Freitag, 23. Dezember 2016

# 81 - Gestorben wird immer

Ein Leben voller Dramen und Abgründe

 

Agnes Weisgut ist 91 Jahre alt und eine starke, aber auch harte und gefühlskalte Frau. So erleben sie zumindest ihre Söhne, die als selbstständige Steinmetze in Hamburg in ihrer Nähe leben, und ihre Enkelkinder Birte, Peter und Bosse. Aber auch hier gilt die Redewendung: Nichts ist so, wie es scheint. Alexandra Fröhlich schildert in ihrem Roman Gestorben wird immer das Schicksal einer Frau, die unendliches Leid erlitten, aber auch Schuld auf sich geladen hat.
  

Wer kann das aushalten?

 

Wenn man nach einem Beispiel für eine Familienmatriarchin sucht, ist Agnes erste Wahl. Sie führt ein straffes Regiment, weiß über alle Bescheid und greift durch, sobald sie sieht, dass die Dinge aus dem Ruder laufen. Wer bei ihr Warmherzigkeit und Güte sucht, sucht vergeblich. Wenn sie mit ihren "Lieben" spricht, dann ein Machtwort. Im Gegenzug wird sie von ihren Kindern und Enkeln respektiert, vielleicht auch geachtet, aber nicht unbedingt geliebt. Sie wissen, dass die Großmutter aus Königsberg stammt, ihr Mann Wilhelm als Soldat in Russland vermisst wurde und die junge Mutter mit ihren vier Kindern aus Ostpreußen im Februar 1945 Richtung Westen geflohen ist. Den Steinmetzbetrieb ihres Mannes musste sie zurücklassen und in Hamburg, wohin es sie zufällig verschlagen hatte, neu anfangen. Das hat sie mit sehr gutem Erfolg geschafft, was nicht zuletzt ihrer Intelligenz und Beharrlichkeit zu verdanken ist.
Doch es gibt eine ganze Menge, was die meisten in Agnes' Familie nicht wissen: warum ihre Tochter Martha von einem Tag auf den anderen ein bisschen verrückt wurde und vor 30 Jahren unangekündigt ihre Familie verließ oder wohin ihr Mann Wilhelm, ein kriegsbegeisterter Nazi, so plötzlich verschwunden ist. 
Was allen gemeinsam ist, ist ein für sie unerklärliches Gefühl von Unvollkommenheit, mit dem jeder anders umgeht: Marthas extrem ehrgeizige Tochter Birte ist kaum bindungsfähig und koppelt jede Emotion zwanghaft mit Fress-Brech-Attacken, während ihr Zwillingsbruder Peter dick und träge ist und sich in seinem aus Birtes Sicht glanzlosem Leben mit seiner unscheinbaren Frau und den zwei Kindern eingerichtet hat. 
Bosse, ein weiterer von Agnes' Enkeln, steht Birte näher als deren eigener Bruder, obwohl er kaum gegensätzlicher als sie sein könnte: Er entspricht eher dem Typ "liebenswerter Chaot" und studiert Fächer, die kaum Aussicht auf eine spätere regelmäßige Berufstätigkeit bieten. Aber er ist offen und empathisch und blickt hinter die oft unterkühlt wirkende Fassade seiner Cousine.


Die Kenntnis um die Familiengeschichte ist der Schlüssel zu Verständnis und Vergebung

 

Agnes Weisgut will in ihrem hohen Alter endlich reinen Tisch machen. Deshalb fordert sie Birte auf, die ganze Familie zu einem Treffen nach Hamburg zu holen. Das ist gar nicht so einfach: Zwei von Agnes' Söhnen sind derart zerstritten, dass sie seit Jahren kein Wort mehr miteinander gewechselt haben. Auch Martha, die seit Jahren verschwundene und als verrückt geltende Tochter, soll kommen und sich anhören, was die Mutter ihnen zu sagen hat. Martha lebt nach einer Odyssee durch verschiedene europäische Länder nun im litauischen Nida, 1.000 Kilometer von Hamburg entfernt. Widerwillig sagt Birte ihrer Großmutter zu, alle zum Kommen zu bewegen und bittet Bosse, sie zu unterstützen. Was beide nicht ahnen: Es wird nicht nur über das Leben ihrer Großmutter, sondern auch über ein lange gehütetes Geheimnis, in dem es um den Tod von Bosses Schwester Astrid geht, gesprochen werden.

Gestorben wird immer erzählt die Geschichte einer Frau, die 1935 im Alter von 18 Jahren einen Mann heiratet, den sie nicht liebt, weil ihre Eltern es für das Beste halten. Erst später erfährt sie den wahren Grund: Ihre Großmutter war eine Jüdin, und die Ehe mit dem strammen Nationalsozialisten Wilhelm Weisgut versprach einen Schutz für die ganze Familie. Agnes arrangiert sich und versucht auch dann, als ihr Mann in den Krieg zieht und sie mit ihren Kindern und der verhassten Schwiegermutter zurückbleibt, den Steinmetzbetrieb aufrecht zu erhalten. Sie hat ein Gespür für heraufziehende Gefahren und handelt stets so, wie sie es für sich und ihre Kinder für richtig hält. Alexandra Fröhlich beschreibt in ihrem Buch eine Frau, die alle Höhen und Tiefen erlebt, sich aber nie unterkriegen lässt. Ein Roman, den ich unbedingt empfehlen kann.

Gestorben wird immer wurde mir vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke. Es ist 2016 im Penguin Verlag erschienen und kostet als Paperback-Ausgabe 13,-- Euro sowie als epub- oder Kindle-Edition 9,99 Euro.

Dieses Buch ist das letzte, das ich euch 2016 vorstelle, die Bücherkiste klappt ihren Deckel über Weihnachten und den Jahreswechsel zu. Am 6. Januar 2017 geht es mit dem nächsten Buch weiter. Bis dahin wünsche ich allen Lesern frohe Weihnachtstage und einen guten Rutsch ins neue Jahr!


 
 

Freitag, 16. Dezember 2016

# 80 - Was macht China aus?

Eine Übersetzung, die ein Leben verändert

 

London im April 2013: Die Übersetzerin Iona Kirkpatrick beginnt mit ihrer Arbeit an einem Stapel fotokopierter chinesischer Schriftstücke. Der ihr bis dahin nicht bekannte Verleger Jonathan Barker hat ihr vor einigen Wochen ein ungeordnetes Konvolut von Tagebüchern und Briefen gegeben, von denen er den Eindruck hat, dass hinter ihnen etwas Bedeutendes stecken könnte. Tatsächlich soll sich diese Vermutung bestätigen. Um diesen Plot rankt sich die Geschichte, die die chinesische Autorin Xiaolu Guo in ihrem Roman Ich bin China erzählt.

Das Individuum ist der Feind des Kollektivs

 

