wunder, der in diesem Jahr im renommierten Diogenes Verlag erschienen ist, schon im ersten Satz ein Fehler befindet: Dort wurde ein ganzes Wort vergessen. Das Buch kostet in der gebundenen Ausgabe immerhin 26,-- Euro.

Ich werde hier auch in Zukunft über Bücher aus dem Self-Publishing-Bereich schreiben, weil diese Sparte die Chance verdient, bekannter und angesehener zu werden. Selbstverständlich werde ich auch über diese Titel das schreiben, was ich über sie denke, so wie ich das bisher mit allen Büchern getan habe. Wie alle Blogger freue auch ich mich über eure Kommentare.




Dies waren die Buchcover der Titel, die im Indie-Publishing-Katalog aufgenommen wurden:


http://inasbuecherkiste.blogspot.de/2016/06/56-wie-lernt-man-die-frau-fuers-leben.html

http://inasbuecherkiste.blogspot.de/2016/06/53-augustiner-auf-der-reise-seines.html

http://inasbuecherkiste.blogspot.de/2016/05/52-wovor-haben-wir-die-grote-angst.html

http://inasbuecherkiste.blogspot.de/2015/11/23-kann-man-so-die-welt-retten.html


Mit einem Klick auf die Cover kommt ihr zur jeweiligen Rezension. Viel Spaß beim Lesen!

Freitag, 24. Juni 2016

# 56 - Wie lernt man die Frau fürs Leben kennen?

Wer nicht wagt, gewinnt auch nicht

 

30 Dates in 30 Tagen ist das Erstlingswerk des österreichischen Autors Jürgen Koller. Meine erste Assoziation zum Film mit dem Titel "50 erste Dates" war falsch, denn der Autor hat sich im November 2013 nicht 30 Mal mit derselben Frau, sondern den ganzen Monat hindurch täglich mit immer anderen Frauen getroffen.

Dating-Marathon vom Feinsten

 

Jürgen Koller ist Single. Die Frau, mit der er lange liiert war und von der er glaubte, sie wollte ebenso gern mit ihm alt werden wie er mit ihr, hat ihn verlassen. So traurig das ist, so normal ist es auch. Man kann mit solchen Lebenskrisen unterschiedlich umgehen: Manche Menschen schließen sich ein, tun sich unendlich leid und glauben, nach diesem Verlust könnte es nicht mehr schlimmer kommen. Andere bereuen ihre Fehler und wollen eine neue Chance, und die Dritten sind einfach nur wütend. Koller hat sich für einen anderen Weg entschieden. Er ist 30 Jahre alt und hat den Wunsch, sein Leben mit einer Partnerin zu teilen. Seine Vorstellungen sind die, die auch unzählige andere Menschen für ihr Leben haben: eine Frau, ein Kind, ein Heim. Ein Ort, zu dem man nach der Arbeit nach Hause kommt und sich mit dem Menschen, den man liebt, austauschen und mit ihm gemeinsame Zeit verbringen kann. Das sind Dinge, die ihm als Single-Mann verwehrt sind. Doch Koller weiß sich zu helfen: Er kommt auf die Idee, sich an 30 aufeinanderfolgenden Tagen mit 30 verschiedenen Frauen an 30 verschiedenen Orten zu treffen. Sollte da nicht die Richtige dabei sein?

Nichts geht über eine gute Planung

 

Der 10. Mai 2013 ist der Tag, an dem Jürgen Koller genug davon hat, ständig verliebte Paare um sich herum zu sehen. An diesem Tag fällt die Entscheidung zu seinem privaten Partnerprojekt. Kurz darauf beginnen die Vorbereitungen, die eine Reihe von Fragen aufwerfen: Welche Locations sind so interessant, dass sich Frauen für ein Treffen mit ihm interessieren könnten, obwohl er selbst sich als "Mr. Durchschnitt" bezeichnet, dessen Foto nicht unbedingt dazu taugt, dass ihm die Frauen zu Füßen liegen würden? Wie macht man die Projekt-Website und die Aktion bekannt? Dürfen die Damen vorab wissen, wie der einsame Koller aussieht? Woraufhin sich fast schon zwangsläufig die nächste Frage stellt: Darf Koller  vor dem Treffen wissen, wie seine Dating-Partnerinnen aussehen?

