Donnerstag, 25. Juni 2015

# 4 - Über die Angst vor der Unendlichkeit

Ein Leben auf dem Meer, ohne jemals Land zu betreten

NovecentoDas heutige Buch spielt auf dem komfortablen Ozeandampfer "Virginian", der ständig zwischen der Alten und der Neuen Welt pendelt. Es heißt Novecento, wurde von Alessandro Baricco geschrieben und in der deutschen Ausgabe zum ersten Mal 2000 herausgebracht. Es erzählt von einem Jungen, der im Jahr 1900 auf dem Schiff von  einer unbekannten Passagierin geboren und dort zurückgelassen wird. Im Alter von etwa zehn Tagen wid das namenlose Baby von dem Matrosen Danny Bootman gefunden, als die "Virginian" in Boston vor Anker liegt und sich die Passagiere und fast die ganze Besatzung auf einem Landgang befinden - in einem Pappkarton, der auf dem Klavier im Tanzsaal für die Reisenden der 1. Klasse steht.


Wer ein Kind erwartet und sich Gedanken um dessen Namen macht, bekommt hier Hilfe ;-)

 

Danny Boodman sucht vergeblich nach einem Hinweis, wie das Kind heißen könnte und findet ihn auf dem Pappkarton: Dort steht deutlich lesbar "T. D. Limoni". Da ist es nur logisch, wie der Knirps heißen soll: Lemon! Und was ist mit "T. D." gemeint? Auch da ist sich Danny sicher: "Thanks, Danny". 
Danny Boodman kümmert sich um das Findelkind, findet aber, dass "Lemon" als alleiniger Name ein bisschen dürftig ist. Was liegt da näher, als ihm seinen eigenen Namen zu geben? Doch er findet diese neue Namensschöpfung immer noch nicht perfekt und fügt das "T. D." hinzu: Danny Boodman T. D. Lemon. Aber weiß nicht jedes Kind, dass erfolgreiche Menschen einen ganz speziellen Namen brauchen, der sie unverwechselbar macht? Eben! Da kommt Danny die Idee: Das Kind soll Novecento (1900) heißen, weil es im Jahr 1900 gefunden wurde.

Wie lebt ein "Schiffsjunge"?

 

Mehr als acht Jahre lang kümmert sich der Matrose Danny um seinen Ziehsohn Danny Boodman T. D. Lemon Novecento. Als er nach einem Arbeitsunfall stirbt, beschließt der Kapitän der Virginian, Novecento beim nächsten Landgang in Southampton nun endlich in staatliche Obhut zu geben. Bis dahin hatte der Junge noch keinen Fuß auf festen Boden gesetzt. Doch als man ihn holen will, ist er auf dem ganzen Schiff unauffindbar. Erst als der Dampfer erneut in See sticht, taucht er wieder auf: am Klavier im Tanzsaal der 1. Klasse. Er hat eine außergewöhnliche musikalische Begabung und wird irgendwann ein fester Bestandteil der Bordband. Im Laufe der Jahre wird er durch seinen speziellen Stil, Klavier zu spielen, so bekannt, dass sein Name auch Jelly Roll Morton, DEM Jazzmusiker des beginnenden 20. Jahrhunderts, zu Ohren kommt. Er beschließt, sich musikalisch mit Novecento zu duellieren. Da dieser nach wie vor sein Leben komplett auf dem Schiff verbringt, bucht Morton eine Überfahrt nach Europa. Er fordert Novecento im Tanzsaal vor Publikum heraus, doch erst beim dritten Stück zeigt der junge Pianist, welche Virtuosität in ihm steckt: Nach dem letzten Ton lässt er sich eine Zigarette geben und zündet sie an den erhitzten Klaviersaiten an. Morton muss sich geschlagen geben und verlässt das Schiff bei der nächsten Gelegenheit.


Was hält einen Menschen davon ab, ein normales Leben zu leben?