Iona führt ein Leben in einer selbstgewählten Einsamkeit: Außer der wechselnden Sexualpartner, zu denen sie keine emotionale Bindung hat und die sie nach einer gemeinsamen Nacht aussortiert wie einen Packen Altpapier, bekommt sie keinen Besuch. Ihre Schwester, die in ihrer Rolle als Mutter aufgeht, sieht sie selten, die Eltern noch seltener. So vertieft sie sich in die chinesischen Aufzeichnungen, die ihr zunächst rätselhaft erscheinen. Doch nach und nach begreift sie, dass sie eine ungewöhnliche Liebesgeschichte zwischen zwei Chinesen vor sich hat, die von Anfang an schwierig ist und durch das politische System behindert wird. Sie beginnt Anfang November 1993: Kublai Jian ist 21 Jahre alt, Student und Punk-Musiker in Peking, die 18-jährige Deng Mu ist als Besucherin beim Konzert seiner Band. Schon zwei Monate später kritisiert Jian seine Freundin in einem seiner Tagebucheinträge: Sie hat begonnen, sich für den Dichter Hai Zi zu interessieren, der für ihn nicht akzeptabel ist, weil er dessen Lyrik für rückgewärtsgewandt und morbide hält. Was soll man schon über einen denken, der sein Leben mit 25 auf Eisenbahnschienen liegend beendet? 
Im Laufe der Jahre werden Mu und Jian ihre Höhen und Tiefen mteinander haben, für eine kurze Zeit sind sie sogar Eltern eines Sohnes. Doch dann, im Dezember 2011, wird Jian außer Landes gebracht, nachdem man ihn zuvor in der Gefangenensammelstelle vor der Stadtgrenze Pekings festgehalten hatte. Ihm ist zum Verhängnis geworden, während eines seiner Konzerte ein politisches Schriftstück, das er als sein Manifest bezeichnet, ins Publikum geworfen zu haben. Ein Schriftstück mit den Gedanken des Künstlers, die sich nicht an die Staatsdoktrin halten wollen. Das kann nicht gutgehen, zumal Jian einer Familie angehört, zu der ein Kriegsheld und ein hoher Funktionär gehören. So wird eine Nervenklinik in Lincolnshire seine erste Station, der noch weitere folgen sollen. Aber Jian und Mu versuchen noch eine Weile, den Kontakt durch Briefe aufrechtzuerhalten, die jedoch immer verzögert ihre Empfämger erreichen: Nicht nur Jian wechselt mehrmals den Aufenthaltsort, sondern auch Mu versucht, sich ohne ihren Freund ein eigeständiges Leben als singende Protest-Lyrikerin aufzubauen. Ein Manager formt eine Band mit ihr als Frontfrau und organisiert eine USA-Tour, die den Protest kommerzialisiert. Damit entfernt sie sich ein gutes Stück von der Idee Jians, mit Musik eine politische Veränderung zu bewirken.

Der Sog einer Lebensgeschichte

 

Iona vertieft sich so sehr in die chinesischen Unterlagen, dass sie ihr eigenes Leben zunehmend aus den Augen verliert. Immer tiefer steigt sie in die chinesische Geschichte um Mao und den Langen Marsch ein, um zu verstehen, was in Mu und Jian vorgeht und worauf deren Konflikte begründet sind. Sie recherchiert ausführlich, und zusammen mit Jonathan gelingt es ihr, die Puzzleteile, die zu Jiangs Leben gehören, zu einem großen Ganzen zusammenzuführen. Der Lebensabschnitt von Jian in Europa beginnt keine 1 1/2 Jahre vor Ionas Übersetzungsarbeit, sodass die Übersetzerin in dem Gefühl arbeitet, sie laufe den frischen Spuren der beiden Chinesen hinterher. Jonathan ist von der Entwicklung und den Erkenntnissen, die mit Ionas Arbeit gewonnen werden konnten, so begeistert, dass er die Unterlagen unbedingt als Buch herausbringen will. Doch da gibt es Leute, die seine Pläne verhindern wollen: Jemand hat sich Zugang zu allen gespeicherten Projektdaten verschafft, die beim Verlag vorhanden sind. Kurz darauf wird Jonathan zum ersten Mal und ohne eine stichhaltige Begründung ein Visum nach China verwehrt. Er beschließt trotz Ionas Protest, die Veröffentlichung zu stoppen. Iona hat sich indessen eine ganz andere Idee in den Kopf gesetzt: Sie will versuchen, den Konatkt zwischen Mu und Jian wieder herzustellen.

Ein großer Bogenschlag in der Geschichte Chinas

 

Ich bin China geht in der chinesischen Geschichte so weit zurück, wie es nötig ist, um insbesondere Jians Lebensweg zu erklären, nämlich bis zur Zeit des Langen Marsches 1934 bis 1935. Xiaolu Guos Roman ist sehr vielschichtig angelegt und zeigt den Konflikt zwischen dem früheren und modernen China auf, in dem Individualität und Freiheit bis heute der Stabilität und Ordnung untergeordnet sind. Ein Buch, das ich unbedingt empfehlen kann.

Ich bin China wurde mir vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke. Es ist 2015 im Knaus Verlag  erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 19,99 €.

Freitag, 9. Dezember 2016

# 79 - Wenn die Sommerhitze den Verstand verbrennt

Das kollektive Gedächtnis vergisst und vergibt nicht

 

Der Farmer Luke Hadler hat ganz offensichtlich seine Frau Karen und seinen Sohn Billy getötet und sich dann auf der Ladefläche seines Pick-ups erschossen. Nur Lukes kleine Tochter Charlotte, die gerade ein Jahr alt ist, blieb verschont. 
Wie fast immer sind die Fliegen die ersten, die die Leichen entdecken. Kurz nach ihnen trifft der Postbote ein. So beginnt der Thriller The Dry von Jane Harper, der in der Kleinstadt Kiewarra irgendwo in Australien spielt.

Eine Kleinstadt ächzt unter der Dürre - eine Stimmung, um die Nerven zu verlieren

 

Aaron Falk kommt nach 20 Jahren anlässlich der Beerdigung seines Jugendfreunds Luke zum ersten Mal wieder in seine Heimatstadt, an die er nur wenige gute Erinnerungen hat. Er muss sich dazu überwinden, aber Lukes Eltern Barb und Gerry hatten ihn inständig darum gebeten. Die frühere enge Beziehung zu ihnen spielt bei Aarons Entscheidung eine Rolle, aber den Ausschlag, alle Bedenken über Bord zu werfen, gibt der Schluss in Gerrys Brief: Luke hat gelogen. Du hast gelogen.
Als Aaron in Kiewarra eintrifft und die Kirche betritt, in der die Trauerfeier abgehalten werden soll, brechen alte Erinnerungen hervor. Er muss den Blicken der Trauergäste standhalten, die ihn wiedererkennen und beschließt, die Rückreise nach Melbourne in spätestens 18 Stunden anzutreten. Jeder, mit dem Aaron nach dem Kirchgang spricht, verurteilt Lukes Tat, aber alle haben eine Erklärung parat, die jedem einleuchtet: Man erzählt sich, Luke sei total verschuldet gewesen und habe keinen anderen Ausweg mehr gesehen, als sich und seine Familie auszulöschen. Die schon so lange dauernde Dürre habe doch schon mehreren Farmern wirtschaftlich das Genick gebrochen. Doch warum ließ er die kleine Charlotte am Leben? Auch da ist man sich im Ort einig: Vermutlich sei er am Bett seiner Tochter zur Besinnung gekommen und habe es nicht mehr übers Herz gebracht, auch sie zu töten. Damit könnte der tragische Fall der Familie Hadler erledigt sein. Aber eine Person hat Zweifel: Sergeant Raco sieht in einzelnen Details zu viele Ungereimtheiten und beschließt, Nachforschungen anzustellen, obwohl die Beamten der ihm vorgesetzten Polizeistation in Clyde die Lage für offensichtlich halten und die Akten bereits geschlossen haben. Raco hat von niemandem Hilfe zu erwarten: nicht aus Clyde, wo man Kiewarra für ein hinterwäldlerisches Nest hält, und auch nicht von den eigenen beiden Kollegen, denen es an Eifer und Fähigkeit mangelt.

Die Vergangenheit lässt sich nicht abschütteln

 

Aaron Falk ist Bundespolizist, allerdings bei der Steuerfahndung. Aber sowohl er als auch Raco sind sich darin einig, dass an diesem erweiterten Suizid etwas faul ist. Sie beginnen mit inoffiziellen Ermittlungen, und Aarons Plan, so bald wie möglich die Heimreise anzutreten, gerät ins Wanken. Die Ermittlungen gestalten sich jedoch schwierig. Viele Bewohner der Stadt wissen noch genau, warum Aaron und sein Vater vor 20 Jahren fluchtartig Kiewarra verlassen hatten. Damals war Ellie, ein Mädchen, mit dem sowohl er als auch Luke befreundet waren, verschwunden und erst Tage später tot im Fluss gefunden worden. Aaron und Luke waren von der Polizei befragt worden, und Luke hatte ihr über seinen Freund, der kein brauchbares Alibi hatte, gesagt, dieser sei mit ihm zusammen auf Kaninchenjagd gewesen. Ganz Kiewarra war sich einig gewesen, dass Aaron ein Mörder ist und wurde von der Familie der Toten immer wieder aufgestachelt. Als der alte Falk und sein Sohn um ihr Leben fürchten mussten, waren sie Hals über Kopf geflohen. Aaron stößt bei seinen Nachforschungen zum Tod der Familie Hadler auch auf neue Erkenntnisse, die Ellies Tod betreffen.

