Freitag, 31. Juli 2015

# 9 - Ein Blick in unsere Zukunft?

Wie aus Anpassung Auflehnung werden kann


Produkt-InformationDas Buch für diese Woche wirft einen Blick in die Zukunft, und zwar ins Jahr 2057, also gar nicht mehr weit weg. Es heißt Corpus Delicti - ein Prozess und wurde erstmals 2009 veröffentlicht. Die Autorin Juli Zeh beschreibt darin eine Rechts- und Gesellschaftsform, die auf der Einhaltung von strikten Gesundheitsvorgaben beruht, was eine lückenlose Überwachung einschließt. Im Buch wird diese Ordnung als "die METHODE" bezeichnet.



Private Gefühle? Nicht erwünscht in der Gesellschaft von morgen

 

Im Mittelpunkt des Geschehens ist die 30-jährige Naturwissenschaftlerin Mia Holl, die vor Kurzem ihren Bruder Moritz verloren hat. Moritz Holl war angeklagt worden, eine Frau vergewaltigt und ermordet zu haben und wurde aufgrund eines positiven DNA-Tests verurteilt. Moritz hatte seiner Schwester immer wieder seine Unschuld beteuert. Doch auch wenn Mia „eigentlich“ nicht glauben konnte, dass ihr Bruder zu so einer Tat fähig sein könnte, nagte doch immer ein leiser Zweifel in ihr. Ein DNA-Test ist nun mal sicher.

Als die Situation für ihn unerträglich wurde, erhängte sich Moritz Holl in seiner Gefängniszelle. Die Trauer um den Bruder übermannt Mia dermaßen, dass sie darüber vergisst, ihr staatlich vorgeschriebenes Gesundheitsprogramm einzuhalten, was ihr als treue Anhängerin der METHODE früher nie passiert ist. Sie vernachlässigt die täglichen Einheiten auf dem Ergometer, sie isst verbotene Lebensmittel und entsorgt Erbrochenes in einem Gully, weil die Sensoren in der Toilettenschüssel sofort die Magensäure messen und die Ergebnisse melden würden. Ihr ist klar, dass ihr Verhalten früher oder später bemerkt wird, denn allen Menschen wurde ein Chip implantiert, der ständig Auskunft über den körperlichen Zustand und das gesundheitsfördernde oder -schädliche Verhalten eines jeden Bürgers gibt.

Schon bald wird Mias Fall dem Amtsgericht vorgelegt, aber sie hat Glück und wird wegen ihrer Schlamperei nur verwarnt. Doch ab sofort ist sie unter der Beobachtung von Heinrich Kramer, dem fanatischen Chefideologen der METHODE. Er ist ein selbstsicher auftretender Mann mit dem Habitus eines Gentlemans. Kramer besucht Mia Holl zu Hause und versucht zunächst mit Charme, die junge Frau zum Einlenken und zu einer „Normalisierung“ ihres Verhaltens zu bewegen. Doch ihm schlägt sofort Mias geballter Hass entgegen. Sie erträgt es nicht, dass Kramer Moritz vorwirft, selbst schuld an seinem Unglück gewesen zu sein. Ihr Bruder hatte bis zum Schluss seine Unschuld beteuert, obwohl die Indizien gegen ihn sprachen. Sein Verhalten war ein Bruch mit den üblichen Gepflogenheiten. Die METHODE erwartet von ihren Bürgern, dass ihr persönliches mit dem öffentlichen Wohlergehen deckungsgleich ist. "Ihr opfert mich auf dem Altar eurer Verblendung!" war der Satz, den Moritz Holl so oft aussprach, wie sich eine Gelegenheit bot. Sein Auftreten, was völlig vom Gewohnten abwich, geriet zum öffentlichen Skandal und spaltete die Bevölkerung in Bewunderer und Menschen, die ihn aus tiefstem Herzen ablehnten.

Was passiert, wenn sich Bürger nicht systemkonform verhalten?


Als sich anhand der erhobenen Daten ablesen lässt, dass Mia die Gesundheitsvorgaben immer noch nicht einhält, wird sie zu einer Anhörung vor dem Amtsgericht vorgeladen. Die Richterin ist Mia grundsätzlich wohlgesonnen und bietet ihr medizinische Hilfen an. Ihr ist völlig unverständlich, warum diese sofort von Mia abgelehnt werden. Auch von der Begründung ist sie irritiert: Mia Holl hält ihre psychischen Probleme doch tatsächlich für eine Privatangelegenheit!

Schon zwei Tage später sitzt sie der Richterin erneut gegenüber. Der Vorwurf lautet diesmal „Missbrauch toxischer Substanzen“. Mia hatte in ihrer Wohnung geraucht und war von einer eifrigen Nachbarin denunziert worden. Auch diesmal erntet sie mit ihrer Begründung, sie habe ihrem toten Bruder nahe sein wollen, kein Verständnis und wird zu einer Geldstrafe in Höhe von 20 Tagessätzen verurteilt, was als äußerst milde Strafe gewertet wird. Jetzt trifft sie zum ersten Mal auf ihren neuen Anwalt, Dr. Lutz Rosentreter.
Rosentreter hat sich seine Mandantin mit Bedacht ausgesucht. Auch er hat Probleme mit der METHODE, weil es ihm aus immunologischen Gründen untersagt ist, mit der Frau, die er liebt, zusammen zu sein. Die beiden sind einfach nicht kompatibel. Auch wenn er oft tollpatschig und ungeschickt wirkt, erweist er sich als die treibende Kraft, die Mia letztlich dazu bringt, sich gegen das System zu stellen.
Weil Rosentreter im Namen seiner Mandantin einen Anfechtungsantrag gestellt hat, kommt es zu einer weiteren Gerichtsverhandlung, bei der die ihnen hinlänglich bekannte Richterin den Vorsitz hat. Wegen Mias Uneinsichtigkeit verliert die Richterin zum ersten Mal die Nerven. Als dann auch noch Rosentreter einen Härtefallantrag stellt, weil nach seiner und Mias Ansicht sich die METHODE nicht in die privaten Angelegenheiten der Angeklagten einmischen sollte, reißt der Richterin endgültig der Geduldsfaden. Sie verurteilt Mia zu zwei Jahren Haft auf Bewährung und kündigt an, ihren Fall dem Methodenschutz zu melden. Damit wird die Privat- zu einer Staatsangelegenheit.

