Freitag, 26. August 2016

# 65 - Der seltsamste Roman

Ein toter Hurenbock, eine verschwundene Urne und ausufernder Verfall

 

Nach dem Lesen der letzten Seite des Romans Die hundert Brüder von Donald Antrim möchte man Jonathan Franzen sofort in seiner Einschätzung, die er im Vorwort äußert, zustimmen: "Die 100 Brüder ist vielleicht der seltsamste Roman, der je von einem Amerikaner erschienen ist." Ausgangspunkt ist das Treffen von 99 Brüdern in der sogenannten roten Bibliothek ihres verstorbenen Vaters, um gemeinsam dessen Urne zu suchen und zu überlegen, was damit geschehen soll. Bruder Nr. 100 konnte nicht kommen und spielt daher auch keine Rolle.

Ein Brudertreffen oder ein Kriegsschauplatz?

 

Die Brüder sind ein bunter Haufen und leiden unter den unterschiedlichsten und abseitigsten Befindlichkeiten oder pflegen ungewöhnliche Marotten. Wegen seiner Fortpflanzungsfreude wird der tote Vater zwar schon mal als Hurenbock bezeichnet, aber jeder der Brüder hatte Respekt vor ihm. Das Treffen findet bereits zum wiederholten Mal am selben Ort statt, um die Bestattung der Asche des gemeinsamen Erzeugers nun endlich zu planen. Es leuchtet ein, dass bei so vielen Geschwistern riesige Altersunterschiede zu erwarten sind: Der Jüngste ist 20 und der Älteste - Hiram - 93 Jahre alt. Wie es der Vater schaffen konnte, so viele Söhne zu zeugen, bleibt offen. Auch die naheliegenden Fragen, von wie vielen Müttern so eine große Nachkommenschaft geboren wurde und ob es auch Töchter gibt, bleiben unbeantwortet. Frauen spielen bis auf eine kurze Nennung eines Namens auf der zweiten Seite gar keine Rolle. Der Leser erfährt auch nicht, wo und wann sich die Zusammenkunft abspielt.

Der Anlass für das Treffen gerät schon rasch völlig in den Hintergrund, aber so etwas wie eine richtige Handlung ist nicht zu erkennen. Das, was sich an diesem Abend abspielt, wird von Doug, einem der Brüder mittleren Alters, geschildert. Er ist jedoch nicht nur passiver Beobachter, sondern greift immer wieder in das Geschehen ein. Das tut er jedoch auf so seltsame Weise, dass man nur vermuten kann, dass er unter Drogen steht. Anders lässt sich so viel Unsinn nicht erklären: Dem verletzten Arzt Maxwell klaut er aus dessen Tasche wahllos das Stethoskop, Kanülen und Fläschchen und merkt erst später, dass er nun einen stolzen Morphinvorrat mit sich herumträgt. Kein Problem: Im Laufe dieses völlig aus dem Ruder laufenden Treffens gibt es mehrere verletzte Brüder, die hilflos am Boden liegen, was aber niemanden kümmert. Doug verabreicht ihnen zu vorgerückter Stunde großzügig ein paar Morphindosen und bildet sich ein, ihnen geholfen zu haben. Zwischendurch wird er von Hiram aufgefordert, einen Strauß Blumen vom Teppich aufzuheben, aber da sein ältester Bruder so schöne Schuhe trägt und er selbst ja schon auf den Knien vor ihm ist, beschließt Doug kurzerhand, es sich auf den Füßen seines Bruders gemütlich zu machen. Keine Überraschung, dass der davon nicht begeistert ist. Ein kurzer Tritt des alten Mannes in das Gesicht seines jüngeren Bruders schafft da wieder klare Verhältnisse. Das ist nur ein Auszug aus Dougs Verhaltensrepertoire, der sich selbst für völlig normal, seine Brüder jedoch für mehrheitlich überspannt hält.

Ein Buch wie ein Floß auf einem rasch dahinströmenden Fluss

 

Es ist im Grunde nur eine klare Tendenz erkennbar: Mit dem Fortschreiten des Treffens und der Zunahme des Chaos sowie der Zahl der Verwundeten - der Begriff passt, weil manche Szenen eher einem Kriegsschauplatz als einem Brüdertreffen ähneln -  zerfällt die Bibliothek immer mehr. Während zu Beginn die Rede von undichten Fenstern und einigen Rissen in der Decke ist, werden in den Stunden bis zum Morgengrauen die Anzeichen des drohenden Kollapses immer deutlicher. So wie die Männer ihre verletzten Brüder ignorieren, ignorieren sie auch diesen Umstand. Das Verhalten der meisten Anwesenden ist nicht nur respektlos gegenüber ihren Nächsten, sondern auch im Hinblick auf den Wert, den das Inventar und die seltenen Bücher haben. Was ihnen in die Finger gerät, wird in einer Mischung aus grober Ungeschicklichkeit und Dummheit beschädigt oder zerstört. Etwa in der Mitte des Buches fasst Doug das Verhalten aller Brüder sehr treffend zusammen: "Ich! Ich! - Das scheinen alle unsere Stimmen zu rufen, als wären wir in Wirklichkeit keine Gemeinschaft, sondern ein gemeiner Pöbel, dessen einziges Interesse dem nächsten Drink, dem nächsten Maulvoll Essen gilt. Ich liebe meine Brüder, und ich hasse meine Brüder."