Jürgen Koller bereitet alles generalstabsmäßig vor. Da er als Selbstständiger in der New Media Branche arbeitet, ist die Erstellung der Website (http://www.30dates.at/) kein Problem. Er schafft es auch, die Presse für sein Vorhaben zu interessieren; bei der Anfrage eines Fernsehsenders zieht er seine Zustimmung zurück, als man versucht, die bereits getroffenen Absprachen zu umgehen.
Am 22. Oktober 2013 sind alle Dates vergeben. Bis dahin hatten sich 115 Frauen auf Kollers Website angemeldet. Die Unterschiedlichkeit der Unternehmungen hat ihre Wirkung nicht verfehlt: Das Repertoire reicht vom Restaurantbesuch über eine Whisky-Verkostung bis zu Poetry-Slam, Sport, Bildung und Musik. Im Rückblick hatte die eine oder andere Idee ihre Tücken: Koller ist z. B. aufgefallen, dass sich zwei fremde Menschen, die sich mit einer bestimmten Absicht miteinander verabreden, ziemlich gehemmt verhalten, wenn sie sich bei ihrem ersten Treffen in Badekleidung gegenüberstehen.

Wie war es für "sie"?

 

Der Autor interessiert sich dafür, wie den Damen, mit denen er sehr unterschiedliche Dates hatte, die Treffen mit ihm gefallen haben, und er lässt jede von ihnen zu Wort kommen. In einem Fall schweigt die Dame, was wohl auch eine Art von Auskunft ist. Alle anderen äußern sich positiv. Bemerkenswert war dabei Date 6, ein Afterwork-Cocktail mit Roswitha: Jürgen Koller empfindet die junge Volksschullehrerin als wandelnde Wortkaskade, deren verästelten Ausführungen er immer weniger folgen kann, le länger das Treffen dauert. Er sehnt nach einer Weile das Ende des Abends herbei und bedankt sich im Geiste bei der Österreichischen Bundesbahn, die ausnahmsweise dafür sorgt, dass Roswitha pünktlich in den Zug einsteigen kann, der sie nach Hause bringt. Doch Roswitha sind Jürgens Befindlichkeiten völlig entgangen: Sie bedankt sich überschwänglich für das sehr schöne Date und hofft auf ein weiteres Treffen, "da wir auf der gleichen Wellenlänge sind". So ist das mit der Eigen- und Fremdwahrnehmumg.

Eine locker-leichte Sommerlektüre

 

Wer ein unterhaltsames Buch für laue Sommerabende oder den Urlaub sucht, liegt mit 30 Dates in 30 Tagen genau richtig. Jürgen Koller hat einen  lockeren Schreibstil und nimmt sich immer wieder auf die Schippe. Er selbst sagt über sein Buch, dass es kein literarisches Meisterwerk sei; aber wer braucht Meisterwerke, wenn es darum geht, die Seele baumeln zu lassen?
Sollte Herr Koller diese Zeilen lesen: Date Nr. 14 war ein No-Go und hat mich zwischenzeitlich an der Ernsthaftigkeit des Projekts zweifeln lassen.

30 Dates in 30 Tagen wurde mir von Indie Publishing über Blogg dein Buch zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke. Es kostet als Taschenbuch 14,30 € und in der epub- oder Kindle-Edition 6,99 €.





Freitag, 17. Juni 2016

# 55 - Wie lebt es sich mit einer Goldmedaille?

Der Ruhm eines Olympiasieges

 

In Die Frau, die allen davonrannte von Carrie Snyder geht es um eine kanadische Läuferin, Aganetha Smart, die bei den Olympischen Spielen 1928 in Amsterdam eine Goldmedaillle im 800-Meter-Lauf gewann. Diese Disziplin war damals zum ersten Mal für Frauen zu den Wettkämpfen zugelassen worden.