Rosentreter tritt nach

 

Lutz Rosentreter hat noch Großes vor. Er schlägt seiner Mandantin vor, in einem neuen Verfahren Moritz' Unschuld zu beweisen. Zu diesem Zeitpunkt hat er jedoch noch keine Strategie für einen solchen Prozess, mit dem er sich und Mia klar gegen das System stellen würde. Als hätte ihn jemand gerufen, tritt in diesem Moment Kramer auf den Plan. Im Gespräch mit Mia und dem Anwalt bittet er die junge Frau, etwas über ihren Bruder zu erzählen. Wie nebenbei berichtet sie da von der Leukämieerkrankung, an der Moritz im Kindesalter litt. Die ärztliche Behandlung hatte vollen Erfolg, Moritz konnte restlos geheilt werden. Diese Informationen sind sogar Kramer neu, dem normalerweise nichts entgeht. Doch für Rosentreter sollen diese Neuigkeiten der Schlüssel zum Wiederaufnahmeverfahren sein.

Rosentreter muss sich jedoch in dieser Hinsicht keine Mühe geben. Dem Methodenschutz ist Mias Verhalten mittlerweile so suspekt, dass sie überfallartig verhaftet wird, als sie rauchend (verboten!) ihre nackten Füße in einen Fluss hält (auch verboten, wegen der vielen Keime!). Es kommt zu einer Gerichtsverhandlung, bei der ihr „methodenfeindliche Umtriebe in Tateinheit mit der Führung einer methodenfeindlichen Vereinigung“ vorgeworfen werden. Dem System ist ihr immer kritischer werdendes Verhalten offenbar ein Dorn im Auge. Der normalerweise vorhersehbare Prozessverlauf nimmt eine jähe Wende, als Rosentreter beantragt, verfahrensrelevante Materialien aus dem Prozess gegen Moritz Holl hier verwenden zu dürfen. Niemand ahnt, wohin seine Erläuterungen führen werden. Er kommt auf Moritz' Leukämie zu sprechen und erklärt das Prinzip der Behandlung: Moritz Holl hatte eine Stammzellentransplantation erhalten, wobei das rote Knochenmark eines Spenders auf ihn übertragen wurde. Da die METHODE über sämtliche medizinisch relevanten Daten ihrer Bürger verfügt, war es sehr einfach, einen geeigneten Spender zu finden. In diesem System muss auch niemand mühsam zu einer Knochenmarkspende überredet werden, da anonyme Pflichtspenden längst vorgeschrieben sind. Kramer scheint als erster zu begreifen, welche Sprengkraft in den noch kommenden Ausführungen des Rechtsanwalts liegen wird. Er versucht, von der Zuschauerbank aus in das Geschehen einzugreifen und Rosentreter das Wort zu verbieten. Doch der lässt sich nicht beirren und erläutert, welche weiteren Folgen eine solche Spende hat: Der Leukämiekranke hat anschließend die Blutgruppe, das Immunsystem und die DNA seines Spenders. Er kann dem Gericht sogar den Namen des Spenders und damit des Mannes nennen, der anstelle von Moritz Holl hätte verurteilt werden müssen. Der Skandal ist da und die Unfehlbarkeit der METHODE ernsthaft beschädigt und infrage gestellt.




Mia Holl sorgt für die prozessuale Amarenakirsche auf dem Sahnehäubchen


Doch Mia ist das noch nicht genug. Jetzt geht sie aufs Ganze und diktiert Kramer eine Proklamation, in der sie dem System und der Gesellschaft ihr Vertrauen entzieht.
Die Konsequenzen folgen auf den Fuß: Drei Männer des Methodenschutzes dringen gewaltsam und spektakulär in ihre Wohnung ein und nehmen sie fest. Doch dieses Mal gibt es keine Anklage, offiziell erfolgte die Verhaftung wegen Suizidgefahr. Daraufhin reicht Rosentreter eine Klage beim Höchsten Methodengericht ein. Wie erwartet wird die Klage wegen mangelnder Aussicht auf Erfolg abgewiesen. Auch der Härtefallantrag hat keinen Erfolg, sodass der Prozess gegen Mia fortgesetzt wird. Es ist keine Überraschung, dass es zu ihrer Verurteilung kommt: Sie soll auf unbestimmte Zeit eingefroren werden. Doch das ist nicht das, was sich die METHODE vorstellt: eine unangepasste Frau, die mit dem Vollzug der Strafe zur Märtyrerin wird. Buchstäblich in letzter Sekunde, als sich bereits der Deckel des Gefriergeräts über ihr gesenkt hat und der erste Kältenebel in den Raum dringt, wird sie begnadigt. Sie ist im Sinne des Systems frei, wird aber mit einer langen Reihe von "Hilfen" belegt, die das genaue Gegenteil von Freiheit sind.

Gesellschaftskritik in einem Zukunftsroman

 

Juli Zeh zeichnet einen Überwachungsstaat, der seine Bürger bis in jede Pore ausspioniert und ihnen mit seinem Gesundheitswahn und der Dauerüberwachung den letzten Rest Individualität raubt. Jeder Einzelne soll sein Leben tadellos erfüllen und die von der METHODE gesetzten Vorgaben strikt einhalten. Die Autorin führt zwar nicht aus, ob es in dem im Buch dargestellten System so etwas wie Alterung und Leistungsabfall gibt, aber da die Handlung nur eine kurze Zeitspanne abdeckt und es zentral um die Entwicklung der Hauptperson Mia Holl geht, sind solche Überlegungen für die Handlung weniger wichtig. Vielleicht wird es ja mal ein Buch geben, in dem sich Juli Zeh mit dieser Frage beschäftigt?

Juli Zeh ist nicht nur Schriftstellerin, sondern auch Juristin und hat im Laufe der Jahre etliche Buchpreise gewonnen. Ob auch für dieses Buch, weiß ich nicht, aber das spielt für mein Urteil auch keine Rolle: Lest es! Es ist interessant von der ersten bis zur letzten Seite. Davon gibt es nur 260, sodass es leicht an einem Wochenende zu schaffen ist.

Freitag, 24. Juli 2015

# 8 - Über den Versuch, den britischen Angelsport in Vorderasien anzusiedeln

Was die Idee eines jemenitischen Scheichs im fernen Großbritannien auslösen kann

 

Da es schon  beim letzten Buch kurios zuging, knüpfe ich mit dem Titel Lachsfischen im Jemen des britischen Autors Paul Torday einfach mal nahtlos daran an ;-) Die mir vorliegende Ausgabe ist 2007 in der 10. Auflage im Berlin Verlag erschienen und hat etwas mehr als 300 Seiten.