Der Erzähler Doug reagiert impulsgesteuert: Er nimmt sich etwas vor, aber auf dem Weg zu seinem Ziel nimmt er jemanden oder etwas anderes wahr und ändert seine Richtung und sein Verhalten. Da so eine Handlungssequenz nahtlos in die nächste übergeht, gibt es auch keine Kapitel oder auch nur Absätze: Die knapp 220 Seiten sind ein einziger Fließtext.

Mir hat die Grundidee, die hinter Die hundert Brüder steht, gut gefallen. Ich finde allerdings, dass es sich Donald Antrim zu leicht gemacht hat, alles Unklare und Unlogische so stehen zu lassen. Dies wird bei anderen Autoren gern kritisiert, bei diesem Buch jedoch von Kritikern gelobt. Es ist schwierig, diesen Roman zu beurteilen. Ich bin mir allerdings sicher, dass ich ihn kein zweites Mal lesen werde.

Die hundert Brüder ist 2016 - und damit erst 19 Jahre nach der amerikanischen Erstausgabe - im Rowohlt Taschenbuch Verlag erschienen und kostet 12,99 €, als Kindle- oder epub-Edition 10,99 €.

Freitag, 19. August 2016

# 64 - Es geht heiter weiter

DER Leitfaden für angehende Krimiautoren

 

Mit Wie Sie den Schwedenkrimi des Jahrhunderts schreiben hat der schwedische Autor Henrik Lange sehr humorvoll das Schema der Krimis aufs Korn genommen, die aus dem Land der Elche und 1.000 Seen stammen. Lange hat bereits mehrere Comic-Bücher herausgebracht, und dieser "Ratgeber" ist nichts anderes: ein Comic, in dessen Beschreibungen des Kommissars, des Opfers, des Täters und anderer Personen wir sofort die Protagonisten aus den bekanntesten schwedischen Krimis wiedererkennen. Der Autor stellt in eingestreuten 4-Bild-Comics die seiner Ansicht nach wichtigsten schwedischen Krimis vor, an denen sich die Nachwuchsautoren orientieren können: Da findet sich das Autorenduo Sjöwahl/Wahlöö neben dem allseits bekannten Henning Mankell und dem mindestens ebenso bekannten Stieg Larsson. Aber Achtung: Auch Astrid Lindgren wird von ihm genannt. Na klar: Meisterdetektiv Blomquist ist ein lupenreiner Schwedenkrimi!

Unverzichtbar:  der Kommissar

 

Ganz klar: Ohne ihn geht nichts! Selbstverständlich ist er ein irgendwie kaputter Typ: Alkohol, Zigaretten, Übergewicht, ein Magengeschwür und seine gescheiterte Ehe, aus der eine Tochter hervorging, bestimmen maßgeblich sein Leben. Kurz: Er muss so wie hier sein und aussehen.

Ein erfolgsverwöhnter Traumtyp also. Aber nur er allein macht noch keinen Schwedenkrimi aus. 

Ein wichtiger Baustein auf dem Weg zum Erfolg: die Wahl der richtigen Figuren

 

Wir reden hier nicht über Wirtschaftskrimis, sondern solche, bei denen Köpfe rollen. Zumindest sinnbildlich. Wir brauchen also unbedingt ein Mordopfer. Selbstredend hat Henrik Lange den passenden Tipp parat:

Alles klar? Dann geht es weiter mit den übrigen Figuren, denn ein Krimi, in dem es nur einen Kommissar und ein Mordopfer gibt, reißt niemanden vom Hocker. Hier hält der Autor eine ansehnliche Bandbreite bereit, wobei ich mich jetzt auf zwei Personen beschränke: die investigative Reporterin und die alte Frau.


So ganz nebenbei enthält dieses Bild noch einen weiteren Hinweis, wie sich der schriftstellerische Ruhm eines Krimiautors quasi im Vorbeigehen mehren lässt: Der Schauplatz des Verbrechens sollte ein kleiner Ort sein, den kaum jemand kennt. Hier eben Bollebygd. Warum? Diese kleinen Orte fühlen sich einerseits geschmeichelt, endlich genannt und wahrgenommen zu werden, und andererseits kurbelt so etwas gehörig den Tourismus an! Die Freude der Einwohner über diesen Effekt wird so groß sein, dass der Autor des Schwedenkrimis mit Ehrungen überhäuft und in der Lokalpresse (mindestens!) sehr wohlwollend erwähnt wird. Dadurch wird automatisch der Buchverkauf angekurbelt.

Ein unverzichtbarer und todsicherer Leitfaden

 

Spätestens jetzt sollte klar sein: Wer noch nie einen Schwedenkrimi geschrieben hat, dass aber noch plant, kommt an diesem Buch nicht vorbei. Ist es übertrieben, es als künftiges Standardwerk für dieses Literaturgenre zu bezeichnen? Die Leser von Wie Sie den Schwedenkrimi des Jahrhunderts schreiben mögen sich selbst ein Bild machen, denn ich habe hier die zahlreichen Hinweise und guten Ratschläge von Henrik Lange nur grob umrissen. Sehr, sehr grob.  


