Freitag, 23. September 2016

# 68 - Mehr Gefühlskälte geht nicht

Der Blick auf die Schönen und Reichen

 

Die Informanten ist mein erstes Buch, das ich von Bret Easton Ellis gelesen habe. Es ist in der Originalausgabe 1994 nach Ellis' damals umstrittenen Buch American Psycho veröffentlicht worden.

Waren das die 1980-er Jahre in L. A.?

 

Ellis schildert das Leben der jungen Reichen in Los Angeles vor 30 Jahren. Sollte auch nur etwas an dieser Schilderung dran sein, hätte man den normalen Bürgern nur empfehlen können: Haut ab, so schnell ihr könnt.
In 13 Kapiteln, die alle aus der Perspektive von Ich-Erzählern geschrieben wurden, geht es um die gähnende Leere im Leben von vom Wohlstand übersättigten Menschen, denen es nicht mehr reicht, einfach nur mit ihren teuren Sportwagen durch die Straßen von Malibu und Bel Air zu kreuzen, ihr Geld mit vollen Händen in überteuerten Läden und Restaurants auszugeben oder sich mit Drogen zuzudröhnen.
Jeder von ihnen ist auf der Suche nach einem neuen Kick, der einen kurzzeitigen Höhepunkt im Tagesablauf schafft. Beziehungen sind derart oberflächlich, dass der Tod eines Menschen, den man gestern noch als seinen besten Freund bezeichnet hat, heute lediglich als Faktum registriert, aber keine Sekunde betrauert wird. Ist ein Mensch weg, kommt vor irgendwoher ein neuer, mit dem man Spaß haben kann.

Wie heißt die Steigerung von Verrohung?

 

Da wird Sex mit Minderjährigen mit Vampirismus kombiniert oder ein Zehnjähriger von der Straße entführt, weil er an einen Vampir weitergegeben werden soll. Doch dann erscheint es spannender und lukrativer, die Eltern des Kindes mit ihm zu erpressen. Doch auch das klappt nicht, weil die Hirne der drei an dem Kidnapping Beteiligten wegen des Nebels aus Drogen und Alkohol in ihnen keinen klaren Gedanken fassen können. Der Junge wird tagelang geknebelt und gefesselt in der Badewanne festgehalten, von einem der Entführer gequält und vom anderen schließlich brutal "entsorgt".

Diese Szene,die sich im elften Kapitel abspielt, hätte mich das Buch fast abbrechen lassen. Nur wer Spaß am Sadismus hat, kann dieser Schilderung noch etwas abgewinnen.     
Die Informanten ist nichts für Zartbesaitete. Der Leser wird zu einem Zuschauer von absurden, selbst- und fremdzerstörerischen und morallosen Szenen. Ich habe keine Ahnung, ob es im L. A. der 1980-er Jahre tatsächlich so zuging, aber ich habe das Buch mit einer Mischung aus Schauder und Erleichterung, dass es nun geschafft ist, nach dem letzten Kapitel zugeklappt.

Die Informanten in der mir vorliegenden Ausgabe ist 2010 als 13. Band in der Reihe Süddeutsche Zeitung Bibliothek: Metropolen: Los Angeles erschienen.

Samstag, 17. September 2016

# 67 - Allende und die Jugend

Eine Premiere für diesen Blog: das erste Jugendbuch

 

Das heutige Buch ist mir zufällig in die Hände gefallen. Obwohl ich schon einige Titel von Isabel Allende gelesen habe (siehe auch die Rezension zu Paula), ist mir völlig entgangen, dass sie auch Jugendbücher geschrieben hat. Im Bann der Masken ist der letzte Teil einer Trilogie*), die sich um die Reisejournalistin Kate Cold, ihren Enkel Alexander und die Brasilianerin Nadia, die derzeit bei Kate lebt, dreht.