Spannung pur

 

The Dry ist ein rundum gelungener Thriller. Jane Harper ist in ihrem ersten Buch nicht darauf angewiesen, Spannung durch Effekthascherei und Unmengen von Blut zu erzeugen. Bis fast zum Schluss bleibt unklar, wer für den Tod von Luke, Karen und Billy Hadler die Verantwortung trägt. Auch Ellies Tod, der die Bürger von Kiewarra zu den unterschiedlichsten Spekulationen anfeuerte, klärt sich auf. Kurzum: The Dry gehört zu den besten Thrillern, die ich kenne.

The Dry wurde mir von bloggdeinbuch zur Verfügung gestelt, wofür ich mich herzlich bedanke. Es kann über den örtlichen Buchhandel sowie über den Rowohlt-Verlag zum Preis von 14,99 € bezogen werden. 
 

 

  


Montag, 5. Dezember 2016

Altes und Neues nebeneinander - Das war der November

Geschichte, Humor, der Wunsch nach dem ewigen Leben und das Sterben in der Einöde

 

In Hummelhonig beschreibt Torgny Lindgren die Geschichte zweier alter Brüder, die in einem Kaff in Nordschweden leben und auf den Tod zusteuern. Doch jeder der beiden will beim Überleben als Sieger hervorgehen. Eine mäßig erfolgreiche Schriftstellerin, die sich in der Gegend auf einer Lesereise befindet, verbringt den Winter unfreiwillig bei einem der Brüder. Nach und nach kommt sie hinter das Geheimnis, das die alten Männer in einer seit Jahrzehnten dauernden Hassliebe verbindet. Ein sehr schöner und trotz - oder wegen - seiner schnörkellosen Sprache einfühlsam geschriebener Roman, der schon seit seinem Erscheinen vor fast 20 Jahren in meinem Regal steht.
Torgny Lindgren ist seit 1991 Mitglied der Schwedischen Akademie, die die Literaturnobelpreisträger auswählt. Der Jury gehörte er bis 2014 an.
Eine ukrainische Filmgesellschaft verfilmte seinen Roman 2012 unter dem Titel "Brothers - The last confession" und ließ die Brüder anstatt in Schweden  - na klar - in der Ukraine ihren Zwist austragen. Hier gibt es einen Trailer:





von 5 




In Die Unglückseligen von Thea Dorn trifft die Molekularbiologin Johanna Mawet auf den heute längst vergessenen Physiker Johann Wilhelm Ritter. Ritter ist 240 Jahre alt, zeigt aber keine altersgemäßen Gebrechen - wenn man das bei einem derart deutlichen Überschreiten der üblichen Lebenserwartung überhaupt sagen kann. Ritter hat während der Zeit der deutschen Romantik viel mit Elektrizität experimentiert, und Johanna fällt auf, dass seine Wunden ungewöhnlich schnell verheilen. Von dieser Beobachtung ist sie, die sich seit Jahren mit der Frage beschäftigt, wie man den Menschen vor dem Tod bewahren kann, fasziniert. Liegt in Ritters Versuchen der Schlüssel zum ewigen Leben?
Ein spannendes und interessantes Buch, das hier und da etwas hätte gestrafft werden können.

Thea Dorn spricht hier über ihr Buch:







Auch der Roman Bühlerhöhe von Brigitte Glaser spielt in der Vergangenheit, geht aber nur bis in die 1950-er Jahre zurück: Die Bundesrepublik Deutschland ist noch jung, der Staat Israel ebenso, und Konrad Adenauer ist der erste Kanzler der BRD. Er kümmert sich um eine Aussöhnung zwischen den Deutschen und Juden und ist für das Zustandekommen des Luxemburger Abkommens, das Entschädigungsleistungen und -zahlungen an Israel sowie enteignete Juden vorsieht, verantwortlich. Ihm ist bewusst, dass ihm Gefahr aus dem kommunistischen Lager droht, er unterschätzt jedoch die Bedrohung durch diejenigen Israelis, die mit dem Abkommen nicht einverstanden sind. Der Mossad schickt deshalb die noch unerfahrene Agentin Rosa Silbermann undercover in den Schwarzwald, wo Adenauer seine Sommerferien verbringen will. Wird es ihr gelingen, den Attentäter zu identifizieren und rechtzeitig zu stoppen? Brigitte Glaser belässt es nicht bei der eindimensionalen Erzählung ihrer Geschichte, sondern widmet sich auch der Vergangenheit, die die meisten Protagonisten als Bürde mit sich herumtragen. Bühlerhöhe gehört zu den Büchern, die sich im Verlauf der Handlung steigern und die man bis zur letzten Seite nicht mehr aus der Hand legen will. Das im Buch beschriebene Grandhotel Bühlerhöhe gab und gibt es tatsächlich, Konrad Adenauer hat dort mehrere Ferienaufenthalte verbracht. Nach einer Sanierung wurde es unter dem Namen "Schlosshotel Bühlerhöhe" wieder eröffnet und ist mutmaßlich so teuer, dass es das Budget eines Durchschnittsurlaubers gleich mehrmals sprengen kann: Da auf der Hotel-Homepage kein Zimmerpreis zu finden ist, kann sich jeder sein Teil denken. Auch wenn es nicht ganz zu einer Buchrezension passt, will ich euch anstelle eines Interviews mit der Autorin ein Video mit Atze Schröder zeigen, der - so behauptet er es - auf Rechnung von RTL in dieser Nobelherberge residiert hat. Ein Mann aus dem Volk eben: Atze Schröder - 3 Sterne Deluxe






Erstmals gab es einen Gastbeitrag in der Bücherkiste: Frank Hartung hat das Buch Interview mit einem DJ vorgestellt. Elvis, der  King of Rock'n'Roll, meldet sich aus dem Jenseits zu Wort und wird von einem DJ interviewt. Während des Gesprächs kommen sie auch auf Themen, die sich weitab von der Musik befinden: Klimawandel, Artensterben und politischer Rechtsruck sind nur einige davon. Frank Hartung hat die witzige, kurzweilige und kluge Art dieses Buches gut gefallen. Da ich das Buch selbst nicht kenne, vergebe ich dieses Mal keine Sterne.
Wer sich dafür interessiert, was Michael Lorenz, der selbst DJ ist, macht, kann hier mehr über ihn erfahren: www.rollingstock.info








Am letzten November-Freitag ging es um ein Buch, das Lesern gefällt, die Absurdes und Abseitiges lieben. Der Finger im Revolverlauf von Carlo Manzoni ist in der deutschen Ausgabe bereits vor 53 Jahren erschienen und - wie der Untertitel verrät - ein Super-Thriller. Der Privatdetektiv Chico und sein cleverer Hund Greg vollbringen ermittlerische Heldentaten, von denen normale Polizisten nur träumen können. Wenn die Reviere voll von Ermittlerduos ihres Schlages wären, wäre die Kriminalität längst ausgerottet. Vermutlich. Vielleicht. Ein bisschen. Man weiß es nicht. Wie auch immer: Die kriminalistische Arbeit kommt mit genug Bourbon im Glas erst so richtig in Schwung. Da ist dann auch das Stoppen einer Revolverkugel mit dem Zeigefinger im Lauf kein Problem mehr. Ein lustiges Buch, wofür ich mich bei Bettina Schnerr nochmals herzlich bedanke.

Aber: Funktioniert das eigentlich? Kann man den Abschuss einer Patrone stoppen, indem man einen Finger in den Lauf steckt? Dieser Frage sind die Mythbusters nachgegangen. Bei ihnen war es kein Revolver, sondern eine alte Flinte, aber ich will jetzt mal nicht so pingelig sein.








Das war es schon wieder. Schaut wieder rein bei den Rezensionen im Dezember.






Freitag, 2. Dezember 2016

# 78 - Nazis, Sport und unerwünschte Siege

16 Tage Ausnahmezustand für eine effektive Imagepflege

 

Der Publizist und Historiker Oliver Hilmes zieht in Berlin 1936 den Vorhang zurück und schaut hinter die Kulissen der bis dahin größten Olympischen Spiele. Doch dieses Buch ist weit davon entfernt, eine Sportenzyklopädie zu sein.

