Freitag, 24. März 2017

# 92 - Straftaten, die die Menschen bewegten

Von Mördern, Dieben und Betrügern – ein Anwalt erzählt


Steffen Ufer hat ein langes Berufsleben als Strafrechtsanwalt hinter sich. 1966 begann er als Referendar in der Kanzlei des in den 1960-er bis 1990-er Jahren sehr bekannten Strafverteidigers Rolf Bossi, dessen Name in den Medien häufig in Zusammenhang mit prominenten Mandanten auftauchte. Dem steht Ufer in nichts nach: Auch er wird gern als „Star-Anwalt“ bezeichnet, was er aber nicht gern hört. 2016 hat der Jurist zusammen mit dem Journalisten und Buchautor Göran Schattauer Nicht schuldig herausgebracht. Mit der Schilderung von 19 Fällen erläutert Ufer, was er vom deutschen Rechtsstaat hält und was für ihn das Wesen eines fairen Prozesses ist.

50 Berufsjahre und jede Menge Schicksale


Ufer erzählt nicht nur von seinen sehr bekannten Mandanten wie Konstantin Wecker, Ottfried Fischer oder Uli Hoeneß. Er schildert auch Fälle, in denen im Ausland lebende Deutsche von ihm betreut wurden oder er Menschen vertreten hat, deren Namen es nicht in die Zeitungen geschafft hatten, deren Schicksale aber nicht weniger tragisch waren. Als bitterste Niederlage bezeichnet Ufer den Fall zweier deutscher Brüder, die nach einem dilettantischen Versuch, eine Bankfiliale in einer Kleinstadt in Arizona zu überfallen, zunächst von lustlosen und inkompetenten Pflichtverteidigern betreut wurden, die rein gar nichts für sie taten. Die amerikanischen Behörden ließen auch das 1967 unterzeichnete Wiener Abkommen außer Acht, wonach sie in diesem Fall das deutsche Konsulat hätten verständigen müssen, das dann fachkundige Anwälte beauftragt und bezahlt hätte. Ufer und seine amerikanische Kollegin wurden jedoch erst auf den Fall aufmerksam, als es für ein wirkungsvolles Eingreifen im Grunde schon zu spät war. Den US-Justizbehörden war ihr Hinweis auf die Verletzung der Wiener Konvention gleichgültig, sie reagierten nicht auf die schriftliche Eingabe der beiden Juristen. Die deutsche Politik hat sich hier auch nicht mit Ruhm bekleckert: Die damalige Bundesjustizministerin konnte sich wegen dieses eklatanten Rechtsverstoßes nicht dazu aufraffen, den Internationalen Gerichtshof in Den Haag anzurufen. Wahrscheinlich fürchtete sie diplomatische Verwerfungen. Der amtierende Bundesaußenminister zögerte ebenfalls und sprach seine US-Amtskollegin zu spät an. Auch der Gnadenappell des Bundeskanzlers an den US-Präsidenten wirkte nicht mehr: Nach 17 Jahren Haft wurden die beiden Brüder hingerichtet.

Was macht das Recht aus?


Nicht nur im Fall der beiden Brüder, sondern auch bei allen anderen Schilderungen von Gerichtsverfahren wird Steffen Ufers Rechtsverständnis deutlich: Es soll bei einer Strafverfolgung nicht darum gehen, „im Namen des Volkes“ Rache an den Tätern auszuüben. Ein fairer Prozess soll vielmehr die gesamten Umstände, die zu einer Tat führten, in den Blick nehmen. In den Anfangszeiten der bundesdeutschen Rechtsprechung war dieser Gedanke, sich auch den psychischen Ursachen einer Straftat zu nähern, nicht üblich. Die juristische Wende läutete der Fall des Kindermörders Jürgen Bartsch ein, der 1962 im Alter von 15 Jahren einen Jungen getötet hatte. Bis 1966 ermordete er drei weitere auf grausame Weise. Das zuständige Landgericht verurteilte Bartsch zu lebenslanger Haft und der Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte. Doch der Bundesgerichtshof verwies das Urteil nach der von Bossi und Ufer eingelegten Revision an das Landgericht Wuppertal zurück und rügte, es sei zu wenig auf die Täterpersönlichkeit eingegangen worden. Das führte zum heutigen § 20 des Strafgesetzbuches, der Tätern, die wegen einer krankhaften seelischen Störung, einer tiefen Bewusstseinsstörung oder einer „schweren anderen seelischen Abartigkeit“ ihr Unrecht nicht einsehen können, Schuldunfähigkeit zuspricht. Seit damals wird bei allen Strafprozessen auch das bisherige Leben der Angeklagten beleuchtet. Bartsch wurde im abschließenden Verfahren zu zehn Jahren Jugendstrafe und der Unterbringung in die Psychiatrie verurteilt. Er blieb dort bis zu seinem Lebensende.
Steffen Ufer hat sich als Strafverteidiger immer wieder Vorwürfe gefallen lassen müssen, wenn er Mandanten verteidigte, die sich zum Teil grausame Verbrechen hatten zuschulden kommen lassen. Das „Wie kann man nur?“ stand immer wieder im Raum. Doch er sieht seine Aufgabe als Anwalt darin, seine Mandanten so gut wie möglich zu vertreten und darauf zu achten, dass die geltenden Gesetze angewendet werden. Ein Anwalt hat nicht über seinen Mandanten zu richten und seine Taten zu verurteilen, dazu gibt es Richter und Staatsanwälte.