Eine Fotosafari wird zum Kampf auf Leben und Tod

 

Kate wird zu einem sehr ungünstigen Zeitpunkt darum gebeten, eine Reportage über Kenia zu schreiben: Sie ist gerade mit Alex und Nadia in Asien unterwegs, als sie den Auftrag des International Geographic erhält, sich sofort auf den Weg nach Kenia zu machen. Da Kate darauf besteht, die beiden jungen Leute mitzunehmen, willigt die Zeitschrift schließlich ein. Die Drei reisen gemeinsam mit zwei Fotografen nach Nairobi und werden von dort aus zu einem Safari-Camp gebracht. Sie verleben zunächst eine spannende Zeit sowohl mit Tierbeobachtungen als auch auf einem afrikanischen Markt und erleben seltsame Begebenheiten. Die bis dahin noch friedliche Stimmung ändert sich allerdings, als ihnen Bruder Fernando über den Weg läuft. Er ist auf der Suche nach zwei vermissten Ordensbrüdern, die in dem Dorf Ngoubé im äquatorialafrikanischen Dschungel eine Mission aufbauen wollten und schon seit einiger Zeit kein Lebenszeichen mehr abgegeben haben. Aus ihren Berichten weiß er, dass sie sich mit dem selbsternannten König Kosongo und dessen Kommandanten Mbembelé herumschlagen müssen, die nicht nur die beiden Geistlichen, sondern insbesondere das Bantu-Dorf und einen Pygmäen-Stamm unterdrücken und ausbeuten. Die beiden Despoten erhalten Unterstützung durch den machtvollen Zauberer Sombe, der in unregelmäßigen Abständen im Dorf auftaucht und die Menschen zur Räson bringt. 
Zusammen mit der beherzten Pilotin Angie Ninderera startet die Gruppe zu einer riskanten Mission.

Etwas Anderes als das Gewohnte

 

Isabel Allende schickt ihr abenteuerlustiges Trio nicht ohne hilfreiche Fähigkeiten auf diese gefährliche Mission. Alex und Nadia verfügen nicht nur über schützende Amulette, sondern können sich bei Bedarf auch in ihre Totems verwandeln oder Freunde aus dem Totenreich herbeirufen. Nadia besitzt außerdem die Gabe, sich mit den meisten Tieren verständigen zu können, was bei dieser Mission sehr hilfreich werden soll.
Im Bann der Masken ist ein gut geschriebenes Buch, das jedoch an manchen Stellen ein bisschen schwächelt: Nicht alle Charaktere sind gut ausgearbeitet, und an manchen Stellen werden Handlung und Personen zu sehr nach dem Schwarz-Weiß-Schema aufgeteilt. Es ist dennoch lesenswert, nicht nur für Jugendliche.
Die mir vorliegende Ausgabe ist bereits 2004 im Suhrkamp Verlag erschienen und kostete 22,90 €. 

*): Band 1: Die Stadt der wilden Götter; Band 2: Im Reich des goldenen Drachen. Alle drei Bücher sind derzeit ebenfalls im Suhrkamp Verlag als Sammelband für 12 € erhältlich.

Freitag, 9. September 2016

Schönes Wochenende

Liebe Leser meiner Bücherkiste,

aus privaten Gründen kann ich euch heute leider kein neues Buch vorstellen und muss euch deswegen auf die nächste Woche vertrösten. Ich hoffe, ihr schaut dann wieder hier vorbei.

Die allermeisten Bücher, über die ich bisher geschrieben habe, seht ihr mit einem Klick auf den Reiter Cover-Parade. 