Die Olympischen Spiele als Leinwand für das übrige Leben in Berlin

 

Die spektakulär von den Nationalsozialisten inszenierte Sportveranstaltung liefert so etwas wie das Grundrauschen, vor dem sich das Leben an 16 Tagen im August 1936 abspielt. Das Regime ist bemüht, sich nach außen möglichst offen, friedlich und tolerant zu zeigen, aber zeitgleich mit den Wettkämpfen gibt es fernab des Olympiastadions verhaltene Protestaktionen und latente Ängste genauso wie überbordende Lebensfreude und Genuss. Zumindest für die, die es sich leisten können. 
Die Ausländer, die anlässlich der Sommerspiele in der Hauptstadt zu Gast waren, durften nichts merken von dem, was sich da nach und nach anbahnte: nichts vom Bau des KZ Sachsenhausen, nur 35 km von Berlin entfernt; nichts von der Verzweiflung zahlreicher Menschen angesichts dessen, was sich da anbahnte und die sich in einer ungewöhnlich hohen Zahl von Todesfällen äußerte; nichts von den Folgen des Erlasses "Zur Bekämpfung der Zigeunerplage", der zwei Wochen vor dem Beginn der Olympischen Spiele zur Zwangsumsiedlung von 600 Sinti und Roma auf ein Rieselfeld in Marzahn führte - einen Platz also, auf dem ständig Jauche abgekippt wurde.

Verweigerte Hitler den Handschlag?

 

Adolf Hitler wohnte nicht allen Wettkämpfen bei und wurde nach dem ersten Tag der Sommerspiele, als er allen deutschen Gewinnern mit Handschlag gratulierte, vom Präsidenten des IOC ermahnt: Entweder solle er alle oder keinen Athleten beglückwunschen. Hitler entschied sich dafür, niemandem mehr zu gratulieren. Ausgerechnet ein schwarzer US-Sportler, der Leichtathlet Jesse Owens, ging mit vier Goldmedaillen als erfolgreichster Sportler aus den Spielen hervor. An dieser Stelle gehen die Meinungen von Augenzeugen auseinander: Hat Hitler samt seiner Entourage absichtlich das Stadion verlassen, als sich Owens in Begleitung der Sekretärin des NOK und eines Dolmetschers seinem Stand näherte? Die Frage bleibt ungeklärt. Fest steht allerdings, dass Hitler von Owens Siegesserie nicht erbaut gewesen ist.

Deutschland musste dem IOC und den USA versprechen, jüdische Sportler nicht von den Wettkämpfen auszuschließen. Daraufhin wurden Qualifikatiosnergebnisse so manipuliert, dass Juden den Sprung in die deutschen Teams nicht schafften. Als Feigenblatt trat dann die "halbjüdische" Fechterin Helene Mayer an, um die ausländischen Gemüter zu beruhigen. 

Ein Lebensgefühl, das sich schon bald in Luft auflösen sollte

 

In Berlin 1936 kommen sie alle vor: Hilmes wirft Schlaglichter auf  Prominente wie den Verleger Ernst Rowohlt oder den amerikanischen Schriftsteller Thomas Wolfe, auf einfache Berliner,Reiche, Schwule, Künstler und Lebemänner. In seinem Buch bilden die Olympischen Spiele die Leinwand, aus der die einzelnen Menschen mit ihren Wünschen, Ängsten, Überzeugungen und Beziehungen zueinander hervortreten. So wird sehr deutlich, wie sich das Leben der Bürger und der Blick des Auslands auf das Deutsche Reich unter dem Einfluss des Nationalsozialismus allmählich veränderten.
Berlin 1936 lässt ein Stück deutsche Vergangenheit plastisch entstehen, ohne dabei wie ein Geschichtsbuch zu wirken. Es ist ein Buch, das eine besondere Atmosphäre einer Zeit einfängt, die sich nicht wiederholen möge.

Berlin 1936 wurde mir vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke. Es ist im Siedler Verlag erschienen und kostet als Hardcover 19,99 € sowie als epub- oder Kindle-Edition 15,99 €.
 

Freitag, 25. November 2016

# 77 - Superheld gesucht - und schon gefunden

Super-Thriller mit einem super Team aus Italien

 

Der Finger im Revolverlauf ist ein Super-Thriller. Das findet zumindest der Autor Carlo Manzoni, der diese Persiflage auf amerikanische Krimis 1960 unter dem Titel Ti spacco il muso, bimba! veröffentlicht hat. Auf Deutsch ist das Buch erstmalig 1963 erschienen.
Carlo Manzoni hat neun dieser humorvollen Krimis rund um das unschlagbare Privatdetektiv-Duo Chico Pipa und Gregorio Scarta, genannt Greg, geschrieben, Der Finger im Revolverlauf ist der zweite Band.

Sechs Beine laufen mehr als zwei

 

Chico ist zwar ein richtig toller Typ, den nichts so schnell erschüttern und dem keiner etwas vormachen kann, aber ohne Greg wäre er nur ein halber Mensch. Sein bester Freund und Partner, dessen Name sogar auf der Bürotür der Detektei steht, ist ein Hund. Kein gewöhnlicher Kläffer, der nur zwischen Fressnapf, Hundewiese und Körbchen pendelt; nein, Greg ist ein ausgebildeter Polizeihund, der allen Gangstern den Tod geschworen hat, seit sein Bruder Bud von einem dieser kriminellen Subjekte ermordet wurde. Der Hund nimmt seine Aufgabe sehr ernst.Vielleicht sogar ernster als sein Kompagnon, der genau weiß, dass er ohne seinen treuen Freund aufgeschmissen wäre.
Chico hat es nicht so mit regelmäßigen Mahlzeiten. Aber das heißt nicht, dass er dem Konsum von verarbeitetem Getreide nicht aufgeschlossen gegenüberstünde: An gefühlt jeder Straßenecke kehrt er in eine Kneipe ein, um seine Leber nicht vom Bourbon zu entwöhnen. Was für einen Mann gut ist, kann für einen Hund nicht schlecht sein: Auch Greg wird ab und an mit einer Extra-Portion dieses süffigen Getränks verwöhnt. 

Ein Mann, ein Hund, zahllose Heldentaten


Chico erhält einen Anruf von einer Frau, die sich Duarda nennt. Er ist von ihrer Stimme total fasziniert und glaubt ihr sofort, dass er mit ihr verabredet ist. Beim Ankleiden findet er in seiner Jacke 2.000 Dollar, deren Herkunft er sich nicht erklären kann. Hat ihm jemand im Voraus Geld für einen Auftrag gegeben? Leider hat der clevere Detektiv einen kompletten Filmriss und kann sich an den letzten Abend nicht mehr erinnern. Zu viel verarbeitetes Getreide. Beim Griff in die Hosentasche findet er ein Stück nach Alpenveilchen riechendes Toilettenpapier, auf dem mit Lippenstift eine Adresse notiert wurde: 47. Straße 432 B. Doch auf dem Weg zu der geheimnisvollen Frau merkt Chico, dass er verfolgt wird. Da er den Fahrer nicht abschütteln kann, zwingt er ihn mit einem gewagten Manöver zu einer Vollbremsung. Dumm nur, dass der Kerl bewaffnet ist und offenbar plant, mit einem Schuss Chicos beste Krawatte zu ruinieren. Das darf nicht passieren! Chico gelingt es tatsächlich, den Ganoven mit dem Zeigefinger in dessen Pistolenlauf zu stoppen. Sein Finger wird dabei ein bisschen lädiert, aber solche lächerlichen Verletzungen schüttelt einer vom Format dieses Super-Detektivs lässig ab. Leider kann man das nicht von der Pistole sagen: Sie lässt sich nicht mehr vom Finger abziehen.