Interessantes Buch mit vielen Einblicken


Nicht schuldig ist ein plakativer Buchtitel, der längst nicht auf alle von Steffen Ufer geschilderten Verfahren passt. Neben der sehr gut verständlichen rechtlichen Erläuterung der einzelnen Fälle bietet das Buch einen Eindruck von der Entwicklung der bundesdeutschen Rechtsprechung bei Strafprozessen seit den 1960-er Jahren. Der Umstand, dass es sich nicht um Krimi-Fiktion, sondern um wahre Fälle handelt, macht Nicht schuldig zu einem spannenden Titel.

Nicht schuldig ist im Wilhelm Heyne Verlag erschienen und kostet gebunden 19,99 € sowie als epub- oder Kindle-Ausgabe 15,99 €. Ich bedanke mich beim Bloggerportal, das mir ein Exemplar zur Verfügung gestellt hat.

Freitag, 17. März 2017

# 91 - So sind Frauen - angeblich


Von 500 v. Chr. bis heute: Diese sieben Vorurteile haben Frauen fast immer begleitet




In ihrem neuesten Buch Die 7 größten Irrtümer über Frauen, die denken hat Beatrix Langner weit zurückgeschaut. Aristoteles kommt ebenso zu Wort wie der Dichter Aischylos und Herren aus der Neuzeit. Der Titel verrät es nicht unbedingt, aber dieses Buch beschäftigt sich nicht ganz allgemein mit den Frauen, sondern wirft ein Schlaglicht auf diejenigen von ihnen, die sich geistig – häufig schreibend - betätigen wollten. Die meisten der von Langner beispielhaft genannten Frauen sind heute praktisch unbekannt. Doch es geht nicht nur um sie, sondern insbesondere um die Männer, die die Frauen unterdrückt und blockiert haben.



Die Vorurteile, die die Autorin zu den Kapiteln ihres Buches gemacht hat, werden denkenden Frauen gegenüber nach Ansicht von Beatrix Langner seit Jahr und Tag gepflegt: Sie sind im Grunde Männer, sie sind göttlich, gefährlich, unsexy, Egoisten und schlechte Mütter und retten die Welt. In allen diesen von Männern aufgestellten Thesen spiegelt sich die Definition der Frau durch diese wider, die sie fast die ganze Geschichte hindurch auf ihre Körperlichkeit reduziert haben: Frauen gebären die Kinder, stillen sie und ziehen sie auf. Und Schluss. Diese Haltung hat eine sehr lange Tradition und ist schon von Homer und Aristoteles überliefert. Nur Pythagoras kommt bei der Autorin besser weg: Er ist ihrer Ansicht nach der einzige Philosoph, der nicht frauenfeindlich war. Die Erkenntnis, dass Frauen ein denkendes Gehirn haben, das dem der Männer gleichwertig ist, hat 3.000 Jahre in Anspruch genommen und ist noch nicht so ausgeprägt, dass die Gleichheit durchgängig praktiziert werden würde. Ein Beispiel ist der im Buch nicht thematisierte Frauenanteil unter den hauptberuflichen Professoren an deutschen Hochschulen: Er lag 2015 bei 22,7 %; unter Professoren, die einen Lehrstuhl inne hatten (C4-Professoren) betrug der Anteil sogar nur 11,4 %. (Quelle: Statistisches Bundesamt)



Ein interessanter Gedanke: Wer macht die Geschichte?




Langner erläutert sehr anschaulich, wie die Geschichtsschreibung bislang zustande kam: Männer waren diejenigen, denen der Zugang zu Bildung und Wissenschaft möglich war. Folglich ist das, was wir aus der Geschichte kennen und was immer weiter überliefert wurde, das Vergangene aus männlicher Sicht. Sie haben bestimmt, was es wert war, weitergegeben zu werden. Ein Beispiel hierfür ist Émilie du Châtelet, die Lebensgefährtin des Philosophen und Schriftstellers Voltaire. Sie war Mitte des 18. Jahrhunderts als Mathematikerin, Physikerin und Philosophin einigermaßen bekannt, aber aufgrund der damals herrschenden Verhältnisse wurde ihr die Anerkennung, die ihr für ihre wissenschaftlichen Leistungen zugestanden hätte, verwehrt. Um 1740 hat sie ihre Werke veröffentlicht, die sich hinsichtlich ihres Niveaus mit denen von Gottfried Wilhelm Leibniz, Leonhard Euler und auch Voltaire messen konnten. Aber weil nicht sein konnte, was nicht sein durfte, beschränkte sich die Anerkennung ihrer wissenschaftlichen Leistung darauf, dass Voltaire einräumte, dass die Mitarbeit von Émilie du Châtelet am Sachbuch „Elemente der Philosophie Newtons“ wesentlich war. Auf dem Titelblatt stand hingegen nur der Name Voltaire.



Was taten Frauen, um das zu tun, was sie wollten?




Anfang des 20. Jahrhunderts machten mit den Suffragetten und den Sozialistinnen der II. Internationale britische und US-amerikanische Frauenrechtlerinnen mobil: Es ging um das Wahlrecht für Frauen, aber auch um den Zugang zu Universitäten. Doch die Frauen hatten einen schweren Stand: Männliche Akademiker hielten mit Publikationen dagegen. So veröffentlichte der Psychiater und Neurologe Paul Möbius 1900 sein Essay „Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes“, in dem er behauptete, Frauen hätten von vornherein eine geringere geistige Begabung als Männer. So versuchte er dazu beizutragen, den Zugang von Frauen zum Medizinstudium zu verhindern. Diese hanebüchene Schrift ist noch heute erhältlich, ganz im Gegensatz zu den Veröffentlichungen von Émilie du Châtelet.