Und das steht drin:

 

Das Zentrum für Fischereiwesen (ZFW), eine Abteilung des britischen Landwirtschafts- und Ernährungsministeriums, erhält eines Tages ungewöhnliche Post: Eine Vertreterin der Immobilienfirma Fitzharris & Price, Harriet Chetwode-Talbot, bittet den renommierten Fischreiexperten Dr. Alfred Jones um seine Mitarbeit bei einem sehr ambitionierten Projekt. Einer ihrer Kunden, Scheich Muhammad ibn Zaidi bani Tihama, will im Jemen Lachse in einem Wadi ansiedeln und dort die Sportfischerei einführen. Der Kunde stammt aus dem Jemen, ist passionierter Sportfischer und sehr wohlhabend, sodass dem Vorhaben keine finanziellen Grenzen gesetzt wären. 
Verständlicherweise glaubt Dr. Jones zunächst an einen schlechten Scherz und lehnt das Ansinnen mit dem Hinweis ab, dass Lachse kaltes und sauerstoffreiches Wasser sowie viele Fliegen benötigen, um zu überleben. Am wohlsten fühlten sich die Tiere deshalb rund um Island, den Färöern und Grönland. Da seien also keine Ähnlichkeiten zum Jemen zu entdecken. Doch mit dieser Auskunft ist das Thema keineswegs erledigt.

Der Lachs und die Angelrute werden zum Politikum

  

In mindestens einer Hinsicht ist es im Buch wie im "richtigen" Leben: Sobald die Politik auf den Plan tritt, wird die Situation irgendwie unübersichtlich. Das Außenministerium bittet das ZFW kurz darauf um seine Unterstützung: Da die Haushaltssituation angespannt sei, kämen private Finanzquellen wie die des Scheichs gerade recht. Sollte das ZFW bei seiner Weigerung bleiben, beim Lachsprojekt behilflich zu sein, müsse über Mittelkürzungen in seinem Bereich nachgedacht werden. Schon sieht die Sache anders aus, und Dr. Jones wird angewiesen, unverzüglich mit Harriet Chetwode-Talbot Kontakt aufzunehmen. Das Jemenlachs-Projekt gerät immer mehr zu einer Imagekampagne für den machtbewussten Premierminister Jay Vent und wird von dessen Kommunikationschef Peter Maxwell vorangetrieben. Maxwell ist ein eitler, selbstgefälligerMensch, der sich gern im Mittelpunkt erfolgreicher Kampagnen sieht und sich für unabkömmlich hält. Als er seine Chance wittert, sich mit diesem ungewöhnlichen Projekt zu profilieren, verstärkt er den Druck auf das ZFW. Dessen Leiter David Sugden droht daraufhin Dr. Jones mit Entlassung, sollte dieser sich hier nicht mit vollem Einsatz einbringen.


Fliegenfischen als Vision für den Frieden unter den Menschen

 

Im Gegensatz zu einigen anderen Protagonisten ist der Scheich völlig uneitel und möchte mit seinem Wunsch, das Fliegenfischen nach Lachsen in seinem Land zu etablieren, den Frieden fördern. Menschen aller sozialen Schichten sollen gemeinsam dieser Leidenschaft frönen und Verständnis füreinander entwicklen. So hat er es in Großbritannien erlebt, wo er einen Landsitz hat und ihm diese zutiefst britische Beschäftigung beigebracht wurde. 

Da Dr. Jones ein ereignisloses und einsames Privatleben hat, verfügt er über genügend Zeit, sich dem neuen Auftrag ausgiebig zu widmen. Er ist seit 20 Jahren mit Mary verheiratet, deren einziger Lebenszweck der Fortgang ihrer Karriere bei einer Bank ist. Dem ordnet sie alles unter, auch ihre kinderlose Ehe. Sie ist eine spröde, humorbefreite und fast schon asketische Frau, die das berufliche Treiben ihres Mannes missbilligend beäugt und ihre Abneigung vor allem an seinem relativ geringen Einkommen festmacht. Aus der Perspektive des Lesers wird sie ziemlich schnell unsympathisch. 

Jones hat sich in seinen Rollen als Ehemann und Wissenschaftler eingerichtet und war bisher nie auf die Idee gekommen, dass sein Leben mal auf den Kopf gestellt werden könnte. Bei seinen Zusammenkünften mit dem Scheich und Harriet werden ihm beide immer sympathischer, was besonders auf die jüngere Frau zutrifft. Sie ist jedoch mit dem Soldaten Robert verlobt, der sich zurzeit an einem unbekannten Ort im Irak aufhält ud dort nicht erreichbar ist.

Das Jemenfisch-Projekt gerät in den Fokus der britischen Öffentlichkeit, als es um die Frage geht, woher die dafür nötigen Lachse kommen sollen. Als die Presse davon Wind bekommt, dass hierfür tausende Tiere aus den britischen Flüssen abgefischt und nach Vorderasien gebracht werden sollen, weht den Verantwortlichen ein eiskalter Wind ins Gesicht. Dass dabei der Erfolg des Projekts grundsätzlich bezweifelt wird, gerät darüber fast zur Nebensache.

Terrorismus als Waffe gegen die Einführung christlicher Gepflogenheiten

 

Der Widerstand aus Großbritannien war dem Autor noch nicht genug: Dem Scheich droht auch Ungemach von ganz anderer Seite. Terroristen von al-Qaida ist das Ansinnen, eine Tradition der verhassten "Kreuzritter" in den Jemen zu importieren, ein Dorn im Auge. Dagegen kennen sie nur ein Mittel: Der Urheber dieses Übels, Scheich Muhammad, muss liquidiert werden. Als sich der Scheich auf seinem schottischen Landsitz aufhält, "überzeugen" sie deshalb einen jemenitischen Ziegenhirten, dessen ganze Herde verendet ist, nach Großbritannien zu reisen und den Scheich aus dem Weg zu räumen. Der im Töten ungeübte Mann verkleidet sich als Schotte, fliegt jedoch auf, weil er aus Unkenntnis einen Schottenrock mit dem Muster eines Clans trägt, der längst nicht mehr in der Gegend lebt. Der einheimische Begleiter des Scheichs erkennt diesen Fehler und überwältigt den Jemeniten ausgerechnet mit einer Angelrute.

Weil die Kritik am Projekt im eigenen Land immer stärker wird, bekommt das ZFW nun die Order, sich völlig zurückzuziehen und Dr. Jones zu entlassen. Bevor dieser die Situation überhaupt realisieren kann, wird er für dieses Projekt von Fitzharris & Price zu einem horrenden Jahresgehalt eingestellt. Dank der immer enger werdenden Zusammenarbeit von Jones und Harriet kommen sich die beiden auch menschlich näher und der Forscher verliebt sich in seine Kollegin. Für einen Moment scheint es, als würde Harriet seine Gefühle erwidern.Sie trauert jedoch um ihren Verlobten Robert, der im Irak als vermisst geführt wird und höchstwahrscheinlich ums Leben gekommen ist. Die gebührenpflichtige Trauerhotline der Army ist da keine Hilfe: Sie wurde kurz zuvor aus Kostengründen von England nach Indien ausgelagert und wirbt um Verständnis, wenn es bei den Call-Center-Mitarbeitern zu Sprachschwierigkeiten kommen sollte.