Bis nächste Woche

Ina

Freitag, 2. September 2016

# 66 - Ein Muss für alle Mallorca-Fans

Ein Buch voller Erinnerungen

 

Der Fotograf Josep Planas I Montanya ist vor 70 Jahren im Rahmen seines Wehrdienstes nach Mallorca gekommen und war so beeindruckt, dass er der Insel seitdem treu blieb. Er verließ die Provinz Barcelona und lebte auf Mallorca bis zu seinem Tod im Alter von 91 Jahren im Januar 2016. In diesem Jahr ist der Bildband Mallorca clásica erschienen, der nicht nur einen Querschnnitt durch die Arbeit des spanischen Fotografen zeigt, sondern einen Blick zurück auf die Anfänge des mallorqinischen Tourismus wirft. Jedem, der sich für Mallorca interessiert, wird dieses Buch gefallen. Es ist in die Regionen der Insel unterteilt und gibt auch touristische Tipps für Reisende, die sich zum ersten Mal dort aufhalten. Jedes Foto wird dreisprachig (Deutsch, Englisch, Spanisch) erläutert.


Wer war Josep Planas I Montanya?



Sein Leben war von der Leidenschaft der Fotografie geprägt, und so eröffnete er 1947 in Palma de Mallorca sein Fotogeschäft. Er war der erste Straßenfotograf auf der größten Insel der Balearen und hat mit seinen zahlreichen Bildern anschaulich dokumentiert, wie sich seine Wahlheimat von einer ruhigen und beschaulichen Insel zu einem der beliebtesten Ferienziele entwickelte. Josep Planas I Montanya hatte schon bald seine Fotos als Postkarten verkauft. Das entwickelte sich so gut, dass er sein Geschäft nach und nach ausbauen konnte. Während er zunächst dadurch auffiel, dass er auf den Straßen Mallorcas mit einem umgebauten VW-Bully herumfuhr, auf dessen Dach sich eine Kamera befand, genügte ihm das irgendwann nicht mehr: Er kaufte sich einen Hubschrauber und machte beeindruckende Luftaufnahmen, die sowohl Einheimische als auch Urlauber begeisterten. Damit hielt er für rund 50 Jahre eine Monopolstellung: Erst das deutsche ZDF machte mithilfe eines unbemannten Zeppelins 2013 eigene Aufnahmen. 



Seine Firma Casa Planas war jedoch nicht nur wegen der Landschaftsaufnahmen bekannt, sondern auch wegen der Nähe des Fotografen zu den Prominenten, die auf Mallorca wohnten oder sich dort erholten: Er war mit dem Maler Joan Miró befreundet und lichtete nicht nur den Diktator General Franco, sondern auch Hollywoodschauspieler wie Errol Flynn oder Joan Fontaine ab.

Jedes der in Mallorca clásica gezeigten Fotos ist wie ein Blick in eine andere Welt: Da sind z. B. das erste Hotel an der Playa de Palma, das bis heute betriebene RIU Hotel San Francisco auf einem Foto von 1958 oder der neu erbaute Flughafen Son Sant Joan im Jahr 1966 zu sehen - sehr klein und zum Teil noch mit einer Wellblechbedachung.


Wer kann sich daran noch erinnern?

Puerto Soller 1960

Palma 1965

Es Trenc 1960-er Jahre

Mallorca clásica ist eine Zeitreise für Mallorca-Fans. Das Buch ist im Heel-Verlag erschienen und kostet 35,-- Euro. Ich bedanke mich beim Verlag für die Erlaubnis, diese Fotos hier zeigen zu dürfen.

 

Freitag, 26. August 2016

# 65 - Der seltsamste Roman

Ein toter Hurenbock, eine verschwundene Urne und ausufernder Verfall

 

Nach dem Lesen der letzten Seite des Romans Die hundert Brüder von Donald Antrim möchte man Jonathan Franzen sofort in seiner Einschätzung, die er im Vorwort äußert, zustimmen: "Die 100 Brüder ist vielleicht der seltsamste Roman, der je von einem Amerikaner erschienen ist." Ausgangspunkt ist das Treffen von 99 Brüdern in der sogenannten roten Bibliothek ihres verstorbenen Vaters, um gemeinsam dessen Urne zu suchen und zu überlegen, was damit geschehen soll. Bruder Nr. 100 konnte nicht kommen und spielt daher auch keine Rolle.

Ein Brudertreffen oder ein Kriegsschauplatz?