Ähnlich abenteuerliche Theorien stellte auch Siegmund Freud auf: Er vertrat die Meinung, dass das Fehlen des Penis‘ sich bei der Frau in ihrem unbewussten Seelenleben durch Hysterie, schwache Nerven und Ohnmachten ausdrückt. Das weibliche Selbstwertgefühl werde dadurch geschwächt, dass Frauen zwanghaft ihre männlich-väterlichen Seelenteile verdrängen wollten.

Man mag das heute amüsant finden, aber zu ihrer Zeit fanden diese Äußerungen Gehör und ernteten reichlich (männliche) Zustimmung.

Doch Frauen, die unbedingt am wissenschaftlichen oder literarischen Leben aktiv teilhaben wollten, wussten sich in einigen Fällen zu helfen: Das, was heute unter dem Begriff „Cross-Dressing“ bekannt ist, also das Tragen von Kleidung, die typisch für das andere Geschlecht ist, wurde von Frauen schon im 17. Jahrhundert eingesetzt, um Eingang in die Männerwelt zu finden. Auch, unter einem männlichen Pseudonym Veröffentlichungen herauszugeben, war nicht unüblich.



Kein reines Sachbuch, sondern ein Essay




Frauen wurden stets so behandelt, wie es Tradition war. Erst in den letzten etwa 50 Jahren begann sich das zu ändern, was durch den beginnenden Feminismus und zahlreiche Gender-Studien ausgelöst wurde. Auch, wenn hier eventuell der Eindruck entstanden sein mag: Die 7 größten Irrtümer über Frauen, die denken ist kein feministisches Kampfbuch. Beatrix Langner plädiert vielmehr für den gemeinsamen Blick von Frauen und Männern auf die Probleme unserer Zeit. Von einer jeweils egoistischen Sicht der Geschlechter auf sich hält sie nicht viel, sondern wünscht sich einen gemeinsamen Entwurf für die Zukunft.

Die 7 größten Irrtümer über Frauen, die denken ist ein kulturgeschichtlich anspruchsvolles Buch, das häufig zwischen den einzelnen Epochen pendelt. Das macht das Lesen nicht leichter, aber es lohnt sich, am Ball zu bleiben. Die Autorin hat ein trotz des ernsten Themas unterhaltsames Essay verfasst, von dem ich mir am Ende allerdings eine klarere Formulierung gewünscht hätte, wie sie sich konkret dieses Miteinander von Frauen und Männern auf Augenhöhe jetzt und in Zukunft vorstellt.



Die 7 größten Irrtümer über Frauen, die denken ist im Verlag Matthes & Seitz erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 22,-- Euro sowie als Kindle- oder epub-Version 16,99 Euro.






Mittwoch, 8. März 2017

Im Februar: Boston, Balkan, Deutschland

Balkankrieg, Schriftsteller im Exil, Fluchthilfe für DDR-Bürger und grausame Morde in Boston


Die Überschrift legt es schon nahe: Im Februar ging es, zumindest was die Inhalte der vorgestellten Bücher betrifft, sehr unruhig zu.


Wie der Soldat das Grammofon repariert war vor etwas mehr als zehn Jahren der Debutroman des bosnischen Schriftstellers Saša Stanišic. Es geht um die Perspektive des 14-jährigen Aleksandar auf den Ausbruch und die Folgen des Balkankriegs, wobei der Leser in der Hauptfigur schnell den Autor selbst wiedererkennt. Die Familie flieht bis nach Deutschland, aber ein Heimatgefühl will sich nicht einstellen. Das Buch war 2006 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises, konnte mich aber wegen seiner Abschweifungen und des teils ermüdenden Schreibstils nicht fesseln.
Der Autor ist hier während einer Lesung in einer Buchhandlung zu sehen:













Das Buch konnte mich nicht überzeugen und erhält


(von 5)




Ein sehr interessantes Buch ist Maik Grote mit Schriftsteller im Exil – 1933-1935 gelungen. Viele der Großen aus der damaligen deutschen Schriftstellerszene sahen sich gezwungen, nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten ins Ausland zu emigrieren: weil sie Juden waren, eine nicht systemkonforme politische Anschauung hatten oder homosexuell gewesen sind. Sie verloren nicht nur ihre Heimat, sondern in den meisten Fällen auch ihren Besitz und viele Kontakte. Es gab auch Versuche, die Arbeiten der Exil-Schriftsteller zu bündeln und ihnen eine Stimme zu geben. Ob dies gelang, ist eines der Themen in diesem sehr genau recherchierten Buch.
Über Maik Grote konnte ich leider nichts in Erfahrung bringen, was über sein Buch hinausginge.
Grote hat mit seinem Erstlingswerk Geschichte greifbar gemacht und sich sehr um die Darstellung von Einzelheiten bemüht, die allgemein eher unbekannt sind. 







 
In Der Wels – Freiheit oder Diktatur von Hans-Gerd Pyka geht es um den Fluchthelfer Max Weidendorf, der DDR-Bürgern bei ihrer Flucht in den Westen hilft. Was 1966 in einer locker-gelösten Stimmung beginnt, wird im Laufe der Jahre zu einer ernsten und gefährlichen Angelegenheit. Und zu einer sehr lukrativen Einnahmequelle. Die Figur des Max Weidendorf steht in großen Teilen für Kay Mierendorff, einen Fluchthelfer, der in den 1960-er bis 1980-er Jahren über 1.000 DDR-Bürger über die deutsch-deutsche Grenze geschmuggelt hat.
Die Bundesstiftung Aufarbeitung hat unter der Adresse Zeitzeugen zahlreiche weiterführende Links und Inhalte zum Thema Flucht und Fluchthilfe in der DDR zusammengestellt. Ein sehr interessantes und gut geschriebenes Buch.