Viele Fische und drei Tote

 

Es gelingt trotz aller Widrigkeiten, die großen Probleme des Jemenlachs-Projekts zu lösen. Die Fische werden bei einem Züchter eingekauft und mit speziell angefertigten Transportboxen in den Jemen gebracht. Mit viel Technikeinsatz wird dort das Wasser in großen Becken ununterbrochen kühl gehalten, und rechtzeitig zum Beginn der feierlichen Eröffnung setzt der ersehnte Regen ein, der die Betonkanäle füllt, die in das Wadi führen. Da sich die öffentliche Meinung sowohl in Großbritannien als auch im Jemen zwischenzeitlich wieder zugunsten des Projekts gedreht hat, erscheinen auch der britische Premierminister und sein Speichellecker Peter Maxwell zur Einweihung. Der hat einen pressewirksamen Auftritt seines Chefs arrangiert, bei dem Jay Vent innerhalb von 20 Minuten einen Lachs angeln soll. Leider hat sich vorher niemand mit den Folgen der starken Regenfälle beschäftigt, die innerhalb weniger Minuten ein ausgetrocknetes Flussbett zu einem reißenden Strom werden lassen. So kommt es, dass aus Unachtsamkeit drei Personen von den Wassermassen in den Tod gerissen werden und Großbritannien nach einem neuen Premierminister Ausschau halten muss. Auch der Scheich ist unter den Toten, was sich nicht günstig auf die Zukunft der Lachs-Anlage auswirken soll.

Der Sonderausschuss für Auswärtige Angelegenheiten des britischen Unterhauses kommt nach seiner Untersuchung zu dem Ergebnis, dass Peter Maxwell sich aus eigennützigen Motiven für das Projekt engagiert hat und empfiehlt, ihn zu entlassen. Maxwell ist beruflich ruiniert. 
Dr. Jones ebenso, obwohl das Vorhaben aus rein wissenschaftlicher Sicht ein voller Erfolg war. Er wird sofort von Fitzharris & Price entlassen und arbeitet nun in einer neuen Fischzucht, die dazu dient, den einheimischen Flüssen immer neuen Lachs-Nachschub zu liefern. Er verbringt sein Leben allein in einem Cottage und ist trotz der kargen Bezahlung mit sich im Reinen.

Der Sonderausschuss stellt außerdem fest, dass das ZFW seine Kompetenzen überschritten hat und regt dessen Auflösung an. Er kann der Angelegenheit jedoch trotz allem etwas Positives abgewinnen: Immerhin wird der jemenitische Staat mitten in Sanaa eine Statue des verstorbenen Premierministers sowie des Scheichs aufstellen, die die beiden in Wathosen und mit Angelruten in den Händen zeigt.

Sehr gelungene Politsatire mit einem kleinen Schuss Herzschmerz

 

Paul Torday hat einige wesentliche Eigenschaften des Politikbetriebs sehr humorvoll beschrieben: Vom Sein-Fähnchen-nach-dem-Wind-drehen über Eitelkeiten bis zur Selbstüberschätzung ist alles dabei.  Nach diesem werde ich sicher noch weitere Bücher von ihm lesen.
Außer diesem sind von Torday noch zwei weitere Bücher auf Deutsch übersetzt worden ("Bordeaux" und "Charlie Summers"), insgesamt hat er acht Titel verfasst. Er verstarb 2013.
 
Lachsfischen im Jemen wurde 2011 verfilmt. Die Hauptrollen wurden mit Ewan McGregor (Dr. Jones) und Emily Blunt (Harriet Chetwode-Talbot) besetzt. Auch dieser Film gibt wie zahlreiche Literaturverfilmungen vor und nach ihm den Inhalt des Buches nicht genau wieder, sondern lehnt sich nur an ihn an.

 

 

Freitag, 17. Juli 2015

# 7 - Die Entwicklung einer neuen Gebetsmühle und die Gründung einer Weltreligion - zwei Finnen machen es möglich

Die wundersame Reise einer finnischen Gebetsmühle - CoverbildDie Band Lordi (ESC-Sieger 2006), Weltmeisterschaften im Luftgitarrespielen oder Frauentragen: Den Finnen scheinen immer neue Kuriositäten einzufallen, um sich ihr Leben in ihrem dünn besiedelten Land möglichst bunt zu gestalten. Da will sich der Schriftsteller Arto Paasilinna offenbar nicht hinten anstellen: In seinem 2012 in deutscher Sprache erschienenen Buch Die wundersame Reise einer finnischen Gebetsmühle reiht er eine Skurrilität an die andere, sodass man manchmal nur staunend den Kopf schütteln kann.


Lauri und Kalle - zwei Finnen gehen zusammen durch Dick und Dünn

 

Lauri, der gerade von seinem Arbeitgeber gefeuert wurde, hat nun Zeit für etwas Neues. Da kommt die jüngste Erfindung seines Kumpels Kalle gerade recht: eine viersprachige Gebetsmühle, die ihren Nutzern so etwas wie ein Talisman und beratender Freund sein soll. Wenn sich ihr Besitzer in einer schwierigen Situation befindet, gibt sie ihm Rat und empfiehlt ihm den passenden Gott, der dann um Hilfe ersucht werden kann. Diese phänomenale Gebetsmühle soll eines Tages über immerhin eine Million Entscheidungsalternativen verfügen und in der Lage sein, die für ihren Besitzer optimale herauszusuchen. Ganz klar, dass Kalle nicht nur Einzelstücke verkaufen will, sondern mit dieser technischen Errungenschaft eine Serienproduktion anstrebt. Das sollte mit der hochwertigen und innovativen Ausstattung der Gebetsmühle auch möglich sein: Das Gerät besteht in seinem Inneren aus einem Mikrofon, einer Lautsprecheranlage, einem Akku und einem Mini-Computer.
Kalle ist überhaupt ein Mann, der nur in großen Dimensionen denkt. Keine Vision ist zu abseitig, um nicht in Konzepte und Strategien verpackt zu werden. Daher hat er selbstverständlich auch an die Details gedacht: Die Gebetsmühle sollte zuerst in der Dritten Welt vertrieben werden und mit einem Gewicht von nur eineinhalb Kilo gut zu transportieren sein. Doch um diese grandiose Neuerung zu vermarkten, entschließen sich die beiden Finnen, die künftigen glücklichen Nutzer persönlich anzusprechen und planen eine Reise nach Indien, China und Tibet.