Wie Sie den Schwedenkrimi des Jahrhunderts schreiben wurde mir vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke. Ich bedanke mich außerdem beim Goldmann Verlag und dort namentlich bei Barbara Henning für die Erlaubnis, die abgebildeten Cartoons hier zeigen zu dürfen.
Wie Sie den Schwedenkrimi des Jahrhunderts schreiben kostet als Taschenbuch 12,99 Euro und als Kindle- oder epub-Edition 9,99 Euro.

Freitag, 12. August 2016

# 63 - Urlaubsort wird zur Mordkulisse

Am Bodensee geht es krimineller zu, als man denkt

 

Christiane Kördel hat mit ihrem Erstlingswerk Seezeichen 13 ein lockeres und unterhaltsames Buch geschrieben, in dem die junge Ines Fox als unfreiwillige Ermittlerin im Mittelpunkt steht. Ines ist Chefin von Foxinet, einer kleinen Firma in Konstanz, die sich auf Webdesign spezialisiert hat. Von ihrer Mutter, einer Lokalredakteurin, hat sie deren unstillbare Neugier geerbt. Diese Eigenschaft soll sie noch in Bedrängnis bringen.

High Heels sind der Auftakt zu einem Kriminalfall 

 

Ines dreht eine Joggingrunde am Bodensee, als sie auf einer Stufe am Ufer ein Paar ordentlich abgestellte High Heels stehen sieht. Die Schuhe sehen teuer aus, aber Ines' Aufmerksamkeit ist geweckt, als sie auf dem Innenfutter des einen Exemplars einen Blutfleck bemerkt. Mangels besserer Ideen hinterlässt Ines in einem der Schuhe ihre Visitenkarte mit der Bitte, sie anzurufen. Schon kurz danach erhält sie den Anruf einer Frau mit einem russischen Akzent, die sich als die Eigentümerin des Schuhpaars ausgibt, es aber offensichtlich nicht kennt. Auch die Herkunft ihrer Telefonnummer macht Ines nachdenklich: Es handelt sich um einen Firmenanschluss in Zürich, der einem international tätigen Consultingunternehmen gehört.

Kurz darauf wird in das Konstanzer Casino eingebrochen. Doch Beute haben die Täter nicht gemacht: Die Kasse war leer. Aber auf dem Baugerüst, das wegen Renovierungsarbeiten am Gebäude aufgebaut ist, finden sich Blutspuren. 

Zeitgleich zieht in die obere Etage des Mietshauses, in dem Ines wohnt, Yata Krüger ein. Sie ist offensichtlich gut situiert und erzählt, in der Sicherheitsbranche tätig zu sein. Als Ines neugierig im Internet nachforscht entdeckt sie, dass das Unternehmen, für das Yata arbeitet, kürzlich mit derjenigen Firma fusioniert ist, bei der die angeblich High Heels tragende Russin tätig ist.

 

 Ein Kollege verschwindet

 

Kurz darauf wird eine im See treibende männliche Leiche gefunden, ganz in der Nähe von Seezeichen 13 am Jakobsteg. Gibt es eine Verbindung zwischen dem Toten und den Funden im Lorettowald? Dort untersucht die Polizei einen blutbeschmierten Dolch und Damenschuhe. Da Ines einen der Polizeibeamten vor Ort persönlich kennt, erfährt sie über ihn mehr, als sie eigentlich sollte. Dass ihr das nicht genügt, liegt auf der Hand. Sie versteckt sich im Wald und beobachtet heimlich die Arbeit der Ermittler. Schon nach wenigen Minuten wird sie jedoch entdeckt und muss sich für ihre Anwesenheit rechtfertigen. Ihr wird erst später bewusst, dass sowohl ihre unerlaubten Beobachtungen im Lorettowald als auch ihre Anwesenheit während der Spurenaufnahme im Casino sie für die Polizei in einem ungünstigen Licht erscheinen lassen. Das wird nicht besser, als sich die Identität des Toten im Bodensee herausstellt: Es handelt sich um ihren Mitarbeiter Bernd Gregor. 
Aber das soll nicht der einzige Tiefschlag für Ines bleiben: Es stellt sich heraus, dass über ihren Firmenrouter jede Nacht auf das Netzwerk eines Unternehmens zugegriffen wurde, für das Foxinet arbeitet. Ines gerät jetzt nicht nur in das Visier der Ermittlungsbeamten, sondern wird auch von einem dubiosen Geschäftsmann verfolgt und bedroht, den sie für Bernds Mörder hält. Doch sie ist nicht allein, sondern erhält Beistand von ihrem Ex-Freund, einem BKA-Beamten, und ihrem neuen Freund, einem Pathologen. Das ist auch bitter nötig, denn ihr größter Widersacher ist ein wohlhabender Psychopath, der sich mit allen nötigen Mitteln nimmt, was er haben will.

Schönes Debüt einer Selfpublisherin

 

Christiane Kördel hat mit Seezeichen 13 ein Buch herausgebracht, das ich wie Vor dem Erben kommt das Sterben zu den Cosy-Krimis zähle. Der kriminalistische Inhalt ist in eine unterhaltsame Geschichte eingebunden, in der auch das Gefühlschaos der Protagonistin eine Rolle spielt. Die Autorin ist gebürtige Konstanzerin und ihrer Heimat bis heute treu geblieben. Das merkt man auch ihrem Krimi an, der jede Menge Lokalkolorit enthält. 