 

Am Ende des Monats wurde es richtig blutig: In Der Meister, dem zweiten Band aus der Serie um die Bostoner Polizistin Jane Rizzoli und der Rechtsmedizinerin Maura Isles, schildert die bekannte Krimiautorin Tess Gerritsen eine Mordserie, die eine frappierende Ähnlichkeit mit der hat, wegen der sie ein Jahr zuvor ermittelte – und dabei fast selbst zum Opfer geworden wäre. Spannend erzählt mit etlichen schaurigen Momenten.




Informationen von Tess Gerritsen über die beiden Hauptfiguren bietet dieses Video: 














An manchen Stellen war es mir zu bluttriefend, darum


  

Ich hoffe, es war für euch etwas dabei und freue mich, wenn ihr auch im März wieder hier vorbeischaut.

Samstag, 4. März 2017

# 90 - Diese Suppen löffelt man gern aus

Das Kochbuch, das allen gefällt 

 

 

Familienmenschen und Gastgeber kennen das: Die Suche nach einem Gericht, das alle am Tisch essen können, kann ziemlich zäh sein. Es geht dabei nicht nur um Unverträglichkeiten und einzelne Abneigungen gegen bestimmte Lebensmittel, sondern Bestandteile von Lebensentwürfen: Da gibt es diejenigen, die auf Paleo schwören, andere leben nur noch vegetarisch oder vegan. Manche wollen schlank werden oder es bleiben und schwören auf kohlenhydratarme Ernährung („Low Carb“), und dann gibt es noch die Flexitarier, die sich immer wieder neu entscheiden, was sie essen wollen. Karina Both-Peckham hat nicht den Kochlöffel in die Ecke geworfen, sondern mit Peckham’s Kochbuch – Band 1: Lieblingssuppen ein Kochbuch geschrieben, das tatsächlich jedem Geschmack gerecht wird.



Ein Kochbuch mit einer durchdachten Struktur




Afrikanische Süßkartoffel-Erdnuss-Suppe
Karina Both-Peckham betreibt in Erfurt ein Bistro und eine Kochschule und ist außerdem Foodbloggerin (Iss dich glücklich). Die Begeisterung fürs Kochen ist ihrem Buch deutlich anzumerken: Die Rezepte für ihre 18 Suppen stammen aus aller Herren Länder und lassen sich auch für ungeübte Hobbyköche leicht nachkochen. Alle Zutaten sind in gut sortierten Supermärkten erhältlich, die Suppenmenge ist immer für vier Personen berechnet. Die Gerichte sind unkompliziert und schnell gemacht: Für ganz Eilige gibt es z. B. den Kichererbsen-Spinat-Tomaten-Topf mit Feta (in acht Minuten fertig), für Geduldigere den Rotwein-Linsen-Topf mit Wurzelgemüse (braucht 30 Minuten).



Jedes Rezept für alle Geschmäcker – wie geht das?




Die Zubereitung jeder Suppe wird zunächst in der vegetarischen Variante erläutert. Separat davon wird erklärt, wie sich das Rezept ohne großen Aufwand in ein Paleo-, Low Carb-, veganes oder Flexitarier- Gericht verändern lässt. Die Paleo-Varianten sind generell gluten- und laktosefrei.

Da Karina Both-Peckham am liebsten mit frischen Zutaten kocht, hat sie an den Rezeptteil einen Saisonkalender angehängt. Mit seiner Hilfe lässt sich schnell herausfinden, welches Gemüse in welchen Monaten frisch vom Feld oder zumindest als Lagerware erhältlich ist.

Die sehr schönen Fotos runden das Kochbuch ab und locken auch Kochmuffel an den Herd. Peckham’s Kochbuch – Band 1: Lieblingssuppen bietet einfach nachzukochende, leckere Suppenideen, die außerdem noch den Geldbeutel schonen. Eine klare Empfehlung.



Peckham’s Kochbuch – Band 1: Lieblingssuppen ist im November 2016 bei Books on Demand (BoD) erschienen und kostet als Hardcover-Ausgabe mit Schutzumschlag 18,90 Euro. 

Die Autorin bereitet gerade die Veröffentlichung zwei weiterer Bücher vor: Peckham's Kochbuch - Band 2: Hauptgerichte und Peckham's Kochbuch - Band 3: Yummy Desserts. Sie werden nach denselben Prinzipien strukturiert sein wie Peckham’s Kochbuch – Band 1: Lieblingssuppe. Man darf gespannt sein.

Samstag, 25. Februar 2017

# 89 - Rizzoli & Isles decken auf


Wo die Köpfe rollen




Die Überschrift übertreibt es etwas, aber in Der Meister der Thriller-Autorin Tess Gerritsen gibt es nicht mehr viel, was etliche Köpfe daran hindern könnte, sich von ihren Besitzern zu lösen: Ein Serienmörder geht um, der ein Muster fast vollständig kopiert, das Detective Jane Rizzoli vom Boston Police Department von ihrem vorangegangenen Fall Die Chirurgin ein Jahr zuvor nur zu gut kennt.



Der zweite Fall der Rizzoli-&-Isles-Reihe




Die 105-teilige TV-Serie Rizzoli & Isles ist vermutlich besser bekannt als die nur 11-bändige Buchreihe von Tess Gerritsen, auf der sie lose basiert. So lose, dass man die Polizistin Jane Rizzoli und die Rechtsmedizinerin Maura Isles nur ansatzweise wiedererkennt. Die literarische Isles hat ein völlig anderes Aussehen und Auftreten als ihr Fernseh-Pendant, nur hinsichtlich der fachlichen Kompetenz und Souveränität sind sich die beiden Figuren ebenbürtig. Jane Rizzoli wurde ebenfalls fernsehkonform verändert, wenn auch nicht so stark. Von einer engen Freundschaft der beiden Frauen kann im Buch im Gegensatz zur Fernsehserie keine Rede sein.