Auf fast jeder Seite eine Heldentat

 

Auch wenn Manzoni mit Der Finger im Revolverlauf das klassische Krimigenre durch den Kakao zieht, kommt er selbstverständlich nicht ohne Tote aus. Zwischenzeitlich sterben Menschen wie die Fliegen, und immer ist unser Super-Detektiv so unmittelbar in der Nähe, dass Polizeileutnant Tram und Sergeant Kautschuk gar nicht anders können, als ihn ständig zu verhaften und kurz darauf wieder freizulassen. Die Situation wird immer komplizierter, aber Chico behält immer irgendwie den Überblick - ganz im Gegensatz zu den beiden Polizisten. Gibt es Krimis, die ohne eine Prise Romantik auskommen? Nein. Dieser auch nicht.

Der Finger im Revolverlauf ist ein witziger Krimi, der durchgehend gut unterhält. Dass die deutsche Erstveröffentlichung mehr als 50 Jahre zurückliegt, merkt man der einen oder anderen Formulierung an. Das Buch ist damit auch ein gutes Beispiel, wie sich die deutsche Sprache in den letzten Jahrzehnten verändert hat. 
Dieser Super-Thriller ist nur noch antiquarisch erhältlich und hat damals 2,80 DM gekostet. Ein Preis, der mich heute begeistern würde.

Ich bedanke mich ganz herzlich bei Bettina Schnerr, die das Buch aus der Schweiz zu mir auf die lange Reise nach Norddeutschland geschickt hat. Bettina ist selbst eine eifrige Bloggerin und schreibt auf ihrem Blog Bleisatz. über Bücher und Kulturelles.

Dienstag, 22. November 2016

Gastbeitrag: Interview mit einem DJ


Klug, witzig, anders und kurzweilig.
So preist der Autor Michael Lorenz sein erstes Buch "Interview mit einem DJan. Ein gesellschafts- und wirtschaftskritisches Buch witzig und kurzweilig? Das ist zumindest ungewöhnlich.

Der Blick in das Buch überrascht noch mehr: Eine Geschichte im Interviewstil erzählt, zwei Personen unterhalten sich, die eine davon - die nächste Überraschung - Elvis, der sich aus dem Totenreich zu Wort meldet. Er sorgt sich um sein Erbe, das er uns allen hinterlassen hat, und fühlt allen, die seine Musik spielen, auf den Zahn. In diesem Falle einem Rock-DJ. Zwischen den beiden entwickelt sich ein Gespräch - natürlich über Musik.

Doch die Themen ihrer Unterhaltung nehmen an Brisanz zu. Wir treffen auf all die Fragen und Probleme, die in den letzten Wochen und Monaten durch die Presse gejagt wurden: Manipulation, Rechtsrutsch, Flüchtlingskrise, Artensterben, Klimawandel. Alles schon gelesen, ein alter Hut? Ganz und gar nicht. Denn hier bekommen wir die Krisen und Fehlentwicklungen unserer Zeit aus einem anderen und höchst interessanten Blickwinkel aufbereitet. Das Buch ist durch die eingeflochtenen Geschichten und Parabeln - der DJ erweist sich als Meister des Geschichtenerzählens - überaus fantasievoll und amüsant.

Wir treffen auf skurrile Gestalten: Karl Valentin, der im Jenseits offensichtlich seine Begabung, schlaue Sprüche zu klopfen, eingebüßt hat; Josephine Baker, die immer noch gerne im Bananenröckchen tanzt; der Heilige Martin, der sich bei seinen Reisen durch das Jenseits wohl das Hirn angeschlagen hat und jetzt fromme Sprüche mit aktuellem Bezug zum Besten gibt. Wir dürfen lernen, dass eine neue Krankheit bei Politikern umgeht, das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, kurz ADF, dass man mittels Trumpism kurieren kann. Wir erleben mit, wie alle Nürnberger fluchtartig ihre Stadt verlassen müssen und in einem muslimischen Staat Zuflucht finden. Das Minenfeld der Flüchtlingskrise: sehr elegant umgangen und doch auf den Punkt gebracht. Nicht zuletzt der Klimawandel, der Blick in die Zukunft, die uns droht, wenn wir weiter im bisherigen Umfang Kohlendioxid in die Luft blasen. Hier blitzt wohl die eigentliche Profession des Autors hervor: Aus der Umschlagsseite entnehmen wir, dass er nicht nur Autor und Rock-DJ, sondern auch Naturwissenschaftler im bayerischen Staatsdienst ist.

Sprache und Stil des Werkes sind sehr gefällig. Absolut kein Viertklässlerniveau, wie man es aus der Wohlfühlbelletristik kennt, aber dennoch verständlich und gut zu lesen. Zudem genauso fantasievoll wie die eigentliche Geschichte.

Mein Urteil: klug: aber ja. Anders: auf alle Fälle. Witzig und kurzweilig: und wie.

Diese Rezension ist ein Gastbeitrag von Frank Hartung.

Sonntag, 20. November 2016

# 76 - Adenauer und die Killer - die Bundesrepublik in den Zeiten des Aufbruchs

Der Tod lauert zwischen den dunklen Baumwipfeln 

  

1952: Konrad Adenauer ist der erste deutsche Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland. Der Staat Israel ist fünf Jahre alt, aber es fehlt dort an allen Ecken und Enden an Lebensmitteln, Wohnhäusern, Schulen,... 
Adenauer hat sich zum Ziel gesetzt, eine Aussöhnung mit den Juden herbeizuführen. Im selben Jahr wird zwischen der Bundesrepublik, dem Staat Israel und der Jewish Claims Conference das Luxemburger Abkommen abgeschlossen, das sowohl die Zahlung von Geld, Waren und Dienstleistungen im Wert von 3,5 Milliarden DM als auch die Rückerstattung des Vermögens von zwangsenteigneten Juden vorsieht.
Sowohl in der Bundesrepublik als auch in Israel gibt es erheblichen Widerstand gegen die Wiedergutmachungspläne des Kanzlers: Die Deutschen wollen lieber verdrängen und vergessen, viele Juden wollen kein Geld von einem Volk, das Millionen von ihnen ermordet hat. Doch der damalige israelische Premierminister Ben Gurion befürwortet die Zahlungen. Das Geld wird dringend gebraucht, um Israel aufzubauen und den allgegenwärtigen Mangel an allem Lebensnotwendigen zu beenden. Vor diesem politischen Hintergrund spielt der Roman Bühlerhöhe von Brigitte Glaser.

Agenten, Morddrohungen und tatsächliche Morde

 

Konrad Adenauer fährt jedes Jahr im Sommer gemeinsam mit seiner Tochter Libeth zur Frischzellentherapie in den Schwarzwald. Dort wohnt er im Nobelhotel Bühlerhöhe, in dem vor dem Krieg auch zahlreiche Juden ihre Ferien verbracht haben. Die Gefahr, einem Anschlag zum Opfer zu fallen, ist dem Kanzler bewusst. Deshalb wird er von einem Stab von Sicherheitsleuten begleitet, an dessen Spitze General von Droste steht. Doch der geht davon aus, dass nur die Kommunisten Adenauer ins Visier genommen haben. Das gewohnte Feindbild lässt sich eben nicht so leicht ablegen.
Doch der israelische Geheimdienst Mossad weiß, dass es während Adenauers Urlaub im Schwarzwald einen Anschlag auf ihn geben soll und schickt Rosa Silbermann in das Luxushotel, um das Attentat zu verhindern. Rosa ist eine Agentin wider Willen, und dies ist ihr erster Auftrag. Sie lebt glücklich mit ihrem 3-jährigen Sohn Ben in einem Kibbuz in Israel, nachdem sie in den 1930-er Jahren zusammen mit ihrer älteren Schwester aus Deutschland vor den Nationalsozialisten geflüchtet ist. Die beiden Frauen sind die einzigen Familienmitglieder, die den Holocaust überlebt haben. Rosa kennt den Schwarzwald sehr gut, weil sie als Kind ganz in der Nähe des Hotels Bühlerhöhe oft ihre Sommerferien verbracht hat. Diese Ortskenntnis gibt für den Mossad den Ausschlag, diesen Geheimauftrag an sie zu vergeben.