Mit 32 Jahren beschließt Novecento, im Hafen von New York von Bord zu gehen. Zum ersten Mal in seinem Leben. Er will künftig das Meer vom Land aus erleben und als Klavierspieler von Stadt zu Stadt ziehen. Sein Freund, der Trompeter Tim, schenkt ihm einen Kamelhaarmantel, und Novecento wendet sich zum Gehen. Doch schon auf der dritten Stufe hält er inne, wirft prüfend seinen Hut ins Wasser und kehrt wieder um. Niemand weiß, was ihn zum Bleiben bewogen hat, aber Novecento verlässt die Virginian nicht und arbeitet weiter als Bordpianist. Tim kündigt 1933 nach sechs Jahren seine Stelle auf dem Schiff und hört lange Zeit nichts von Novecento.
Eines Tages erhält Tim einen Brief von einem Iren, der früher ebenfalls auf der Virginian angeheuert hatte: Das Schiff war im Krieg als Lazarettschiff eingesetzt und stark beschädigt worden. In Plymouth war der Rest der Besatzung von Bord gegangen und das Schiff mit Dynamit beladen worden, um im offenen Meer gesprengt zu werden. Der Brief endet mit den Worten "Novecento ist an Bord geblieben".
Tim reist sofort nach Plymouth und findet seinen Freund, der im dunklen Schiff auf einer vollen Dynamitkiste sitzt.


Ein Buch mit viel Gefühl

 

Alessandro Baricco hat dieses Buch mit sehr viel Empathie und Poesie geschrieben. Man mag es zwischendurch nicht aus der Hand legen, weil man in die Handlung hinein gesogen wird. Das Ende wirkt zunächst tragisch, dann aber doch eher versöhnlich.
Den Musiker Jelly Roll Morton hat es im Gegensatz zu Novecento tatsächlich gegeben . Er begann seine Karriere 1902 im Alter von 17 Jahren und gehörte zu den Musikern, die die Entwicklung des Jazz maßgeblich beeinflussten.
Dem Matrosen Danny dämmerte übrigens zwischendurch, dass er mit seiner Deutung von "T. D." auf dem Holzweg war: Irgendwann sah er in einer Zeitung eine Werbeanzeige, in der ein aufgedunsener Mann und eine große Zitrone abgebildet waren. Daneben stand: "Tano Damato, der Zitronenkönig". Aber da war es ihm dann auch egal.

Novecento kommt als Taschenbuch in einer Neuauflage im Oktober 2015 erneut in den Handel. Die mir vorliegende Ausgabe hat nur etwa 80 Seiten und lässt sich daher auch gut "in einem Rutsch" lesen. Es ist ein Buch, das seine Leser nachdenklich macht und das man nach der Lektüre nicht einfach so auf den Bücherstapel zurücklegt. 

Der Film zum Buch kam 1998 unter dem Titel "Die Legende vom Ozeanpianisten" in die deutschen Kinos und wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet. 

Sonntag, 21. Juni 2015

# 3 - Eine Gruppenreise zu den Kiwis mit einem unvorhersehbaren Verlauf

Es geht nach Neuseeland, wo Handtücher am Strand ausgelegt und Bäume umarmt werden

 

Klingt seltsam? Ist es auch. Diesmal stelle ich euch ein Buch vor, dass von Bernhard Hoëcker und seinem Co-Autor Tobias Zimmermann geschrieben wurde. Wie ich während des Lesens erfahren habe, ist dies nicht das erste Mal, das die beiden auf diese Weise zusammengearbeitet haben. Es heißt Am schönsten Arsch der Welt und ist im November 2012 erschienen. In die Hände gefallen ist es mir aber erst vor Kurzem.