 

Die Brüder sind ein bunter Haufen und leiden unter den unterschiedlichsten und abseitigsten Befindlichkeiten oder pflegen ungewöhnliche Marotten. Wegen seiner Fortpflanzungsfreude wird der tote Vater zwar schon mal als Hurenbock bezeichnet, aber jeder der Brüder hatte Respekt vor ihm. Das Treffen findet bereits zum wiederholten Mal am selben Ort statt, um die Bestattung der Asche des gemeinsamen Erzeugers nun endlich zu planen. Es leuchtet ein, dass bei so vielen Geschwistern riesige Altersunterschiede zu erwarten sind: Der Jüngste ist 20 und der Älteste - Hiram - 93 Jahre alt. Wie es der Vater schaffen konnte, so viele Söhne zu zeugen, bleibt offen. Auch die naheliegenden Fragen, von wie vielen Müttern so eine große Nachkommenschaft geboren wurde und ob es auch Töchter gibt, bleiben unbeantwortet. Frauen spielen bis auf eine kurze Nennung eines Namens auf der zweiten Seite gar keine Rolle. Der Leser erfährt auch nicht, wo und wann sich die Zusammenkunft abspielt.

Der Anlass für das Treffen gerät schon rasch völlig in den Hintergrund, aber so etwas wie eine richtige Handlung ist nicht zu erkennen. Das, was sich an diesem Abend abspielt, wird von Doug, einem der Brüder mittleren Alters, geschildert. Er ist jedoch nicht nur passiver Beobachter, sondern greift immer wieder in das Geschehen ein. Das tut er jedoch auf so seltsame Weise, dass man nur vermuten kann, dass er unter Drogen steht. Anders lässt sich so viel Unsinn nicht erklären: Dem verletzten Arzt Maxwell klaut er aus dessen Tasche wahllos das Stethoskop, Kanülen und Fläschchen und merkt erst später, dass er nun einen stolzen Morphinvorrat mit sich herumträgt. Kein Problem: Im Laufe dieses völlig aus dem Ruder laufenden Treffens gibt es mehrere verletzte Brüder, die hilflos am Boden liegen, was aber niemanden kümmert. Doug verabreicht ihnen zu vorgerückter Stunde großzügig ein paar Morphindosen und bildet sich ein, ihnen geholfen zu haben. Zwischendurch wird er von Hiram aufgefordert, einen Strauß Blumen vom Teppich aufzuheben, aber da sein ältester Bruder so schöne Schuhe trägt und er selbst ja schon auf den Knien vor ihm ist, beschließt Doug kurzerhand, es sich auf den Füßen seines Bruders gemütlich zu machen. Keine Überraschung, dass der davon nicht begeistert ist. Ein kurzer Tritt des alten Mannes in das Gesicht seines jüngeren Bruders schafft da wieder klare Verhältnisse. Das ist nur ein Auszug aus Dougs Verhaltensrepertoire, der sich selbst für völlig normal, seine Brüder jedoch für mehrheitlich überspannt hält.

Ein Buch wie ein Floß auf einem rasch dahinströmenden Fluss

 

Es ist im Grunde nur eine klare Tendenz erkennbar: Mit dem Fortschreiten des Treffens und der Zunahme des Chaos sowie der Zahl der Verwundeten - der Begriff passt, weil manche Szenen eher einem Kriegsschauplatz als einem Brüdertreffen ähneln -  zerfällt die Bibliothek immer mehr. Während zu Beginn die Rede von undichten Fenstern und einigen Rissen in der Decke ist, werden in den Stunden bis zum Morgengrauen die Anzeichen des drohenden Kollapses immer deutlicher. So wie die Männer ihre verletzten Brüder ignorieren, ignorieren sie auch diesen Umstand. Das Verhalten der meisten Anwesenden ist nicht nur respektlos gegenüber ihren Nächsten, sondern auch im Hinblick auf den Wert, den das Inventar und die seltenen Bücher haben. Was ihnen in die Finger gerät, wird in einer Mischung aus grober Ungeschicklichkeit und Dummheit beschädigt oder zerstört. Etwa in der Mitte des Buches fasst Doug das Verhalten aller Brüder sehr treffend zusammen: "Ich! Ich! - Das scheinen alle unsere Stimmen zu rufen, als wären wir in Wirklichkeit keine Gemeinschaft, sondern ein gemeiner Pöbel, dessen einziges Interesse dem nächsten Drink, dem nächsten Maulvoll Essen gilt. Ich liebe meine Brüder, und ich hasse meine Brüder."