Die Beine stehen fast nie still

 

Aganetha Smart wird 1908 als jüngstes Kind des Landwirts Robert Smart geboren und wächst in Kanada weit entfernt von einer größeren Stadt auf. Ihre Mutter Jessica ist dessen zweite Frau; Aganetha hat noch zwei Geschwister sowie acht Halbgeschwister aus der ersten Ehe ihres Vaters, von denen zum Zeitpunkt ihrer Geburt vier bereits gestorben sind.
Aganetha, die von allen Aggie genannt wird, kann nicht still sitzen, seit sie laufen kann. Ihre Beine bewegen sich unwillkürlich auch dann, wenn sie mit ihrer Familie am heimischen Esstisch sitzt, was immer Streit auslöst. Ihre Wege legt sie meistens im Laufschritt zurück und kann sich als Schülerin auch mit den Jungen messen. Doch das Laufen ist damals bei Mädchen und Frauen nicht gern gesehen: Sogar in der einfachen Landbevölkerung ist man der Meinung, dass diese Art der Fortbewegung unschicklich ist.
Doch Aggie kann nicht anders: Wann immer sich eine Gelegenheit zum Laufen bietet, nutzt sie sie.

Eine Chance, die ergriffen werden muss

 

Aggie nimmt aus Spaß während eines Ferienbesuchs bei ihrer Schwester Olive, die in Toronto Arbeiterin in einer Fleischfabrik ist, an einem Wettlauf  teil, der von Olives Arbeitgeber im Rahmen eines Sommerfests veranstaltet wird. Sie ist mit 16 Jahren eine der jüngsten Läuferinnen und gewinnt. In diesem Moment wird ihr klar, dass sie nicht nach Hause zurückkehren will.
Sie schafft es, in das neue Frauenteam eines Süßwarenfabrikanten aufgenommen zu werden und wird von da an professionell trainiert. Und dann passiert, was Aggie selbst am wenigsten vermutet hat: Sie gewinnt bei den Olympischen Spielen 1928 den 800-Meter-Lauf der Frauen und die Goldmedaille für das kanadische Olympiateam. Die Presse reißt sich um sie, sie bekommt Werbeverträge und wird hofiert. Doch der Ruhm, der über sie hereinbricht, überfordert sie. 

Die Gesellschaft hat andere Erwartungen an die Frauen. Es wird kolportiert, dass sich die Sportlerinnen bei dieser langen Distanz überanstrengt haben und reihenweise an der Ziellinie zusammengebrochen sein sollen. Der International Association of Athletics Federations (IAAF; deutsch: Weltleichtathletikverband) fürchtet um die Gebärfähigkeit der Sportlerinnen und nimmt deren angebliche Schwäche zum Anlass, diese Disziplin wieder zu streichen. Erst viel später wird anhand von Film- und Fotoaufnahmen bewiesen werden können, dass es sich bei dieser Behauptung um eine Lüge gehandelt hat. Der 800-Meter-Lauf der Frauen wurde erst 1960 wieder ins olympische Programm aufgenommen.

Ein (un-)freiwilliger Ausflug

 

Aganetha Smart blickt im Alter von 104 Jahren auf ihr Leben zurück. Sie fristet in einem Altenheim ein ödes Dasein und langweilt sich. Die Pfleger behandeln sie wie ein unmündiges Kind, obwohl sie nicht dement ist. Doch eines Tages bekommt sie unerwarteten Besuch: Ein junges Pärchen behauptet gegenüber der Altenpflegerin, mit der Seniorin entfernt verwandt zu sein und sie nur zu einem Spaziergang abholen zu wollen. Aggie durchschaut die Lüge sofort, die Pflegerin nicht. Es stellt sich heraus, dass Kaley und Max nach ihr gesucht haben und einen Film über sie drehen wollen. Sie steuern die Stationen der früheren Heimat der Ex-Läuferin an und Aggie erfährt, dass sie tatsächlich Angehörige von ihr sind - und ihr familiär weitaus näher stehen, als es den beiden bewusst ist. Durch diesen ungeplanten Ausflug wird der alten Dame klar, dass sie etwas, was sie einer ihrer Schwestern als Kind angetan hat, mit einem späteren Opfer wieder gutmachen konnte.