Was ich erwartet hatte - und was dann "drin" war

 

Von Bernhard Hoëcker sind bereits mehrere Bücher im Handel, was ich aber vor dem Kauf dieses Buches nicht wusste. Ich kannte ihn aus dem Fernsehen als Mitglied des Rateteams von "Genial daneben" und als Teammitglied bei "Switch". Deshalb hatte ich erwartet, von diesem Buch ein paar Stunden gut unterhalten zu werden. Mehr nicht. Aber von vorn:

Der neuseeländische Tourismusverband will mehr deutsche Reisende ins Land locken und hat die Idee, einen prominenten Deutschen in seine Werbekampagne einzubinden. Dieser Deutsche soll das Land bereisen und Aufgaben lösen, die Etappe für Etappe per Internet-Abstimmung von Besuchern der eigens betriebenen Webseite festgelegt werden. Wieso das neuseeländische Organisationsteam auf  Bernhard Hoëcker verfällt, bleibt ungeklärt und ist auch ihm selbst ein Rätsel. Sein Kumpel Tobias Zimmermann nimmt die Rolle des Sidekicks ein: Er reist nicht mit, kommentiert aber das, was Hoëcker erlebt oder beschreibt.
Selbstverständlich reist Hoëcker nicht allein, sondern wird von einem Team unterstützt

Der Leser erfährt dann recht ausführlich von den Problemen bei der Anreise und dass Hoëcker offenbar tagelang mit dem Jetlag zu kämpfen hatte. Sein mitreisendes Team scheint da weniger Schwierigkeiten zu haben oder sie werden zumindest nicht erwähnt. Es besteht aus Renate, die für Hoëcker so etwas wie das "Mädchen für alles" zu sein scheint, dem Kameramann Alex, dem Regisseur Tommy sowie Jakob, Claudia und Elke von der Werbeagentur. Am Flughafen von Auckland wird die bunte Truppe von Katie abgeholt und während der ganzen Reise begleitet. Sie ist beim neuseeländischen Tourismusverband beschäftigt, übernimmt den Job der Chauffeuse und hat ein Auge darauf, dass alles werbeoptimal abläuft.



Was will der Autor seinen Lesern sagen?

 

Diese Frage habe ich mir auch gestellt. Das Buch erreicht seine Seitenzahl (knapp 300) nicht etwa nur durch Hoëckers gelassene Darstellung des Reiseverlaufs, sondern durch immer wieder eingeschobene und farblich abgesetzte Kommentare. Sie ziehen sich oft über zwei bis drei Seiten und stammen  von Tobias Zimmermann, dem Daheimgebliebenen, der quasi aus dem Off die Schilderungen kommentiert oder kritisiert. Wer da versucht, den eigentlichen Handlungsfaden nicht zu verlieren, steht einer echten Herausforderung gegenüber: Spätestens, wenn er die eigenen Kommentare mit Sternchentexten unterlegt, die fast so lang sind wie die Kommentare selbst, ist meine Geduld kurz vor dem Ende. Ein Beispiel? Bitte:
Hoëcker beschreibt die Rugby-WM in Neuseeland 2011 und den Umstand, dass die unterlegene Mannschaft aus Tonga am Flughafen von Auckland von 11.000 Landsleuten verabschiedet wurde und der Verkehr deshalb zusammenbrach. Diese banale Information kann Zimmermann so nicht stehen lassen: Auf fast zwei Seiten überlegt er, wie diese Zahl zustande kommen könnte und wie es sein kann, dass es bei so vielen übergewichtigen Tongaern eine so große Begeisterung für Rugby gibt. Davon nimmt die Erläuterung eines im Kommentar verwendeten rheinländischen Begriffs etwa ein Viertel des Textes ein. Das Ganze wird so verschwurbelt formuliert, dass bei mir auf der Strecke blieb, was ich eigentlich erwartet hatte: der Spaß. Gegen die so vermittelte Zähigkeit kommen auch die immer mal wieder eingestreuten Fotos und Zeichnungen nicht an.
Zimmermanns Einschub kann "selbstverständlich" nicht einfach von Hoëcker unerwidert bleiben, sodass sein Kommentar darauf eine weitere Seite in Anspruch nimmt.



