Freitag, 28. August 2015

# 13 - Nichts ist, wie es zunächst scheint

Ruhe sanft - davon kann hier keine Rede sein

 

Für diese Woche habe ich einen Krimi ausgesucht, der in Island spielt und von einem isländischen Autor geschrieben wurde: Kälteschlaf von Arnaldur Indriðason. Viele von euch werden Indriðason schon kennen: Er hat bereits zahlreiche Romane geschrieben, und Kälteschlaf ist der achte in einer Folge von bisher 14 Krimis, in denen die Mordkommission von Reykjavik ermittelt.


Ein Selbstmord, der viele Fragen aufwirft

 

Da hängt sich in einer kalten und dunklen Herbstnacht eine Frau in einem Wochenendhäuschen am See auf, und alle, die sie kannten, bestreiten, dass sie lebensmüde gewesen sei. María setzt ihrem Leben im idyllisch gelegenen Ferienhaus an dem in Island bekannten See Þingvellir ein Ende, das schon ihren Eltern gehört hatte. Dort hatten sie, als María noch ein kleines Mädchen war, als Familie viele schöne Stunden verbracht. Bis zu dem Tag, an dem dieser schreckliche Unfall geschah, bei dem ihr Vater sein Leben verlor. Er war, als María erst zehn Jahre alt gewesen ist, mit seinem kleinen Boot auf den See hinausgefahren, um zu angeln. Als der Motor aussetzte, versuchte er ihn zu reparieren, verlor dabei das Gleichgewicht und stürzte in das eiskalte Wasser. María und ihre Mutter Leónora hatten vom Ufer aus hilflos zusehen müssen, wie er ertrank. So hatte es Leónora bei der Polizei ausgesagt, und so wurde es María immer wieder erzählt. Seitdem fürchtet sie sich vor der Dunkelheit und wird von ihrer Mutter nicht nur umsorgt, sondern regelrecht bewacht.

Der Selbstmord ist für die Polizei von Reykjavik kein Grund, Ermittlungen einzuleiten: Nachforschungen ergeben, dass María unter dem Tod ihrer Mutter vor einigen Jahren sehr gelitten hat und nur schwer darüber hinwegkam. Die beiden Frauen lebten in einer derart symbiotischen Beziehung, dass auch die Ehe mit dem Arzt Baldur an ihrer innigen Zweisamkeit nichts ändern konnte.
Auch wenn die Fakten klar sind und sich keine Verdachtsmomente für eine Straftat ergeben, hat Kommissar Erlendur Zweifel. Er kann zunächst nicht begründen, was ihn stört, beginnt aber, inoffiziell eigene Nachforschungen anzustellen. Seine Ahnung wird genährt, als eine gute Freundin Marías Kontakt zu ihm aufnimmt. Sie übergibt ihm eine Kassette, auf der sich der Mitschnitt einer Séance befindet, an der María teilgenommen hat. Alles Mystische ist dem Kommissar fremd, und er fühlt sich bei diesem Thema sehr unwohl.

Gibt es die Verbindung zu den Toten?

 

Erlendur findet heraus, dass María fest an ein Weiterleben im Jenseits glaubte und versuchte, mithilfe eines Sehers Kontakt zu Leónora aufzunehmen. Ihre Mutter hatte ihr, als sie bereits im Sterben lag, versprochen, ihr von "drüben" ein Zeichen zu geben, wenn sie dort weiterleben sollte. Und dieses Zeichen lässt nicht lange auf sich warten: Wie vereinbart ist es ein Buch von Marcel Proust, Leónoras Lieblingsschriftsteller, das María eines Tages aufgeschlagen vor dem Bücherregal findet. Für sie ist klar, dass ihre Mutter mit ihr Kontakt aufnehmen will, und sie wendet sich erneut an ein Medium.

Erlendur lässt in seinen Nachforschungen nicht nach und findet heraus, dass Baldur während seiner Zeit als Student bei einem Experiment assistiert hat, bei dem ein junger Mann kurzzeitig durch Abkühlung getötet und danach wiederbelebt wurde. Dabei wollten die beteiligten jungen Leute herausfinden, ob es tatsächlich ein Leben nach dem Tod gibt und was es mit den oft geschilderten Nahtoderfahrungen auf sich hat. Auch bei dieser Information folgt Erlendur seinem Bauchgefühl und ahnt, dass ihm diese Information weiterhelfen könnte.

Ein Ende mit Schrecken

 

Es ist keine Überraschung, dass Kommissar Erlendur herausfindet, was mit María geschehen und auf welche Weise sie gestorben ist. Das erwartet man auch von ihm. Das Ende ist jedoch auch etwas ärgerlich, weil seine clevere Vorgehensweise nur teilweise zum Erfolg führt, was nicht seine Schuld ist.

Einen Nebenschauplatz nehmen einige Vermisstenfälle ein, die schon Jahrzehnte zurückliegen. Auch hier kommt es in dem Sinne zu einem guten Ende, dass die Leichen endlich gefunden werden. Da hatte dann aber auch der Zufall seine Hände im Spiel.  

Mir ist ein Rätsel, warum ich bislang noch keine Krimis von Arnaldur Indriðason gelesen habe. Dieser hier ist durchweg spannend, lässt aber die Hauptfigur nicht als strahlenden Helden erscheinen, der einen Ermittlungserfolg nach dem anderen einfährt und sich dabei ganz auf die Kraft seines Intellekts verlassen kann. Die Figur Erlendur hat etliche menschliche Schwächen, und der Leser erfährt, dass sich der Kommissar in seiner kurzen Zeit als Ehemann miserabel verhalten hat. Auch als Vater von zwei Kindern ist er eher durch Abwesenheit als durch Fürsorglichkeit aufgefallen. Sein Verhalten ist jedoch durch eine lange zurückliegende Familientragödie geprägt, bei der Erlendurs jüngerer Bruder im Alter von acht Jahren vermutlich ums Leben kam. Seine Leiche wurde nicht gefunden, sodass die Familie nie mit diesem Unglück abschließen konnte und sogar ihren Einsiedlerhof verließ.

Fazit: Wenn ich das Buch nicht schon gekauft hätte, würde ich es jetzt tun ;-)
Die mir vorliegende Ausgabe ist 2009 bei Lübbe erschienen.

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