Der Erzähler Doug reagiert impulsgesteuert: Er nimmt sich etwas vor, aber auf dem Weg zu seinem Ziel nimmt er jemanden oder etwas anderes wahr und ändert seine Richtung und sein Verhalten. Da so eine Handlungssequenz nahtlos in die nächste übergeht, gibt es auch keine Kapitel oder auch nur Absätze: Die knapp 220 Seiten sind ein einziger Fließtext.

Mir hat die Grundidee, die hinter Die hundert Brüder steht, gut gefallen. Ich finde allerdings, dass es sich Donald Antrim zu leicht gemacht hat, alles Unklare und Unlogische so stehen zu lassen. Dies wird bei anderen Autoren gern kritisiert, bei diesem Buch jedoch von Kritikern gelobt. Es ist schwierig, diesen Roman zu beurteilen. Ich bin mir allerdings sicher, dass ich ihn kein zweites Mal lesen werde.

Die hundert Brüder ist 2016 - und damit erst 19 Jahre nach der amerikanischen Erstausgabe - im Rowohlt Taschenbuch Verlag erschienen und kostet 12,99 €, als Kindle- oder epub-Edition 10,99 €.

Freitag, 19. August 2016

# 64 - Es geht heiter weiter

DER Leitfaden für angehende Krimiautoren

 

Mit Wie Sie den Schwedenkrimi des Jahrhunderts schreiben hat der schwedische Autor Henrik Lange sehr humorvoll das Schema der Krimis aufs Korn genommen, die aus dem Land der Elche und 1.000 Seen stammen. Lange hat bereits mehrere Comic-Bücher herausgebracht, und dieser "Ratgeber" ist nichts anderes: ein Comic, in dessen Beschreibungen des Kommissars, des Opfers, des Täters und anderer Personen wir sofort die Protagonisten aus den bekanntesten schwedischen Krimis wiedererkennen. Der Autor stellt in eingestreuten 4-Bild-Comics die seiner Ansicht nach wichtigsten schwedischen Krimis vor, an denen sich die Nachwuchsautoren orientieren können: Da findet sich das Autorenduo Sjöwahl/Wahlöö neben dem allseits bekannten Henning Mankell und dem mindestens ebenso bekannten Stieg Larsson. Aber Achtung: Auch Astrid Lindgren wird von ihm genannt. Na klar: Meisterdetektiv Blomquist ist ein lupenreiner Schwedenkrimi!

Unverzichtbar:  der Kommissar

 

Ganz klar: Ohne ihn geht nichts! Selbstverständlich ist er ein irgendwie kaputter Typ: Alkohol, Zigaretten, Übergewicht, ein Magengeschwür und seine gescheiterte Ehe, aus der eine Tochter hervorging, bestimmen maßgeblich sein Leben. Kurz: Er muss so wie hier sein und aussehen.

Ein erfolgsverwöhnter Traumtyp also. Aber nur er allein macht noch keinen Schwedenkrimi aus. 

Ein wichtiger Baustein auf dem Weg zum Erfolg: die Wahl der richtigen Figuren

 

Wir reden hier nicht über Wirtschaftskrimis, sondern solche, bei denen Köpfe rollen. Zumindest sinnbildlich. Wir brauchen also unbedingt ein Mordopfer. Selbstredend hat Henrik Lange den passenden Tipp parat:

Alles klar? Dann geht es weiter mit den übrigen Figuren, denn ein Krimi, in dem es nur einen Kommissar und ein Mordopfer gibt, reißt niemanden vom Hocker. Hier hält der Autor eine ansehnliche Bandbreite bereit, wobei ich mich jetzt auf zwei Personen beschränke: die investigative Reporterin und die alte Frau.