Die reisenden Freunde geben dem Wort "Überlebenskünstler" eine neue Bedeutung

 

Eine Reise in so weit von Finnland entfernte Länder ist teuer, Kalle und Lauri verfügen jedoch nur über ziemlich übersichtliche finanzielle Mittel. Aber das ist kein ernstzunehmendes Hindernis: Kalle erfindet quasi nebenbei eine neue Technologie für Düsenflugzeuge. Mit ihrer Hilfe wird verhindert, dass sich die von den Flugzeugen beim Start verursachten und gefürchteten Luftwirbel bilden, die für die nachfolgenden startenden Maschinen eine so große Gefahr sein können, dass mit Abstürzen gerechnet werden muss. Daher führt sie ihr erster Flug von Helsinki nach Paris, wo sie Kalles Erfindung Air France anbieten. Hier wird nicht gekleckert, sondern geklotzt. Die Verantwortlichen der Fluggesellschaft zeigen sich sofort interessiert und sind bereit, die Nutzungserlaubnis in kostenlosen Blanko-Flugtickets zu vergüten. Jetzt ist für die beiden Finnen der Weg nach Neu Delhi frei.
Kaum dort angekommen, wenden sie sich an die größte Autowerkstatt und bieten ihr eine Geschäftspartnerschaft für den Bau der Gebetsmühle an. Die indischen Ingenieure sind von der Erfindung sehr angetan und von Kalles geplantem Produktionsvolumen, das sich im Millionenbereich bewegt, beeindruckt. 
In dieser Phase wird von den beiden die Idee geboren, um die Gebetsmühle herum eine völlig neue Religion zu gründen, die ohne einen Gott auskommt und absolut alltagstauglich ist
Doch zunächst gilt es, das nötige Reisegeld zu verdienen. Hier hat nun eindeutig Lauri die Nase vorn: Er hat die finnische Ausgabe des Kochbuchs "Kulinarische Genüsse aus Indien" im Gepäck und schlägt Kalle vor, auf der Basis der dort aufgeführten Rezepte ein Restaurant zu eröffnen. Überflüssig zu erwähnen, dass die Freunde keinerlei gastronomische Erfahrung haben. Aber ihr ungebremster Eifer und ihre Zuversicht helfen ihnen auch hierbei weiter: Sie mieten im Stadtzentrum ein Ladenlokal, stellen einen einheimischen Koch ein und erfüllen die umfangreichen bürokratischen Auflagen. Vieles lässt sich nur durch Schmiergelder regeln. Ihr Restaurant wird wegen seiner guten Küche von vielen Gästen besucht, und die Finnen können sich der Weiterentwicklung der Gebetsmühle widmen, da die Finanzierung ihrer Reise durch die Restauranteinnahmen nun gesichert ist.

Ein Besuch beim Dalai Lama, ein Aufenthalt in chinesischer Gefangenschaft und die Begegnung mit dem Schneemenschen

 

Das Repertoire der Gebetsmühle wird um zahlreiche religiöse Texte ergänzt und umfasst nun auch die Lehren der indischen Gurus, die Hymnen und Mantras des Veda sowie die Botschaften aller Religionen, die in Indien praktiziert werden. Schnell sind sich Kalle und Lauri einig, dass dieses religiöse Wundergerät auch dem Dalai Lama vorgeführt werden muss. Der Plan wird zunächst etwas ausgebremst, weil Lauri und Kalle die nötigen Visa fehlen. Also führt sie ihr nächster Weg in die chinesische Botschaft in Neu Delhi. Dort hat man gleich ein offenes Ohr für ihren Wunsch; den Plan, den Dalai Lama in seinem Exil zu treffen, verschweigen die Freunde zunächst. Sie treffen tatsächlich den Führer des tibetischen Buddhismus und erläutern ihm das Prinzip der Gebetsmühle. Der Dalai Lama verspricht, dem Gerät eine Aufnahme einer Andacht in alter tibetischer Fassung hinzuzufügen. Man trennt sich in freundschaftlicher Atmosphäre und die Finnen setzen ihre Reise nach Tibet fort.
In Tibet angekommen, wird ihnen ein chinesischer Tourismusexperte an die Seite gestellt, der für sie ein Besichtigungsprogramm ausgearbeitet hat. Ihm gegenüber machen sie jedoch den Fehler, allzu deutlich auf die völkerrechtswidrige Annektion Tibets durch China hinzuweisen und Kritik an der Unterdrückung des tibetischen Volks zu üben. Es kommt, wie es kommen muss: Sie werden verhört und inhaftiert. Ausgerechnet ein in Tibet lebender finnischer Arzt rettet sie aus dem Gefängnis. Auf ihrer Flucht über die tibetische Hochebene begegnen sie dem Kirgisen Tsu, der schon seit etlichen Jahren in seiner Verkleidung als Schneemensch im Auftrag der chinesischen Regierung den Mythos dieses rätselhaften Wesens aufrecht erhält und so Touristen ins Land lockt. Da er von seinem Job total frustriert ist, schließt er sich den Abenteurern an. Sie überqueren zu dritt nachts die Grenze nach Indien und werden erneut beim Dalai Lama vorstellig. Tsu wird von ihm kurzerhand als Leibwächter engagiert, und Lauri und Kalle folgen der telegrafischen Aufforderung ihrer Ehefrauen, endlich nach Hause zurückzukehren.

Ein Finale, wie es kaum noch zu steigern ist

  

Die Gebetsmühle ist ein Verkaufsschlager und die neue Religion, die die beiden erfunden haben, findet in Lichtgeschwindigkeit weltweit immer neue Anhänger. Es gefällt den Menschen, sich nicht mehr an einen bestimmten Gott zu wenden, sondern ganz pauschal das Weltall um Hilfe zu bitten. Um das Gemeinschaftsgefühl zu stärken, planen Kalle und Lauri zusammen mit ihren Frauen das erste religiöse Treffen, das Mitte Februar (das genaue Jahr spielt hier keine Rolle) in Lappland stattfinden soll. Der zugefrorene Inarisee (Inarijärvi) dient dabei als Veranstaltungsort. Auf dem aus dem See aufragenden Felsen Ukonkivi werden 50 Gebetsmühlen kreisförmig um ein Feuer herum aufgestellt. Bei -20° C und klarem Wetter strömen mehrere tausend Ausländer auf den See, Schätzungen zufolge sind es 200.000 Menschen. Die Gebetsmühlen sorgen für eine mystisch aufgeladene Stimmung, und die schon früh nachmittags einsetzende Polarnacht ist das atmosphärische Sahnehäubchen. Die neu erleuchteten Religionsanhänger bringen massenhaft Opfergaben in die Höhle des Ukonkivi, die zum Verkauf angebotenen Gebetsmühlen finden reißenden Absatz. Bei solchen Szenarien können sich die Pastafari, die Anhänger des "Fliegenden Spaghettimonsters", warm anziehen.

Ihr habt einen Hang zum schrägen Humor? Dann ist das euer Buch!