In Der Meister wird Rizzoli an einen Tatort gerufen, der außerhalb ihres eigentlichen Zuständigkeitsbereichs liegt: In Newton wurde der Chirurg Richard Yeager in seinem Haus ermordet aufgefunden, von seiner Frau fehlt jede Spur. Aber der ermittelnde Detective Korsak hatte die Arbeit Rizzolis im letzten Jahr verfolgt, als es ihr gelungen war, den Serienmörder Warren Hoyt zu stellen, der nachts in die Wohnungen von alleinstehenden Frauen eingebrochen war und seine Opfer getötet hatte, nachdem sie von ihm einem gynäkologischen Eingriff unterzogen wurden. Allen Taten war damals gemeinsam, dass den Opfern die Kehlen durchgeschnitten wurden.

Genau so wird auch Yeager vorgefunden: mit dem Rücken an einer Wand sitzend, mit durchtrennter Halsschlagader und Luftröhre. Auf einem Stuhl liegt ordentlich zusammengefaltet das mit Blut bespritzte Nachthemd seiner Ehefrau. Nach einer gründlichen Spurenauswertung stellt sich heraus, was sich im Schlafzimmer der Yeagers zugetragen hat: Der Täter hat Richard Yeager mit einem Taser bewegungsunfähig, aber nicht bewusstlos gemacht. Er lehnte den Mann gegen die Wand gegenüber des Bettes und zwang ihn so, hilflos die Quälereien anzusehen, die der Täter an seiner Frau vollzog. Erst dann brachte er ihn um.

Es tritt wenig später ein, was alle am Tatort Anwesenden befürchten: Die verschwundene Frau des Chirurgen wird gefunden – ebenfalls ermordet. Ihre Leiche befindet sich in einem Naturreservat an der Stadtgrenze von Boston. Doch dort bleiben Rizzoli und ihre Kollegen nicht allein: Wie aus dem Nichts taucht Agent Gabriel Dean vom FBI auf und mischt sich in die Arbeit der Polizei ein. Schon bald wird deutlich, dass er über Hintergrundwissen verfügt, das er aber nicht teilen will. Rizzoli und Korsak trauen ihm nicht über den Weg und vermeiden eine Kooperation, wo es möglich ist. Welches Interesse das FBI an diesem Fall haben könnte, ist völlig unklar.



Es bleibt nicht bei zwei Toten




Warren Hoyt verfolgt vom Hochsicherheitsgefängnis aus die Berichterstattung über die Ermittlungen im Fall des Ehepaars Yeager und erfährt so, dass Jane Rizzoli die hierfür verantwortliche Polizistin ist. Eben jene Rizzoli, die ihn vor einem Jahr in letzter Sekunde daran gehindert hatte, auch sie zu töten und die ihn zur Strecke gebracht hat. Hoyt beginnt darüber nachzudenken, wie er das Gefängnis verlassen und erneut Jagd auf sein Lieblingsopfer machen kann, das sich ihm entziehen konnte.

Kurz darauf ereignet sich in einem noblen Bostoner Stadtteil ein weiterer Mordfall, der dem der Yeagers mit Ausnahme eines kleinen Details gleicht. Der Cellist Alexander Ghent wird in derselben Haltung aufgefunden wie Tage zuvor der Chirurg Yeager. Auch in diesem Fall ist seine Frau offensichtlich entführt worden, nachdem Ghent die sadistischen Taten, die an seiner Partnerin verübt wurden, mitansehen musste. Doch die fehlende Kleinigkeit ist für Rizzoli und Korsak ein deutlicher Hinweis darauf, dass hier zwei Täter am Werk waren, die sich perfekt ergänzen.

Rizzoli kommt nicht um eine Zusammenarbeit mit FBI-Agent Dean herum, der zwar von ihr über jede neue Erkenntnis informiert werden will, selbst aber kaum etwas aktiv zum Ermittlungserfolg beiträgt und die Ausstrahlung eines kalten Fisches hat. Ihr Eindruck, dass er etwas zu verbergen hat, verstärkt sich.



Spannender Thriller mit ein paar Splatter-Effekten




Die Ehepaare Yeager und Ghent bleiben nicht die einzigen Opfer. Es zeichnet sich ab, dass der Beginn der Mordserie deutlich weiter zurückreicht und in einem ganz anderen Umfeld unbemerkt vollzogen werden konnte. Die Tatorte werden so detailliert beschrieben, dass der Leser direkt in die Umgebung hineinversetzt wird. Manchmal hätte allerdings auch eine zurückhaltendere und blutärmere Schilderung der Tat- und Leichenfundorte genügt, um sich alles gut vorstellen zu können.

Jane Rizzoli befindet sich in einem ständigen Kampf um Anerkennung und drängt jede Schwäche zurück. Das wirkt manchmal übertrieben und unnötig, zumal sich daraus einige Male eigentlich überflüssige Reibereien mit ihren männlichen Kollegen ergeben. Trotz allem ist Der Meister ein durchweg spannender Thriller, den ich Krimi-Freunden empfehlen kann.



Der Meister ist unter dem Originaltitel The Apprentice 2003 erschienen. Die deutsche Fassung wurde 2005 bei Blanvalet herausgegeben. Ich bedanke mich beim Bloggerportal für das Überlassen eines Rezensionsexemplars.