Christiane Kördel bedient sich eines schreibtechnischen Kniffs, um zu erklären, warum Ines immer wieder von Dingen weiß, von denen sie eigentlich keine Ahnung haben kann: dem Echttraum. Sie ist dann ungewollt und ohne einen Einfluss darauf zu haben unsichtbar über einer Szenerie und kann sehen und hören, was die Personen unter ihr gerade tun. Ich bin noch unentschlossen, ob ich das clever und ungewöhnlich oder hanebüchen finden soll. Kreativ ist es auf jeden Fall.

Seezeichen 13 wurde wie oben beschrieben im Selbstverlag herausgegeben und kostet als Taschenbuch 13,99 € (Books on Demand, ISBN-10: 3739247045)  und als Kindle- oder epub-Ausgabe 2,99 €. 

Dienstag, 9. August 2016

Der Juli war ein bunter Mix

Schaurige Maklerphotos, ein paar Tote und etwas Philosophie

 

Am 1. Juli habe ich ein Buch vorgestellt, das mich nicht so sehr begeistert hat: So still in meinen Armen ist aus einer Kooperation zwischen Mary Higgins Clark und Alafair Burke entstanden. Ein bereits 20 Jahre zurückliegender Mord an einer jungen Studentin und Jungschauspielerin in den Hollywood-Hills wurde von der Polizei nicht aufgeklärt und zu den Akten gelegt. Doch in ihrer Sendereihe Unter Verdacht will die TV-Produzentin Laurie Moran den alten Fall wieder aufrollen. Sie ahnt nicht, dass sie damit nicht nur sich und ihre Familie, sondern auch ihr Team in tödliche Gefahr bringt. Die Schauspielerin Michou Friesz liest einen Auszug aus dem Thriller.



 _____________________________________________________________________


Maklerfotos aus der Hölle von Andy Donaldson war das mit Abstand beliebteste Buch dieses Blogs. Bei seiner Suche nach einer Wohnung in London ist Donaldson immer wieder auf Makleranzeigen gestoßen, deren Fotos vor allem einen Gedanken auslösten: Vielleicht war das Leben in  den Höhlen unserer Vorfahren in grauer Vorzeit doch nicht so schlecht. 
Den Link zu Donaldsons Blog findet ihr im Rezensionstext. Der Autor ist auch auf Twitter aktiv, und zwar unter @BadRealityPhotos








_____________________________________________________________________________ 

Mit dem Buch Das Café am Ende der Welt wurde es eher nachdenklich. John Strelecky beschäftigt sich darin mit der Frage, was der Sinn des Lebens ist und verpackt dies in eine Handlung um den gestressten Manager John, der zufällig in einem abgelegenen Café landet. Dort wird er dazu gebracht, über seine Art zu leben nachzudenken. Hier gibt es einen Auszug aus der Hörbuchfassung.




______________________________________________________________________________


Am 22. Juli wurde es wieder kriminell: Petra Hammesfahr schreibt in ihrem Roman Fremdes Leben über eine Frau, die nach fast zwei Jahren im Koma in einem Krankenhaus aufwacht und sich zunächst an nichts aus ihrem Leben erinnert. Doch nach und nach kehren einige Bruchstücke aus ihrer Vergangenheit zurück, und sie befürchtet, eine Mörderin zu sein. Aber kann sie ihren Erinnerungen wirklich vertrauen? Und wer von den Menschen, die in ihr Leben treten, sagt ihr tatsächlich die Wahrheit?
Petra Hammesfahr liest hin und wieder aus ihren Büchern und lädt die Videos bei Youtube hoch. Dieses Buch ist zwar (noch) nicht darunter, aber für ihre Fans ist ihr Kanal sicher interessant. 
Wer mit der Autorin direkt in Kontakt kommen möchte, kann das über ihre Facebook-Seite tun: Sie wird von ihr persönlich betreut, und Leser haben die Möglichkeit, Petra Hammesfahr direkt anzusprechen.


______________________________________________________________________________

Das letzte Buch im Juli gehört zu meinen Favoriten: In Unterleuten beschreibt Juli Zeh das Leben in einem brandenburgischen Dorf. Vorbehalte und Konflikte zwischen den alteingesessenen Bewohnern wurden seit DDR-Zeiten aufrechterhalten, auch wenn die meisten nicht offen ausgebrochen sind. Doch als eine karge Anhöhe am Dorfrand zum Eignungsgebiet für einen Windpark wird, geht ein Riss durchs Dorf: Manche würden davon unmittelbar profitieren, viele wollen sich aber nicht die Landschaft verschandeln lassen. Irgendwann scheint jeder gegen jeden zu opponieren und intrigieren. Die Situation schaukelt sich hoch und endet mit dem Schlimmsten.
Für das Buch wurde extra eine Internetseite kreiert, die das Dorf mit seinen Bewohnern, die Autorin und den Roman vorstellt. Da dürfen dann auch die Webseite der Dorfkneipe, dem Märkischen Landmann, und der Internetauftritt des Vogelschutzbundes Unterleuten e. V., dem nichts mehr als der Erhalt des seltenen Kampfläufers am Herzen liegt, nicht fehlen.
Wenn ihr noch einen Anstoß braucht, um die etwas über 630 Seiten zu lesen, hilft der Ausschnitt aus der Sendung Titel, Thesen, Temperamente vom 6. März 2016 eventuell weiter.