Zurück zum Ausgangspunkt

 

Bei so vielen Kommentaren, Unterkommentaren und Erwiderungen verliert man als Leser schnell den eigentlichen Sinn dieser Reise aus den Augen: Werbung für Neuseeland als Reiseziel, indem sich Bernhard Hoëcker verschiedenen Aufgaben stellt. Darum ein paar Beispiele: An einem Strand soll er mit Handtüchern seinen Namen legen. Weil es zu wenige Handtücher gibt, sind seine sportlichen Qualitäten gefordert: Er legt die am Beginn seines Namens gelegten Handtücher immer ans Ende an, die Aufnahme wird in Highspeed abgespielt und fertig ist ein Film, in dem Hoëcker als Strandboy durchs Bild zischt und sein Name gelesen werden kann.
Eine andere Aufgabe ist die Umarmung eines Kauri-Baumes. Das ist ein Problem, weil die heutigen Kauri-Bäume einen Durchmesser von etwa vier Metern erreichen können. Außerdem darf nicht näher an sie herangetreten werden, denn durch einen vermutlich aus dem Ausland eingeschleppten Krankheitserreger sind bereits viele Bäume mit Wurzelfäule infiziert ("kauri dieback") und sterben langsam ab. Aber auch dafür findet das Team eine Lösung, mit der die Aufgabe annähernd erfüllt werden kann.



Kaufempfehlung?

 

Hätte sich das Buch auf die Beschreibung der Reise beschränkt, hätte es unterhaltsam sein können. Dazu hätte auch Hoëckers selbstironische Erzählweise beigetragen. So bleibt es allerdings im Nebel, was das Ganze eigentlich werden sollte: eine Reisebeschreibung? Ein Dialog unter Freunden, bei dem der eine dem anderen zeigen will, wie viel er von der Welt weiß? Ich habe keine Ahnung. Klar ist jedoch, dass der Seitenumfang auf etwa die Hälfte zusammengeschrumpft wäre, wenn es Hoëcker bei dem eigentlichen Kernthema belassen hätte. Ich habe schon nach dem Lesen der ersten Hälfte überlegt, ob ich bis zum Ende durchhalten sollte und kann darum keine Kaufempfehlung abgeben.

 

Donnerstag, 18. Juni 2015

Buch # 2 - über Afrika, Aberglaube und Machtphantasien

Das Kontrastprogramm - von Norddeutschland in die "Freie Republik Aburĩria"


 
Das heutige Buch ist aus einer ganz anderen Ecke als das erste. Es wurde vom kenianischen Autor Ngũgĩ wa Thiong’o geschrieben und hat den Titel Herr der Krähen. Es ist bereits 2011 erschienen und hat stolze 950 Seiten. Doch davor muss man keine Angst haben, weil es durchweg kurzweilig ist. Es eignet sich allerdings nicht dazu, in Häppchen gelesen zu werden. Zwei Stunden am Stück sollten schon drin sein, wenn man das Buch zur Hand nimmt.


Worum geht's?


Das ist natürlich die zentrale Frage. Das Buch spielt im Wesentlichen im afrikanischen Aburĩria, einem Phantasieland, das jedoch Strukturen hat, die dem Leser verdammt bekannt vorkommen.
Eine der wichtigsten Figuren ist der Zweite Herrscher. Er ist ein Despot erster Güte und schon so lange im Amt, dass sich keiner mehr an den Herrscher vor ihm erinnern kann. Sein Geburtstag ist ein nationales Ereignis. Doch da es bis heute in vielen afrikanischen Staaten nicht üblich ist, dass die Geburt eines Kindes beurkundet wird, muss das Parlament von Aburĩria sich über den richtigen Tag einig werden, an dem der Herrschergeburtstag feierlich begangen werden soll. Es benötigt hierfür geschlagene sieben Monate, sieben Tage, sieben Stunden und sieben Minuten. Mit derselben Akribie schwänzeln zahllose Menschen um den Herrscher herum, um ihm unterwürfig alles recht zu machen und den eigenen Status zu halten oder zu verbessern. Ganz vorne mit dabei sind zwei seiner Minister. Der Beflissenere von beiden nutzt die monumentale Geburtstagsparty dazu, sich für immer im Gedächtnis des Herrschers zu verankern: Mit viel Pathos verkündet er, dass die gesamte Bevölkerung beschlossen habe, ein Gebäude zu errichten, das erst vor den Himmelspforten enden sollte. So sei es dem Herrscher möglich, sich persönlich jeden Tag mit Gott zu unterhalten. Dass die Bevölkerung bis dahin nichts von diesem Vorhaben wusste, spielt weder für den Minister noch für den Herrscher eine Rolle.
Eilig wird ein Nationales Baukomitee einberufen, um "Marching To Heaven" zu verwirklichen. Dessen Vorsitzender kann sich von da an vor Besuchern kaum retten: Die einen erhoffen sich Arbeit, die anderen, dass man an sie „denkt“. Diesen Wunsch unterstreichen Sie mit der Übergabe von prall gefüllten Geldumschlägen. Der Besucherandrang ist so groß, dass schon bald die Warteschlange quer durchs ganze Land geht. 