 

Wer mal etwas richtig Abseitiges lesen möchte, ist mit diesem Buch gut beraten. Paasilinna erzählt das irrwitzige Unterfangen der Freunde Lauri und Kalle so ernsthaft, als handele es sich um das Normalste auf der Welt, etwas zu verkaufen, das die Welt nicht wirklich braucht und dabei nebenbei diplomatische Verwicklungen auszulösen. Dass sich in China das Verhör auf Finnisch führen lässt, weil sich der Finne Teppo N. 30 Jahre zuvor maoistisch erweckt fühlte und sich auf den Weg nach China machte, wo er nun als Dolmetscher arbeitet, ist ja schon ein ausgesprochen großer Zufall. Aber dass dann auch noch ein aus Finnland stammender Arzt die Freunde untersucht, der sich - als ob es nicht schon reichen würde bei so vielen Zufällen - dann mit ihnen auch noch in dem seltenen Dialekt Rauma unterhalten kann, der selbst in Finnland kaum noch verstanden wird, ist dann so absurd, dass es einfach lustig ist.

Arto Paasilinna ist in Deutschland kaum bekannt, obwohl die mir vorliegende Buchausgabe aus dem Verlag Bastei Lübbe GmbH & Co. KG 18 Titel auflistet, die von ihm dort erschienen sind. Er ist in Finnland sehr populär und veröffentlicht jedes Jahr im Herbst ein neues Buch. Aktuell sind es schon 34, und wenn ich mir die Titelliste ansehe, wird das hier beschriebene nicht das einzige bleiben, das ich von ihm lesen werde.

Freitag, 10. Juli 2015

# 6 - Ein Monolog mit der sterbenden Tochter

Ein Jahr für einen Abschied und ein ganzes Leben

 

Paula CoverIch möchte euch heute eines der berührendsten Bücher vorstellen, das ich bisher gelesen habe. Paula wurde zwischen Dezember 1991 und Dezember 1992 von der chilenischen Schriftstellerin Isabel Allende geschrieben und 1994 in Spanien erstmals veröffentlicht. Die erste Auflage der deutschen Ausgabe ist 1996 im Suhrkamp Verlag erschienen. Allende hat das Buch sowohl am Krankenhausbett ihrer Tochter als auch in ihrem Hotelzimmer in Madrid geschrieben. Es ist nach ihrer Tochter benannt, und die Autorin erzählt darin der sterbenden Paula die Geschichte der Familie.
Mir ist das Buch vor ein paar Jahren auf dem Weihnachtsflohmarkt unserer örtlichen Stadtbibliothek in die Hände gefallen. Auch so bekommt man manchmal neue Anregungen ;-)


Ein bewegtes Familienleben, mit schonungsloser Offenheit erzählt


Isabel Allendes Tochter ist im Alter von 28 Jahren an Porphyrie erkrankt, dabei handelt es sich um eine Gruppe von Stoffwechselkrankheiten. Im Dezember 1991, mit dem Beginn der Erzählung, liegt sie bereits seit einem Monat im Koma. Ihre Mutter verbringt Tage und Wochen an der Seite ihres Kindes und gibt die Hoffnung zunächst nicht auf, dass Paula erwachen und wieder gesund werden würde. Sie nutzt die Gelegenheit, vor ihrer Tochter, die ihr nicht mehr antworten und sie wahrscheinlich auch nicht verstehen kann, die Geschichte der Familie wie ein Tischtuch auszubreiten.
Allende beginnt ihren Rückblick mit der romantischen Liebe zwischen ihren Eltern. Ihre Mutter heiratete gegen den Willen ihres Vaters den gutaussehenden Tomàs. Tomàs wurde Diplomat, aus der nur vier Jahre dauernden Ehe gingen drei Kinder hervor. Der Vater ließ seine Frau und die Kinder in schwierigeren Situationen immer im Stich, und so gut wie immer herrschte finanzielle Not. Als ihm eines Tages die Probleme über den Kopf wuchsen, verschwand er spurlos und ließ nie mehr von sich hören.
Allende lässt in ihrem Buch nichts aus: Sie berichtet davon, im Alter von acht Jahren vom Sohn eines Fischers missbraucht worden zu sein. Den jungen Mann kannte sie bereits, und darum war sie zunächst völlig arglos, als er sie bat, ihm in ein Wäldchen zu folgen. Was dort geschah, stellt sie sehr eindringlich dar, sodass die Leser sehr gut nachfühlen können, was in dem kleinen Mädchen vorgeht, während sich der junge Mann an ihr befriedigt. Es kommt zwar nicht „zum Äußersten“, aber seine eindringliche Warnung, sie dürfe das Erlebte niemandem erzählen, wirkt bis ins Erwachsenenalter nach.

Irgendwann nach dem Verschwinden von Tomàs beginnt Allendes Mutter ein Verhältnis mit dem verheirateten Diplomaten Ramòn. In ihrem streng katholischen Umfeld erzeugt diese Verbindung einen derart großen Aufruhr, dass sogar der Bischof bei Allendes Großvater vorstellig wird. Doch vergebens: Ramòn trennt sich von seiner Frau und heiratet schließlich seine Geliebte. Der neue Stiefvater ist für die drei Allende-Kinder ein viel besserer Vater, als es der biologische je war.



Veränderungen prägten das Leben der Familie Allende


Isabel Allende erzählt von ihrer Kindheit und Jugend in Boliviens Hauptstadt La Paz und von den drei Jahren in Beirut. Dort besucht sie eine englische Mädchenschule. Als im Herbst 1956 mit der Landung der VI. Flotte der USA die Suezkrise beginnt und die Situation eskaliert, werden die fünfzehnjährige Isabel und ihre Brüder nach Chile ausgeflogen, wo sich ihr Großvater um sie kümmert. Von diesem Flug erzählt Allende eine kleine Anekdote: Das Flugzeug hatte kaum abgehoben, als eine von Kopf bis Fuß verhüllte Frau seelenruhig damit begann, auf dem Gang zwischen allen Passagieren Essen zu machen. Das löste beim Flugpersonal hektische Betriebsamkeit aus.


Allende lässt nichts aus, was sie vermutlich schon immer ihrer Tochter erzählen wollte, wozu sie aber erst jetzt den Mut findet, als die sie nicht mehr hören kann. Sie erzählt Paula vom Beginn ihrer Liebe zu Miguel, dem Vater ihrer Kinder, und lässt auch ihren Betrug an ihm nicht aus: 1978 verliebt sie sich in einen Musiker und hat mit dem ebenfalls verheirateten Mann eine heftige Affäre. Zu diesem Zeitpunkt hat sie bereits zwei Kinder und ist 36 Jahre alt. Nach einigem Hin und Her trennt sie sich von diesem Mann und kehrt zu Miguel zurück, der mit seiner Beständigkeit, Ruhe und Geduld ganz das Gegenteil des Musikers ist. Doch die Luft ist raus. Neun Jahre versuchen Isabel und Miguel, ihre Ehe aufrecht zu erhalten, aber es gelingt ihnen nicht. In dieser Zeit realisiert die Schriftstellerin, welchen fundamentalen Fehler sie gemacht hat: Sie hat immer alle ihre Gewinne Miguel gegeben, damit er sie für sie treuhänderisch verwaltet. Die goldene Regel "Es gibt keine Freiheit ohne ökonomische Unabhängigkeit" hat sie aus freien Stücken nicht eingehalten.
Als Isabel Allende 44 ist, bittet sie ihren Stiefvater, sich um die Auflösung ihrer Ehe zu kümmern. Sie lenkt sich von ihren Problemen mit einer Vortragsreise ab und lernt dabei den Amerikaner Willie kennen. Willie lebt in Kalifornien mit seinen drei drogensüchtigen Kindern in einem häuslichen und familiären Chaos, doch die beiden bleiben zusammen und heiraten.