 
Die Frau, die allen davonrannte ist keineswegs ein typischer Sportlerroman, in dem es nur um das Training und die Wettkämpfe geht. Aganethas sportliche Entwicklung ist in eine komplizierte und sehr problematische Familiengeschichte eingewoben, in der sich alle Gefühle zwischen Liebe und Hass finden. Das Buch erzählt von Träumen, erfüllten und geplatzten Hoffnungen sowie den Konventionen dieser Zeit, gegen die es insbesondere Frauen schwer hatten.
Carry Snyder hat für die Handlung Tatsachen und Fiktion geschickt vermischt und einen Roman geschaffen, der seine Leser bis zum Schluss fesselt.

Die Frau, die allen davonrannte ist am 13. Juni 2016 im btb Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 19,99 € sowie als Kindle- oder epub-Edition 15,99 €.

Montag, 13. Juni 2016

Rezension zu Till Türmer ebenfalls bei buchreport

Roman von Andreas Klaene im Katalog

 

Heute wurde ich darüber informiert, dass eine weitere meiner Rezensionen eines Indie-Buches den Weg in den Katalog von Indie-Publishing, einem "Ableger" der Fachzeitschrift für den deutschen Buchhandel buchreport, geschafft hat: Am 27. Mai 2016 hatte ich euch Till Türmer und die Angst vor dem Tod vorgestellt. Da die Rezension nun im gedruckten Katalog erscheinen wird und bereits online gelesen werden kann, dürfte das die Bekanntheit dieses Buches weiter erhöhen. Ich wünsche Andreas Klaene weiterhin viel Erfolg!

Den im Katalog veröffentlichten Rezensionstext findet ihr hier: Indie-Publishing 

Freitag, 10. Juni 2016

# 54 - Die gewandelte Religion

Wer füllt die Lücke, seitdem Gott abgeschafft wurde?

 

Es geht in Die neuen zehn Gebote von Andreas Lehmann nicht um Theologie in Reinform, wie der Titel vermuten lässt. Vielmehr wird ein Blick auf das geworfen, was der Autor als "Ersatzreligionen" bezeichnet: Geld, egozentrische Selbstverwirklichung, die übertriebene Fokussierung auf das eigene Kind, Veganismus, die Bio-Welle und einige andere mehr. Lehmann hat jeder dieser Ersatzreligionen ein eigenes Kapitel, das er als Gebot bezeichnet, gewidmet.

Gott und seine Häuser leiden unter einem Attraktivitätsverlust 

 

Andreas Lehmann liefert einige Zahlen, die in den letzten Jahren wiederholt in der Presse aufgetaucht sind, wenn es um die immer geringeren Kirchensteuereinnahmen und die damit zusammenhängenden Einsparungen ging, die die beiden christlichen Kirchen daraufhin veranlasst haben: Seit mehr als 25 Jahren hat die Evangelische Kirche in Deutschland einen durchschnittlichen Mitgliederschwund von 0,7 % pro Jahr, die Katholische Kirche von 0,5 %. Am Karfreitag, einem der höchsten christlichen Feiertage, finden gerade einmal 4 % der Kirchensteuer zahlenden Protestanten den Weg in einen Gottesdienst.
Zwar werden bei vielen Menschen bestimmte Traditionen wie die Taufe der eigenen Kinder oder die kirchliche Hochzeit weiterhin eingehalten, aber dies geschieht nicht mehr aus in erster Linie religiösen Gründen. Die Kirche wird als unmodern und verstaubt empfunden.

Was tritt an die Stelle der Religiosität?