Das waren die fünf Bücher aus dem Juli 2016. Das erste Buch im August habe ich euch schon vorgestellt. Ich hoffe, ihr schaut wieder mal hier vorbei.


Freitag, 5. August 2016

# 62 - Ein Leben im Großraumbüro


Ein hochgelobter Roman um den modernen Büroalltag


Björn ist die Hauptfigur im Roman Das Zimmer des schwedischen Autors Jonas Karlsson und ein Mensch, der von seinem Arbeitsverhalten restlos überzeugt ist. Er sieht sich als cleveren Mitarbeiter, zu dem die Kollegen aufschauen sollten. Tun sie es nicht, liegt das nur an ihnen.
So war es auch mit seinem letzten Job gewesen: Björn hatte sich ständig unterfordert gefühlt und sich nicht immer mit den Kollegen gut verstanden. Eines Tages hatte ihm sein ehemaliger Chef nahegelegt, an seiner Karriere zu arbeiten und etwas aus sich zu machen. Das leuchtete Björn ein. Er wechselte ohne Komplikationen zu einer neuen und sehr großen Behörde in Stockholm. Wäre man böswillig, könnte man Björn als einen "Wanderpokal" bezeichnen.

Kollegialität? Was soll das sein? Wer braucht das?


Björn stellt an seinem neuen Arbeitsplatz fest, dass er im Vergleich zu seinem alten mit einigen Verschlechterungen leben muss. Das trübt jedoch nicht seinen Optimismus. Wie gewohnt teilt er sich seine Arbeitszeit in ein festes Schema ein, das er strikt einhält: Nach 55 Minuten konzentrierter Arbeit folgen fünf Minuten Pause, in denen auch der Toilettengang erledigt werden muss. Er arbeitet sich intensiv in seine neuen Aufgaben ein und nutzt dafür sogar das Wochenende. Björn möchte sich möglichst schnell einen Vorsprung verschaffen, der ihn aus der Masse der Kollegen positiv heraushebt. Sein Ziel ist es, irgendwann zur Führungsebene dieser Behörde zu gehören.
Björn beginnt sofort, sein neues Umfeld zu analysieren und bei jedem Menschen dessen Stärken und Schwächen herauszufinden. Echte Sympathien kann er für keinen der 22 Kollegen aufbringen, die mit ihm in der Abteilung zusammenarbeiten.
Selbstverständlich fragt er auf der Suche nach Kopierpapier auch niemanden danach, wo es normalerweise aufbewahrt wird, sondern streift selbst auf der Etage herum. Dabei öffnet er zufällig die Tür zu einem kleinen Zimmer, das wie ein Büro eingerichtet ist und sich neben der Altpapiertonne und dem Fahrstuhl und hinter den Toiletten befindet. Der Raum ist akkurat aufgeräumt und staubfrei, alles ist genau an seinem Platz. Björn hat das deutliche Gefühl, dass dieses Büro auf jemanden wartet. Auf ihn.

Wer spinnt hier wirklich?


Niemand außer Björn scheint das Zimmer zu kennen. Aber für ihn wird es wie eine zweite Heimat: Dort kann er sich am besten konzentrieren und ungestört seine Akten bearbeiten. Doch Björn ist irritiert, dass niemand außer ihm dieses Zimmer zu sehen scheint. Sind um ihn herum tatsächlich alle zu blöd, um wahrzunehmen, was für ihn offensichtlich ist? Oder wollen sie ihn gemeinsam in den Wahnsinn treiben? Er überprüft den Grundriss seiner und der darüber liegenden Etage und muss feststellen, dass dieses Zimmer irgendwie nicht hineinpassen kann. Was wird da vor ihm verheimlicht?
Die Situation spitzt sich zu, als sowohl seine Kollegen als auch sein Chef ihn misstrauisch beäugen und ihm immer distanzierter begegnen. Björn kann sich ihr Verhalten zuerst nicht erklären, aber dann wird er von Håkan direkt gefragt, was er „da“ eigentlich mache, wenn er so im Toilettenflur herumstehe. Björn wird mit aller Deutlichkeit klar, dass seine Kollegen ihn für einen verschrobenen Spinner halten und ihm die Existenz des kleinen Zimmers nicht glauben. Doch er weiß sich zu helfen: Er beruft eine Versammlung aller Kollegen ein und fordert sie einer nach dem anderen auf, in diesen Raum, den sie angeblich nicht kennen, einzutreten. Als Björn sieht, dass sich die ganze Abteilung in dem kleinen Zimmer versammelt hat, ist er sicher, ihren Scherz entlarvt zu haben. Doch er irrt sich, und die Situation eskaliert.

Ausgewachsene Psychose oder ausgefeiltes Mobbing?