Die Erkenntnis, dass es für Paula kein Zurück mehr geben wird

 

Ab Mai 1992 wird Isabel Allende immer deutlicher bewusst, dass ihre Tochter irreparable Hirnschäden behalten oder sogar sterben wird. Keiner der Ärzte in Madrid macht ihr noch Hoffnung. Da beschließt sie, Paula zu sich nach Hause nach Kalifornien zu holen. Paulas Mann Ernesto ist einverstanden, weil er sich aus beruflichen Gründen in Madrid nicht so um seine Frau kümmern könnte, wie es nötig wäre.
Doch trotz aller Bemühungen gelingt es Isabel Allende nicht, ihre Tochter ins Leben zurückzuholen. Sie beschreibt sehr eindringlich die letzten Momente, bevor das Leben Paula verlässt: Die Verwandten kommen aus allen Ecken der Welt in Kalifornien zusammen, nur Ernesto schafft es nicht mehr rechtzeitig und wird von Allende als eine Person beschrieben, die mental am Sterbebett ist und Paula beisteht.
Isabel Allende fasst für sich das schrittweise Entgleiten von Paula so zusammen, dass sie sich zuerst von deren Intelligenz, dann von ihrer Vitalität und zum Schluss von ihrer Gesellschaft und ihrem Körper verabschieden musste. Ein Sterben auf Raten; grausam nicht nur für die Tochter, sondern für alle Menschen, die sie liebten.

Der stille Monolog mit der Tochter wird immer wieder durch Passagen unterbrochen, die unmittelbar die Situation beschreiben, in der sich Mutter und Tochter gerade befinden. So ist es dem Leser möglich, den Fortgang der Erkrankung und die Gefühle der Menschen, die Paula nahestehen, nachzuvollziehen.

Schriftstellerin, Frauenrechtlerin, Journalistin, Lehrerin - so viel Leben würde auch für zwei Menschen reichen

 

Die Namensähnlichkeit mit dem früheren chilenischen Präsidenten Salvador Allende ist nicht zufällig: Isabel Allendes Vater war dessen Cousin. Nach dem Sturz Allendes durch General Pinochet ging sie 1975 ins Exil nach Venezuela. 
Mit Paula hat Isabel Allende ein Buch geschrieben, dass niemanden kaltlässt. Es ist empathisch von der ersten bis zur letzten Seite, ohne jedoch kitschig oder übertrieben überschwänglich zu werden. Die Autorin in ihre Gefühlswelt und ihr vergangenes Leben zu begleiten berührt nicht nur Leser, die selbst Eltern sind, sondern jeden, der wenigstens einen Menschen in seinem Leben hat, der ihm sehr wichtig ist.
Deshalb muss hier gar nicht lange drumherum geredet werden: Besorgt euch das Buch!
Das abgebildete Cover zeigt die aktuell erhältliche Taschenbuch-Ausgabe (10,-- €), die ebenfalls vom Suhrkamp Verlag herausgegeben wurde. 

 

Freitag, 3. Juli 2015

# 5- Eine Familiengeschichte in Wien

Wie das Leben so spielt - drei Generationen im Fokus

 

Es geht uns gut - CoverbildHeute geht es um ein Buch des österreichischen Schriftstellers Arno Geiger, das bereits 2005 zum ersten Mal in Deutschland veröffentlicht wurde. Es heißt Es geht uns gut, und ich habe es gelesen, weil ich es vor einiger Zeit bei einem Preisausschreiben unserer Tageszeitung gewonnen habe. So banale Gründe kann es haben, zu einem Buch zu greifen.

Die Handlung spielt zwischen 1938 und 2001 im Wiener 13. Bezirk. Philipp Erlach, ein Mann Mitte 30, sitzt im April 2001 auf den Eingangsstufen der Villa seiner Großeltern, die er geerbt hat. Seine Großmutter ist gestorben, und ihr jetzt verwaistes Haus ist voller Erinnerungen. Das Betrachten von Familienfotos an den Wänden und mehrere alte Briefe bringen bei Philipp einen Prozess in Gang: Während das Haus von Helfern entrümpelt und dessen Dach von Handwerkern repariert wird, versucht Philipp, mit sich, seinem Leben und der Geschichte seiner Familie ins Reine zu kommen.

Es geht uns gut - so viel Ironie musste sein


Das Buch pendelt kapitelweise zwischen den Familienmitgliedern und Jahren. Die Generation der Großeltern besteht aus Richard und Alma Sterk. Richard stammt aus einer konservativen Familie und wurde 1901 geboren. Er war Verwaltungsjurist und hat es in seinem Berufsleben bis zum Minister gebracht. Seine Stellung in der Familie wird gestärkt, als es im August 1938 zum „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich kommt. Ein Wachmann, der Mitglied in der NSDAP ist, setzt ihn, das Mitglied einer demokratischen Partei, in einer Angelegenheit, die das Wäschegeschäft seiner Frau und seiner Schwiegereltern betrifft, unter Druck. Ohne seine Frau in seine Entscheidung einzubeziehen, zieht er seine Geschäftsanteile zurück, was zur Aufgabe des Ladens führt. Nun hat Alma mehr Zeit, um sich um ihn und die beiden Kinder Otto und Ingrid zu kümmern. Als „Entschädigung“ besorgt Richard seiner Frau ein Bienenhaus, das vorher den ins Exil gegangenen Nachbarn Löwy gehört hat. Die Familienidylle ist wiederhergestellt und Richards Rolle als Familienoberhaupt ist gefestigt.
Im Mai 1955 wird Richard Minister und ist maßgeblich an der Ausarbeitung des Staatsvertrages beteiligt, der Österreich in die Souveränität entlässt. Doch das erfolgreiche Berufsleben endet abrupt im September 1962: Seine Partei weigert sich, ihn als Kandidaten für die Nationalratswahl aufzustellen. Damit ist das Ende seiner Karriere besiegelt.