Wie im wahren Leben: Unterschätze nicht die Macht des Zufalls


Durch einen Zufall lernt Kamĩtĩ, ein junger Mann, der aus einer armen Familie stammt und gerade sein Hochschulexamen abgelegt hat, Nyawĩra kennen. Die junge Frau gehört zu einer Gruppe Oppositioneller, die immer wieder subtile Proteste gegen den Herrscher organisiert. Als die beiden als Bettler verkleidet nach einer solchen Aktion im Dunkeln nach Hause wollen, fallen sie drei Polizisten auf. Aber nicht wegen ihrer ärmlichen Kleidung, sondern wegen der Taschen, die sie bei sich haben. Die "Gesetzeshüter" vermuten darin Bares, was sie sich unter den Nagel reißen können und verfolgen die jungen Leute. Nur durch die gute Ortskenntnis von Nyawĩra können die beiden ihre Verfolger größtenteils abschütteln. Doch einer der Polizisten gibt nicht auf und stellt ihnen weiter nach. Er verfolgt sie bis zu einem leerstehenden Haus, in dem sie sich versteckt haben, weicht aber erschrocken zurück, als er ein todbringendes Zeichen über der Eingangstür sieht: Ein hastig von Kamĩtĩ angefertigtes Amulett aus Karton, Schnur, Stofffetzen, einem vertrockneten Frosch und einer toten Eidechse, darüber ein Schild mit einer eindeutigen Warnung: In diesem Haus wohnt ein Zauberer, der Falken und Krähen vom Himmel holen kann. Das Schild ist unterschrieben mit "DER HERR DER KRÄHEN". Im vom Aberglauben durchdrungenen Aburĩria verfehlt diese Warnung nicht ihre Wirkung, und der Polizist ergreift verängstigt die Flucht. Als er am nächsten Tag beim Zauberer vorsprechen will, erlebt er erneut eine für ihn so unheimliche Situation, dass er zum zweiten Mal das Weite sucht. Doch von nun an ist Kamĩtĩ nicht mehr Kamĩtĩ, sondern wird unfreiwillig zum "Herrn der Krähen", dem übermenschliche Kräfte nachgesagt werden. In kürzester Zeit ist er in aller Munde. Der Umstand, dass er sich nicht persönlich zeigt, sondern nur seine Stimme zu hören ist, macht ihn noch geheimnisvoller und vergrößert seine Popularität.


Große Probleme verlangen nach großen Lösungen


Wie bei allen gigantischen Bauprojekten gibt es auch bei diesem ein Hindernis, das zunächst überwunden werden muss: die Finanzierung. Für „Marching To Heaven" muss ein Kredit von der Global Bank in New York her. Um dieses Vorhaben zu einem Erfolg zu machen, reist der Herrscher persönlich in die USA und nimmt zur Unterstützung seinen Außenminister mit. Doch er wird dort von einer mysteriösen Krankheit befallen, die ihn aufbläht wie einen Luftballon und unter deren Einfluss er nur noch das Wort "wenn" sagen kann. Er hat ganz eindeutig einen Weiß-Wahn, der dem Wunsch entspringt, ein Weißer zu sein. Da kann nur einer helfen: der Herr der Krähen.
Doch es kommt noch dicker: Die Global Bank verweigert den Kredit für das gigantomanische Bauprojekt und friert sogar bereits bewilligte Gelder ein. Sie fordert strukturelle Reformen, um der Inflation und Korruption in Aburĩria ein Ende zu setzen. Die Ereignisse überschlagen sich, und letzten Endes bekommt der Herrscher, was er verdient hat.