Björn ist ohne Frage ein Kollege, wie ihn sich niemand selbst freiwillig aussuchen würde. Er ist über alle Maßen von seiner Großartigkeit überzeugt und der Meinung, dass ihm keiner ernsthaft das Wasser reichen kann. Es bleibt ihm unbegreiflich, dass es anderen Menschen so schwer fällt, sein Genie zu erkennen. Eine Weihnachtsfeier, die die Kollegen als willkommene Abwechslung vom Arbeitsalltag betrachten, ist für ihn nur albernes Getue, das unnötig Zeit kostet. Ob sein Verhalten krankhaft oder er einfach nur eine Nervensäge ist, lässt sich nicht zweifelsfrei feststellen.
Im Klappentext wird davon gesprochen, dass sich der Autor „mit der Konformität in der modernen Arbeitswelt“ beschäftigt. Das, was Jonas Karlsson in Das Zimmer beschreibt, hat allerdings weniger mit Anpassung und Gleichheit, als vielmehr damit zu tun, dass die Hauptperson Björn eine ausgewachsene Klatsche hat.
Das Buch hat mich leider nicht überzeugt und ich habe mich gefragt, wo ich während meiner eigenen Jahre in verschiedenen Behörden war, dass ich nichts von dem, was Karlsson hier beschrieben hat, wiedererkannt habe. 

Das Zimmer ist im Luchterhand Literaturverlag erschienen und wurde mir vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke. Es kostet als gebundene Ausgabe 17,99 €, als Audio-CD 16,99 €, als Kindle- oder epub-Edition 13,99 € und als Hörbuch-Download 12,95 €.

Freitag, 29. Juli 2016

# 61 - Ein Dorf ist gegen Windkraft - oder auch nicht



Ein Gesellschaftsroman auf dem platten Land


Manche Entscheidungen wollen wohlüberlegt sein. Auch die, in ein kleines, entlegenes Dorf zu ziehen. Alle, die von einem idyllischen Landleben, hilfsbereiten Nachbarn, einer Dorfkneipe und ganz viel Ruhe träumen, empfehle ich Unterleuten. Der große Gesellschaftsroman von Juli Zeh räumt nachhaltig auf mit der Dorfromantik, wie sie sich Stadtmenschen gerne erträumen.

Das ist Unterleuten


Das Dorf Unterleuten mit seinen 250 Einwohnern mitten in Brandenburg gibt es zwar nicht, aber bei näherem Hinsehen stellt man fest, dass es stellvertretend für zahlreiche andere Dörfer steht. So oder so ähnlich. Unterleuten wirkt wie aus der Zeit gefallen: Es gibt weder eine Arztpraxis noch eine Schule, kein Internet, und die Renten der alten Bewohner sind so klein, dass der Tauschhandel blüht. Doch da geht es nicht um Geld gegen Naturalien, sondern um „Eine Hand wäscht die andere“. Probleme werden innerhalb der Dorfgemeinschaft gelöst, die Polizei wird nicht gebraucht. Alles, was außerhalb des Dorfes passiert, ist für die Bewohner uninteressant.

Aber auch ein auf den ersten Blick so rückständiges Dorf verändert sich. Es kommen neue Menschen hinzu, die sich hier ein „neues Leben“ aufbauen wollen. Da ist zum Beispiel der frühere Soziologieprofessor Gerhard Fließ, der als neuer Mitarbeiter des Vogelschutzbunds Unterleuten Gefallen daran findet, bei jedem Bauantrag beinahe zwanghaft Einspruch einzulegen, weil er die Existenz des seltenen Kampfläufers bedroht sieht. Man muss kein Hellseher sein, um zu ahnen, dass er sich damit keine Freunde und das Leben zur Hölle macht. In seinem Schlepptau sind seine 22 Jahre jüngere Ehefrau Jule und ihre gemeinsame sechs Monate alte Tochter Sophie. Jule war bei Gerhard Studentin und muss im Verlauf der Handlung erkennen, dass ihr Mann ein anderer Mensch ist, als sie geglaubt hat.
Doch auch Linda Franzen, die mit ihrem Freund Frederik Wachs ein heruntergekommenes Gutshaus gekauft hat, das sie jetzt renovieren will, ist mit ihrem ausgeprägten Ehrgeiz ein Fremdkörper in der Dorfgemeinschaft. Ihr ist fast jedes Mittel recht, um an eine Baugenehmigung zu kommen, die es ihr möglich macht, einen Stall für ihr Pferd Bergamotte zu bauen. Hat es etwas zu bedeuten, dass alle vorherigen Bewohner des Gutshofs nur kurz dort gelebt haben, weil es sie frühzeitig dahingerafft hat?
Konrad Meiler ist der große Unbekannte des Dorfes. Er hat bei einer Versteigerung riesige Flächen rund um Unterleuten gekauft, ohne zu wissen, was er damit tun soll. Doch seine Ratlosigkeit dauert nur kurze Zeit. Wohnen wird er dort nicht.

Die Zugezogenen sehen sich den Alteingesessenen gegenüber, die teilweise seit Jahrzehnten ihre Konflikte so ausdauernd pflegen wie andere Leute einen seltenen Bonsai. Die Unterleutener, die schon zu Zeiten der DDR dort gewohnt haben, sind in einem von außen nur mühsam zu durchschauenden Beziehungs- und Abhängigkeitsgeflecht miteinander verbunden, in dem Alte gegen Junge, Frauen gegen Männer, Betriebsleiter gegen LPG-Veteranen und alle zusammen gegen ihr Leben arbeiten.

Erneuerbare Energien? Wer will das schon!