Das Grandhotel wird von der strengen Hausdame Sophie Reisacher am Laufen gehalten. Sie hat immer den Überblick und trifft bei den Hotelgästen jederzeit den richtigen Ton. Doch in ihrem Inneren rumort es: Die Witwe eines deutschen NS-Offiziers, die sich durch die Heirat erhofft hatte, im sozialen Ansehen zu steigen und die Welt zu sehen, war von ihrem Mann schon bald enttäuscht. Nachdem er aus dem Krieg nicht zurückgekehrt war, musste sie 1945 ihre elsässische Heimat verlassen. Seitdem hatte sie Beziehungen zu Männern, von denen sie sich die Ehe und gleichzeitig das Sprungbrett in die bessere Gesellschaft erhoffte. Aber bislang wurde sie immer enttäuscht, was sie zu einer unzufriedenen und misstrauischen Frau gemacht hat. Sophie hält viel auf ihre Menschenkenntnis und steht Rosa, die in der Bühlerhöhe als Rosa Goldberg absteigt, vom ersten Moment an skeptisch gegenüber. 

Allein, ratlos, von Feinden umzingelt?

 

Rosa hat von Anfang an große Zweifel, ob es ihr gelingt, den Auftrag auszuführen. Doch ihr Kontaktmann beim Mossad kann sie beruhigen: Am Bahnhof von Baden-Baden wird sie auf Ari, einen erfahrenen und weltgewandten Agenten treffen. Als Ehepaar würden sie unauffälliger sein, und Ari würde mit seiner Ankunft im Schwarzwald das Heft in die Hand nehmen. Doch Ari taucht zunächst nicht auf, sodass Rosa auf sich allein gestellt ist. Gegen immer mehr Menschen, die sich zur selben Zeit in der Bühlerhöhe aufhalten, regt sich ihr Misstrauen, sie ist ununterbrochen auf der Hut. Rosa wird zusätzlich durch die Fülle der Erinnerungen, die sie in Israel verdrängen konnte, immer wieder überwältigt. 
Tatsächlich findet sie schon bald einen Marokkaner, der erschossen im Wald liegt und einen engen Kontakt zu einzelnen Gästen der Bühlerhöhe hatte. Kurz darauf stürzt die Limousine des Kanzlers an einer engen Kurve in die Tiefe. Die Situation droht sie zu überfordern.

Bühlerhöhe ist ein spannender Roman, in dem historische Fakten und Fiktion miteinander verwoben werden. Je mehr er sich dem Höhepunkt zuneigt, umso mehr wird er zu einem Polit-Thriller, den man nicht mehr aus der Hand legen mag. Brigitte Glaser ist selbst im Schwarzwald aufgewachsen, ihre Ortskenntnis verleiht dem Buch viel Authentizität. Das Hotel Bühlerhöhle hat sie allerdings nur anhand von Schwarz-Weiß-Fotos beschrieben; betreten hat sie es erst nach der Veröffentlichung des Romans. Es wird heute wieder als Nobelhotel unter dem Namen Schlosshotel Bühlerhöhe geführt.



Vielen Dank!

Das Buch Bühlerhöhe wurde mir als Rezensionsexemplar vom Inhaber der Hemminger Buchhandlung, Herrn Stefan Koß, zur Verfügung gestellt, wofür ich mich ganz herzlich bedanke. Herr Koß bietet ein breites Spektrum unterschiedlichster Bücher an und besorgt nicht im Laden vorhandene Exemplare innerhalb eines Werktages.  Die Kontaktdaten und Öffnungszeiten gibt es hier: Hemminger Buchhandlung

 

Bühlerhöhe kostet als gebundene Ausgabe (mit Lesebändchen) 20 Euro, als Audio-CD 17,99 Euro, als Kindle- oder epub-Edition 16,99 Euro sowie als Hörbuch-Download 16,95 Euro.

Freitag, 11. November 2016

# 75 - Die Sache mit dem ewigen Leben

Vergangenheit und Zukunftsbewältigung treffen aufeinander

 

Die deutsche Molekularbiologin Dr. Johanna Mawet befindet sich im Roman Die Unglückseligen von Thea Dorn auf einem Forschungsaufenthalt in einer Kleinstadt an der amerikanischen Ostküste. Sie als ehrgeizig zu beschreiben, wäre gnadenlos untertrieben: Den letzten Kontakt zu ihren Eltern gab es aus Zeitgründen vor zwei Jahren, sie hat keine Beziehung und schon gar keine Freunde, das Forschungslabor ist de facto ihr Wohnzimmer. Dort macht Johanna die Nacht zum Tag.

Vielleicht ist ein Lieferservice manchmal doch die bessere Lösung

 

Beim Einkaufen im Supermarkt trifft Johanna auf einen Tütenpacker, der sich höchst merkwürdig benimmt: Als er sie sieht, beginnt er vor Angst zu schlottern und läuft schreiend vor ihr davon. Kein Wunder: Der Mann, dessen Name Johann Wilhelm Ritter ist, glaubt in ihr eine Frau zu erkennen, mit der er etwa 200 Jahre zuvor Kontakt hatte. 200 Jahre? Ja! Bei Ritter handelt es sich um einen Physiker und Autodidakten aus der Zeit der Romantik, der bereits 1810 im Alter von 33 Jahren gestorben ist. Das behaupten zumindest die Geschichtsbücher. Auf den heute vergessenen Ritter gehen die Entdeckung der UV-Strahlen und der Bau des ersten Akkumulators zurück. 
Beim Anblick von Johanna glaubt der offenbar unsterbliche Ritter nun, sie sei die Verkörperung des Teufels. Wer würde da nicht die Flucht ergreifen?

Doch Johanna begegnet dem seltsamen Mann, der keineswegs wie ein Greis aussieht, wieder und nimmt ihn, der offensichtlich allein und arm ist, mit zu sich nach Hause. Seine altmodische Ausdrucksweise hält sie zunächst nur für verschroben, auch die Behauptung, er sei bereits 240 Jahre alt, stuft sie als Lüge ein. Doch nach und nach bröckelt ihre Skepsis und sie beginnt, nachzuforschen. Tatsächlich stellt sie fest, dass Ritter sie nicht belogen hat. Das stachelt sie an und weckt ihre Neugier: Sie selbst ist schon seit Jahren dem Problem auf der Spur, wie man die Sterblichkeit der Menschen beenden kann. Dieser Reisende durch die Zeit könnte nun der Schlüssel zu ihrem wissenschaftlichen Erfolg sein. Sie überlegt, was sein Leben so sehr von den Leben seiner Zeitgenossen unterschieden haben könnte, dass er praktisch alterslos wirkt und sich seine Zellen derart schnell regenerieren, dass ihm auch üble Verletzungen nichts anhaben können. In den Gesprächen mit Ritter erklärt ihr der Physiker, dass sein Hauptaugenmerk damals auf der Erforschung der Elektrizität gelegen habe. Johanna kann mit seinen pathetisch vorgetragenen Erklärungen zunächst nichts anfangen, Ritter überredet sie jedoch, sich unter seiner Regie den selben Versuchen auszusetzen, die er seinerzeit an sich durchgeführt hat. Sie willigt ein und erleidet Höllenqualen, die sie zwar verletzen, aber nicht töten. Ist die Elektrizität der Schlüssel zur Unsterblichkeit?

Alte und neue Wissenschaft und der Versuch, den Tod abzuschaffen 

 

Die Unglückseligen kreist um die Frage, ob die Abschaffung des Sterbens erstrebenswert ist oder nur eine elende Quälerei. Johannas wissenschaftliches Ziel deckt sich mit den Vorstellungen, die die heutige Humangenetik und Biomedizin antreiben. Die Wissenschaftlerin will sich nicht damit abfinden, dass die Menschen mit ihrem Tod ihre Erfahrungen, ihr Wissen und ihr Können unwiderruflich mit ins Grab nehmen. Aus der Sicht des Physikers Ritter, der in seinen wissenschaftlichen Hochzeiten um das Jahr 1800 von Goethe verehrt wurde und mit dem Schriftsteller und Philosophen Novalis befreundet war, ist der Zustand der Unsterblichkeit nicht erstrebenswert, er wäre gern schon viel früher gestorben. 
Sein im Roman beschriebenes Verhalten passt jedoch nicht zu seinem Lebensweg: Er spricht und benimmt sich so, als befinde er sich noch immer im beginnenden 19. Jahrhundert. Da er  sich jedoch nicht nur in Deutschland, sondern auch in den USA, in der Polarmeerregion, im Himalayagebirge, in Jerusalem und als Eremit in der Wüste aufgehalten hat und immer wieder mit Frauen liiert war, bis diese starben, ist es nur schwer vorstellbar, dass sich ein intelligenter Mann, der schon in seiner Kindheit seine Umgebung sehr genau beobachtete, sich nicht weiterentwickelt haben sollte.