Der Meister kostet als Taschenbuch 9,90 €, als eBook (epub) 8,99 € sowie als Hörbuch-Download 27,95 €.




Sonntag, 19. Februar 2017

# 88 - Fluchthilfe in Deutschland


Von hüben nach drüben – ein Risiko für alle Beteiligten




Mit Der Wels – Freiheit oder Diktatur hat Hans-Gerd Pyka seinen zweiten Roman veröffentlicht. Besonders interessant: Die Handlung ist nicht völlig frei erfunden, sondern beruht auf den Erlebnissen des in den 1960-er bis 1980-er Jahren bekannten Fluchthelfers Kay Mierendorff, der mehr als 1.000 DDR-Bürgern zur Flucht nach Westdeutschland verhalf.



Was ist die Motivation für die Fluchthilfe im großen Stil?




Am 18. Dezember 1966 beginnt für den jungen Max Weidendorf so etwas wie ein neues Leben: Der 21-Jährige tritt in Berlin eine Stelle als Leiter der Alliierten-Wohnungen in der Zehlendorfer Siedlung Onkel  Toms Hütte an. Das Viertel ist von den US-Streitkräften besetzt, amerikanische Soldaten und ihre Familien sind von nun an seine Kunden.  Zum Job gehören außer dem Monatsgehalt von 3.000 DM eine große, moderne Dienstwohnung und ein Dienstwagen. Seine Frau Carola bekommt ebenfalls eine Stelle. Doch Max weiß schon an seinem ersten Arbeitstag, dass ihm das auf Dauer nicht reicht: Er will einmal richtig viel Geld verdienen. Dieses Ziel steht für ihn über allen anderen. Schon Tage später „erweitert“ Max seine Arbeit um neue Betätigungsfelder: Er vermittelt Autos an US-Soldaten und verhökert US-Ware. Das bringt schon in den ersten beiden Wochen in der „Onkel Tom“ 2.500 D-Mark ein. Max hat Blut geleckt.



Max‘ „Karriere“ als Fluchthelfer beginnt durch einen Zufall




Als eine der Wohnungen am nächsten Tag neu vergeben werden soll, der Vormieter aber den Schlüssel nicht abgegeben hat, muss ein Handwerker kommen, um das Problem zu beheben. Es erscheint Lutz. Er bohrt das Schloss auf, weigert sich aber, sich um einen weiteren Schaden zu kümmern. Es ist Freitag, und Lutz hat eine Einreiseerlaubnis zu seiner Tante in Ost-Berlin. Tatsächlich will er in Ost-Berlin seine Freundin Julia besuchen, die nur bis Sonntag Zeit hat. Der mit Max befreundete Soldat Frank Miller spricht aus, was den Anstoß für alles Weitere gibt: „Warum holen wir das Fraulein nicht rüber?“, fragt er in gebrochenem Deutsch. Der Transfer ist sehr einfach: Zwischen West- und Ost-Berlin gibt es zu diesem Zeitpunkt keine Kontrollen für die Fahrzeuge der drei westlichen Besatzungsmächte. Doch auch, was zunächst so simpel aussieht, muss sorgfältig geplant werden. Julias Einstieg in einen Jeep der US-Army darf niemandem auffallen, und die geliehene Uniform muss Max tadellos passen. Eigentlich war diese Aktion nur als Testlauf gedacht, doch Julia beschließt, im Westen zu bleiben. Für diesen Transfer verlangt Max noch keine Bezahlung.

Durch einen weiteren Zufall kommt es zur nächsten Fluchthilfe, bei der es nun auch um Geld geht. Ilse Barnick will zusammen mit ihrem Sohn aus Ost-Berlin flüchten. Von ihrem geschiedenen Mann weiß Max, dass die Frau „Judengold“ besitzt, das von einem SS-Sturmbannführer stammt. Mit dem Gold kann sie in der DDR nichts anfangen, aber sie kann damit Max für seine Fluchthilfe bezahlen. Die Fluchthilfe gelingt, vom Gold ist anschließend keine Rede mehr. Max geht leer aus. Doch Schaden macht klug: Er lernt aus jedem Fehler und perfektioniert sein System so erfolgreich, an dem sich immer mehr Menschen, darunter einige US-Soldaten, beteiligen, dass die Fluchthilfe seine Haupteinnahmequelle wird. Die Arbeit als Hausverwalter erledigt er nebenbei und mit der Hilfe seiner Frau.

Max erreichen immer mehr Hinweise auf Menschen, die die DDR verlassen wollen. Ganz überwiegend sind es solche, die über eine akademische Ausbildung und Berufserfahrung verfügen: Ärzte und Ingenieure sind darunter, die im Westen ihr Glück finden und eine Zukunft in Freiheit haben wollen. Max bekommt eine erste Warnung der CIA, sich künftig nicht mehr der Hilfe von Mitgliedern der amerikanischen Streitkräfte zu bedienen – und ignoriert sie. Es läuft gerade einfach zu gut für ihn: Mit seiner Fluchthilfe will er einerseits unzufriedenen DDR-Bürgern zu einem besseren Leben im Westen verhelfen, andererseits aber auch Geld verdienen. Es dauert nicht lange, bis er pro erfolgreichem Transfer fünfstellige Beträge verlangt, die auch in Raten abbezahlt werden können. Carola sieht die Geschäfte ihres Mannes zwiespältig: Einerseits hat sie Angst vor den möglichen Konsequenzen, andererseits übernimmt sie ab 1968 die Buchführung und nimmt sich dafür aus dem häuslichen Tresor monatlich 1.000 DM zu ihrer freien Verfügung. In der ersten Hälfte des Jahres 1968 macht Max mit der Fluchthilfe sowie dem Handel mit Autos und US-Waren einen Gewinn von 93.000 DM. Doch im Laufe der Zeit werden sich die Eheleute zunehmend fremd, was nicht ohne Folgen bleiben soll.