 

Andreas Lehmann hat die zehn Gebote, die von vielen Menschen, die in einer durch christliche Werte geprägten Gesellschaft aufgewachsen sind, nur noch bruchstückhaft aufgesagt werden können, umformuliert. So wird z. B. aus dem ersten Gebot "Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir." das vom Autor angepasste Gebot "Ich bin Ich, mein Gott. Ich brauche niemanden neben mir.". Hier stellt er den heutigen Hang zur Selbstbezogenheit in den Mittelpunkt: Immer und überall werden Selfies gemacht und in den sozialen Netzwerken gepostet, Zeitschriften drucken Schlagzeilen auf ihre Titelseiten, in denen mindestens ein Mal das Wort "ich" vorkommt und die Wichtigkeit mit wenigstens einem Ausrufezeichen untermauert wird. Trotz - oder wegen? - dieser Ich-Bezogenheit steigt die Zahl der psychischen Erkrankungen stetig an.

Doch auch den Starkult sieht Lehmann als eine Ersatzreligion an. Die Massenmedien blasen das Image von Prominenten so weit auf, dass sie den Status von Helden erreichen.
Dystopien wie "Die Tribute von Panem" bedienen die Weltuntergangsängste und spiegeln sich in der Realität in Nachrichten wider, die die Furcht vor dem nahen Ende anfachen: Von BSE über Euro-Krise oder Terrorgefahr ist gewissermaßen für jeden etwas dabei.

Spannender Ansatz, aber...

 

Das Buch ist locker und flüssig geschrieben und greift die "Götter" unserer Zeit auf humorvolle Art und Weise auf. Die schleichende Abkehr von der (christlichen) Kirche in Verbindung mit zahlreichen Kirchenaustritten ist für sich genommen keine Neuigkeit. Doch sich darüber Gedanken zu machen, ob der Mensch ein grundsätzliches Bedürfnis nach Spiritualität und Religion hat und wie er dies ohne Gott und seine irdischen Institutionen ausfüllt, fand ich grundsätzlich sehr interessant. Allerdings ist Die neuen zehn Gebote so sehr darauf ausgerichtet, unterhaltsam zu sein, dass es mir an Tiefe fehlte. Die von Andreas Lehmann angeschnittenen Themen und die Darstellung der "Ersatzgötter" lösen zwar zunächst fast immer spontane Zustimmung aus, aber in vielen Kapiteln schweifen seine Gedanken ab und verlieren sich an Nebenschauplätzen. Sein elftes Gebot, das Nachwort, schließt sich diesem Trend an: Die Hälfte der letzten knapp vier Seiten beschäftigt sich damit, dass ein Buch ein Nachwort braucht, das gern mit einer frohen Botschaft verknüpft sein darf. Na dann.


 

Die neuen Zehn Gebote  wurde mir vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke. Es ist im Riemann Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 17,99 €. Die Kindle- und epub-Editionen sind für je 13,99 € erhältlich.
 

Mittwoch, 8. Juni 2016

Weitere Rezension bei Buchreport

Letzte Woche erst rezensiert - heute schon im Katalog von buchreport

 

Nach meiner Rezension des Buchs Es regnet Geld für ein Weltkonto - Die Tausendstel-Frage von Joachim Ackva hat es eine weitere Rezension aus meiner Bücherkiste in den Indie-Publishing-Katalog von buchreport, der Fachzeitschrift für den deutschen Buchhandel, geschafft:
Letzten Freitag habe ich hier Invocabit: Anrufung des Autors Pierre Maurice vorgestellt. Meine Rezension ist nun in einer leicht gekürzten Fassung auch dort erschienen und wird im nächsten gedruckten Katalog sein.


























 

Freitag, 3. Juni 2016

# 53 - Augustinermönch auf der Reise seines Lebens

Historischer Roman vor der mittelalterlichen Kulisse der Schweiz

 

Im Jahr 1247 beginnt ein Augustinermönch, dessen Name der Leser nicht erfährt, eine Studienreise, die ihn von seinem Kloster St. Maurice im schweizerischen Wallis nach Norden über die Alpen bis nach Bayern, Thüringen, Sachsen, Lübeck und Köln führt. Doch in Invocabit: Anrufung von Pierre Maurice soll es nicht um diesen Teil seines Weges gehen, sondern um den Rückweg, der unter abenteuerlichen Umständen verläuft.