Ein Familienleben voller tragischer Momente


Das Leben von Richard und Alma ist von privaten Tragödien durchzogen. Ihr Sohn Otto ist ein eifriger Hitlerjunge und verliert im April 1945 im Alter von 14 Jahren bei der Schlacht um Wien gegen die Rote Armee sein Leben. Die Tochter Ingrid, die Ärztin geworden ist und den von Richard ungeliebten Peter geheiratet hat, ertrinkt 1974 mit 38 Jahren bei einem Badeunfall vor den Augen ihrer Kinder Sissi und Philipp.
Bereits vier Jahre zuvor hatte Richard eine Affäre mit seiner Sekretärin begonnen, von der seine Schwester und sein Schwager wussten. Davon erfährt Alma allerdings erst 1989, als sie zufällig Briefe findet, aus denen das Verhältnis hervorgeht. Doch zu diesem Zeitpunkt ist der Betrug nur noch der Schlusspunkt aus einer Reihe von Enttäuschungen, die Alma im Laufe ihrer Ehe empfunden hat. Ihr Mann ist mittlerweile so dement, dass er den Rest seines Lebens im Pflegeheim verbringt. Von der rein sexuellen Beziehung, die ihr Mann mit dem ehemaligen Hausmädchen Frieda hatte, wird sie nie etwas erfahren.

Die zweite Generation

 

Die Schlacht um Wien spielt auch in der mittleren Generation des Buches eine Rolle: Der spätere Ehemann Ingrids, Peter Erlach, nimmt als 15-jähriger an den Kämpfen teil. Während er das Geschehen zunächst noch spannend und abenteuerlich findet, erlebt er schon bald das Grauen: Vor seinen Augen wird sein 14-jähriger Fähnleinführer von einer Handgranate tödlich verletzt, ihm selbst wird ein Arm durchschossen. Er kämpft sich zusammen mit einem Soldaten der Russischen Befreiungsarmee, die auf deutscher Seite gekämpft hat, bis zur Donau durch und setzt seine Flucht auf einem Schiff fort.
Ingrid hat sich im Laufe der Jahre immer weiter von ihrem Vater entfernt. Die Beziehung mit Peter ist dabei nur einer der Gründe. Richard schafft es nie, ihr wieder näher zu kommen. Daran kann auch die Geburt seiner Enkelkinder nichts ändern.
Ingrids Ehe mit Peter ist bei Weitem nicht so erfüllt, wie sie sich sie als junge Frau ausgemalt hatte. Als sie mit ihrer Arbeit als Krankenhausärztin mitten im Berufsleben steht und auch ihre Kinder Aufmerksamkeit und Zuwendung brauchen, merkt sie, dass sich ihr Mann kaum weiterentwickelt hat: Er ist ihr keine Hilfe und hat den Kopf noch genauso "in den Wolken" wie als junger Mann.

Die Enkel

 

Philipp wird nie wirklich ernst genommen, auch seine ältere Schwester hat seit ihrer Kinderzeit nur Spott für ihn übrig. Er ist ein ewiger Träumer, der sich nie für etwas entscheiden und keinen klaren Weg einschlagen kann. Obwohl das alte Haus seiner Großmutter stark sanierungsbedürftig ist, verbringt er die Tage dort sitzend auf der Vortreppe und hängt seinen Gedanken nach. Seine Freundin Johanna, mit der er nur auf der sexuellen Ebene auf einer Wellenlänge liegt, kümmert sich daraufhin darum, dass ihm zwei ukrainische Schwarzarbeiter zur Hand gehen. Er ist so einsam, dass es ihm nicht gelingt, ein paar Gäste für eine Grillparty zusammenzutrommeln und lädt sich am Ende praktisch noch selbst zur Hochzeit des einen Helfers in der Ukraine ein.
Seiner älteren Schwester Sissi ist die Familie schon früh zu eng. Sie hat am gesamten Geschehen einen relativ geringen Anteil und taucht nach ihrem Verschwinden bei einem Verkehrsstau nur noch indirekt auf. Sie geht in die USA und lebt dort als Soziologin und Journalistin zusammen mit ihrer Tochter in New York. Einige Jahre erhält Alma von ihr eine obligatorische Weihnachtskarte, am Ende der Erzählung bleibt auch diese aus.

Wie sieht sie aus, die heile Familie?

 

Dem Leser wird deutlich vor Augen geführt, wie sich die Träume der einzelnen Familienmitglieder in jeder Generation wenigstens zum Teil in Rauch auflösen. Richard hat sich immer eine intakte Familie und Erfolg im Beruf gewünscht. Eine ganze Weile ist ihm das auch ganz gut gelungen, aber gerade seiner Familie gegenüber hat er sich als wenig empathisch erwiesen und besonders seine Frau und seine Tochter enttäuscht.
Alma hatte ein Medizin-Studium begonnen und es wegen ihres Mannes aufgegeben. Am Ende ihres Lebens blickt sie zurück auf einen Ehemann, der ihr Vertrauen missbraucht hat, und zwei tote Kinder. Sie lebt allein in ihrem Haus, dessen Pflege ihr längst über den Kopf gewachsen ist.
In den nachfolgenden Generationen sieht es kaum besser aus: Ingrid konnte zwar ihren Traum verwirklichen, Ärztin zu werden, wurde aber sowohl von ihrem Vater als auch ihrem Mann enttäuscht. Peter wiederum reiht in  seinem Leben einen Traum und Misserfolg nach dem anderen aneinander und erweist sich als unzuverlässiger Ehemann.
Sissi hat den geringsten Anteil an der Familiengeschichte. Ob sie ihr Glück in New York gefunden hat, erfährt der Leser nicht.
Dagegen wirkt Philipp wie jemand, der ständig neben sich steht. Seinen Entschluss zu Beginn der Handlung, alles, was an die Familie erinnert, in den Müll zu werfen, hält er bis zum Schluss aufrecht.

Sollte man das Buch gelesen haben?

 

Ich bin mir nicht sicher. Arno Geiger hat für dieses Buch 2005 den Deutschen Buchpreis bekommen, was ja grundsätzlich dafür spricht, wenigstens einen Blick hineinzuwerfen. Auch die Idee, einen Bogen über drei Generationen hinweg zu spannen und die historischen Ereignisse einzuarbeiten, hat mir gefallen. Ohne das Lesen des Klappentextes hätte sich mir aber erst ziemlich spät der familiäre Zusammenhang zwischen den einzelnen Personen erschlossen. Besonders Peter konnte ich lange nicht zuordnen.

Die über weite Strecken ausgedrückte Hoffnungslosigkeit in der Familie, die unausgesprochene Kritik an Richard und die Einsamkeit mehrerer Familienmitglieder würden Menschen, die überlegen, eine Familie zu gründen, möglicherweise noch einmal zum Nachdenken bringen. Das Buch wird allerdings nie langweilig und ist gut lesbar. Die knapp 400 Seiten sind deshalb hinsichtlich der Lesemenge keine größere Herausforderung.

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