Keine Flucht bleibt unbemerkt




Der spürbare Abgang von Bürgern ist natürlich auch der Staatssicherheit der DDR ein Dorn im Auge. Max fühlt sich zunächst zwar verfolgt, aber es ist nicht mehr als ein vages Gefühl, für das es keine Belege gibt. Doch im Oktober 1971 wird eine Prostituierte ermordet aufgefunden, bei der Max Stammgast gewesen ist. Mit ihr wurde ein Freier ermordet, der kurzfristig den ansonsten für Max reservierten Termin bekommen hat. Max hat zum ersten Mal Angst und legt sich eine Pistole zu. Auch Carola hat jetzt manchmal den Eindruck, verfolgt zu werden.

Mit dem ab Juni 1972 gültigen Reiseabkommen zwischen der BRD und der DDR öffnet sich für Max und seinen immer größeren Helferkreis eine neue Tür: Westdeutsche können nun ohne große Probleme nach Ost-Berlin und in die DDR reisen. Max weitet das Geschäft aus und wird dabei immer professioneller. Nur sehr selten fliegt eine Flucht auf. Er erfährt allerdings zu spät vom Plan seines Bruders Manni, einer jungen Frau und ihrem Kind zur Flucht zu verhelfen. Mannis dilettantische Aktion fliegt auf, er wird verhaftet und zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt. Max wird den Verdacht nicht los, dass sein Bruder ein Stück weit für ihn mit büßen soll.

Max‘ Team arbeitet später mit gefälschten Fahrbefehlen der US-Army und immer neuen trickreich umgebauten Fluchtfahrzeugen. Da findet Max Ende April 1972 den Mechaniker Jupp erhängt in seinem Haus auf; den Mann, der durch seinen Einfallsreichtum und seine handwerklichen Fähigkeiten aus einem normalen Fahrzeug ein ausgetüfteltes Fluchtfahrzeug machen konnte und so entscheidend zum Erfolg der Fluchthilfeaktionen beigetragen hat. Ein Selbstmord kann ausgeschlossen werden: Seine Hände sind ihm vor seinem Bauch zusammengebunden worden.

Die beängstigenden Erlebnisse häufen sich, und Max beschließt, die Fluchthilfe nicht mehr selbst durchzuführen, sondern sie nur noch aus der Ferne zu leiten. Mit Carola und seinen 1968 und 1970 geborenen Söhnen zieht er an die Ostsee nach Kellinghusen. Dort, so denkt er, wird ihn die Stasi sicher in Ruhe lassen. Max trägt ab sofort vom Aufstehen bis zum Schlafengehen eine schusssichere Weste. Aber er soll merken, dass er sich in der Stasi entschieden geirrt hat: Sie beginnt, sich noch mehr für ihn zu interessieren, als er eine neue Fluchtroute über die österreichisch-ungarische Grenze zu nutzen beginnt.



Ein Vermächtnis




Jürgen Weiske, ein Freund Kay Mierendorffs und Herausgeber dieses Buches, sorgte auf dessen Wunsch dafür, dass seine Erlebnisse in einem Roman aufgearbeitet wurden. Das Erscheinen von Der Wels – Freiheit oder Diktatur im Herbst 2016 hat Mierendorff nicht mehr erlebt: Er starb bereits vier Jahre zuvor an Krebs. Das Buch trägt die Widmung „gewidmet all jenen, die es nicht geschafft haben“. Es lehnt sich trotz seiner fiktiven Elemente so stark an das von Mierendorff Erlebte an, dass es starke autobiographische Züge hat. Hans-Gerd Pyka hat auf dieser Grundlage einen spannenden Roman vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte zu Zeiten des Kalten Krieges geschaffen, der durch immer wieder eingestreute Hinweise auf das damalige politische Geschehen eine große Authentizität hat.



Der Wels – Freiheit oder Diktatur ist bei epubli erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 25,99 € sowie als Kindle- oder epub-Edition 9,99 €

Freitag, 10. Februar 2017

# 87 - Deutsche Schriftsteller ab 1933: Schreiben im Exil

 Über den Exodus der Literaten ab 1933


Über die Folgen, die die Machtübernahme der Nationalsozialisten für Deutschland hatte, gibt es zahllose Bücher. Aber nur sehr wenige beschäftigen sich damit, was aus den Schriftstellern wurde, die dem Dritten Reich ein Dorn im Auge waren: weil sie Juden waren,  eine politische Gesinnung hatten, die nicht geduldet wurde oder homosexuell gewesen sind. Mit Schreiben im Exil 1933-1935 schildert der Autor Maik Grote, welche Gründe sie zur Emigration bewogen haben und wie es ihnen im Ausland ergangen ist.



Eine neue Plattform für Exil-Literaten




Grote hat sich dem Schicksal der Exilautoren mit einer Akribie genähert, wie man sie nur selten findet. Im Untertitel seines Buches weist er darauf hin, um welche Schriftsteller es im Wesentlichen geht: Lion Feuchtwanger, Arnold Zweig, Joseph Roth und Klaus Mann stehen im Mittelpunkt der Betrachtung, aber es fallen auch andere Namen: Bertold Brecht, Thomas Mann und Stefan Zweig spielten in der damaligen Literaturszene eine ebenso große Rolle. Grote beschäftigt sich auch mit den Verlegern, mit denen diese Autoren unmittelbar zu tun hatten: Das Schicksal des früheren Teilhabers des Gustav Kiepenheuer Verlages Potsdam, Fritz Landshoff, wird ebenso beschrieben wie das seiner Kollegen Hermann Kesten und Walter Landauer.