Wie ein familiäres Ereignis die eigenen Pläne zum Einsturz bringt

 

Am 15. August 1250, mehr als drei Jahre nach seinem Aufbruch, erreicht den Mönch die Nachricht seines Vaters aus dem Heimatort Naters, dass seine Mutter sehr krank sei und es wohl auf das Ende zu gehe. Diese Botschaft bringt ihn dazu, seine bisherigen Pläne zu ändern und sich sofort auf den Weg nach Hause zu machen. Selbstverständlich möchte er seine Mutter noch einmal sehen und sich von ihr verabschieden. Entlang des Rheins und der Aare wandert er so schnell wie möglich in die Schweiz zurück. 
Doch als er am 3. Oktober den Lötschenpass erreicht und die Heimat nur noch zwei Tagesmärsche entfernt ist, wird der Mönch von einem viel zu frühen und sehr heftigen Wintereinbruch überrascht. Der Pass ist derart eingeschneit, dass erst am 21. November 1250 nach dem Einsetzen des Tauwetters eine Fortsetzung der Wanderung möglich ist.
Doch wegen der schlechten Verhältnisse ist das Weiterkommen auf dem kürzesten Weg nicht möglich, sodass der Mönch eine Route einschlagen muss, die ihn in einem weiten Bogen westwärts führt und ihn noch mehr Zeit kostet. 

Dieser Umweg zehrt an seinen Kräften, und er ist mehrmals dem körperlichen Zusammenbruch nah. Der Mönch kämpft sich mühsam vorwärts, doch in Avenche gerät er krank und halb verhungert in die Fänge einer Wirtin und Bordellbetreiberin, die ihm verspricht, ihn gesund zu pflegen. Doch was sich dort gegen seinen Willen abspielt, soll ihm einen Feind einbringen, der unbedingt seinen Tod will, um den einzigen Zeugen der eigenen Untaten zum Schweigen zu bringen. Jetzt steht der Mönch vor der größten und wohl auch schwersten Entscheidung seines Lebens, die auch seinem Vater und seinen Geschwistern Einiges abverlangt.

Mein Leseeindruck

 

Invocabit: Anrufung  ist ein Roman, der vor allem Lesern, die die Schweiz gut kennen, gefallen wird: Die Route des Mönches ist derart akribisch beschrieben, dass geübte Wanderer sie gut nachvollziehen können. Allen anderen wird das Verständnis für die Handlung ohne diese Ortskenntnis etwas schwer gemacht. 

Pierre Maurice hat in die Handlung einige historisch korrekt dargestellte Persönlichkeiten wie z. B. Kaiser Friedrich II. oder Nantelmus, den Abt des Klosters St. Maurice, eingeflochten, was die Geschichte sehr authentisch macht.

Das Buch hat einen stärkeren religiösen Anstrich, als es für seine Plausibilität nötig wäre: Immer wieder werden Psalmen sowohl in der deutschen (gemäß der Luther-Bibel 1984) als auch der lateinischen Fassung (Biblia Sacra Vulgata) vollständig zitiert, wenn sich der Mönch in einer psychisch schwierigen Situation befindet. Das wirkt sich hemmend auf den Lesefluss aus und trägt dazu bei, hin und wieder den "Faden" zu verlieren. Auch Äußerungen, die von Französisch sprechenden Personen stammen, werden immer zweisprachig auf Deutsch und Französich wiedergegeben.

Der Text wird durch Schwarz-Weiß-Fotos aufgelockert, die vom Autor selbst stammen und überwiegend Naturmotive zeigen.

Invocabit: Anrufung ist als Paperback-Ausgabe bei tredition erschienen und kostet 14,99 € (rd. 300 Seiten). Das Buch kann sowohl beim Verlag als auch über den Versand- oder den stationären Buchhandel erworben werden.

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