2010 wird für das fast 700 Jahre alte Unterleuten ein Schicksalsjahr. Das Flurstück „Schiefe Kappe“, eine bislang karge und uninteressante Anhöhe, rückt in den Mittelpunkt des Dorfinteresses, als es zum Eignungsgebiet für einen neuen Windpark erklärt wird. Die Aufregung ist groß, viele Einwohner befürchten eine Verschandelung der Landschaft. Doch es gibt auch Nachbarn, die sich davon ein einträgliches Geschäft versprechen, dessen Ertrag sie für den Rest ihres Lebens unabhängig machen würde. Es beginnt ein Krieg, in dessen Verlauf Konflikte, die bisher dicht unter der Oberfläche schwelten, aufbrechen. Die Situation eskaliert, es wird  intrigiert und gelogen, aber nicht wirklich kommuniziert. Der Dorffunk behält dabei immer die Oberhand; den Gerüchten, die er transportiert, wird vorbehaltlos geglaubt. Kein Wunder, dass Unterleuten sich mit jedem neuen Gerücht vom Frieden immer weiter entfernt. Da ist es fast schon zwangsläufig, dass auch gestorben wird. Schließlich kommt kein Krieg ohne Tote aus.

Absolute Leseempfehlung


Unterleuten nimmt seine Leser mit in die Unterleutener Heide mitsamt aller zwischenmenschlichen Verwerfungen. Es ist egal, wo man das Dorf ansiedelt: Zerwürfnisse, wie sie in diesem Roman geschildert werden, gibt es zuhauf auch woanders. Auch das Thema, das hier wie der Funke an der Lunte wirkt, ist austauschbar: In Unterleuten ist es ein Windpark, in anderen Orten sorgen Neubaugebiete oder neue Straßen dafür, dass Nachbarn aufeinander losgehen. Juli Zeh hat ihren Roman spannend auf mehr als 630 Seiten inszeniert und durch überraschende Wendungen, von denen oft nur der Leser erfährt, dafür gesorgt, dass es nie langweilig wird.

Unterleuten wurde mir vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke. Das Buch ist im Luchterhand Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 24,99 €, als Kindle- oder epub-Edition 19,99 €, als gekürztes Hörbuch (Download) 30,49 € sowie als MP3-Version 19,99 €.

Freitag, 22. Juli 2016

# 60 - Wenn nichts mehr ist, wie es mal war

"Wer bin ich?" - kein Ratespiel, sondern eine überlebenswichtige Frage

 

Eine Frau wacht auf der Intensivstation eines Krankenhauses aus dem Koma auf und erinnert sich an nichts: nicht an ihren Namen, nicht an ihr Leben, nicht an die Menschen, die ihr wichtig sein könnten. Mit diesem Szenario beginnt Fremdes Leben, der neueste Roman von Petra Hammesfahr.

Ein Stückwerk aus Erinnerungen

 

Sie ist sich völlig sicher: Die Frau, mit deren Namen sie die Ärztin im Krankenhaus anspricht, ist sie nicht. Mit "Claudia Beermann"  verbindet sie rein gar nichts. Sie ist Cilly Castrup, die Frau von Achim Castrup. Und sie ist sich sicher: Ihr Mann hat ihr eine Falle gestellt, um sie loszuwerden. Ganz deutlich kann sie sich daran erinnern, dass sie mit ihm in der Dunkelheit in ihrem SUV einen Aussichtspunkt angesteuert hatte, der sich in einem Steinbruch befand. Doch dann hatte Achim von einem merkwürdigen Geräusch im Motorraum gesprochen und angehalten. Sie hatte nichts dergleichen gehört, aber das musste ja nichts heißen. Achim war ausgestiegen, hatte die Motorhaube aufgeklappt, und dann hatte sich der Wagen rückwärts den steil abfallenden Weg hinunter in Bewegung gesetzt. Sie hatte es nicht mehr bis zur Bremse geschafft; wo sich der Schalter für die Handbremse befand, hatte sie nicht gewusst. Achim hatte nur dagestanden, mit hängenden Armen, und ihr ausdruckslos hinterhergesehen. Er hatte keinen Finger gerührt, um ihr zu helfen. Er hatte gewollt, dass sie stirbt. Das Letzte, an das sich die Frau, die mit "Frau Beermann" angesprochen wird, erinnern kann, ist der verschneite Steinbruch und ein einsamer Bauwagen. Und die kreischende Frauenstimme, die immer wieder "Mach sie tot! Mach sie tot!" schrie.

Erinnerungen sind wie ein Kartenspiel, das immer wieder neu gemischt wird

 

Je klarer sie wird, desto mehr Erinnerungsfetzen tauchen in ihrem Kopf auf. Die sie behandelnde Ärztin klärt sie über den Grund ihrer Einlieferung ins Krankenhaus auf: Sie hatte Ende 2012, also vor fast zwei Jahren, einen so schweren Autounfall, dass ihr Leben nur noch an einem seidenen Faden gehangen hatte und sie nach dem damaligen Klinikaufenthalt in eine private Pflegestelle gebracht worden ist. Niemand hatte daran geglaubt, dass sie je wieder aus dem Koma erwachen würde. Ihr Sterben war die wahrscheinlichste Variante gewesen. 
Nachdem man sie in der Pflegestelle fast zu Tode "gepflegt" hatte, war sie mit dem Rettungswagen in dieses Krankenhaus gebracht worden. Ihr Mann hatte die private Betreuung bezahlt. 