Beim Lesen wird immer deutlicher, dass keiner der beschriebenen Schriftsteller Deutschland als Heimatland abgelehnt hatte, weil man selbst dort unerwünscht geworden war. Das galt weder zum Zeitpunkt der Flucht noch später. Bei fast allen hat die Notwendigkeit, sich im Ausland eine neue Existenz oft aus dem Nichts aufzubauen, schwere innere Zerwürfnisse ausgelöst.



Der Reichstagsbrand am 27. Februar 1933 war der Startschuss für die Säuberungsaktionen der Nationalsozialisten: Die „Reichstagsbrandverordnung“ setzte Grundrechte außer Kraft und gab dem Regime die Möglichkeit, Oppositionelle zu verhaften und  die Herausgabe von nicht erwünschten Zeitungen zu verbieten. Die SA hatte bereits bei Landshoffs Freund Ernst Toller erfolglos nach beiden Männern gesucht, was den Verleger dazu veranlasste, ständig die Unterkunft zu wechseln.

Mit dem Zeitpunkt der Machtergreifung war allen Angestellten, Autoren und Teilhabern des Kiepenheuer Verlages klar, dass dessen Tage gezählt sein würden. Täglich kamen nun Autoren, um sich vor ihrer Abreise ins Exil zu verabschieden. Landshoff war in Gefahr, weil er sowohl Jude war als auch regimekritische Ansichten vertrat. Während Kesten und Landauer nach Frankreich ins Exil gingen, nahm Landshoff das Angebot des niederländischen Verlegers Emanuel Querido an, in dessen Amsterdamer Verlagshaus eine Abteilung zu gründen, die sich nur um die Veröffentlichung von Werken der deutschen Exil-Schriftsteller kümmerte.

Auch Landauer fand sich einige Monate später in Amsterdam wieder. Der Allert de Lange Verlag hatte ebenfalls vor, eine deutsche Exil-Abteilung ins Leben zu rufen. Fortan lebten die beiden Verlage in ständiger Konkurrenz um Autoren, Rechte und Verträge, was ihnen wirtschaftlich geschadet hat.


Waren die unerwünschten Schriftsteller eine Schicksalsgemeinschaft?




Die Autoren, von denen in Schreiben im Exil 1933-1935 die Rede ist, gehörten vor 1933 zur deutschen Schriftsteller-Elite. Mit der Machtergreifung verloren sie Zug um Zug ihr Eigentum in Deutschland. Manche konnten etwas davon ins Exil retten, andere verloren praktisch ihren ganzen Besitz. So ist zumindest zum Teil zu erklären, dass etliche von ihnen mit der neuen Situation keinesfalls professionell umgingen: Sie rangen um ihr Honorar, ohne zu wissen, wie ein Buchpreis zustande kommt oder zu welchem Preis sich ein Buch verkaufen lässt. Eitelkeiten wurden gepflegt, Realitäten ignoriert, nicht vorhandenes Geld ausgegeben, bis die Schulden sich manchem wie eine Schlinge um den Hals legten. Einige Schriftsteller beschworen noch den Zusammenhalt der deutschen Exil-Autoren, aber letztlich waren sich die meisten von ihnen selbst am nächsten. Diese schmerzliche Erfahrung musste beispielsweise auch Klaus Mann mit seiner literarischen Monatszeitschrift „Die Sammlung“ machen, die erstmalig im September 1933 im Querido Verlag erschien. Einige Schriftsteller, die zu Beginn ihre Mitarbeit fest zugesagt hatten, distanzierten sich dann von der Publikation, darunter auch sein Vater Heinrich Mann oder Stefan Zweig. Ihnen war die Ausrichtung der Zeitschrift zu politisch, und sie befürchteten, dass sich ihre Bücher nicht mehr verkaufen lassen würden, wenn sie sich hier mit Beiträgen engagierten. Andere waren nur für ein Mindesthonorar zu einer Mitarbeit zu bewegen oder brachten Klaus Mann immer wieder in Schwierigkeiten, in dem sie die Abgabe von fest zugesagten Artikeln verschoben. Engagement und Kooperation sehen anders aus.

Alles zusammen und der Umstand, dass die Lieferungen ins Ausland, die an Deutschland vorbei führen mussten, umständlich und teuer waren, führten 1935 dazu, dass das Blatt aus wirtschaftlichen Gründen aufgegeben werden musste.



Lesen?




Schreiben im Exil 1933-1935 richtet sich an alle Leser, die sich für die Auswirkungen des Dritten Reiches auf die nicht systemkonformen Schriftsteller interessieren. Maik Grote hat für sein Buch eine akribische Recherche betrieben, die einen genauen Blick in diese Szene während der ersten beiden Jahre des Nationalsozialismus in Deutschland wirft. Jede Seite enthält eine Fülle von Informationen, ohne dass das Buch überfrachtet oder ermüdend wirken würde. Wer sich gründlich informieren möchte, ist mit diesem Titel gut beraten.

Der Autor hat bereits angekündigt, im Frühling 2017 ein weiteres Buch zu diesem Thema herauszubringen, das sich mit den Jahren 1936 bis 1939 beschäftigen wird.
Schreiben im Exil 1933-1935 ist bei BoD erschienen und kostet als Taschenbuch 9,95 Euro sowie als Kindle- oder epub-Edition 5,49 Euro.

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