So ganz nebenbei enthält dieses Bild noch einen weiteren Hinweis, wie sich der schriftstellerische Ruhm eines Krimiautors quasi im Vorbeigehen mehren lässt: Der Schauplatz des Verbrechens sollte ein kleiner Ort sein, den kaum jemand kennt. Hier eben Bollebygd. Warum? Diese kleinen Orte fühlen sich einerseits geschmeichelt, endlich genannt und wahrgenommen zu werden, und andererseits kurbelt so etwas gehörig den Tourismus an! Die Freude der Einwohner über diesen Effekt wird so groß sein, dass der Autor des Schwedenkrimis mit Ehrungen überhäuft und in der Lokalpresse (mindestens!) sehr wohlwollend erwähnt wird. Dadurch wird automatisch der Buchverkauf angekurbelt.

Ein unverzichtbarer und todsicherer Leitfaden

 

Spätestens jetzt sollte klar sein: Wer noch nie einen Schwedenkrimi geschrieben hat, dass aber noch plant, kommt an diesem Buch nicht vorbei. Ist es übertrieben, es als künftiges Standardwerk für dieses Literaturgenre zu bezeichnen? Die Leser von Wie Sie den Schwedenkrimi des Jahrhunderts schreiben mögen sich selbst ein Bild machen, denn ich habe hier die zahlreichen Hinweise und guten Ratschläge von Henrik Lange nur grob umrissen. Sehr, sehr grob.  


Wie Sie den Schwedenkrimi des Jahrhunderts schreiben wurde mir vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke. Ich bedanke mich außerdem beim Goldmann Verlag und dort namentlich bei Barbara Henning für die Erlaubnis, die abgebildeten Cartoons hier zeigen zu dürfen.
Wie Sie den Schwedenkrimi des Jahrhunderts schreiben kostet als Taschenbuch 12,99 Euro und als Kindle- oder epub-Edition 9,99 Euro.

Freitag, 12. August 2016

# 63 - Urlaubsort wird zur Mordkulisse

Am Bodensee geht es krimineller zu, als man denkt

 

Christiane Kördel hat mit ihrem Erstlingswerk Seezeichen 13 ein lockeres und unterhaltsames Buch geschrieben, in dem die junge Ines Fox als unfreiwillige Ermittlerin im Mittelpunkt steht. Ines ist Chefin von Foxinet, einer kleinen Firma in Konstanz, die sich auf Webdesign spezialisiert hat. Von ihrer Mutter, einer Lokalredakteurin, hat sie deren unstillbare Neugier geerbt. Diese Eigenschaft soll sie noch in Bedrängnis bringen.

High Heels sind der Auftakt zu einem Kriminalfall 

 

Ines dreht eine Joggingrunde am Bodensee, als sie auf einer Stufe am Ufer ein Paar ordentlich abgestellte High Heels stehen sieht. Die Schuhe sehen teuer aus, aber Ines' Aufmerksamkeit ist geweckt, als sie auf dem Innenfutter des einen Exemplars einen Blutfleck bemerkt. Mangels besserer Ideen hinterlässt Ines in einem der Schuhe ihre Visitenkarte mit der Bitte, sie anzurufen. Schon kurz danach erhält sie den Anruf einer Frau mit einem russischen Akzent, die sich als die Eigentümerin des Schuhpaars ausgibt, es aber offensichtlich nicht kennt. Auch die Herkunft ihrer Telefonnummer macht Ines nachdenklich: Es handelt sich um einen Firmenanschluss in Zürich, der einem international tätigen Consultingunternehmen gehört.

Kurz darauf wird in das Konstanzer Casino eingebrochen. Doch Beute haben die Täter nicht gemacht: Die Kasse war leer. Aber auf dem Baugerüst, das wegen Renovierungsarbeiten am Gebäude aufgebaut ist, finden sich Blutspuren. 