Wem wird das Buch gefallen?

 

Alle, die gern schnell lesbare Bücher bevorzugen, sollten einen Bogen um diesen Roman machen. Wie schon erwähnt, eignet er sich nicht dazu, in kleinteiligen Stückelungen gelesen zu werden. Er wirft aber auf humorvolle und ironische Weise ein Schlaglicht auf die Funktionsweise zahlreicher afrikanischer Diktaturen, insbesondere in der südlichen Hälfte des Kontinents. Ngũgĩ wa Thiong’o lässt seine eigenen Erfahrungen mit der britischen Kolonialmacht und der späteren Herrschaft des Diktators Daniel arap Moi, der Kenia innerhalb von 24 Jahren bis 2002 herunterwirtschaftete und zahllose Oppositionelle foltern und verschwinden ließ, in sein Buch einfließen. Die Leser erfahren nicht nur etwas über die Denkweise der Menschen im mittleren und südlichen Afrika, sondern eben, dass es auch dort, wo sich das Böse und das Gute offensichtlich voneinander abzugrenzen scheinen, doch noch Grautöne gibt. Der Roman hat zahlreiche Stellen, an denen ich zunächst gedacht habe "Na, hier trägt er doch ein bisschen dick auf", um mich im nächsten Moment an Ereignisse zu erinnern, die ich vor etlichen Jahren über andere Diktatoren in Afrika gehört hatte. Sicher ist vielen von euch Idi Amin noch ein Begriff.

Ngũgĩ wa Thiong’o ist heute Professor in den USA und zählt zu den Anwärtern auf einen Literatur-Nobelpreis.


Hinweis: Wer sich für den Roman begeistern kann, den wird auch ein anderes Buch von Ngũgĩ wa Thiong’o interessieren: In Träume in Zeiten des Krieges schildert der Autor seine Erinnerungen an seine Kindheit und Jugend. Wer den Roman Herr der Krähen besser verstehen möchte, sollte es lesen. Das ist schnell gemacht: Es hat einschließlich eines Nachworts des Übersetzers Thomas Brückner und eines Glossars nur rund 250 Seiten.

Montag, 15. Juni 2015

Der Start: Bücher "rauf und runter"

Die Premiere - mein erster Blog


Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war - CoverbildSo, liebe Leute, es ist geschafft: Nach ein bisschen überlegen (Soll ich? Soll ich nicht?) will ich euch nun  regelmäßig ein paar Bücher vorstellen. Und nein: Ich werde nicht die Spiegel-Bestsellerliste abarbeiten. Das tun schon andere. Ich will euch zeigen, was ich gerade lese oder schon vor einer Weile gelesen habe. Das heißt: Es werden aktuelle Titel dabei sein, aber auch Bücher, die schon länger auf dem Markt sind. Ich freue mich, wenn ihr den einen oder anderen Kommentar da lasst. Aber jetzt ist es genug geschwafelt, es geht gleich nahtlos weiter zum ersten Buch.