Die Textabschnitte, die Johanna oder Ritter zuzuordnen sind, lassen sich anhand der sehr unterschiedlichen Ausdrucksweise der beiden erkennen: Johanna spricht klar und prägnant und streut gern englische Ausdrücke in ihren Redefluss ein; Ritter hingegen artikuliert sich so, als sei er der Frühromantik frisch entstiegen: Seine Sätze sind lang, und es fällt ihm nicht leicht, schnell zum Kern einer Aussage zu kommen.
Die dritte Figur, die sich immer wieder kommentierend einschaltet, ist der Teufel. Ihm wurden von Thea Dorn im altmodischen Deutsch geschriebene Verse zugeordnet.
Die Autorin bedient sich bei der Darstellung von Nebenfiguren auch einiger Dialekte: Bayrisch, Schwäbisch und Schlesisch sollen vermutlich authentisch wirken und dem Leser vermitteln, sich in einem bestimmten Zeitabschnitt zu befinden. Dieser Wechsel bremst jedoch den Lesefluss deutlich ab und wäre nicht immer nötig gewesen.

Interessant sind allerdings die Passagen, die sich mit der Humangenetik beschäftigen. Zusammenhänge werden wissenschaftlich dargestellt, ohne dass der Leser sich dabei langweilen würde. Hier wird deutlich, wie gründlich Thea Dorn recherchiert hat.

Eine Empfehlung?

 

Die Idee zum Buch hat mir sehr gut gefallen, die Ausführung hatte ein paar Schwächen. An einigen Stellen hätte der Text durchaus gestrafft werden können, ohne dass der Inhalt des Buches darunter gelitten hätte. Deshalb kann ich es zwar empfehlen, aber leider nicht uneingeschränkt.

Die Unglückseligen ist im Albrecht Knaus Verlag erschienen und wurde mir vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke. Es ist in der gebundenen Ausgabe (rd. 550 Seiten) für 24,99 Euro erhältlich. Als epub- oder Kindle-Version kostet es 19,99 Euro, als CD-Hörbuch 24,99 Euro sowie als Download-Hörbuch 17,95 Euro. 

Dienstag, 8. November 2016

Die Schriftsteller Hamsun und Wilde - jetzt auch bei Indie Publishing

Schon mehrmals wurden meine Rezensionen von Self Publisher-Titeln bei Indie Publishing, einem Ableger der größten deutschen Buchzeitschrift buchreport, veröffentlicht. Seit heute ist auch die Rezension des Buches "Die heiklen Passagen der wundersamen Herren Wilde & Hamsun" dort zu finden. Der Titel ist zwar nicht selbst verlegt, aber im unabhängigen Verlag STORIES & FRIENDS erschienen


Die heiklen Passagen

Sonntag, 6. November 2016

Lachen und sich wundern: Das war der Oktober

Die Bücherkiste war in den USA, Russland, Deutschland und ein bisschen in der Türkei

 

Das kalte Licht der fernen Sterne der gebürtigen Russin Anna Galkina hat im Oktober den Anfang gemacht. Es geht um das Leben der einfachen Menschen in einer Kleinstadt in der Nähe von Moskau in den ausgehenden 1980-er Jahren. Aus der Sicht des Mädchens Nastja beschreibt die Autorin sehr sachlich und ausdrucksstark, was damals den Alltag der Sowjetbürger ausmachte.
Der SWR hat im Mai 2016 eine Hör-Rezension veröffentlicht.




Das Buch hat mir sehr gut gefallen:









Die heiklen Passagen der wundersamen Herren Wilde & Hamsun beschäftigte sich mit einem völlig anderen Thema: Matthias Engels beschreibt in seinem Buch die Amerika-Reisen der beiden Schriftsteller Oscar Wilde und Knut Hamsun. Beide sind sich nie begegnet, beiden gelang es nicht, ihren Erfolg festzuhalten und zu verteidigen.
Matthias Engels hat Teile einer Lesung zur Verfügung gestellt.

Auch für diesen Titel











Was gab es noch? Aussortiert und abkassiert - Altwerden in Deutschland von Michael Opoczynski widmet sich der Frage, wie es sich in unserem Land als alter Mensch lebt. Der Wirtschaftsjournalist und langjährige Moderator des TV-Wirtschaftsmagazins WISO ist nun selbst Rentner und hat sich - so macht es zumindest den Eindruck - erstmals so richtig unser "seinesgleichen" umgesehen. Von einem Sachbuch hatte ich Objektivität, eine solide Recherche und weniger Populismus erwartet. Ich will einfach nur informiert werden. Das hat mit diesem Titel leider nicht funktioniert. Schade. Darum nur



1/2

Ich habe einen kurzen Ausschnitt aus einer Lesung gefunden, während der der Autor Passagen aus seinem Buch vorträgt:
 






Am letzten Oktober-Freitag wurde es lustig: Mit Der Boss hat der Kabarettist Moritz Netenjakob ein witziges Buch abgeliefert, in dem er die Klischees über Türken, die zahlreiche Deutsche teilen dürften, in die Geschichte über Daniel und Aylin packt, die ihre Hochzeit planen. Das erweist sich als schwieriges Unterfangen. Aber auch der Blick auf "typisch deutsche" Eigenschaften kommt nicht zu kurz. Für die durchgehend prima Unterhaltung gibt es


Moritz Netenjakob stellt sein Buch hier vor, der Zuschauer sieht auch, wie der Autor das Hörbuch einspricht:




Das war's! Schreibt doch mal, ob ein Buch für euch dabei war. Das Kommentarfeld ist direkt unter diesem Text.









Freitag, 4. November 2016

# 74 - Ein Familiendrama in Schweden


Ein Wettlauf um das Nicht-Sterben


Hoch im Norden Schwedens, im entlegenen Kaff Övreberg: Eine Autorin von mittelmäßigen Traktaten, schriftstellerisch eher erfolglos, verschlägt es auf ihrer Vortragsreise in den ungeheizten Gemeindesaal des Ortes, wo eine Handvoll gelangweilte Zuhörer auf sie wartet. Sie ist Mitte vierzig, alleinstehend und wirkt, als habe sie ihr Leben bereits gelebt. So beginnt der Roman Hummelhonig des schwedischen Schriftstellers Torgny Lindgren.

Was ist stärker: Liebe oder Hass?


Am Ende ihres Vortrags wird die Schriftstellerin vom alten Hadar aufgefordert, bei ihm zu übernachten. Sie ist nicht misstrauisch: Vermutlich hatte der Veranstalter die Gelegenheit genutzt, ihr eine möglichst billige Unterkunft zur Verfügung stellen zu können. Und es ist ja auch nur für diese eine Nacht.
Hadar ist kein Mensch, der viele Worte macht. Doch schon während der Autofahrt zu seinem einsamen Häuschen sagt er ihr, dass er Krebs habe und bald sterben werde. Aber das mit dem Sterben, fügt er hinzu, das sei noch nicht ganz so eilig. Schon kurz darauf erfährt die Autorin, was den alten und todkranken Mann davon abhält, sich trotz aller Schmerzen und Leiden ein schnelles Ende zu wünschen. In Rufweite von Hadars  Haus befindet sich ein fast identisches Gebäude. Am Rauch, der dem Schornstein entweicht, erkennt die Besucherin, dass dort jemand lebt. Hadar gibt auf ihre Fragen nur widerwillig Antwort: Er erzählt kurz und knapp, dass dort sein herzkranker Bruder Olof wohne, der genau wie er auch nicht mehr lange zu leben habe. Da begreift die Autorin, worum es hier eigentlich geht: Die beiden Brüder, die einander in einer Hassliebe verbunden sind, weigern sich beide, vor dem jeweils anderen zu sterben.
Aus der Abreise der Besucherin am nächsten Morgen wird nichts: In der Nacht ist so viel Schnee gefallen, dass das Autofahren unmöglich geworden ist. Sie entschließt sich, noch etwas bei Hadar zu bleiben und dem todkranken Mann beizustehen. Aber ihr lässt der Gedanke daran, dass wahrscheinlich auch Olof Hilfe braucht, keine Ruhe. Während sie sich um die beiden Brüder kümmert, die schon seit langer Zeit nicht mehr miteinander gesprochen haben, erfährt sie im Laufe des Winters von dem Drama, das sich viele Jahre zuvor zwischen ihnen abgespielt hat: von der Frau, die zuerst zu Olof gehörte und sich dann Hadar zuwandte, und von dem Sohn, für den die beiden Alten jeweils die Vaterschaft reklamieren. Das Drama hatte seinen Höhepunkt in zwei Toten. Doch weder Hadar noch Olof ist es möglich, einander zu verzeihen.