Sie ist also verheiratet, und zwar mit einem Carsten Beermann. Doch der braucht ein paar Tage, ehe er sich zum ersten Mal an ihrem Krankenbett sehen lässt. Von ihm erfährt sie im Laufe mehrerer Besuche immer mehr Details aus ihrem Leben, an das sie sich fast nicht erinnern kann. Carstens Schilderungen zufolge war sie ein eitles, selbstsüchtiges Miststück, das auch als Mutter - einen Sohn gibt es also auch noch! - komplett versagt hat. Sie soll sogar fremdgegangen sein.
Wie, um noch alles zu verschlimmern, tauchen immer wieder Erinnerungen auf, die sie in einem noch schlechteren Bild erscheinen lassen: Sie sieht einen an der Decke baumelnden Mann, eine junge Frau, die erstochen in einem brennenden Bett liegt und einen kleinen Jungen, der sich in einem Gitterbettchen in der brennenden Wohnung befindet und weinend nach seiner Mama ruft. Ihr ist völlig klar, dass sie es war, die die Frau umgebracht hat und dass sie nichts getan hat, um deren Sohn vor dem sicheren Feuertod zu retten.

Ein Mordversuch ist nicht genug

 

Die Zeichen verdichten sich, dass es sich bei der Patientin tatsächlich um Claudia Beermann handelt, aber diese Erkenntnis führt zunächst nicht unbedingt dazu, dass ihre Erinnerungslücken aufgefüllt werden würden. Sie erfährt, dass sie mit ihrem Mann zwar noch verheiratet ist, er aber mittlerweile in einer neuen Beziehung lebt und sogar wieder Vater geworden ist. Claudia Beermann schafft es, in der Rehaklinik ein Stück Selbstständigkeit zurückzugewinnen und eine kleine Wohnung zu beziehen, die ihr ihr Mann besorgt hat. Sie ist finanziell von seiner Unterstützung abhängig, weiß allerdings von ihm, dass sie Carsten vor ihrem Unfall mehrere zehntausend Euro für Umbauten in seinem Autohaus geliehen hat. Warum hatte sie das getan, wenn ihre Ehe seiner Schilderung nach längst in Trümmern lag? Und woher hatte sie so viel Geld? Nicht nur hier stößt sie auf Ungereimtheiten und ist sich nicht sicher, wem sie überhaupt vertrauen kann.
Auf der Suche nach der Vergangenheit fährt sie zum Haus, in dem sich die Pflegestelle befunden hat. Im Ort wird sie fast von einem Pkw überfahren, der ihr bekannt vorkommt und findet ihr Auto an einer ganz anderen Stelle wieder, als sie es abgestellt hatte. Für sie steht fest, dass es jemanden gibt, der sie aus dem Weg räumen will. Doch sie lässt sich nicht einschüchtern und fährt in das Dorf, in dem sie bei ihrer Großmutter aufgewachsen ist. Dort wird sie von Inge, einer früheren Nachbarin, angesprochen, die sie gut zu kennen scheint, an die sich Claudia allerdings nicht erinnern kann. Sagt Inge ihr die Wahrheit über ihr früheres Leben?

Guter Plot mit Schwächen

 

Fremdes Leben ist nicht der erste Roman, den ich von Petra Hammesfahr gelesen habe, alle vorangegangenen haben mir allerdings besser gefallen. Das Buch hatte wie erwartet einen starken psychologischen Einschlag, als Leser ist man angesichts der sehr unterschiedlichen Erinnerungen und Schlussfolgerungen von Claudia Beermann zunächst genauso ratlos wie sie. An manchen Stellen keimt eine Ahnung dessen auf, was sich an dem Tag, an dem sich das Leben der Hauptperson so grundlegend verändert hat, abgespielt haben könnte. Aber die Art, wie die Figur der Inge beschrieben wird, erinnert stark an einen selbstlosen Samariter. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich eine Frau, die zwar im Haus gegenüber  der Großmutter wohnt, zu der der Kontakt aber immer eher oberflächlich gewesen ist, in einer Weise einsetzt, wie man sie von nahen Angehörigen oder der besten Freundin erwarten würde, finde ich relativ gering. Inge spielt allerdings eine Schlüsselrolle bei der Aufklärung dessen, was Claudia Beermann zugestoßen ist. Sie weiß außerdem bestens über deren Lebensumstände seit ihrer Kindheit bescheid. An dieser Stelle wird mir die Handlung zu unglaubwürdig.
Auch die Art und Weise, wie Claudia letztendlich mit den gewonnenen Erkenntnissen umgeht und welche Entscheidung sie bezüglich des Umgangs mit den Tätern trifft, habe ich als unwahrscheinlich empfunden.
Abgesehen von diesen Kritikpunkten ist Fremdes Leben ein Buch, das seine Leser durchgehend bei der Stange hält und für angenehme Lesestunden sorgt. 

Fremdes Leben ist im Diana-Verlag erschienen und wurde mir vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke.
Das Buch kostet als Hardcover-Ausgabe 19,99 €, als Audio-CD (gekürzte Lesung) 17,99 €, als epub- oder Kindle-Edition 15,99 € sowie als Hörbuch-Download (gekürzt) 13,95 €.
  

Google+ Badge