Zeitgleich zieht in die obere Etage des Mietshauses, in dem Ines wohnt, Yata Krüger ein. Sie ist offensichtlich gut situiert und erzählt, in der Sicherheitsbranche tätig zu sein. Als Ines neugierig im Internet nachforscht entdeckt sie, dass das Unternehmen, für das Yata arbeitet, kürzlich mit derjenigen Firma fusioniert ist, bei der die angeblich High Heels tragende Russin tätig ist.

 

 Ein Kollege verschwindet

 

Kurz darauf wird eine im See treibende männliche Leiche gefunden, ganz in der Nähe von Seezeichen 13 am Jakobsteg. Gibt es eine Verbindung zwischen dem Toten und den Funden im Lorettowald? Dort untersucht die Polizei einen blutbeschmierten Dolch und Damenschuhe. Da Ines einen der Polizeibeamten vor Ort persönlich kennt, erfährt sie über ihn mehr, als sie eigentlich sollte. Dass ihr das nicht genügt, liegt auf der Hand. Sie versteckt sich im Wald und beobachtet heimlich die Arbeit der Ermittler. Schon nach wenigen Minuten wird sie jedoch entdeckt und muss sich für ihre Anwesenheit rechtfertigen. Ihr wird erst später bewusst, dass sowohl ihre unerlaubten Beobachtungen im Lorettowald als auch ihre Anwesenheit während der Spurenaufnahme im Casino sie für die Polizei in einem ungünstigen Licht erscheinen lassen. Das wird nicht besser, als sich die Identität des Toten im Bodensee herausstellt: Es handelt sich um ihren Mitarbeiter Bernd Gregor. 
Aber das soll nicht der einzige Tiefschlag für Ines bleiben: Es stellt sich heraus, dass über ihren Firmenrouter jede Nacht auf das Netzwerk eines Unternehmens zugegriffen wurde, für das Foxinet arbeitet. Ines gerät jetzt nicht nur in das Visier der Ermittlungsbeamten, sondern wird auch von einem dubiosen Geschäftsmann verfolgt und bedroht, den sie für Bernds Mörder hält. Doch sie ist nicht allein, sondern erhält Beistand von ihrem Ex-Freund, einem BKA-Beamten, und ihrem neuen Freund, einem Pathologen. Das ist auch bitter nötig, denn ihr größter Widersacher ist ein wohlhabender Psychopath, der sich mit allen nötigen Mitteln nimmt, was er haben will.

Schönes Debüt einer Selfpublisherin

 

Christiane Kördel hat mit Seezeichen 13 ein Buch herausgebracht, das ich wie Vor dem Erben kommt das Sterben zu den Cosy-Krimis zähle. Der kriminalistische Inhalt ist in eine unterhaltsame Geschichte eingebunden, in der auch das Gefühlschaos der Protagonistin eine Rolle spielt. Die Autorin ist gebürtige Konstanzerin und ihrer Heimat bis heute treu geblieben. Das merkt man auch ihrem Krimi an, der jede Menge Lokalkolorit enthält. 

Christiane Kördel bedient sich eines schreibtechnischen Kniffs, um zu erklären, warum Ines immer wieder von Dingen weiß, von denen sie eigentlich keine Ahnung haben kann: dem Echttraum. Sie ist dann ungewollt und ohne einen Einfluss darauf zu haben unsichtbar über einer Szenerie und kann sehen und hören, was die Personen unter ihr gerade tun. Ich bin noch unentschlossen, ob ich das clever und ungewöhnlich oder hanebüchen finden soll. Kreativ ist es auf jeden Fall.

Seezeichen 13 wurde wie oben beschrieben im Selbstverlag herausgegeben und kostet als Taschenbuch 13,99 € (Books on Demand, ISBN-10: 3739247045)  und als Kindle- oder epub-Ausgabe 2,99 €. 

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