Das Buch über ein Leben in der Anstalt

 

Vor kurzem habe ich tatsächlich einen Spiegel-Bestseller gelesen, und zwar Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war von Joachim Meyerhoff. Er ist 2015 erschienen und wurde mir von meinem Lieblings-Buchhändler empfohlen. Meyerhoff erzählt darin von seinem Leben in der Psychiatrie. Nein, nicht er ist es, der therapiert wird. Er lebt als Sohn des Direktors mitten auf dem Anstaltsgelände in Schleswig, zusammen mit seinen Eltern und den beiden älteren Brüdern. Das Buch beginnt, als der Autor sieben Jahre alt wird und endlich allein, ohne seine Mutter, zur Schule gehen darf. Eine Woche befolgt er die strikten Instruktionen seiner Eltern und geht genau den verabredeten Weg, aber schon zu Beginn der zweiten Woche ist es ihm zu langweilig und er macht einen Schlenker durch die verbotene Schrebergartensiedlung. Der Leser ahnt, dass das nicht ohne Folgen bleiben kann. Prompt findet das Kind Joachim einen Toten, aber in der Schule glaubt die Geschichte zunächst niemand. Das Erlebnis entwickelt sich zu seinem Leidwesen ganz anders als erhofft.

Ein Leben wie ein Roman - so etwas musste aufgeschrieben werden

 

Die Kindheit und Jugend des Autors hat nichts mit dem zu tun, was wir als „normal“ ansehen würden. Meyerhoff beschreibt die Geburtstagskaffeetafeln des Vaters mit immer denselben Gästen. Da sitzen dann keine Verwandten, Freunde oder Bekannten mit am Tisch, sondern vier Patienten: Margret, die das ganze Jahr über eine gemusterte Kittelschürze trägt und deren Sätze so klingen, als würden sie aus einem einzigen Wort bestehen; Ludwig, der sich jedes Jahr wieder wünscht, den Familienhund zu streicheln, es aber viele Jahre nicht schafft und hysterisch aus dem Zimmer rennt und die Feier ruiniert; Dietmar, der pausenlos Fragen stellt und seinen Kot auf die Klowände schmiert; und zu guter Letzt Kimberley, die sich nach dem Geburtstagskäffchen halb nackt zum Sonnen auf den Rasen legt.

Die Mutter versucht so gut es geht, zwischen nachts schreienden Patienten und unzähligen Skurrilitäten so etwas wie Normalität herzustellen. Nach und nach wird deutlich, dass ihr diese Aufgabe allmählich über den Kopf wächst. Ihr Mann, der allseits geachtete Psychiatriedirektor, ist ihr und ihren Söhnen gegenüber leider wenig empfindsam und vertieft sich lieber in theoretische Exkurse.

Die Fassade wird viele Jahre aufrechterhalten, bis diese durch den Unfalltod eines Familienmitglieds Risse bekommt. Das Zerbröseln des familiären Zusammenhalts nimmt Fahrt auf, als das Doppelleben des Vaters auffliegt.

Meyerhoff beschreibt die Figuren in seinem Roman so deutlich, dass sie beim Lesen klar vor Augen stehen. So kann man zum Beispiel das immer stärker werdende Läuten hören, wenn sich der Glöckner nähert. Man sieht ihn vor sich, in schwarzer Kleidung und mit schwarzen, zerzausten Haaren, wie er mit weit ausladenden Armbewegungen die Glocken in seinen Händen beim Gehen durch den Anstaltspark schwenkt. Die Angst des Kindes Joachim vor dem Patienten kann man als Leser gut nachfühlen. Aber Meyerhoff schildert auch andere Szenen so lustig, dass man immer wieder laut auflacht. Dass das Leben in der Anstalt nicht nur witzig oder seltsam war, wird jedoch auch beschrieben. Meyerhoff spart die traurigen und tragischen Phasen nicht aus.

Kaufen? Ja!

 

Mir hat das Buch sehr gut gefallen, gerade wegen seiner Ausgewogenheit von Humor und Ernsthaftigkeit. Na klar, so gut wie niemand wächst in so einer Umgebung auf, darum erübrigt sich auch jeder Vergleich. Aber das Buch zeigt auf, dass das Heranwachsen eines Kindes in solchen ungewöhnlichen Umständen nicht dazu führen muss, dass aus ihm ein psychotischer Erwachsener wird, der an seinem Leben verzweifelt.
Das bei KiWi erschienene Taschenbuch kostet 9,99 €.

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