Zwei Brüder wie Feuer und Wasser


Lindgren zeichnet das Bild von zwei Brüdern, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Hadar ist klapperdürr und hat eine Vorliebe für deftige, salzige Speisen. Olof hingegen hat eine ausgeprägte Vorliebe für Süßes und behauptet sogar, der Inhalt seiner aufgeplatzten Pusteln schmecke köstlich. Die Völlerei hat ihn fett und fast bewegungsunfähig gemacht. Die einzige Verbindung, die es in den letzten Jahren zwischen ihnen gegeben hat, ist eine Katze, die sich abwechselnd in den beiden Häusern aufhält. Für den einen Bruder ist es eine Katze, für den anderen ein Kater.
Dann kommt der Tag, an dem Olof die Autorin bittet, Hadar in seinem Namen ein Geschenk zu überreichen. Während Hadar die Knoten aufbindet, wallt in ihm die Idee von der Brüderlichkeit auf: Es sei eine Ehre, Bruder zu sein, und wem sonst als seinem Bruder könne man einen so großen Pappkarton schenken? Doch was er findet, versetzt ihm einen Schock: die Katze, mit dem vom Körper abgetrennten Kopf und entfernten Geschlechtsteilen. Jetzt scheint es tatsächlich keine Rolle mehr zu spielen, ob das Tier ein Kater oder eine Katze gewesen ist.

Ein Roman um zwei archaische Leben in Nordschweden


Die Besucherin verbringt den ganzen Winter in der schwedischen Einöde mit der Pflege der beiden Männer und als deren Botin. Obwohl sie über lange Strecken eher unbeteiligt wirkt, schafft sie es, mit einer Lüge dem Drama ein Ende zu bereiten.
Hummelhonig ist ein sehr eindringliches Buch, das seine Leser nicht nur beobachten lässt, sondern sie in die Handlung hineinzieht. In der Welt dieses Romans sind die kleinen Bösartigkeiten, die die Brüder sich in der Vergangenheit zugefügt haben und sich noch immer zufügen auch deshalb allgegenwärtig, weil es anstrengender ist, sich gut und menschlich zu verhalten.

Hummelhonig ist in der deutschen Fassung 1997 im Carl Hanser Verlag erschienen. Das Buch ist heute nur noch antiquarisch erhältlich.

Freitag, 28. Oktober 2016

# 73 - Deutsch-türkische Hochzeitsplanung witzig verpackt

Eigentlich ganz einfach: eine Frau, ein Mann, eine Hochzeit

 

Heiraten kann ganz einfach sein: Man macht einen Termin im Standesamt, erscheint pünktlich zur Trauung, jeder sagt ein Mal "Ja" und unterschreibt, fertig ist die Ehe. Kaum jemand mag es so puritanisch, aber was da passiert, als der Deutsche Daniel seine türkische Verlobte Aylin im Roman Der Boss heiraten will, wächst dem Bräutigam rasch über den Kopf. Moritz Netenjakob reiht auf lustige Weise ein Klischee an das andere und unterhält mit zahlreichen Überspitzungen.

Fortsetzung einer ungewöhnlichen Liebesgeschichte

 

Im vorangegangenen Roman Macho Man hatte sich Daniel in Aylin verliebt, nun haben die beiden beschlossen, zu heiraten. Der Boss beginnt 6 Wochen, 2 Tage, 1 Stunde und 20 Minuten vor der Hochzeit. Das Brautpaar plant seine Hochzeitsreise, und eines wird schnell klar: Ab sofort ist Daniel der Boss in ihrer Beziehung. Zumindest offiziell. Das geben ihm sowohl Kenan, ein Mitglied des weitverzweigten Familienclans, dem auch Aylin angehört und der Besitzer des Reisebüros, als auch die junge Braut zu verstehen. Doch wie ist man der Boss? Daniel ist ein Vorzeige-Warmduscher und Schattenparker und hat vom Macho-Sein keinen blassen Schimmer.

Typisch deutsche Weihnachten mit Plastikmüll am Baum

 

Mit jedem Kapitel rückt der Hochzeitstermin näher, in gleichem Maße nimmt das Chaos zu: Selbstverständlich sollen sich die künftigen Schwiegereltern vor der Trauung kennenlernen. Aylins Eltern sind dann auch sehr erfreut, von Daniels Eltern zur familiären Weihnachtsfeier eingeladen zu werden. Endlich werden sie erfahren, wie Deutsche die Geburt von Gottes Sohn feiern. Doch es geht im Elternhaus des jungen Mannes alles andere als durchschnittlich oder konventionell zu: Die Eltern sehen sich als Teil des Bildungsbürgertums und Alt-68er, lehnen Weihnachten aus atheistischen Gründen eigentlich ab, feiern es aber offiziell der Oma zuliebe. Oma Berta ist 92, geistig verwirrt und wähnt sich noch im 3. Reich. Ihre Nachfragen nach dem Wohl des Führers sorgen immer wieder für Irritationen. Mit dem künstlerischen Anspruch an die Gestaltung des Festes können weder sie noch Daniel etwas anfangen: Der Baumschmuck besteht immer aus einer alternativen Dekoration, dieses Mal aus leeren Joghurtbechern, um den Künstler Ilya Kabakov zu würdigen. Selbstredend werden keine klassischen Weihnachtslieder gesungen, sondern alljährlich die Schallplatte "Wann ist denn endlich Frieden?" von Wolf Biermann abgespielt. Die Runde wird durch das Künstlerpaar Ingeborg und Dmitri vervollständigt, für die das Attribut "schrullig" weit untertrieben ist. Aylins konservative Eltern erleben am Heiligen Abend spätestens dann einen Kulturschock erster Güte, als Daniels Mutter damit beginnt, ganz ungezwungen von ihren Affären und Sexualpraktiken zu berichten.

Der Hochzeitscountdown läuft

 

Der Roman wäre schnell zu Ende, wenn das verliebte Paar jetzt einfach so heiraten würde. Es stellen sich ihnen so einige Hürden in den Weg, die vor allem in der kulturellen Tradition von Aylins Familie liegen. Da gibt es Rücksichtnahmen, Lügen und extreme Emotionalität, die von der jungen Türkin als völlig normal, von Daniel jedoch irgendwann nur noch als Zumutung empfunden werden. Aylin hingegen ist von der Distanziertheit zwischen ihrem Verlobten und dessen Eltern irritiert und möchte ihre künftigen Schwiegereltern auch in die gemeinsamen Freizeitaktivitäten einbeziehen. Die Hochzeit steht auf der Kippe, die Beziehung auf Messers Schneide.

Der Boss ist ein durchgehend witziges Buch und jongliert mit den Vorstellungen und Klischees, die "man" vom Deutsch- oder Türkischsein hat. Moritz Netenjakob weiß, wovon er schreibt: Er ist mit der deutsch-türkischen Schauspielerin und Regisseurin Hülya Doğan-Netenjakob verheiratet, die auch zusammen mit ihrem Mann als Kabarettistin auftritt. Sie hat sowohl Macho Man als auch Der Boss dramaturgisch betreut, sodass ich davon ausgehe, dass in der teils skurrilen Handlung sehr viel Wahrheit steckt.

Der Boss kostet als Taschenbuch, Kindle- oder epub-Version 9,99 Euro und als DAISY-Hörbuch 12,95 Euro. 

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